1. Einleitung
Die Entwicklung des modernen Wohlfahrtsstaates und seiner Struktur basiert auf langen traditionellen Linien und gesellschaftlichen Merkmalen. J. Schmid und R. Niketta zählen einige Ansätze auf, die den „heutigen Wohlfahrtsstaat“ entstehen ließen. Zum einen ist er eine Antwort auf die Probleme, welche die Industrialisierung mit sich brachte, zum anderen ist der moderne Wohlfahrtsstaat auch eine Folge der Demokratisierung, welche es ermöglichte, die breitere Bevölkerung an politischen Entscheidungen teilhaben zu lassen. (Vgl. SCHMID 1998: 15) Das Phänomen des Wohlfahrtsstaates ist auch ein „Zugeständnis an die Interessen der Arbeiterklasse“ (SCHMID 1998: 15) und die Folge ihrer starken Organisation. Weiterhin erfüllt der Kapitalismus nicht die Funktion des Schutzes für die Arbeitkräfte vor Auswirkungen des Marktes deshalb muss der moderne Wohlfahrtsstaat hier Einfluss üben. (Vgl. SCHMID 1998: 15) Wohlfahrtsstaaten beinhalten nach J. Kohl zwei grundlegende Merkmale. Zum einen besteht in einem Wohlfahrtsstaat die Idee einer Verantwortung von staatlicher Seite über „die Wohlfahrt der Bürger, beziehungsweise ihrer sozialen Rechte gegenüber dem Staat“. (KOHL 2000: 115) Zum anderen beinhalten Wohlfahrtsstaaten nach dieser Definition auch die „faktische Existenz entsprechender Institutionen und Programme“ (KOHL 2000: 116). Auf Basis dieser Definition werden Merkmale der Sozialpolitik marktwirtschaftlichdemokratischer Gesellschaften verglichen. Zu einem Vergleich dieser Art werden Typologien herangezogen. Das erstellen einer Typologie ist ein wissenschaftliches Hilfsmittel um die Komplexität von zu untersuchenden Gegenständen zu reduzieren. Vielschichtigkeit wird, mit Hilfe von bestimmten festgelegten Merkmalen, nach unterschiedlichen Ausprägungen in Grundmuster geteilt und Klassifiziert. (Vgl. KOHL 2000: 116) Dabei wird teilweise generalisiert und das Vorgehen ist mit einem Informationsverlust verbunden. Jedoch helfen Typologisierungen Erscheinungen zu erklären, wie in diesem Fall die institutionelle Vielseitigkeit von Wohlfahrtsstaaten. Dies geschieht, da im Rahmen von Typologisierungen oft Hypothesen aufgestellt werden, die von der Wissenschaft auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden. (Vgl. KOHL 2000: 117)
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus
2.1 Grundlagen der Typologie
2.2 Die drei Regime
2.2.1 Das liberale Wohlfahrtstaatsregime
2.2.2 Das sozialdemokratische Wohlfahrtstaatsregime
2.2.3 Das konservativ korporatistische Wohlfahrtstaatsregime
3. Kritik an der Typologie
4. Deutschland
4.1 Wohlfahrtstaatliche Merkmale
4.2 Wohlfahrtstaatliche Entwicklung und Probleme
4.3 Typologische Verortung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Relevanz der Typologie der "drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus" von Gøsta Esping-Andersen und analysiert, inwieweit die Einordnung Deutschlands in das konservativ-korporatistische Regime angesichts aktueller sozialpolitischer Entwicklungen noch als zutreffend betrachtet werden kann.
- Grundlagen und theoretische Dimensionen der Wohlfahrtsstaatsregime
- Differenzierung zwischen liberalen, sozialdemokratischen und konservativ-korporatistischen Modellen
- Kritische Auseinandersetzung mit der Anwendbarkeit von Esping-Andersens Typologie
- Analyse der sozialstaatlichen Merkmale und der historischen Pfadabhängigkeit in Deutschland
- Diskussion über die Zukunftsfähigkeit des deutschen Wohlfahrtsstaatsmodells
Auszug aus dem Buch
2.1 Grundlagen der Typologie
Esping-Andersen nutzt den Schlüsselbegriff des welfare state regime. In seinen neueren Schriften benutzt er vorrangig den Begriff des Regimes anstelle des Staats, da hierdurch stärker die komplexe Vernetzung von Staat, Familie und privaten Haushalten und (Vgl. KOHL 2000: 121 und ESPING-ANDERSEN 1990: 2) die Art und Weise wie die Wohlfahrtsproduktion zwischen Markt, Staat und Haushalten verankert ist hervorgehoben wird. (Vgl. KOHL 2000: 121) Weiterhin legte Esping-Andersen drei Dimensionen fest, anhand dessen Ausprägungen er die drei Typen der Wohlfahrtsregime unterscheidet. Die erste Dimension ist das Ausmaß der Dekommodifizierung. Hierbei geht es um „die Reichweite der Politik gegen den Markt“ (SCHMID 1996: 61). Das Wort Dekommodifizierung beschreibt die Beseitigung des Warencharakters eines Guts oder Vermögens. Damit ist zum Beispiel gemeint, dass die Ware Arbeitskraft vom Markt abgekoppelt und vor seinen Auswirkungen geschützt wird. (Vgl. SCHMIDT 1998: 179 und ESPING-ANDERSEN 1989: 36) Somit wird die „Abhängigkeit der individuellen Existenz vom Marktsystem“ reduziert. (KOHL 2000: 123) Eine weitere Dimension ist die Art der Stratifizierung. Diese beschreibt die Struktur sozialer Aspekte wie Solidaritätsbewegungen, welche von sozialen Sicherungssystemen bestimmt werden. (Vgl. KOHL 2000: 123) Die letzte Dimension, die von Esping-Andersen als Unterscheidungsmerkmal betrachtet wird, ist die Dimension von Staat, Familie und Markt und deren Zusammenspiel. Die jeweilige Zuständigkeit und Verantwortung dieser Institutionen für die Wohlfahrt spielt hierbei eine Rolle. (Vgl. KOHL 2000: 123)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Entwicklung moderner Wohlfahrtsstaaten und die wissenschaftliche Notwendigkeit von Typologien zur Komplexitätsreduktion bei der Analyse sozialpolitischer Systeme.
2. Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus: Theoretische Herleitung der drei Regime-Typen basierend auf den Dimensionen Dekommodifizierung, Stratifizierung und dem Verhältnis von Staat, Markt und Familie.
3. Kritik an der Typologie: Diskussion von Ergänzungsansätzen wie dem rudimentären oder christdemokratischen Regime sowie Kritik an der praktischen Reinheitsannahme der Idealtypen.
4. Deutschland: Untersuchung der spezifischen Merkmale des deutschen Sozialstaats, seiner historischen Entwicklung und der faktischen Einordnung in das konservativ-korporatistische Modell.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Zukunftsfähigkeit des Wohlfahrtsstaats im Kontext permanenter Transformation und neuer gesellschaftlicher Konfliktlinien.
Schlüsselwörter
Wohlfahrtsstaat, Esping-Andersen, Dekommodifizierung, Stratifizierung, Sozialpolitik, Wohlfahrtskapitalismus, Deutschland, Pfadabhängigkeit, Sozialversicherung, konservativ-korporatistisch, Sozialstaat, Wohlfahrtsregime, Transformation, Arbeitsmarkt, Subsidiarität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretische Typologie der Wohlfahrtsregime von Gøsta Esping-Andersen und prüft kritisch, ob diese zur Einordnung des deutschen Sozialstaates noch aktuell ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Konzepte des Wohlfahrtskapitalismus, die Ausdifferenzierung dreier Regimetypen sowie die historisch gewachsene Struktur des deutschen Sozialversicherungssystems.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu evaluieren, ob Deutschland weiterhin sinnvoll als konservativ-korporatisches Regime klassifiziert werden kann oder ob der Modellcharakter durch aktuelle Veränderungen an Bedeutung verliert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende politikwissenschaftliche Analyse, die theoretische Idealtypen mit realen institutionellen Merkmalen Deutschlands gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Typologie, eine kritische Diskussion der Konzepte sowie eine detaillierte Fallanalyse der deutschen Sozialpolitik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Dekommodifizierung, Stratifizierung, Pfadabhängigkeit, Sozialversicherungsprinzip und Wohlfahrtsregime geprägt.
Wie definiert Esping-Andersen den Begriff „Regime“ in seinem Kontext?
Esping-Andersen verwendet den Begriff, um die komplexe institutionelle Vernetzung von Staat, Familie und privaten Haushalten in der Produktion von Wohlfahrt zu betonen.
Welche Rolle spielt das Subsidiaritätsprinzip im deutschen Modell?
Das Subsidiaritätsprinzip begrenzt die staatliche Aufgabe, indem es öffentliche Verantwortung an nichtstaatliche Träger weitergibt und private Netze der sozialen Sicherung stärkt.
Warum wird die Einordnung Deutschlands als konservativ-korporatistisch heute hinterfragt?
Die Einordnung wird hinterfragt, da das System zunehmend unter ökonomischem Druck steht und gesellschaftliche Strukturveränderungen, wie der Wandel vom Einverdiener- zum Zweiverdiener-Modell, das traditionelle Sozialrecht fordern.
- Quote paper
- Mareike Hopf (Author), 2005, Ist die Typologie der drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus von GØsta Esping-Andersen sinnvoll und ist seine Verortung von Deutschland immer noch aktuell?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52823