Ammians Vorwürfe gegen die Eunuchen in seinen Res Gestae


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

21 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Hauptteil
2.1 Die Entwicklung und Etablierung der Hofeunuchen
2.2 Die Organisation und die Kompetenzen der Eunuchen am kaiserlichen, römischen Hof in der Spätantike
2.3 Ammianus Marcellinus und seine Res Gestae
2.3.1 Das Erscheinungsbild der Eunuchen
2.3.2 Die grosse Macht der Eunuchen am Beispiel des Eusebius
2.3.3 Die Habgier der Eunuchen und die positive Beurteilung des Eutherius

3. Schlusswort

4. Bibliographie

1. Einführung

Die Eunuchen am Hof des Kaisers in der Spätantike besassen wichtige Funktionen. Als Hofeunuchen waren sie dem Kaiser sehr nahe und fungierten als Verbindungsglied zwischen dem Kaiser und dem Reich. Eunuchen waren für dieses Amt am Hof besonders geeignet, da sie keine Erbhöfe aufbauen konnten und durch ihre soziale Diskriminierung vom Kaiser abhängig waren. Es war oft die einzige Möglichkeit, ihr Schattendasein am Rande der Gesellschaft zu verlassen und sozial aufzusteigen.[1]

In den spätantiken Quellen bildet die Gruppe der Eunuchen oft die Zielscheibe einer Polemik. Die negativen Bewertungen der Eunuchen lassen sich in den Werken von Histographen, Rednern und Dichtern finden. In seinen Res Gestae schürt Ammianus Marcellinus die soziale Diskriminierung der Eunuchen, indem er die kastrierten Sklaven in den meisten Fällen negativ beurteilt. Anhand ausgewählter histographischer Quellen aus den Res Gestae, die zahlreiche Polemiken gegen Eunuchen beinhaltet, wird in dieser Abhandlung folgende Fragestellung thematisiert:

Welches sind die Vorwürfe von Ammianus Marcellinus gegen die Eunuchen in der Spätantike?

Zum Thema der Eunuchen in der Spätantike gibt es einige sehr umfassende Werke: Peter Guyots Abhandlung "Eunuchen als Sklaven und Freigelassene in der griechisch-römischen Antike"[2] umfasst eine sehr grosse Zeitspanne. Die Monographie beginnt in den hellenistischen Monarchien und endet in der Spätantike. Im Kapitel über die Eunuchen der Spätantike werden die Kompetenzen der Eunuchen ausführlich beschrieben. Auch geht er in einem Unterkapitel auf die Polemik von verschiedenen Geschichtsschreibern der Spätantike gegen die Eunuchen ein. Obwohl diese Monographie erst 1980 publiziert worden ist und daher älter ist als die andere Forschungsliteratur dieser Arbeit, war sie sehr ergiebig. Guyot stützt sich auf viele Quellen und fasst die Informationen zusammen, ohne daraus zu verallgemeinernde Fazite zu ziehen. Dirk Schlinkert hängt in seiner Monographie "Ordo Senatoribus und Nobilitas"[3] einen Appendix über den praepositus sacri cubiculi an, in dem er nicht nur auf die Entwicklung und Kompetenzen der Eunuchen eingeht, sondern auch einzelne Beispiele von Personen in der Spätantike aufführt, die als Hofeunuchen grosse Macht hatten. Helga Scholten geht mit ihrem Werk "Der Eunuch in Kaisernähe"[4] ausschliesslich auf den praepositus sacri cubuli ein, wobei auch wichtige Informationen über die Kompetenzen der Untergebenen des praepositus zu finden sind. Der Sammelband "Eunuchs In Antiquity And Beyond"[5], herausgegeben von Shaun Tougher, geht auf viele verschiedene für diese Arbeit interessante Aspekte des Eunuchendaseins ein: Nebst einem Aufsatz über die Eunuchen in der Geschichte und der Gesellschaft, wird auch über den Ursprung der Hofeunuchen und die positive Wahrnehmung der Eunuchen in Byzanz geschrieben. Von Shaun Tougher findet man mehrere Werke, unter anderem seinen Aufsatz über die Eunuchen in Byzanz im Sammelband "Woman, Men and Eunuchs"[6], wobei er sich oftmals inhaltlich etwas wiederholt. Jedoch ist sein Aufsatz "Ammianus And The Eunuchs"[7] im Sammelband "The Late Roman World And Ist Historian" eine sehr aufschlussreiche Zusammenfassung über das Vorkommen der Eunuchen in den Res Gestae. Dieser Aufsatz verbindet auch beide Forschungsbereiche, in denen sich die Literatur für diese Abhandlung bewegt: Der erste Bereich betrifft die Eunuchen im Allgemeinen, und ohne auf ihr Vorkommen in den Res Gestae einzugehen, findet man dazu neuere Literatur; der Forschungsstand scheint hier also gut zu sein. In den meisten dieser Werke findet sich ein Kapitel über Ammianus und seine Beschreibung der Eunuchen. Der zweite Forschungsbereich betrifft zahlreiche Kommentare und Werke ausschliesslich über die Res Gestae von Ammianus Marcellinus, doch gehen sie kaum auf Quellen über die Eunuchen ein. So sind in den Werken von Barnes[8] und Thompson[9] durchaus wichtige Aspekte über Ammianus und sein Schreiben zu finden, aber keine Interpretationen oder Zusatzinformationen über die einzelnen Quellen.

Im ersten Teil dieser Arbeit wird die Herkunft und die Entwicklung der Eunuchen am kaiserlichen Hof in der Spätantike beschrieben, um dann die Organisation und die Kompetenzen eines Eunuchs an einem römischen, kaiserlichen Hof der Spätantike genauer zu erläutern und dadurch auch die Nähe zum Kaiser aufzuzeigen. In einem zweiten Teil wird zuerst auf die Person des Ammianus Marcellinus eingegangen, dann werden die ausgewählten Quellen in Bezug auf die Fragestellung ausgewertet, und die verschiedenen Vorwürfe möglichst inhaltlich geordnet und unterteilt.

2. Hauptteil

2.1 Die Entwicklung und Etablierung der Hofeunuchen

Die Beschäftigung von Eunuchensklaven und die Kastration von Menschen zum Zweck ihrer Heranziehung als Sklaven sind in der klassischen Antike Tradition geworden. Die Existenz der Eunuchensklaven wurde erstmals gegen Ende des 5. Jh. v. Chr. in Griechenlang belegt und nahm in hellenistischer Zeit zu. Im 2. Jh. v. Chr. verbreitete sich die Tradition von der Anstellung der Eunuchen als Sklaven auch in Rom, wo sie sich in augusteischer Zeit stärker durchsetzte und seither ununterbrochen bestehen blieb. Die Einführung und Ausbreitung dieser ursprünglich orientalischen Tradition war mit der Bereitschaft der Römer zur Aufnahme orientalischer Kultureinflüsse verbunden. Etwa zur selben Zeit wie die Ausbreitung des Eunuchentums und ebenfalls als Folgeerscheinung östlicher Kultureinflüsse, setze sich die Tradition der Beschäftigung von Luxussklaven durch. Die Luxussklaven waren als Kämmerer auf verschiedene, den Herrn persönlich betreffende Dienstleistungen spezialisiert. Diese neue Sitte wurde vor allem durch die wachsende Differenzierung der römischen Gesellschaft und durch die Ausbildung einer reichen Oberschicht, die nur vom Kapitalertrag lebte, ermöglicht. Beide Traditionen sind im römischen Reich erst unabhängig voneinander aufgenommen worden, doch zeigte sich bald die Tendenz, Eunuchen für den Kämmerdienst heranzuziehen.[10]

Knaben und Männer wurden aus verschiedenen Gründen kastriert: Zur Strafe, aus politischen, religiösen, medizinischen oder erotischen Gründen.[11] Es kann also zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Kastration unterschieden werden. Die freiwillige Kastration bezeichnete die kultische Selbstkastration oder die Kastration aus gesundheitlichen Gründen.[12] Die unfreiwillige Kastration wurde als Strafe für politische Verbrechen, als Folter, als Strafe für aufsässige Sklaven oder als Strafe für sexuelle Delikte angewendet. Die meist verbreitete Art einen Mann ins Eunuchendasein zu zwingen, war die Kastration von Sklaven, weil an den Herrscherhöfen die Nachfrage nach Eunuchensklaven gross war und man deshalb die Eunuchen teuer verkaufen konnte.[13] Ein Grund für die grosse Nachfrage war unter anderem die kleine Anzahl von "gelungenen" Eunuchen, weil viele Eunuchen grossen gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt waren und oft ihr Leben lang behindert waren, sowie allgemein früh starben.[14]

Der Grund, wieso die Verbreitung von Eunuchen in der römischen Gesellschaft in der Spätantike stark zunahm, vor allem am kaiserlichen Hof, liegt unter anderem bei den Kaisern Diokletian und Constantin.[15] Schon im Prinzipat war der Eunuchensklave im ummittelbaren Umfeld des Herrschers oder eines vornehmen Senators anzutreffen, und war Angehöriger der sozialen Unterschicht. An diese Tradition knüpften Diokletian und Constantin an, doch veränderten sie das Amt des a cubiculo radikal. Es wurde ein neues Amt, das mit seinem Vorläufer wenig gemeinsam hatte, mit Ausnahme der funktionalen Bestimmung. Die institutionellen Veränderungen bezogen sich auf die Organisation und politische Funktion des cubiculum und vor allem auf die Art der Rekrutierung des Personals. Das Amt wurde nun zu einem Monopol der diskriminierten Eunuchen.[16] Der Augustus Diokletian war der erste römisch Kaiser, der einen Eunuchen in einer leitenden Funktion im sacer comitatus etablierte. Der früheste Beleg für diesen Vorgang stammt aus dem Jahr 303 n. Chr., als ein gewisser Dorotheos der Vorsteher des kaiserlichen Hofes in Nikomedien war. Es sind darüber hinaus eine Reihe anderer Kastraten bekannt, die als persönliche Diener am Hof eines Tetrarchen beschäftigt waren. Es scheint, dass es sich beim Amt des Dorotheos um das unmittelbare Vorgängermodell handelt, das unter der Herrschaft Constantins zum Amt des praepositus sacri cubiculi ausgeformt wurde. Diokletian erkannte schnell den Nutzen, den er aus den Eunuchen ziehen konnten. Nicht nur ging er mit einer wachsenden Tradition der Oberschicht mit, Luxussklaven zu halten, um die eigene Macht zu präsentieren, sondern sah er die Eunuchen auch als Mittel, seine eigene Macht zu halten. Die Aktivität der Hofeunuchen nach aussen richtete sich gegen führende Militärs und Aristokraten bis hinauf zum Unterkaiser. Dabei wurden die Eunuchen oft unterstützt von Verbündeten, die meist wie sie selbst durch die Nähe zum Herrscher sozial aufgestiegen waren. Bei Spannungen, die zwischen dem Kaiser und einer Gruppierung, die ihn bedrohte, entstehen konnten, unterstützten die Hofeunuchen immer den Kaiser, der wiederum ihre soziale Stellung sicherte. Die Hofeunuchen konnten vorübergehende Exilierung eines Aristokraten oder die Entfernung eines hohen Offiziers von seinem Truppenteil bewirken, um diesen die Stützen ihrer Macht zu entziehen und somit die Macht ihres Kaisers aufrecht zu erhalten.[17] Die Eunuchen wurden so zu politischen Funktionären des Herrschers.[18] Die Etablierung dieser Veränderung vollzog sich schrittweise, ohne dass man sie an konkreten Daten festmachen könnte. Lediglich ein ungefährer Zeitrahmen lässt sich mit der Tetrarchie und der Herrschaft Constantins angeben, an deren Ende der Prozess der Umstrukturierung der Hofdienerschaft abgeschlossen war. Die Epoche der Tetrarchie bedeutete in dieser Hinsicht eine Art Zäsur, weil sie die Institutionalisierung des Hofeunuchentums einleitete und sich von der traditionellen Praxis der principes absetzte.[19]

[...]


[1] Schlinkert, Ordo Senatoribus und Nobilitas, 247.

[2] Guyot, Eunuchen als Sklaven und Freigelassene in der griechisch-römischen Antike.

[3] Schlinkert, Ordo Senatoribus und Nobilitas.

[4] Scholten, Der Eunuch in Kaisernähe.

[5] Tougher (Hg.), Eunuchs In Antiquity And Beyond.

[6] Tougher, Byzantine Eunuchs, in: Woman, Men And Eunuchs: Gender In Byzantium. 68-181.

[7] Tougher, Ammianus And The Eunuchs, in: The Late Roman World And Its Historian: Interpreting Ammianus Marcellinus, 64-73.

[8] Barnes, Ammianus Marcellinus And The Representation Of Historical Reality.

[9] Thompson, The Historical Work Of Ammianus Marcellinus.

[10] Guyot, Eunuchen als Sklaven und Freigelassene in der griechisch-römischen Antike, 177.

[11] Bullough, Eunuchs In History And Society, in: Eunuchs In Antiquity And Beyond, 5.

[12] Guyot, Eunuchen als Sklaven und Freigelassene in der griechisch-römischen Antike, 25.

[13] Guyot, Eunuchen als Sklaven und Freigelassene in der griechisch-römischen Antike, 27-28.

[14] Ayalon, Eunuchs, Caliphs And Sultans, 300.

[15] Tougher, Byzantine Eunuchs, in: Woman, Men And Eunuchs: Gender In Byzantium, 169.

[16] Schlinkert, Ordo Senatoribus und Nobilitas, S.243-244.

[17] Guyot, Eunuchen als Sklaven und Freigelassene in der griechisch-römischen Antike, 156.

[18] Guyot, Eunuchen als Sklaven und Freigelassene in der griechisch-römischen Antike, 16.

[19] Schlinkert, Ordo Senatoribus und Nobilitas, 244-245.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Ammians Vorwürfe gegen die Eunuchen in seinen Res Gestae
Hochschule
Universität Zürich
Note
gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V52802
ISBN (eBook)
9783638484145
ISBN (Buch)
9783638765312
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ammians, Vorwürfe, Eunuchen, Gestae
Arbeit zitieren
Michiko Yamanaka (Autor:in), 2005, Ammians Vorwürfe gegen die Eunuchen in seinen Res Gestae, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52802

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