Man versteht heute unter Chronik einen „Bericht über geschichtliche Vorgänge in zeitlicher Anordnung“. So kurz ist die allgemeine Definition der literarischen Gattung Chronik in einem heutigen Lexikon. Über die Form dieser Gattung wird nichts ausgesagt, ebensowenig über die sprachliche Darstellungsweise der Inhalte und den Aufbau. Somit ist einem Chronisten die Freiheit gelassen, Aufbau und Ausdrucksweise selbst zu wählen, wenn er geschichtliche Ereignisse im Zusammenhang darstellt. Man nimmt jedoch an, dass das Ziel der Gattung Chronik allein die Information des Lesers über bestimmte, zeitlich aufeinanderfolgende Vorgänge ist und nicht die Unterhaltung oder Erziehung desselben.
Diese Annahme wird gestützt durch folgende, genauere Definition der Gattung Chronik: „Die Chronik ist ein Bericht oder eine Erzählung über historische Ereignisse - meist von Zeitgenossen aufgezeichnet - in ihrer zeitlichen Reihenfolge. Die Themen können von Familiengeschichten (Familienchronik) bis zur Staatsgeschichte (Städtechronik, Kaiserchronik) reichen. Der Chronist, der Schreiber der Chronik, hält sich in seinem Urteil zurück; er berichtet und legt möglichst viel Material vor, über das andere urteilen mögen.[...]“
Inhaltsverzeichnis
1 HEUTIGES VERSTÄNDIS DER GATTUNG CHRONIK
2 VERSTÄNDNIS DER GATTUNG CHRONIK IM MITTELALTER
2.1 QUELLENAUSWAHL
2.2 UNTERSUCHUNG DER TEXTE HINSICHTLICH FORM, INHALT UND INTENTION
2.3 ERGEBISSE DER TEXTANALYSEN
2.4 VERGLEICH DER ERGEBNISSE
3 VERGLEICH DES CHRONIK-VERSTÄNDNISSES DAMALS UND HEUTE
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das mittelalterliche Verständnis der Gattung Chronik im Vergleich zur heutigen Auffassung zu untersuchen. Anhand dreier ausgewählter Quellen wird analysiert, inwieweit diese Texte den modernen Anforderungen an eine Chronik hinsichtlich Form, Intention und Faktizität entsprechen oder diese Grenzen überschreiten.
- Vergleich des modernen Chronikverständnisses mit mittelalterlichen Überlieferungen
- Analyse von Form, Inhalt und Intention historischer Texte (Päpstin-Legende)
- Untersuchung von Authentizität, Faktizität und didaktischem Charakter
- Bedeutung der Aitiologie in mittelalterlichen Chroniken
- Rolle der Sprache (Latein vs. Volkssprache) und des didaktischen Anspruchs
Auszug aus dem Buch
2.2 Untersuchung der Texte hinsichtlich Form, Inhalt und Intention
Der um 1255 entstandene und damit älteste Text von Jean de Mailly ist mit seiner Länge von 90 Wörtern der kürzeste der drei zu untersuchenden Quellen. Die Sätze sind kurz und weisen eine einfache grammatikalische Struktur auf. Der Wortschatz ist einfach. Ungeläufige Wörter kommen nicht vor. Auch wählt der Chronist einen sachlichen und nüchternen Stil und meidet wertende Adjektive.
Der Text zeichnet die Chronologie der Ereignisse deutlich nach. In einem einleitenden Satz informiert der Chronist den Leser darüber, dass es zu jenen Zeiten (his temporibus) einen Papst oder vielmehr eine Päpstin (Fuit ... papa vel potius papissa) gegeben hat, die (que ist als quae zu lesen und höchstwahrscheinlich ein graphematischer Überlieferungsfehler) im Katalog der Päpste (in catalogo paparum) nicht aufgeführt wird (non ponitur) und nennt noch im selben Satz den Grund dafür (quia), der da ist, dass die Person eine Frau gewesen ist, die sich als Mann ausgab (femina erat et simulans se esse virum).
Nach diesem einleitenden Satz wird man über den Werdegang dieser Person informiert und über die Ämter, die sie aufgrund ihrer Begabung (Probitate ingenii) nacheinander bekleidet hat, bis sie schließlich Papst wurde (factus est notarius curie, deinde cardinalis et tandem papa). Dieser Aufstieg wird kurz und ohne Wertung in nur einem Satz dargestellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 HEUTIGES VERSTÄNDIS DER GATTUNG CHRONIK: Definiert die moderne Chronik als sachlichen Bericht über zeitlich aufeinanderfolgende historische Ereignisse ohne primären Unterhaltungs- oder Erziehungsauftrag.
2 VERSTÄNDNIS DER GATTUNG CHRONIK IM MITTELALTER: Erläutert, dass das mittelalterliche Verständnis wesentlich weiter gefasst war und unterzieht drei spezifische Quellentexte einer detaillierten Analyse hinsichtlich ihrer literarischen Merkmale und Intentionen.
3 VERGLEICH DES CHRONIK-VERSTÄNDNISSES DAMALS UND HEUTE: Fasst die Diskrepanz zwischen der modernen, faktorientierten Auffassung und der mittelalterlichen, oft didaktisch oder unterhaltend geprägten Praxis zusammen, unter Berücksichtigung des Einflusses von Latein versus Volkssprache und der aufkommenden humanistischen Strömungen.
Schlüsselwörter
Chronik, Mittelalter, Päpstin Johanna, Faktizität, Aitiologie, Didaktik, Gattungsgrenzen, Literaturanalyse, Mittelalterliche Literatur, Überlieferungstradition, Jean de Mailly, Heinrich von München, Hartmann Schedel, Geschichtsschreibung, Historische Ereignisse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Wandel und die unterschiedlichen Ausprägungen der Gattung "Chronik" vom Mittelalter bis zur heutigen Zeit.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Form, die inhaltliche Gestaltung und die Intention mittelalterlicher Texte im Vergleich zur modernen Definition einer Chronik.
Was ist die Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Arbeit hinterfragt, inwieweit mittelalterliche Chroniken, die den heutigen Ansprüchen an Authentizität und Faktizität teilweise widersprechen, dennoch als Gattungsträger verstanden werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es wird eine vergleichende Textanalyse auf Basis von drei ausgewählten Quellentexten (Jean de Mailly, Heinrich von München, Hartmann Schedel) durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die drei Quellen hinsichtlich ihrer sprachlichen Form, ihres Wahrheitsanspruchs und ihres didaktischen oder unterhaltenden Charakters.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Gattungschronik, Päpstin-Legende, Aitiologie, Faktizität und mittelalterliche Literaturtradition geprägt.
Warum wird die Päpstin Johanna als Fallbeispiel gewählt?
Da über die Päpstin Johanna verschiedene Texte aus dem Mittelalter existieren, eignet sie sich ideal, um die unterschiedliche literarische Gestaltung desselben Stoffs durch verschiedene Chronisten zu verdeutlichen.
Welche Rolle spielt die Sprache (Latein vs. Deutsch) in den Chroniken?
Die Arbeit zeigt auf, dass lateinische Texte eher der wissenschaftlichen Dokumentation dienten, während volkssprachliche Werke stärker didaktische und unterhaltende Funktionen für ein breiteres Publikum erfüllten.
Was ist das Fazit der Autorin bezüglich der Gattungsgrenzen?
Das Fazit lautet, dass das Chronikverständnis des Mittelalters deutlich weiter gefasst war als das moderne, da es didaktische Zwecke und sogar fiktionale Elemente in die Berichterstattung integrierte.
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- Beate Leiter (Author), 2004, Die Gattung Chronik im Mittelalter und heute - Ein Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52899