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Delinquenz - was oder wie?

Title: Delinquenz - was oder wie?

Diploma Thesis , 2005 , 126 Pages , Grade: 1,5

Autor:in: Simone Reichle (Author)

Sociology - Law and Delinquency
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Summary Excerpt Details

Als es während meines ersten Interviews an der Haustür Sturm klingelt, fragt der 15jährige Murat mich höflich, ob es in Ordnung sei, kurz zu unterbrechen. Nickend schalte ich das Aufnahmegerät aus, während Murat zur Haustür geht und hinter sich die Durchgangstür zum Treppenhaus schließt. Er öffnet die Haustür und redet leise, aber für mich dennoch hörbar, auf die Person vor der Tür ein: „Wenn du hier noch einmal läutest, dann brech ich dir alle Knochen und trete dich die Treppe runter bis in den Keller! Verstanden?“ Der Junge vor der Tür entgegnet etwas für mich Unverständliches, worauf hin ihm Murat droht: „Verpiss dich gefälligst! Und wehe, ich seh dich hier noch mal... ich weiß wo du wohnst, klar?!“. Dann schließt er die Haustür, kommt zu mir ins Wohnzimmer zurück und setzt sich lächelnd neben mich auf die Couch: „Wir können weitermachen.“
Zwei verschiedene Murats eröffnen sich da: der eine zuvorkommend und auf gutes Benehmen achtend, der andere bedrohlich und einschüchternd. Der erste Eindruck also ein bloßer Schnappschuss? Habe ich ihn etwa falsch eingeschätzt, völlig falsch verstanden?
Wenige Monate später, am 15. September 2004, schreibt eine Münchner Tageszeitung in einem einseitigen Extrablatt zur Jugendkriminalität mit der Überschrift „Was ist bloß mit den Kindern los?“ und stellt mit stichpunktartigen Formulierungen Thesen wie „Fehlende Ideale“, „Gewalt zum Frustabbau“ oder „Zu früh erwachsen“ die heutige Jugend als hochkriminelle Individuen dar. Worauf diese Thesen basieren oder ob sie wissenschaftlich gestützt werden, wird dabei nicht erläutert. Woher aber stammen die Kategorien, die Darstellungsformen der devianten und delinquenten Jugendlichen?

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitende Worte und Abstract

2 Biographieforschung

2.1 Themenorientierte Sachdimension

2.1.1 Authentische Biographie bei Schütze

2.1.2 Authentische Kommunikation bei Nassehi

2.1.2.1 Verstehen und Kommunikation als systemtheoretische Begriffe

2.1.2.2 Operativer Ort von Biographie

2.2 Personenorientierte Sozialdimension

2.2.1 Authentische Person bei Schütze

2.2.2 Kontextgebundene Erzeugung von Personen bei Nassehi

2.3 Kontingente Zeitdimension

2.3.1 Absolute Homologie bei Schütze

2.3.2 Temporalisierung zur Kontingenzbewältigung bei Nassehi

2.3.2.1 Authentische versus relative Homologie

2.3.2.2 Temporalisierung sozialer und psychischer Systeme

2.3.2.3 Von Authentizität zu Inklusion

2.4 Zur Gewinnung biographischer Daten anhand narrativer Interviews

2.4.1 Populationsauswahl und ihre Schwächen

2.4.2 Kategorisierung des narrativen Interviews

2.4.3 Aufbau und Ablauf des narrativen Interviews

2.4.4 Probleme des narrativen Interviews

2.5 Zusammenfassung des Kapitels zur Biographieforschung

3 Kriminalsoziologie

3.1 Themenorientierte Sachdimension

3.1.1 Kriminelles Gen beim ätiologischen Paradigma

3.1.1.1 Klassische biologische Theorien

3.1.1.2 Aktuelle Beiträge

3.1.2 Kriminalisierendes Labeling beim interpretativen Paradigma

3.1.2.1 Kriminalität versus Kriminalisierung

3.1.2.2 Klassische Etikettierungstheorien

3.2 Personenorientierte Sozialdimension

3.2.1 Authentische Person beim ätiologischen Paradigma

3.2.1.1 Anomie und ihre Weiterentwicklung

3.2.1.2 Bindungstheorien

3.2.1.3 Kriminogene Faktoren Peer- Relations, Lebensstile und Werte

3.2.2 Situationsspezifische Erzeugung von Personen beim interpretativen Paradigma

3.2.2.1 Kriminalisierung durch Sanktion

3.2.2.2 Kriminalisierung durch primäre und sekundäre Devianz

3.2.2.3 Kriminalisierung durch Normsetzung und Normanwendung

3.3 Kontingente Zeitdimension

3.3.1 Standardisierter Stillstand beim ätiologischen Paradigma

3.3.1.1 Prognose von Verbrechen

3.3.1.2 Verwaltung von Verbrechen

3.3.2 Machtabhängiger Wandel beim interpretativen Paradigma

3.3.2.1 Etikettierungstheorien der Zuschreibungsprozesse

3.3.2.2 Gründe der Zuschreibungsprozesse

3.4 Zusammenfassung des Kapitels zu Kriminellem Verhalten

4 Analyse des Datenmaterials

4.1 Sarah: Die personifizierte Unschuld - „Außerdem isses auch asozial, bin ja keine Pennerin“

4.1.1 Themenorientierte Sachdimension: Kriminelles Leben

4.1.1.1 Einführung der Protagonistin

4.1.1.2 Kriminelles Leben: Verborgene Delinquenz

4.1.1.3 Differente Kriminalitätsstufen

4.1.2 Personenorientierte Sozialdimension: Die Anderen

4.1.2.1 Positiv bewertete Dritte: Der Freund und die Oma

4.1.2.2 Negativ bewertete Dritte: Schlampen und Gewalttätige

4.1.3 Kontingente Zeitdimension: Zukunftspläne

4.1.3.1 Einsicht durch Entscheidung

4.1.3.2 Moral

4.1.3.3 Expertenfrage

4.2 Murat: Der türkische Bruce Willis - „Ich hab halt keine Angst, egal ob des 10 oder 20 Leute sind“

4.2.1 Themenorientierte Sachdimension: Kriminelles Leben

4.2.1.1 Einführung des Protagonisten

4.2.1.2 Kriminelles Leben: Prestigeträchtige Kriminalität

4.2.1.3 Differente Kriminalitätsstufen

4.2.2 Personenorientierte Sozialdimension: Die Anderen

4.2.2.1 Positiv bewertete Dritte: Familie und die türkische Nationalität

4.2.2.2 Negativ bewertete Dritte: Fremde Nationalitäten und „Alkoholiker“

4.2.3 Kontingente Zeitdimension: Zukunftspläne

4.2.3.1 Aggressivitätsproblem

4.2.3.2 Die Rolle der neuen Freunde und der Familie

4.2.3.3 Konkrete Zukunftspläne

4.2.3.4 Expertenfrage

4.3 Max: Der Aussteiger – „Es wird sich immer irgendwas ergeben“

4.3.1 Themenorientierte Sachdimension: Kriminelles Leben

4.3.1.1 Einführung des Protagonisten

4.3.1.2 Kriminelles Leben: Alltäglichkeit der Delinquenz

4.3.1.3 Die Ausnahme

4.3.2 Personenorientierte Sozialdimension: Die Anderen

4.3.2.1 Positiv bewertete Dritte: Mitbewohner

4.3.2.2 Negativ bewertete Dritte: Andere Kriminelle und Etikettierer

4.3.3 Kontingente Zeitdimension: Zukunftspläne

4.3.3.1 Keine Notwendigkeit zur Einsicht

4.3.3.2 Expertenfrage

4.4 Zusammenfassung des Kapitels zur Datenauswertung

5 Resümee und Schlussgedanken

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht, wie delinquente Jugendliche ihre eigene Kriminalität biographisch plausibilisieren und welche Funktionen diese Selbstinszenierung im narrativen Kontext erfüllt, wobei ein struktureller Vergleich zwischen klassischer Biographieforschung und konstruktivistisch-systemtheoretischen Ansätzen im Zentrum steht.

  • Vergleich von Schützes und Nassehis Theorien zur Biographieforschung
  • Gegenüberstellung ätiologischer und interpretativer Paradigmen der Kriminalsoziologie
  • Empirische Analyse von drei narrativen Interviews mit delinquenten Jugendlichen
  • Erforschung der Mechanismen der Selbstthematisierung als delinquent
  • Untersuchung der Rolle von Fremdzuschreibungen (Labeling) und Identitätskonstruktion

Auszug aus dem Buch

1 Einführende Worte: Wozu eine qualitative Untersuchung auf Basis biographischer Daten?

Als es während meines ersten Interviews an der Haustür Sturm klingelt, fragt der 15jährige Murat mich höflich, ob es in Ordnung sei, kurz zu unterbrechen. Nickend schalte ich das Aufnahmegerät aus, während Murat zur Haustür geht und hinter sich die Durchgangstür zum Treppenhaus schließt. Er öffnet die Haustür und redet leise, aber für mich dennoch hörbar, auf die Person vor der Tür ein: „Wenn du hier noch einmal läutest, dann brech ich dir alle Knochen und trete dich die Treppe runter bis in den Keller! Verstanden?“ Der Junge vor der Tür entgegnet etwas für mich Unverständliches, worauf hin ihm Murat droht: „Verpiss dich gefälligst! Und wehe, ich seh dich hier noch mal... ich weiß wo du wohnst, klar?!“. Dann schließt er die Haustür, kommt zu mir ins Wohnzimmer zurück und setzt sich lächelnd neben mich auf die Couch: „Wir können weitermachen.“

Zwei verschiedene Murats eröffnen sich da: der eine zuvorkommend und auf gutes Benehmen achtend, der andere bedrohlich und einschüchternd. Der erste Eindruck also ein bloßer Schnappschuss? Habe ich ihn etwa falsch eingeschätzt, völlig falsch verstanden?

Wenige Monate später, am 15. September 2004, schreibt eine Münchner Tageszeitung in einem einseitigen Extrablatt zur Jugendkriminalität mit der Überschrift „Was ist bloß mit den Kindern los?“ und stellt mit stichpunktartigen Formulierungen Thesen wie „Fehlende Ideale“, „Gewalt zum Frustabbau“ oder „Zu früh erwachsen“ die heutige Jugend als hochkriminelle Individuen dar. Worauf diese Thesen basieren oder ob sie wissenschaftlich gestützt werden, wird dabei nicht erläutert. Woher aber stammen die Kategorien, die Darstellungsformen der devianten und delinquenten Jugendlichen?

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitende Worte und Abstract: Einführung in die Thematik der Jugendkriminalität und Begründung der Wahl der qualitativen, biographischen Forschungsmethode.

2 Biographieforschung: Theoretischer Vergleich zwischen Fritz Schützes klassischem Ansatz und Armin Nassehis konstruktivistischer Perspektive auf biographische Identität.

3 Kriminalsoziologie: Gegenüberstellung des ätiologischen (ursachenorientierten) und interpretativen (interaktionistischen) Paradigmas zur Erklärung abweichenden Verhaltens.

4 Analyse des Datenmaterials: Empirische Auswertung der Interviews von Sarah, Murat und Max hinsichtlich ihrer individuellen Plausibilisierung von Delinquenz.

5 Resümee und Schlussgedanken: Synthese der Ergebnisse: Jugendliche inszenieren sich in Interviews als aktive Entscheider oder Helden, um sich von der Gesellschaft abzugrenzen und dabei eigene Identität durch Kategorisierung zu ordnen.

Schlüsselwörter

Biographieforschung, Jugendkriminalität, Delinquenz, Narratives Interview, Konstruktivismus, Systemtheorie, Labeling Approach, Etikettierung, Identitätsbildung, Sozialisation, Devianz, Kriminalsoziologie, Selbstinszenierung, Plausibilisierung, Biographische Kommunikation

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?

Die Arbeit untersucht qualitativ, wie delinquente Jugendliche ihre eigene kriminelle Identität in biographischen Interviews konstruieren und gegenüber einem Interviewer plausibel darstellen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind die Biographieforschung (als theoretisches Modell), die Kriminalsoziologie (als Kontext abweichenden Verhaltens) und die qualitative Datenanalyse von narrativen Interviews.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, die strukturellen Analogien zwischen Biographieforschung und Kriminalsoziologie aufzuzeigen und zu verstehen, wie Jugendliche durch ihre Erzählungen Delinquenz in ihr Leben einbinden und sich selbst dabei positionieren.

Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?

Es wird die Methode des narrativen Interviews verwendet, um Daten zu gewinnen, die anschließend mittels konstruktivistisch informierter Biographieforschung ausgewertet werden.

Was behandelt der Hauptteil?

Der Hauptteil analysiert drei konkrete Fälle (Sarah, Murat, Max) und zeigt auf, wie diese Jugendlichen durch unterschiedliche narrative Strategien ihre Kriminellen-Rolle legitimieren oder neutralisieren.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die wichtigsten Begriffe sind Biographieforschung, Delinquenz, Konstruktivismus, Labeling Approach, Identitätsbildung und narrative Analyse.

Wie unterscheidet sich Murat in seiner Darstellung von Sarah?

Während Sarah sich als "Entscheiderin" und "Unschuldsengel" darstellt, der durch externe Umstände in die Delinquenz geriet, stilisiert sich Murat als actionheldartiger "türkischer Bruce Willis", bei dem Kriminalität als mutig und cool gerahmt wird.

Warum spielt die Selbstinszenierung eine so große Rolle für die Jugendlichen?

Die Selbstinszenierung dient dazu, im sozialen Raum handlungsfähig zu bleiben. Durch die Kategorisierung in "kriminell" oder "konform" erzeugen die Jugendlichen für sich und den Forscher eine notwendige Ordnung, um ihre Biographie kohärent darzustellen.

Excerpt out of 126 pages  - scroll top

Details

Title
Delinquenz - was oder wie?
College
LMU Munich
Grade
1,5
Author
Simone Reichle (Author)
Publication Year
2005
Pages
126
Catalog Number
V52883
ISBN (eBook)
9783638484749
Language
German
Tags
Delinquenz
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Simone Reichle (Author), 2005, Delinquenz - was oder wie?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52883
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