Ostrakismos - Das Scherbengericht im klassischen Athen


Seminararbeit, 2005
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Der Ostrakismos
Die Formen des Ostrakismos
Der Ablauf des Verfahrens
Tonscherben als Stimmzettel
Verbannung aus Athen

3. Das erste Scherbengericht des Volkes

4. Die Ostrakisierung des Hyperbolos

5. Zusammenfassung

6. Schlussbemerkungen

7. Quellenverzeichnis

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Demokratie Athens bildete sich im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. langsam heraus. Die Reformen Solons im Jahre 594 v. Chr. und die Reformen Kleisthenes im Jahre 508/507 v. Chr. waren die Wegbereiter einer Entwicklung, die unter Perikles ihren Höhepunkt erreichte. Solon griff die Vorherrschaft einiger adliger Familien an, indem er die Bauern von ihren Schulden und aus der Schuldknechtschaft befreite. Dadurch behob er viele soziale Missstände in Athen und schuf die Grundlagen für eine politische Neuordnung. Solons Reformen waren die Vorrausetzung für das Durchbrechen des alten aristokratischen Prinzips, welches eine gesellschaftliche Stellung von Herkunft und Abstammung abhängig machte. Kleisthenes legte mit seinen Reformen im Jahre 508/507 v. Chr. die Basis für eine Demokratie. Er zerbrach adlige Machtstrukturen, löste durch die territoriale Neueinteilung Athens die alten Stammesverbände auf und schuf eine Bürgerschaft, die nicht mehr von ihrer sozialen Herkunft abhängig war. Kleisthenes führte Institutionen, wie zum Beispiel die Volksversammlung (Ekklesia), und besondere Verfahren ein. Ein besonderes Verfahren war der Ostrakismos, das Scherbengericht.[1]

In dieser Arbeit wird die Entwicklung des Ostrakismos in Athen behandelt, obwohl eine Entwicklung des Scherbengerichts in ähnlicher Form auch in anderen Demokratien stattgefunden hat. Aristoteles bemerkt: „Es hat daher gegen anerkannte Überlegenheiten die Idee des Scherbengerichtes eine gewisse staatliche Berechtigung.“[2] Diese Hausarbeit möchte einen Überblick über das Verfahren des Ostrakismos geben und sich mit der Frage befassen, ob das Ostrakismosverfahren nur zum Zweck der Tyrannisabwehr eingesetzt oder für andere Zwecke missbraucht wurde.

Im Folgenden soll zunächst der Begriff Ostrakismos erläutert werden, um im zweiten Schritt den Zweck des Ostrakismos aufzuzeigen. Ein weiterer Teil beschäftigt sich mit dem Ablauf des Ostrakismos und einem Beispiel. Im letzten Teil werden die Schlussfolgerungen zusammengefasst und ein Ausblick auf die weitere Entwicklung des Ostrakismos gegeben. Die Entwicklung der anderen Bereiche in der attischen Demokratie wird in dieser Arbeit jedoch ausgeklammert oder nur erwähnt. Zum Thema des Ostrakismos und der attischen Demokratie gibt es eine Vielzahl von Veröffentlichungen, zum Beispiel Monographien, Aufsätze oder Zeitschriftenartikel, welche das Thema bereits behandeln. Eine aktuelle Forschungsfrage, welche sich mit dem Ostrakismos beschäftigt, ist zum Beispiel die Frage, ob der Ostrakismos bei seiner Einführung durch Kleisthenes bereits ein Verfahren des Volkes oder ein Verfahren des Rates war. Wichtige Quellen bei der Ostrakismosforschung sind die Werke von Plutarch und Aristoteles, sowie die Ostraka (Tonscherben), welche in einer Vielzahl in und um Athen gefunden wurden.

2. Der Ostrakismos

Das Wort Ostrakismos leitet sich von dem Wort óstrakon (Plural: óstraka) ab, was man mit Tonscherbe übersetzen kann. Daher bedeutet Ostrakismos übersetzt Scherbengericht.[3] Der Ausdruck Ostrakismos bezeichnet ein Verfahren, dass im klassischen Athen angewandt wurde, um die Wiedererrichtung der Tyrannis zu verhindern. Dabei ging es um die Verbannung einer Person, die zu starken Einfluss auf den Staat Athen gewonnen hatte. Erreichte eine Person soviel politischen Einfluss, dass von ihr die Gefahr ausging eine Tyrannis errichten zu wollen, konnte diese Person durch ein Ostrakismosverfahren für zehn Jahre verbannt und so deren politischer Einfluss gebrochen werden. Der Ostrakismos sollte wirken, bevor die Absicht, eine Tyrannis zu errichten, verwirklicht werden konnte.[4]

Über den genauen Wortlaut des Ostrakismosgesetzes kann man nichts genaues sagen, aber eine singuläre Quelle aus einer spätbyzantinischen Handschriftensammlung gibt uns eine Vorstellung darüber, welchen Inhalt das Gesetz hatte.[5] „Kleisthenes hat das Ostrakismos-Gesetz in Athen eingeführt. Es hatte folgenden Inhalt: Der Rat hatte regelmäßig an gewissen Tagen nach Prüfung der Lage denjenigen aus der Bürgerschaft, der verbannt werden sollte, auf Tonscherben aufzuschreiben und diese in die Umzäunung des Ratsgebäudes zu werfen. Der aber, gegen den sich mehr als 200 Scherben-Voten richteten, sollte auf zehn Jahre in die Verbannung gehen, ungehindert in der Nutzung seines Besitzes. Später jedoch hat das Volk als gesetzliche Regelung beschlossen, dass mehr als 6000 Scherben-Voten gegen den zu richten seien, der in die Verbannung geschickt werden sollte.“[6] Diese Quelle bestätigt nicht nur die Annahme, Kleisthenes hätte den Ostrakismos in Athen eingeführt, sie widerspricht auch der Annahme, dass nach seiner Einführung durch Kleisthenes das Ostrakismosgesetz im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. nicht verändert wurde.

Die Einführung des Ostrakismosgesetzes des Rates in Athen wird in allen Abhandlungen und Quellen Kleisthenes zugeschrieben. Über den genauen Zeitpunkt der Einführung des Ostrakismos gibt es zwei Theorien. Die erste Theorie besagt, dass das Ostrakismosgesetz in Athen etwa 510 v. Chr. „in der kurzen Periode zwischen dem Sturz der Peisistraiden-Tyrannis (einer Dynastie von Alleinherrschern im 6. Jahrhundert v. Chr.) und dem eigenen, erzwungenen Exil des Kleisthenes eingeführt worden sein [kann].“[7] In diesem Falle wäre die Abstimmung durch den solonischen Rat der Vierhundert (Boule) vollzogen worden und die Hälfte aller Mitglieder hätten für einen Ostrakismos stimmen müssen, da der Rat der Fünfhundert erst später eingeführt wurde. Die zweite Theorie über den genauen Einführungszeitpunkt besagt, dass der Ostrakismos parallel zu den anderen Reformen des Kleisthenes 508/507 v. Chr. im Archontat eingeführt wurde. Für diese Theorie spricht, dass die Abstimmung vom neu geschaffenen Rat der Fünfhundert hätte vollzogen werden können und hier nicht mehr die Hälfte aller Stimmen nötig gewesen wäre.[8]

2.1 Die Formen des Ostrakismos

Die ursprüngliche Form des Ostrakismos, wie er von Kleisthenes eingeführt wurde, war der Ostrakismos des Rates. Der Ostrakismos bei dem nur die Ratsmitglieder über eine Ostrakisierung entschieden, sollte die Konflikte zwischen den Adligen nach der Abschaffung der Tyrannis lenken, da sich „die Anhänger des Kleisthenes und denen des Isogarts“[9] gegenüber standen. Dass der Ostrakismos von Kleisthenes als Ostrakismos des Rates eingeführt wurde, kann man auch aus der spätbyzantinischen Quelle ableiten. Diese spricht davon, dass der „...Rat [...] regelmäßig an gewissen Tagen nach Prüfung der Lage denjenigen aus der Bürgerschaft, der verbannt werden sollte, auf Tonscherben aufzuschreiben und diese in die Umzäunung des Ratsgebäudes zu werfen“[10] hatte. Dass diese Form des Ostrakismos nicht eingesetzt wurde, kann zum einen daran liegen, dass es die Situation in Athen nicht erforderte oder zum anderen, dass der Adel abgeschreckt wurde nach einer Tyrannis zu streben.[11]

Die zweite Form des Ostrakismos war eine Weiterentwicklung, welche sich nach den Persereinfällen 490 v. Chr. vollzog. Durch die Schlacht bei Marathon und dem damit verbundenen Sieg gegen die Perser erlangten die Bürger Athens (Demos) ein neues Machtbewusstsein, welches sich dadurch ausdrückte, dass das Volk nun entschied ob ein Ostrakismos stattfinden und gegen wen er sich richten sollte.[12] Anders als beim Ostrakismos des Rates konnte nun nur noch einmal im Jahr eine Person verbannt werden.

[...]


[1] Vorländer, Hans: Grundzüge der athenischen Demokratie, bpb 284 (2004), S. 6-8; Demandt, Alexander: Die attische Demokratie, in Demandt, Alexander: Antike Staatsformen, Eine vergleichende Verfassungsgeschichte der Alten Welt, Berlin 1995, S. 203; Welwei, Karl-Wilhelm: Die Entwicklung des Gerichtswesens im antiken Athen, Von Solon bis zum Ende des 5.Jahrhunderts v. Chr., in: Burkhardt Leonhard / von Ungern-Sternberg, Jürgen: Große Prozesse im antiken Athen, München 2000, S. 19.

[2] Aris. Pol. III 13.

[3] Dreher, Martin: Verbannung ohne Vergehen, Der Ostrakismos (das Scherbengericht), in: Burkhardt Leonhard / von Ungern-Sternberg, Jürgen: Große Prozesse im antiken Athen, München 2000, S. 66; Brenne, Stefan: Politik in Scherben, in: Archäologische Entdeckungen 2 (2000), S. 274.

[4] Vorländer (2004), S. 8; Demandt (1995), S. 218; Schubert (1993), S. 26; Rhodes, Peter J.: DNP 9 (2000), 103-104 s.v. Ostrakismos.

[5] Keaney John J. / Raubitschek, Anthony E.: A Late Byzantine Account of Octracism, in: AJPh 93 (1972), S. 87-88.

[6] Cod. Vatic. Graec. 1144. 222 Nr. 213. Übersetzung nach Lehmann, Gustav A.: Der Ostrakismos-Entscheid in Athen: Von Kleisthenes zur Ära des Themistokles, in: ZPE 41 (1981), S. 86. Diese wiederentdeckte spätbyzantinische Handschrift wird von einigen Autoren als „singuläre und obskure“ Notiz abgelehnt, aber Keaney und Raubitschek zeigen die historische Wichtigkeit dieses Textes auf.

[7] Dreher (2000), S. 67.

[8] Aris. Ath. Pol. 22, 1;.Schubert, Charlotte: Die Macht des Volkes und die Ohnmacht des Denkens (Historia Einzelschriften Bd. 77), Stuttgart 1993, S. 20; Dreher (2000), S. 67.

[9] Dreher (2000), S. 68.

[10] Cod. Vatic. Graec. 1144. 222 Nr. 213.

[11] Dreher (2000), S. 68.

[12] Schubert (1993), S. 21.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Ostrakismos - Das Scherbengericht im klassischen Athen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Proseminar: Thukydides
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V52960
ISBN (eBook)
9783638485326
ISBN (Buch)
9783638751698
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ostrakismos, Scherbengericht, Athen, Demokratie, Antike
Arbeit zitieren
Christian Richter (Autor), 2005, Ostrakismos - Das Scherbengericht im klassischen Athen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52960

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