Das Lesen ist ein komplexer Prozess, bei dem der Leser unterschiedliche Ebenen der Sprache wahrnimmt und zueinander in Beziehung setzt. Er erkennt einzelne Strukturen und erarbeitet sich eine Bedeutung sowie einen Sinnzusammenhang. Diese "Sinnstiftung" ist bei geübten Lesern in der Muttersprache ein automatisiertes Verhalten. Der Leseprozess ist aktiv. Aber nicht nur das, er ist auch interaktiv: Der Leser nimmt nicht nur neue Informationen auf, er tritt vielmehr in eine Interaktion mit dem Text, indem er seine Informationen aufnimmt, sie mit den Eigenen verbindet, das Erlesene in sein Weltbild einordnet. Er ergänzt und erweitert die Textaussagen mit seinen persönlichen Erfahrungen und seinem Wissen.
Die Interaktivität lässt einen Leser zwischen einem Sach- und einem Literaturtext unterscheiden. Die Literatur ruft neben den Gefühlen und Emotionen, die beim Lesen eines Sachtextes entstehen, auch andere, spezifische Empfindungen wie: Irritation, Freude, Trauer, Aha-Erlebnisse hervor. Durch eine solche Emotionalität, die durchaus beabsichtigt ist, lässt sich der Leser stärker motivieren, er kann sich mit einem solchen Text stärker identifizieren, aus seiner eigenen Weltperspektive und seinen Erfahrungen schöpfen und damit die Textinformation einfacher aufnehmen.
Durch den Umgang mit literarischen Texten lernt der fremdsprachliche Leser nicht nur die Sprache kennen, er lernt sie auch so zu schätzen, als ob es seine eigene wäre. Denn jeder Leser und Lerner vergleicht die eigene und die fremde Sprache miteinander. Bei Sachtexten ist dies ein sinnloses Unterfangen, da sie sich lediglich an Fakten orientieren, versuchen sachlich und präzise zu wirken. Die Literatur allerdings nutzt die Sprache auf allen ihrer Ebenen. Sie enthält bestimmte Idiome, ist ambivalent, mehrdeutig, lückenhaft, polemisch, poetisch, rhetorisch etc. Die fremde Sprache spricht Gefühle an, ruft Emotionen hervor und ist damit der Muttersprache auf einem bestimmten Niveau verwandt.
In diesem Aufsatz soll der Literatureinsatz im DaF-Unterricht an Beispiel von Theodors Fontane „John Maynard“ untersucht werden. Es werden allgemeine Überlegungen zur Literatur im fremdsprachigen Unterricht angestellt, die an Fontanes Ballade präzisiert werden.
Die Eckpfeiler der Überlegung sollen Lese- und Textverstehen, Lesestile Techniken der Textarbeit, sowie die Steuerung des Lesens bilden.
Inhaltsverzeichnis
Theorieteil
Literatur in DaF – Unterricht
Das Lese- und Textverstehen
Lesestile
Steuerung des Lesens
Techniken der Textarbeit
Geplante Unterrichtseinheit
Gruppe und Vorwissen
Stundenverlauf
Einstieg
Erarbeitungs-/Einübungsphase
Festigungsphase
Material
Fontanes „John Maynard“
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht didaktische Möglichkeiten des Literatureinsatzes im DaF-Unterricht, um das Textverstehen bei Lernenden zu fördern, und entwirft dazu beispielhaft eine Unterrichtseinheit zur Ballade „John Maynard“ von Theodor Fontane.
- Didaktik und Methodik des Lese- und Textverstehens im DaF-Kontext
- Einsatz literarischer Texte zur Motivationssteigerung und Sprachförderung
- Methoden zur Steuerung des Leseprozesses und der Textarbeit
- Planung einer konkreten Unterrichtseinheit für die Mittel- bis Oberstufe
- Transfer von literarischen Inhalten in andere Textsorten (z. B. Zeitungsbericht)
Auszug aus dem Buch
Literatur im DaF – Unterricht
Das Lesen ist ein komplexer Prozess, bei dem der Leser unterschiedliche Ebenen der Sprache wahrnimmt und zueinander in Beziehung setzt. Er erkennt einzelne Strukturen und erarbeitet sich eine Bedeutung sowie einen Sinnzusammenhang. Diese „Sinnstiftung“ ist bei geübten Lesern in der Muttersprache ein automatisiertes Verhalten. Der Leseprozess ist demnach als aktiv zu bezeichnen. Aber nicht nur das, er ist auch interaktiv: Der Leser nimmt nicht nur neue Informationen auf, er tritt vielmehr in eine Interaktion mit dem Text, indem er seine Informationen aufnimmt, sie mit den eigenen verbindet, das Erlesene in sein Weltbild einordnet. Er ergänzt und erweitert die Textaussagen mit seinen persönlichen Erfahrungen und seinem Wissen.
Die Interaktivität lässt einen Leser zwischen einem Sach- und einem Literaturtext unterscheiden. Die Literatur ruft neben den Gefühlen und Emotionen, die beim Lesen eines Sachtextes entstehen, (Überraschung, Ärger, Schuldgefühl, Scham) auch andere, spezifische Empfindungen wie: Irritation, Freude, Trauer, Aha Erlebnisse hervor. Durch eine solche Emotionalität, die durchaus beabsichtigt ist, lässt sich der Leser stärker motivieren, er kann sich mit einem solchen Text stärker identifizieren, aus seiner eigenen Weltperspektive und seinen Erfahrungen schöpfen und damit die Textinformation einfacher aufnehmen.
Die subjektive Welt des Lesers wird durch literarische Texte stärker stimuliert, denn diese wirken durch ihre besonderen Merkmale als Indikator der Sprache selbst. Durch ihren Aufbau und ihre Eigenschaften wecken sie sowohl auf der sprachlichen, als auch auf der Inhaltsebene, immer wieder Irritationen, Beunruhigung, Fragen auf. Dem gegenüber stellt ein Leser seine Vorstellungen, Erfahrungen, Phantasien und Kenntnisse. Auf diese Weise bildet er bereits beim Lesen Hypothesen und Erwartungen, er belebt den Text durch sich selbst und wird erst durch ihn dazu befähigt.
Zusammenfassung der Kapitel
Theorieteil: Erläutert die kognitiven und interaktiven Grundlagen des Leseprozesses sowie die Besonderheiten bei der Arbeit mit literarischen Texten im DaF-Unterricht.
Literatur in DaF – Unterricht: Beschreibt die motivierende Wirkung von Literatur durch ihre emotionale Ansprache und ihre Fähigkeit, den Leser zur aktiven Sinnstiftung und Hypothesenbildung anzuregen.
Das Lese- und Textverstehen: Analysiert das Leseverstehen als Strategie zum Erwerb komplexer Textkompetenz, da schriftliche Texte im Vergleich zu Hörtexten nicht der Linearität unterliegen.
Lesestile: Unterscheidet verschiedene Lesetechniken wie totales, selektives, kursorisches, orientierendes und überfliegendes Lesen abhängig von der Leseintention.
Steuerung des Lesens: Stellt Techniken vor, mit denen Lehrende die Aufmerksamkeit der Lernenden auf wichtige Textstellen lenken und Verstehensprozesse strukturieren können.
Techniken der Textarbeit: Gliedert die Textarbeit in Hinführungs-, Erarbeitungs- und Abschlussphase und stellt Methoden zur Vorentlastung und Textbearbeitung vor.
Geplante Unterrichtseinheit: Konkretisiert die theoretischen Überlegungen in einem Unterrichtsentwurf zum Thema „Helden und Schurken“ anhand der Ballade „John Maynard“.
Gruppe und Vorwissen: Charakterisiert die Lernergruppe und deren sprachliche Voraussetzungen für die geplante Einheit.
Stundenverlauf: Skizziert den zeitlichen und methodischen Ablauf der Unterrichtseinheit mit dem Ziel, den Textverstehensprozess zu initiieren.
Einstieg: Beschreibt den Einsatz eines Assoziogramms zur Aktivierung des Vorwissens und zur Weckung der Erwartungshaltung.
Erarbeitungs-/Einübungsphase: Erläutert den Einsatz eines Lückentextes, um die Ballade in eine vertrautere Textform zu überführen und das Globalverständnis zu sichern.
Festigungsphase: Detailt die Gruppenarbeit, in der die Lernenden das Gedicht in einen modernen Zeitungsbericht überführen, um das Verständnis produktiv anzuwenden.
Material: Enthält den Arbeitsauftrag (Lückentext) und den zugehörigen Quelltext für die Unterrichtseinheit.
Fontanes „John Maynard“: Dokumentiert den literarischen Originaltext der Ballade als Grundlage für den Unterrichtsentwurf.
Schlüsselwörter
DaF-Unterricht, Literaturdidaktik, Textverstehen, Lesestile, Lesestrategien, Textarbeit, John Maynard, Theodor Fontane, Unterrichtsplanung, Hypothesenbildung, Interaktivität, Sprachförderung, Textproduktion, Motivationssteigerung, Leseprozess.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der didaktischen Nutzung von Literatur im DaF-Unterricht, um das Textverstehen bei Lernenden zu verbessern und zu fördern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Theorie des Leseverstehens, Methoden der Lesesteuerung, Techniken der Textarbeit und die praktische Anwendung in einem Unterrichtsentwurf.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Literatureinsatz als Werkzeug zur Sprach- und Motivationsförderung zu begründen und dies beispielhaft an der Ballade „John Maynard“ aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine didaktisch-methodische Ausarbeitung, die theoretische Grundlagen aus der Lesedidaktik mit einem praktischen Unterrichtsentwurf verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen des Lesens, methodische Steuerungstechniken und einen detaillierten Unterrichtsentwurf mit Einstiegs-, Erarbeitungs- und Festigungsphase.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie DaF-Unterricht, Literaturdidaktik, Lesestrategien, Textverstehen und die praktische Umsetzung am Beispiel „John Maynard“ geprägt.
Warum wird im Unterrichtsentwurf ein Lückentext verwendet?
Der Lückentext dient dazu, die Ballade in eine vertrautere Textsorte (Tatsachenbericht) zu überführen, um die Formbarriere zu senken und das Textverstehen zu unterstützen.
Welche Rolle spielt die Festigungsphase?
In der Festigungsphase wenden die Lernenden ihr Verständnis produktiv an, indem sie das Gedicht in einen modernen Zeitungsbericht umschreiben, was die Textproduktion fördert.
Wie wird das Vorwissen der Lernenden aktiviert?
Dies geschieht primär durch den Einsatz von Assoziogrammen und bildgestützten Einstiegen, die die Lernenden motivieren und an das Thema der Stunde heranführen.
- Quote paper
- Bartosz Nowak (Author), 2002, Literatureinsatz im DaF-Unterricht an Beispiel von Theodors Fontane John Maynard, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52740