Warum dreht sich Orpheus nach Eurydike um? Vergleich ausgewählter literarischer Bearbeitungen des Orpheus-Mythos


Seminararbeit, 2003
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. ‚ Vorblick

2. Antike Orpheus - Erzählungen:
2.1. Vergil – P. Vergilius Maro
2.2. Ovid – Ovidius Naso Publius
2.3. Zusammenfassender Vergleich der antiken Orpheus-Erzählungen

3. Neuzeitliche Orpheus-Darstellungen:
3.1. Rainer Maria Rilke
3.2. Hans Erich Nossack
3.3. Zusammenfassender Vergleich der modernen Orpheus-Darstellungen
3.4. ‚Einblicke‘ in weitere ‚Umblicke‘

4. ‚ Rückblick

5. Literaturverzeichnis

1. ‚Vorblick‘

Schon in der Antike entstanden zahlreiche Varianten der Geschichte des Orpheus, wie aus Konrat Zieglers umfangreichen Artikel Realencyklopädie[1] hervorgeht.

In der bildenden Kunst und Literatur Griechenlands tritt Orpheus etwa ab 700 v. Chr. als Mysterienpriester und Begründer der Orphik auf, weiterhin entstehen ungefähr gleichzeitig nicht-sakrale Darstellungen seiner Person, in denen er der erste Dichter, Sänger und Kithara- oder Lyra-Spieler, manchmal auch Erfinder dieses Instruments, der Schrift oder des Hexameters ist, berühmt für die gewaltige magische Wirkung seines Gesanges und seiner Musik.

Diese Wirkung faszinierte viele Dichter und Künstler und regte deren Fantasie an, so dass zahlreiche unterschiedliche Werke um den Mythos des Orpheus entstanden, wobei sich die Überlieferungen nur in einem Punkt einig sind: Er stammte aus Thrakien.

Ein wichtiges Ereignis in der mythischen Biographie des Orpheus ist der Abstieg in die Unterwelt: Orpheus, der sich mit dem Tod seiner Frau Eurydike nicht abfinden will, steigt in den Hades hinab, um sie zurück auf die Oberwelt zu holen. Aufgrund der Wirkung seines Gesanges geben die Götter seinem Bitten nach, doch unter einer Bedingung: Er darf sich auf dem Weg in die Oberwelt nicht nach Eurydike umdrehen. Diese heute allgemein bekannte Bedingung ist vor Vergil nicht belegt. Und dennoch dreht sich Orpheus um, obwohl er damit Eurydike verliert.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, einzelne ausgewählte literarische Bearbeitungen dieses Mythos´ im Hinblick auf die Beantwortung jener zentralen Frage zu untersuchen, die da lautet: Warum dreht sich Orpheus um?

Im Vorfeld sei darauf hingewiesen, dass die folgenden Textstellen der antiken lateinischen Quellen in dieser Arbeit nicht erschöpfend stilistisch analysiert wurden, da im Hinblick auf einen Vergleich die modernen deutschen Orpheus-Erzählungen ebenso eingehend untersucht hätten werden müssen, und dies den Rahmen der Hausarbeit gesprengt hätte.

2. Antike Orpheus-Erzählungen:

2.1. Vergil – P. Vergilius Maro

Georgicon IV: Vierter Gesang, Vers 485 – 498:

Iamque pedem referens casus evaserat omnis,

redditaque Eurydike superas veniebat ad auras

pone sequens (namque hanc dederat Proserpina legem),

cum subita incautum dementia cepit amantem,

ignoscenda quidem, scirent si ignoscere manes:

restitit, Eurydicenque suam iam luce sub ipsa

immemor heu! victusque animi respexit. ibi omnis

effusus labor atque immitis rupta tyranni

foedera, terque fragor stagnis auditus Averni.

illa ‚quis et me‘ inquit ‚miseram et te perdidit, Orpheu,

quis tantus furor? en iterum crudelia retro

fata vocant, conditque natantia lumina somnus.

iamque vale: feror ingenti circumdata nocte

invalidasque tibi tendens, heu non tua, palmas.‘

Übersetzung:

Und schon war er umgekehrt, war er allem Verfall entkommen,

war Eurydice ihm wiedergegeben und auf dem Weg zur Oberwelt –

hinter ihm her (dieses Gebot nämlich hatte Proserpina auferlegt),

als plötzlich den unbedachten Liebenden Wahnsinn ergriff,

ein verzeihlicher freilich, wenn die Manen zu verzeihen wüssten:

er blieb stehen, schon beinahe unter dem Tageslichte selbst, und zu seiner Eurydike blickte er selbstvergessen – weh! – und besiegt durch sein Verlangen

zurück. Da war alle Mühe umsonst und der Vertrag mit dem harten Tyrannen gebrochen, und dreimal wurde das Donnern des Avernersees gehört.

„Was hat sowohl mich“, klagte jene, „als auch dich vernichtet; Orpheus,

was für ein großer Wahnsinn? Wiederum ruft mich das grausame Schicksal zurück, schließt mir die brechenden Augen der Tod.

Und schon lebe wohl: ich stürze, umgeben von tiefster Nacht, hinab

Und die schwachen Arme strecke ich dir entgegen, – weh – nun nicht mehr die Deine.“

Die Motivation des Orpheus, sich nach Eurydike umzublicken, ist bei Vergil eindeutig genannt und auch negativ bewertet: Er sieht zu ihr aus rasender Leidenschaft zurück, die plötzlich über ihn kommt (‚subita dementia‘, V. 488, ‚tantus furor‘, V. 495).

Vergil erzählt die Geschichte von Orpheus und Eurydike im vierten Buch der „Georgica“ (entstanden 36-29 v. Chr.), eingebettet in jenen Abschnitt, der die Bienenzucht behandelt. Die Geschichte ist also eine Binnenerzählung, die den Zweck hat, den Hirten Aristaeus, dem die Geschichte vom Seher Proteus erzählt wird, auf seine Schuld hinzuweisen.

Denn weil Aristaeus Eurydikes Tod zu verschulden hat, da er der frisch Vermählten in blinder Leidenschaft nachgestellt hatte und sie auf der Flucht vor ihm durch den Biss einer Giftschlange getötet worden war, verfolgt ihn nun der Zorn der Götter und des Orpheus. Da es die Absicht des Erzählers ist, Aristaeus zu rühren, ist die Sprechweise des Proteus nicht erzählend, sondern vielmehr hinweisend, stellenweise dramatisch und erfüllt von Pathos, ähnlich dem Orakelstil. Daher wird in der vergilischen Orpheus-Geschichte der äußerliche Fortgang der Handlung vernachlässigt. Man erfährt weder die Argumente des Orpheus noch die Umstände von Eurydikes Freilassung noch den genauen Inhalt der daran geknüpften Bedingungen.

Auch erfolgt keine Überleitung zur Schlußszene, sondern der Leser befindet sich von einem Moment auf den anderen „schon“ (‚iamque‘, V. 485) dort: Eurydike „ist gerade im Begriff, an die Oberwelt zu kommen“ (‚veniebat ad superas auras‘, V. 486), was das Imperfekt als Tempus deutlich ausdrückt. Nun erwartet der Leser ein Ereignis, doch wird durch eine eingeschobene Parenthese (‚namque hanc dederat Proserpina legem‘) der Handlungsverlauf unterbrochen, und der Erzähler macht eine Kunstpause vor der Peripetie (V. 487). Der erwartete Umschwung wird auf diese Weise erst hinausgezögert und dann durch das „cum inversum“ unvermittelt und plötzlich mitgeteilt (V. 488). Doch vor dem äußeren Handlungsverlauf erfährt der Leser die inneren, psychischen, Triebkräfte, die Grund für jene Handlung sind, die gleich geschehen wird: Ein plötzlicher Wahnsinn (‚subita dementia‘) ergreift den unbedacht Liebenden (V. 488). Der Schwerpunkt liegt also auf der Leidenschaft von Orpheus. Sie ist bei Vergil die Motivation des Orpheus, sich nach Eurydike umzudrehen. Wenn er auch in dem Ausdruck ‚ignoscenda‘ Orpheus ein gewisses Verständnis entgegenbringt, so verurteilt Vergil diese selbstvergessene Leidenschaft. Denn die entwertende Feststellung „Da war alle Mühe umsonst“ (‚ibi omnis / effusus labor‘, V. 490-491) macht alle Anstrengungen des Orpheus zunichte, durch die er (vgl. V. 485) beinahe der Unterwelt entkommen wäre (‚casus evaserat omnis ‘). Diese Parallelität von ‚ omnis ‘, das sowohl im Vers 485 als auch im Vers 491 am Zeilenende steht, zeigt deutlich, wie umfassend Vergil das Verhalten des Orpheus negativ bewertet.

Die klagenden Worte, welche die sterbende Eurydike zu Orpheus spricht, haben ebenfalls dessen rasende Leidenschaft als Mittelpunkt ihrer Rede. Auch sie interpretiert den „so großen Wahnsinn“ des Orpheus (‚tantus furor‘) als seine Motivation, sich nach ihr umzublicken. Durch ihre Deutung wird die des Autors noch einmal wiederholt und verstärkt, außerdem macht ihr Klagen deutlich, dass Vergil dem Verhalten des Orpheus verurteilend gegenübersteht. Doch beschreibt Vergil das Dilemma, in dem Orpheus sich befindet, mit den dramatischen Fragen „Was hätte er tun sollen?“ (‚quid faceret?‘, V. 504) und „Wohin?“ (‚quo‘, V. 505), was zu verstehen ist wie: „Wohin hätte er sich wenden sollen?“, und lässt das Bild der Gottverlassenheit eines verzweifelten Menschen entstehen.

Charles Segal und August Primmer verstehen Vergils Orpheus-Erzählung als die Geschichte eines Menschen, der durch die Macht des Gottes Eros in Schuld verstrickt wird. Orpheus verschuldet also den zweiten Tod Eurydikes dadurch, dass er Eros´ Gesetzen unterliegt und sich aus unbeherrschter Liebe nach ihr umwendet. Er folgt der Gesetzmäßigkeit der einen Gottheit und verletzt damit das Gebot der anderen. Doch er dreht sich um, weil er nicht anders kann, als Eros zu gehorchen. Vergil bringt hier seine Überzeugung zum Ausdruck, dass ein solches Fehlverhalten zwar aus menschlicher Sicht verzeihlich ist, das Gebot eines Gottes dennoch nicht ungestraft missachtet werden darf (V. 488-489). Er klagt Orpheus sogar indirekt – nämlich durch die Worte Eurydikes – für seine Schwäche an (V. 494-498). Dieser Anklage verleiht er pathetisch Nachdruck, indem er es aus der Unterwelt dreimal laut donnern läßt (V. 493).

[...]


[1] Ziegler, Konrat: Orpheus. In: Kroll, Wilhelm (Hrsg.): Paulys Realencyklopädie der classischen Altertumswissenschaft. 1894ff; Bd. 18/1/1, Stuttgart 1939; Sp. 1200 - 1316

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Warum dreht sich Orpheus nach Eurydike um? Vergleich ausgewählter literarischer Bearbeitungen des Orpheus-Mythos
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Altertumswissenschaften/ Latinistik)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V52900
ISBN (eBook)
9783638484831
ISBN (Buch)
9783638688147
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Warum, Orpheus, Eurydike, Vergleich, Bearbeitungen, Orpheus-Mythos, Proseminar
Arbeit zitieren
Beate Leiter (Autor), 2003, Warum dreht sich Orpheus nach Eurydike um? Vergleich ausgewählter literarischer Bearbeitungen des Orpheus-Mythos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52900

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