Kinder und Jugendliche in Armut


Seminararbeit, 2006

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Armut – Begriff und Operationalisierung
2.1 Definitionen des Armutsbegriff
2.2 Unterschiedliche Konzepte zur Messung von Armut

3. Ausmaß und Struktur der Armut von Kindern und Jugendlichen
3.1 Sozialhilfebezug von Kindern und Jugendlichen
3.2 Relative Einkommensarmut bei Kindern und Jugendlichen
3.3 Abhängigkeit der Armutsbetroffenheit vom Familientyp
3.4 Anwendung des Lebenslangenansatzes
3.5 Dauer von Armut

4. Auswirkungen von Kinder- und Jugendarmut
4.1 Armut als Gesundheitsrisiko
4.2 Soziale Ungleichheit und Bildung
4.3 Psychosoziale Folgen
4.4 Unterschiedliche Armutsbelastungen und Bewältigungsstrategien

5. Fazit

6. Literatur
6.1 Dokumente
6.2 Fachliteratur

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Armutsnähe bei unterschiedlichen Familientypen

Tabelle 2: Sozialhilfebezug nach Haushaltstypen

1. Einleitung

Die sozialwissenschaftliche Forschung setzte sich in den letzten 20 Jahren zunehmend mit dem Phänomen der Armut junger Menschen auseinander. Der Anfang der 1990er-Jahre geprägte Begriff (vgl. Wenzig 2005: 58) der „Infantilisierung von Armut“ brachte dabei zum Ausdruck, dass Armut in Deutschland wie auch in anderen modernen westlichen Gesellschaften nicht länger in erster Linie ältere Menschen, vor allem Frauen, betraf. Stattdessen konnte spätestens seit den 1980er-Jahren eine starke Zunahme der Armutsbetroffenheit von Kindern und Jugendlichen festgestellt werden.

Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über das Problem der Armut von Kindern und Jugendlichen zu geben. Ihr liegen drei Fragestellungen zu Grunde: Zunächst soll der Frage nachgegangen werden, was Armut überhaupt ist und wie Armut, speziell die Armut von Kindern und Jugendlichen, gemessen werden kann (Kapitel 2). Zweitens stellt sich die Frage nach dem tatsächlichen Ausmaß und der Struktur von Kinder- und Jugendarmut in Deutschland (Kapitel 3). Abschließend widmet sich die Arbeit der Frage, welche Auswirkungen Armut auf Kinder und Jugendliche hat. Hierzu sollen beispielhaft einige zentrale Folgeprobleme von Armut thematisiert werden (Kapitel 4).

2. Armut – Begriff und Operationalisierung

In diesem Kapitel wird zunächst auf den Armutsbegriff eingegangen. Dazu werden unterschiedliche Armutsdefinitionen und Messkonzepte vorgestellt. Besonders geht es darum, wie Armut von Kindern und Jugendlichen theoretisch erfasst und adäquat gemessen werden kann.

2.1 Definitionen des Armutsbegriff

Ein zentrales Problem der Armutsforschung besteht darin, dass es keine allgemein anerkannte und verbindliche Definition von Armut gibt. Dies mag zum Teil daran liegen, dass das Thema Armut nicht nur von akademischen Interesse ist. Stattdessen ist die Diskussion um Armut auch stark politisch geprägt. Die Definition von Armut beeinflusst entscheidend, welches Ausmaß an Armut in einer Gesellschaft existiert. So enthält jeder Ansatz, Armut zu definieren, implizit eine Wertentscheidung und eine politische Ausrichtung, da mit ihr konkrete politische Handlungen oder Konzepte, vor allem in der Sozialpolitik, legitimiert werden können (vgl. Zimmermann 2001: 56f.).

Zentral ist zunächst die Unterscheidung von absoluter und relativer Armut: Absolut arm sind Menschen, die nicht über die Mittel verfügen, die sie zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse benötigen. Zumeist zielen Definitionen absoluter Armut lediglich auf das physische, teilweise aber auch auf ein soziokulturelles Existenzminimum (vgl. Zimmermann 2000: 62f.). Absolute Armut kann es in Deutschland allerdings theoretisch gar nicht geben: Artikel 1 des Grundgesetzes sowie das Sozialstaatsgebot garantieren in Deutschland allen Menschen Anspruch auf soziale Unterstützungsleistungen, die ein menschenwürdiges Leben sichern und damit absolute Armut verhindern sollen. Jedoch fallen einige Personengruppen durch das soziale Netz hindurch, da sie ihren Anspruch auf staatliche Unterstützung aus verschiedenen Gründen nicht einlösen, so etwa Obdachlose, Straßenkinder und illegal sich in Deutschland aufhaltende Ausländer. Somit könnte bei solchen Personengruppen absolute Armut auftreten. Das tatsächliche Ausmaß an Armut ist bei ihnen allerdings nur sehr schwer erfassbar. Da sie in staatlichen Statistiken (etwa über die Sozialhilfeempfänger) nicht erfasst werden, nennt man dies verdeckte Armut (vgl. Klocke/Hurrelmann 2001: 11f.).

Absolute Armut ist in Deutschland also allenfalls eine Randerscheinung. Daher besteht in „der wissenschaftlichen Diskussion ... heute Einigkeit darüber, dass Armut für hochentwickelte Gesellschaften wie Deutschland ein relatives Phänomen ist“ (Zimmermann 2001: 57f.). Armut bezieht sich somit immer auf den in einer Gesellschaft üblichen Lebensstandard. Relative Armut bezeichnet nach A. Klocke und K. Hurrelmann entsprechend

„Personen oder Familien (Haushalte), die über nur so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in der Bundesrepublik als unterste Grenze des Akzeptablen annehmbar ist.“

(Klocke/Hurrelmann 2001: 12.)

Wie diese unterste Grenze des Akzeptablen definiert ist, also die Grenze der Nicht-Teilhabe an dem gesellschaftlichen Leben, ist allerdings sehr umstritten. Dazu gibt es unterschiedliche Ansätze mit jeweils eigenen Messkonzepten.

2.2 Unterschiedliche Konzepte zur Messung von Armut

Ein erster Ansatzpunkt für die Erfassung von Armut ist in Deutschland der Bezug von Sozialhilfe, vor allem von laufender Hilfe zum Lebensunterhalt. Dieser Indikator ist dem Subsistenzkonzept (vgl. Zimmermann 2000: 62) zugeordnet, da ihm eine absolut definierte Grenze des Existenzminimums (der Regelbedarf) zugrunde liegt (vgl. Zimmermann 2000: 71). Die Zahl der Sozialhilfeempfänger kann problemlos amtlichen Statistiken entnommen werden. Jedoch muss beachtet werden, dass zahlreiche eigentlich anspruchsberechtigte Personen Sozialhilfe nicht in Anspruch nehmen und daher eine erhebliche Dunkelziffer existiert.[1] Die Zahl der Sozialhilfeempfänger kann deswegen nur als Maßzahl für die „bekämpfte Armut“ dienen. Häufig wird zudem der Anteil von Personen einer Bevölkerungsgruppe, die Sozialhilfe beziehen (die sogenannte Sozialhilfequote), als Indikator für das Armutsrisiko dieser Bevölkerungsgruppe interpretiert (vgl. Zimmermann 2000: 72f.).

Im Konzept der sozialen Ungleichheit wird Armut nicht absolut definiert, sondern als extreme Ausprägung sozialer Ungleichheit angesehen. Als arm gilt, wessen Ausstattung mit zentralen Gütern weit unter dem durchschnittlichen Niveau liegt (vgl. Zimmermann 2000: 62). Sehr wichtig ist hier zunächst der Ressourcenansatz. Dieser sieht Armut als Unterausstattung mit monetären und nichtmonetären Ressourcen, wobei monetäre Ressourcen neben dem Einkommen auch das Vermögen und Bezüge aus öffentlichen und privaten Transferleistungen sind und nichtmonetäre Ressourcen die im Haushalt selbst erzeugten Güter erfassen. Zumeist wird allerdings nur die Ressource Einkommen berücksichtigt. Zur Bestimmung des Ausmaßes relativer Einkommensarmut wird das sogenannte Nettoäquivalenzeinkommen verwendet. Dazu wird das Nettoeinkommen eines Haushaltes (inklusive staatlicher Transferleistungen) durch die gewichtete Zahl der im Haushalt lebenden Personen dividiert. Der neuen OECD-Skala gemäß werden die erste Person des Haushalts mit 1, alle weiteren Personen ab 15 Jahren mit 0,5 und alle Personen unter 15 Jahren mit 0,3 gewichtet.[2] Diese Gewichtungsfaktoren sollen den unterschiedlichen Pro-Kopf-Bedarf erfassen. Als arm gelten demnach Personen, deren Nettoäquivalenzeinkommen unterhalb der Armutsschwelle liegt, die als bestimmter Prozentsatz des durchschnittlichen Nettoäquivalenzeinkommens festgelegt wird (vgl. Butterwegge u.a. 2004: 19). Allerdings sind sehr unterschiedliche Armutsschwellen in Gebrauch, die bei 40, 50 oder 60 Prozent liegen.[3] Die 40-Prozent-Schwelle gilt als „strenge Armut“, die 60-Prozent-Grenze als „Armutsnähe“ (vgl. Zimmermann 2000: 73). Armutsquoten (der Anteil der Haushalte, deren Einkommen unter der Armutsschwelle liegt) müssen daher vorsichtig interpretiert werden, da genau auf die unterschiedliche Definition der Armutsschwelle geachtet werden muss.

Die hauptsächliche Verwendung der relativen Einkommensarmut zur Messung von Armut wird jedoch zunehmend kritisch betrachtet. Zwar ist das Einkommen sicherlich eine sehr bedeutsame Größe, jedoch wird die sozioökonomische Lage von Personen und Haushalten auch von anderen, nichtfinanziellen Faktoren wie Bildung, Arbeit, Wohnsituation und Gesundheit bestimmt (vgl. Zimmermann 2001: 57). Dies versucht der Lebenslagenansatz zu erfassen. Dieser Ansatz geht auf Gerhard Weisser zurück. Unter einer Lebenslage versteht Weisser den Spielraum, den die äußeren Umstände einem Menschen oder einer Gruppe von Menschen zur Befriedigung eigener Interessen, die den Sinn des Lebens bestimmen, bieten (vgl. Butterwegge u.a. 2004: 29). Der Mehrdimensionalität des Ansatzes entsprechend stehen die Handlungsspielräume und ihre jeweiligen Grenzen in zentralen Lebensbereichen im Mittelpunkt. In empirischen Untersuchungen wird der Ansatz zumeist so umgesetzt, dass die Ausstattung bzw. Position in verschiedenen Lebensbereichen erfasst wird (etwa Einkommen, Vermögen, Bildungsabschluss, berufliche Tätigkeit, gesundheitliche Situation, soziale Integration, Wohnsituation) und als arm gilt, wer in einer bestimmten Anzahl an Bereichen unterversorgt ist.

[...]


[1] Diese liegt Schätzungen zufolge bei ca. 30 bis 50 Prozent. Vgl. Klocke/Hurrelmann 2001: 12 (mit weiteren Nachweisen).

[2] Nach der alten OECD-Skala lagen die Gewichtungsfaktoren bei 1 für die erste Person des Haushalts, bei 0,7 für weitere Personen ab 15 Jahren und bei 0,5 für Personen unter 15 Jahren. Die neue OECD-Skala geht demnach von einer deutlich stärkeren Degression der Pro-Kopf-Kosten in Mehrpersonenhaushalten aus.

[3] Zudem wird der Durchschnitt teils als arithmetisches Mittel, teils als Median angesetzt.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Kinder und Jugendliche in Armut
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Sozialstruktur Deutschlands
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V53105
ISBN (eBook)
9783638486415
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder, Jugendliche, Armut, Sozialstruktur, Deutschlands
Arbeit zitieren
Christine Tausch (Autor), 2006, Kinder und Jugendliche in Armut, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53105

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