Am Karfreitag zu predigen, ist schwer. Der Ballast überkommener Sühnetraditionen drückt auf Prediger wie auf der Gemeinde. Unverständnis steht am Anfang der Überlegungen.
Am Karfreitag zu predigen, ist leicht. Denn es geht, was auch der Predigttext nahelegen will, um das Ganze. Es geht um den hin- und hergerissenen Menschen, der angesichts verschiedenster Kontingenzerfahrungen der Versöhnung bedarf.
In dieser Arbeit soll zunächst die, will man es so nennen, „Karfreitags-Religiosität“ unserer Zeitgenossen in den Blick genommen werden. Diese Religiosität soll in der Predigt aufgenommen und verarbeitet werden. Hier liegt die eigentliche Aufgabe dieser Predigtarbeit – denn an der Religionsfähigkeit einer Predigt entscheidet sich ihre Rezeptionsfähigkeit. Die Wahrnehmung der Karfreitags-Religion wird in dem Vorschlag münden, den Karfreitag als Kasualie zur Sinndeutung zu verstehen.
Dieser Vorschlag soll dann anhand der im zweiten Schritt folgenden exegetischen Überlegungen als textgemäß herausgearbeitet werden. Wie sich zeigen wird, korrelieren die Interpretation der Wirklichkeit und die sachgemäße und gleichzeitig moderne Interpretation des Textes eng miteinander.
Inhaltsverzeichnis
Textübersetzung
Vorüberlegungen
Exkurs: Über den Sinn exegetischer Überlegungen in einer Predigtarbeit
Homiletische Beobachtungen – Karfreitag als Sinndeutungs-Kasualie
Sinnwelt des Textes
Exkurs: Sühne- und Versöhnungsvorstellungen
Jesu Tod und Sinn
Jesu Tod, Existenz und Homiletik
Predigt
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die homiletische Relevanz des Karfreitags für den zeitgenössischen Menschen neu zu bestimmen, indem das Karfreitagsgeschehen als Sinndeutungs-Kasualie interpretiert wird, die an menschlichen Kontingenzerfahrungen ansetzt.
- Analyse der zeitgenössischen "Karfreitags-Religiosität" und ihrer Diskrepanz zur kirchlichen Praxis.
- Exegetische Untersuchung des paulinischen Versöhnungsbegriffs in 2 Kor 5 als Alternative zu traditionellen Sühnevorstellungen.
- Reflexion des Todes Jesu als in das Leben integrierter "Ausstand" statt als isoliertes Sühneopfer.
- Entwurf einer religionsfähigen Predigt, die Versöhnung als Sinnstiftung in Lebenskrisen erfahrbar macht.
Auszug aus dem Buch
Homiletische Beobachtungen – Karfreitag als Sinndeutungs-Kasualie
Der Karfreitag ist ein Feiertag, der nur wenig im Bewußtsein der Menschen ist, besonders in den neuen Bundesländern. Repräsentative Umfragen zeigen einen Befund, der zum Nachdenken Anlaß gibt:
Betrachtet man zum Beispiel den Kirchenbesuch an Karfreitag, so liegt der Kirchenbesuch in meiner eigenen Landeskirche, der Pommerschen Evangelischen Kirche, nur leicht über dem Durchschnitt eines normalen Sonntages, d.h. bei 5-10%. Dem ist mit der Studie „Fremde Heimat Kirche“ von 1993 gegenüberzustellen, daß dieses Bild bei den Konfessionslosen noch drastischer ist – während immerhin rund 15% der Konfessionslosen Weihnachten in die Kirche gehen und ebenfalls rund 15% an Kasualien wie Trauungen und Beerdigungen teilnehmen, ist der Karfreitag völlig außerhalb des Interesses (0%). Eine 2002 veröffentlichte Umfrage bestätigt sogar, daß der Inhalt von Karfreitag und Ostern nur 54% der Bundesbürger im Bewußtsein ist.
Das fehlende Interesse hat seinen Grund: Karfreitag ist ein Feiertag, der das religiöse Bewußtsein der Menschen nur noch wenig berührt. Der Tod Jesu Christi ist außerhalb seiner Sphäre.
Zusammenfassung der Kapitel
Textübersetzung: Bietet die deutsche Übertragung von 2 Kor 5,14-21 als Grundlage für die exegetische Arbeit.
Vorüberlegungen: Skizziert das Spannungsfeld der Karfreitagspredigt zwischen dem Ballast überkommener Sühnetraditionen und dem Bedürfnis moderner Menschen nach Versöhnung in Kontingenzerfahrungen.
Exkurs: Über den Sinn exegetischer Überlegungen in einer Predigtarbeit: Reflektiert die Rolle der Exegese als hermeneutische Brücke zwischen Text und gelebter Religion.
Homiletische Beobachtungen – Karfreitag als Sinndeutungs-Kasualie: Analysiert das schwindende religiöse Interesse am Karfreitag und schlägt eine Umdeutung zur Kasualie zur Sinndeutung vor.
Sinnwelt des Textes: Untersucht philologisch den Versöhnungsbegriff bei Paulus und grenzt ihn von tempelkultischen Sühnekonzepten ab.
Exkurs: Sühne- und Versöhnungsvorstellungen: Erörtert die etymologische und theologische Problematik der Vermischung von Sühne und Versöhnung.
Jesu Tod und Sinn: Verbindet die systematisch-theologische Reflexion des Todes Jesu mit einem existenzanalytischen Ansatz.
Jesu Tod, Existenz und Homiletik: Diskutiert die Notwendigkeit einer lebensgeschichtlichen Predigt, die statt moralisierender Dogmatik den individuellen Selbstwert stärkt.
Predigt: Präsentiert den praktischen Entwurf einer Examenspredigt, die die gewonnenen Erkenntnisse auf eine konkrete Gemeinde anwendet.
Schlüsselwörter
Karfreitag, Predigt, Versöhnung, Sühne, Kontingenzerfahrung, Sinndeutung, Apostolat, 2 Korinther, Paulus, Religionsfähigkeit, Kreuzestheologie, Existenzanalyse, Menschenseele, Pastoraltheologie, Homiletik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die homiletische Herausforderung, den Karfreitag für den heutigen, oft distanzierten Menschen relevant zu machen, indem der Fokus von traditioneller Sühnetheologie auf Versöhnung als Sinndeutungsangebot verlagert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die moderne Religiosität, die paulinische Exegese von 2 Kor 5, die kritische Auseinandersetzung mit Sühnetheorien sowie die praktische Homiletik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Karfreitag als "Sinndeutungs-Kasualie" zu etablieren, um die Lücke zwischen der traditionellen Kreuzesbotschaft und den individuellen Krisenerfahrungen moderner Menschen zu schließen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein praktisch-theologischer Ansatz gewählt, der historisch-kritische Exegese mit empirischen Erkenntnissen zur Religiosität und existenzanalytischen (Heidegger) sowie reader-response-orientierten Theorien verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die soziale Relevanz des Karfreitags, trennt philologisch Versöhnung von Sühne und entwickelt homiletische Konsequenzen für eine lebensnahe Verkündigung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Karfreitag, Versöhnung, Kontingenzerfahrung, Sinndeutung, Paulus und Religionsfähigkeit.
Warum lehnt die Arbeit das Bild des "Sühnetodes" ab?
Weil Sühnetheorien oft ein problematisches Gottesbild ("grausamer Gott") transportieren und nach Meinung des Autors den heutigen Menschen in seiner Lebenswirklichkeit kaum noch erreichen oder gar abstoßen.
Wie soll die Predigt auf das Paradox des Kreuzes reagieren?
Anstatt das Kreuz dogmatisch "aufzulösen", soll es als Paradox bestehen bleiben, das jedoch durch den Bezug auf Jesu tiefen Glauben und sein Gottesbewusstsein für den Hörer als neue Möglichkeit der Lebensdeutung erschlossen wird.
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- Dr. theol. Karsten Jung (Author), 2002, Entwurf einer Karfreitagspredigt zu 2 Kor 5,14-21, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5295