Die Gattung Chronik im Mittelalter und heute - Ein Vergleich


Seminararbeit, 2004

13 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Heutiges Verständis der Gattung Chronik

2 Verständnis der Gattung Chronik im Mittelalter
2.1 Quellenauswahl
2.2 Untersuchung der Texte hinsichtlich Form, Inhalt und Intention
2.3 Ergebisse der Textanalysen
2.4 Vergleich der Ergebnisse

3 Vergleich des Chronik-Verständnisses damals und heute

1 Heutiges Verständis der Gattung Chronik

Man versteht heute unter Chronik einen „Bericht über geschichtliche Vorgänge in zeitlicher Anordnung“[1]. So kurz ist die allgemeine Definition der literarischen Gattung Chronik in einem heutigen Lexikon. Über die Form dieser Gattung wird nichts ausgesagt, ebensowenig über die sprachliche Darstellungsweise der Inhalte und den Aufbau.

Somit ist einem Chronisten die Freiheit gelassen, Aufbau und Ausdrucksweise selbst zu wählen, wenn er geschichtliche Ereignisse im Zusammenhang darstellt.

Man nimmt jedoch an, dass das Ziel der Gattung Chronik allein die Information des Lesers über bestimmte, zeitlich aufeinanderfolgende Vorgänge ist und nicht die Unterhaltung oder Erziehung desselben.

Diese Annahme wird gestützt durch folgende, genauere Definition der Gattung Chronik:

„Die Chronik ist ein Bericht oder eine Erzählung über historische Ereignisse – meist von Zeitgenossen aufgezeichnet – in ihrer zeitlichen Reihenfolge. Die Themen können von Familiengeschichten (Familienchronik) bis zur Staatsgeschichte (Städtechronik, Kaiserchronik) reichen. Der Chronist, der Schreiber der Chronik, hält sich in seinem Urteil zurück; er berichtet und legt möglichst viel Material vor, über das andere urteilen mögen. [...]“[2]

2 Verständnis der Gattung Chronik im Mittelalter

Das Chronikverständnis zur Zeit des Mittelalters dagegen dürfte ein weniger spezifiziertes gewesen sein, denn es gibt zwar aus jener Zeit Schriften, welche als Chroniken verfasst und verzeichnet worden sind, doch viele der uns überlieferten Chroniken der damaligen Zeit erfüllen die Anforderungen einer Chronik im heutigen Sinne nicht. Was man im Mittelalter unter Chronik verstanden hat, das kann man nur aus den Texten der damaligen Zeit ableiten. In dieser Arbeit soll anhand von drei ausgewählten Beispielen gezeigt werden, wie unterschiedlich die mittelalterlichen Chroniken in Form, Intention und Aussage sein konnten und dennoch allesamt zur Gattung der Chronik gezählt wurden, was nach heutiger Auffassung undenkbar wäre. Weiterhin sollen die drei Texte miteinander verglichen werden, um zu verdeutlichen, inwieweit die Texte die Ansprüche einer Chronik im heutigen Sinne erfüllen bzw. inwieweit sie über die Gattungsgrenzen hinausgehen.

2.1 Quellenauswahl

(entnommen aus dem Skript zum Proseminar, Päpstin Johanna, WS 2003/ 04, FSU Jena, Michael Obenaus: Mittelalterliche Überlieferungstraditionen zur Päpstin):

1. Jean de Mailly: Chronica universalis Mettensis, um 1255
2. Heinrich von München: Welschronik, um 1315 (gekürzte Skript-Fassung)
3. Hartmann Schedel: Weltchronik, 1493

2.2 Untersuchung der Texte hinsichtlich Form, Inhalt und Intention

Der um 1255 entstandene und damit älteste Text von Jean de Mailly ist mit seiner Länge von 90 Wörtern der kürzeste der drei zu untersuchenden Quellen. Die Sätze sind kurz und weisen eine einfache grammatikalische Struktur auf. Der Wortschatz ist einfach. Ungeläufige Wörter kommen nicht vor. Auch wählt der Chronist einen sachlichen und nüchternen Stil und meidet wertende Adjektive.

Der Text zeichnet die Chronologie der Ereignisse deutlich nach. In einem einleitenden Satz informiert der Chronist den Leser darüber, dass es zu jenen Zeiten (his temporibus) einen Papst oder vielmehr eine Päpstin (Fuit ... papa vel potius papissa) gegeben hat, die (que ist als quae zu lesen und höchstwahrscheinlich ein graphematischer Überlieferungsfehler) im Katalog der Päpste (in catalogo paparum) nicht aufgeführt wird (non ponitur) und nennt noch im selben Satz den Grund dafür (quia), der da ist, dass die Person eine Frau gewesen ist, die sich als Mann ausgab (femina erat et simulans se esse virum).

Nach diesem einleitenden Satz wird man über den Werdegang dieser Person informiert und über die Ämter, die sie aufgrund ihrer Begabung (Probitate ingenii) nacheinander bekleidet hat, bis sie schließlich Papst wurde (factus est notarius curie, deinde cardinalis et tandem papa). Dieser Aufstieg wird kurz und ohne Wertung in nur einem Satz dargestellt.

Im darauffolgenden Satz wird ein senstionelles Ereigniss mitgeteilt: Die Person gebar einen Sohn (peperit puerum), als sie ein Pferd bestieg (cum ascenderet equum). Noch im gleichen Satz erfährt man von den Auswirkungen dieses Vorfalls: zunächst die unmittelbaren, persöhnlichen Konsequenzen, denn sofort nach diesem Ereigniss (statim) wurde sie mit ihren Füßen an den Schwanz ihres eigenen Pferdes gebunden und geschleift (ligatis pedibus eius ad caudam equi, tractus est), dann vom Volk gesteinigt (a populo lapidatus) und dort, wo sie gestorben war, auch begraben. Im restlichen Teil des Satzes wird erwähnt, dass an derselben Stelle etwas geschrieben worden ist (ibi scriptum est). Der genaue Wortlaut dieser Inschrift wird nach dem Semikolon wiedergegeben: Petrus, Vater der Väter, du sollst die Geburt der Päpstin verraten (petre, pater patrum, papisse prodito partum). Im letzten Satz werden die Folgen dieses Geschehens für die Allgemeinheit – das Quatemberfasten (ieiunium quatuor temporum) – und die Benennung desselben als das Fasten der Päpstin (dicitur ieniunium papiss [a ]e) dargestellt.

Auffällig an dieser Schrift ist, dass der Chronist den Namen der Person nicht nennt, über die er schreibt. Dadurch hat diese Chronik einen hohen Grad an Anonymität. In der ersten Zeile des Textes steht quidam papa, wobei quidam (übers.: Ein gewisser) bewusst als Indefinit-Pronomen gewählt zu sein scheint[3] und von Anfang an der Chronik einen anonymen Charakter verleiht.

Die Chronik weist aufgrund ihrer Kürze und dadurch, dass der Chronist von wertenden Adjektiven absieht, ein hohes Maß an Faktizität und Authentizität auf. Der Verfasser beschränkt sich auf die reine Wiedergabe von Fakten. Die chronologische Wiedergabe der aufeinanderfolgenden Ereignisse erfüllt den Anspruch auf Geschichtlichkeit.

Doch geht der Inhalt über den Rahmen einer Chronik hinaus, denn er ist gleichzeitig ein Aition (Erklärungsversuch) für die Tatsache, dass der Papst bzw. die Päpstin, über die hier geschrieben wird, nicht in dem Katalog der Päpste aufgeführt wird, weil sie eine Frau war (quia femina erat), und ein Aition für das Quatemberfasten, das unter ihm selbst ( dem Papst: sub ipso) eingeführt worden sein soll.

Die zweite Chronik wurde von Heinrich von München um 1315 verfasst. Die zur Bearbeitung vorgeschlagene Fassung dieser Schrift ist, obwohl der Schluss nicht übernommen ist, mit 352 Wörtern der längste der drei Texte. Auch durch seine Form unterscheidet sich das Werk von den beiden anderen Schriften, denn es ist durchgängig im Paarreim geschreiben.

In diesem Schriftstück lässt der Chronist keinen Zweifel an dem Geschlecht der Person, über die er schreibt, sondern er legt gleich durch das zweite Wort seines Werkes eindeutig fest, dass es sich in dieser Chronik um eine Jungfrau (junkfraw) handelt. Doch auch hier wird ihr Name nicht genannt. In den nächsten Versen wird beschrieben, wo diese Frau gelebt hat – in Athen (in einer stat ... / Athenis mit irm nam /). Und direkt danach, in der zweiten Zeile, teilt der Verfasser dem Leser seine negative Bewertung des Lebenswandels dieser Jungfrau mit: disew junkfra lebt ân scham. In den nächsten drei Versen wird eine Tatsache ihres Lebenswandels hervorgehoben, und zwar, dass sie mit einem Mann durchs Land gezogen ist (mit einem man si hin gie / in dem land hin und her /). Dies stützt die Verurteilung des Verfassers, sie lebe ohne Scham. Unmittelbar danach steht eine weitere Verurteilung des Verhaltens dieser Frau: sie legt an sich groß uner. Durch dieses moralische Urteil wird ein Spannungsbogen erzeugt, denn der Leser hat noch keine Antwort auf die Frage, warum diese Frau in so starkem Maße zu verurteilen ist, da die Tatsache, dass sie mit einem Mann durchs Land zieht, nicht in derart hohen Maße schamlos oder unehrenhaft ist, dass ein solch hartes Urteil zu rechtfertigen wäre. An dieser Stelle schaltet sich der Chronist persönlich ein und teilt dem Leser mit, dass er nun erklären wird, warum diese Jungfrau zu verurteilen ist (Alz wie daz will ich ew sagen), doch zögert er die Erklärung noch bis ans Ende der folgenden beiden Verse hinaus: si legt an sich pei den tagen / Alz ein mannez gewant.

[...]


[1] Bertelsmann Universal-Lexikon, Gütersloh 1991, S. 165.

[2] Rötzer, Hans Gerd: Auf einen Blick. Literarische Grundbegriffe. Bamberg: C.C. Buchners Verlag, 1995.

[3] RHH, S.234, §201.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Gattung Chronik im Mittelalter und heute - Ein Vergleich
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistische Literaturwissenschft)
Veranstaltung
Proseminar
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
13
Katalognummer
V52899
ISBN (eBook)
9783638484824
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand
Schlagworte
Gattung, Chronik, Mittelalter, Vergleich, Proseminar
Arbeit zitieren
Beate Leiter (Autor), 2004, Die Gattung Chronik im Mittelalter und heute - Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52899

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