Sprachenvielfalt als eine Grundlage europäischer Identität


Hausarbeit, 2003
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Überblick über die Sprachen Europas

3. Sprachenvielfalt im heutigen Europa

4. Europäische Identität unter dem Aspekt der Sprachenvielfalt
4.1 Gibt es eine europäische Identität?
4.2 Sprachenvielfalt als eine Grundlage europäischer Identität
4.2.1 Sprache als Grundlage der nationalen Identität
4.2.2 Sprachenvielfalt als Voraussetzung für eine multiple
europäische Identität

5. Risiken einer europäischen Vielsprachigkeit für die Praxis
5.1 Vielsprachigkeit als Herausforderung für die Demokratie in Europa
5.2 Organisations- und internationale Kommunikation

6. Chancen für ein Europa der sprachlichen Vielfalt

7. Resümee und Ausblick

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Europa war, zumindest seit der Wiederbesiedlung nach der letzten Eiszeit, immer vielsprachig.“[1] Die Sprachenvielfalt in Europa ist also nicht erst das jüngste Ergebnis einer sich ständig ausdifferenzierenden Sprachenentwicklung, sondern sie begleitete die Geschichte Europas und seiner Menschen bereits über Jahrtausende hinweg. Mehr- bzw. Vielsprachigkeit gehört daher zu den menschlichen Grunderfahrungen in der europäischen Geschichte. Heute fördern der Tourismus, transnationale Geschäftsbeziehungen und Kooperationen im wissenschaftlichen Bereich die sprachlichen Kontakte innerhalb Europas. Die Interaktion reicht von flüchtigen Gesprächen bis hin zu festen persönlichen Beziehungen. So ist auch ein Trend in Richtung zweisprachiger Familien aus eben den Gründen festzustellen.[2]

Ist Multilingualität ein europäisches Charakteristikum, das die prägende Kraft zur Herausbildung eines europäischen Bewusstseins besitzt? Kann sie als Grundlage für eine europäische Identität dienen? Oder stößt die Vielsprachigkeit in Europa, und im speziellen in der Europäischen Union, an ihre kommunikativen Grenzen? Bedeutet die Sprachenvielfalt in Europa kulturellen Reichtum oder Verständigungschaos?

Bevor ich auf diese Fragen näher eingehe, werde ich zunächst einen kurzen historischen Überblick über die Sprachen Europas geben und deren heutige Verbreitung skizzieren. Danach wende ich mich dem thematischen Schwerpunkt meiner Hausarbeit zu, der Sprachenvielfalt als einer möglichen Grundlage für eine europäische Identität. Im Anschluss werde ich der Frage nach den praktischen Risken und Chancen nachgehen, die eine multilinguale europäische Identität impliziert. Abschließend versuche ich aus den dargelegten Erkenntnissen, mögliche Schlüsse für die sprachliche Zukunft in Europa zu ziehen.

2. Historischer Abriss über die Sprachen Europas

Über die Ursprünge der Sprachen Europas kann man nur mutmaßen, da sie in Zeiten datiert werden müssen, die sich – aufgrund mangelnder sprachlicher Zeugnisse – der historischen Belegbarkeit entziehen. Das nichtindogermanische Baskisch gilt jedoch als die älteste lebendige Sprache in Europa.[3] Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft versucht über den Vergleich von Entsprechungen in Grammatik und Wortschatz historisch bezeugter Sprachen aus einer Sprachfamilie, Rückschlüsse auf eine gemeinsame Ausgangssprache und deren Sprecher zu ziehen. So sollen sich im Laufe des 2. Jahrtausends v. Chr. indogermanische Hirten- bzw. Reitervölker in Europa ausgebreitet und die dort ansässige Bevölkerung, Ackerbauern der Jungsteinzeit, unterworfen haben. Andere Theorien gehen von einer allmählichen Ausbreitung der indoeuropäischen Sprachen im Zuge der Landwirtschaft aus.[4] Allgemeine Akzeptanz findet die Hypothese, dass die Wurzeln der indoeuropäischen Sprachen in dem Gebiet zwischen der asiatischen Zentralsteppe und Südrussland liegen, also etwa in der heutigen kirgisischen Steppe im Westen Kasachstans, von wo aus sie sich zunächst nach Süd- und Nordeuropa ausbreiteten und schließlich bis an die westeuropäische Atlantikküste vordrangen.[5] Die meisten der europäischen Sprachen gehören demnach zur großen indoeuropäischen Sprachfamilie. Ausnahmen bilden das Finnische, das Ungarische und das Estnische, die zusammen die finno-ugrische Sprachengruppe bilden und der uralischen Sprachfamilie angehören. Zur kaukasischen Sprachfamilie zählen die in der Kaukasusregion gesprochenen Sprachen, deren bekanntester Vertreter das Georgische ist. Baskisch wird gemeinhin der kaukasischen Sprachfamilie zugerechnet, auch wenn über dessen Herkunft kaum sichere Aussagen gemacht werden können. Die semitische Sprachfamilie ist ebenfalls innerhalb des europäischen Sprachenraums durch das auf Malta gesprochene Maltesisch vertreten.

Die Expansion und Etablierung des römischen Reichs führte die sprachliche Romanisierung weiter Teile Europas mit sich und gleichzeitig zum Verlust der vorrömischen Sprachen im Südwesten Europas; auf der anderen Seite wurde dadurch der Boden für die Entstehung der heutigen romanischen Sprachen wie Französisch, Spanisch und Italienisch bereitet. Im Osten konnte sich die Sprache der Griechen gegenüber der lateinischen Sprachdominanz behaupten, da sie ebenfalls über ein hohes Prestige verfügte und von den gebildeten Schichten in Rom als kulturelles Vorbild angesehen wurde. Es entstand ein bilingualer europäischer Kulturraum, der sich gegenseitig beeinflusste und befruchtete, und anhand der gemeinsamen Sprachen zur Tradierung eines gemeinsamen kulturellen Erbes samt literarischer, wissenschaftlicher, philosophischer und juristischer Tradition führte.[6]

Die Invasionen der Germanen führten zwar zum Zerfall des römischen Reiches, nicht aber zum Ende der lateinischen Sprache. Das Lateinische rettete sich als Kirchen- und Kultursprache bis ins 18. Jahrhundert und nahm eine prägende Rolle als europäische Lingua Franca im klerikalen und wissenschaftlichen Bereich ein. Bischöfe und Mönche reisten ohne Sprachprobleme durch die Länder. Lehrer und Studenten konnten problemlos von einer Universität zur anderen wechseln, da überall dieselbe Sprache, nämlich Latein, gesprochen wurde. Die Versuche Latein als mögliche Lingua Franca eines vereinten Europas wiederzubeleben scheiterten jedoch an den sprachlichen Lebenswirklichkeiten in den heutigen europäischen Gesellschaften.

Das Ende des Imperium Romanum ist Ausgangspunkt für einen kontinuierlichen, graduellen Differenzierungsprozess[7] der volkssprachlichen Dialekte an dessen Ende die heutigen romanischen Sprachen stehen. Für die germanischsprachigen Gebiete sowie die Länder im Süden und Osten Europas lassen sich ähnliche Sprachentwicklungen vermuten, auch wenn dieser, je nach Region unterschiedlich verlaufende, Prozess wegen der spärlichen Quellenlage nur sehr schwer nachgewiesen werden kann. Spätestens seit Beginn des Mittelalters lassen sich aber Sprachvarianten in allen Sprachfamilien nachweisen und "im 12. und 13. Jahrhundert können Kernstrukturen eindeutig voneinander abgegrenzt werden, die bereits als Sprachen betrachtet werden können – darunter befinden sich schon alle Sprachen, die heute in Europa gesprochen werden."[8] Politisch oder kulturell motivierte Einigungsprozesse führten schließlich zu Etablierung und Konsolidierung der heutigen Nationalsprachen im europäischen Staatensystem. Einige erlangten ein so hohes Prestige, dass sie internationale Anerkennung und Gebrauch fanden. So etwa das Französische als Sprache der internationalen Diplomatie im 19. Jahrhundert oder das Deutsche im Bereich der Wissenschaft. In der heutigen Gegenwart hat sich das Englische als internationale Verkehrssprache weltweit durchgesetzt.

3. Sprachenvielfalt im heutigen Europa

In Europa gibt es derzeit an die 225 indigenen Sprachen, die im täglichen Leben Anwendung finden.[9] Nicht zu Unrecht bezeichnet daher Miquel Siguan den europäischen Sprachenraum vom Atlantik bis zum Aral als bunten Sprachenteppich.[10] Für das Sprachgebiet der Europäischen Union bemisst sich die Zahl der autochthonen Sprachen auf etwa 50.[11]

Die romanischen Sprachen umfassen die Nationalsprachen Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Spanisch bzw. Kastilisch, Rumänisch und Rätoromanisch in der Schweiz. Außerdem folgende Regional- und Minderheitensprachen: Katalanisch, das sich sowohl durch eine hohe Sprecherzahl, als auch durch eine langjährige literarische Tradition auszeichnet, und in Teilen Spaniens sowie in Andorra gesprochen wird; Galicisch, ebenfalls eine Minderheitensprache auf spanischem Gebiet; Aranesisch, das im Arantal – einem katalanischen Pyrenäental an der Grenze zu Frankreich – gesprochen wird; Okzitanisch in Frankreich; Korsisch auf der Insel Korsika; Ladinisch und Friulanisch in Italien sowie Sardisch auf Sardinien.

Zu den keltischen Sprachformen zählen Irisch, Walisisch, sowie Gälisch in Schottland und die Sprache der Isle of Man, die beide allerdings nur eine sehr geringe Sprecherzahl aufweisen. Das in der französischen Bretagne, jenseits des Ärmelkanals gesprochene Bretonische zählt ebenfalls zu den keltischen Sprachen. Zur germanischen Sprachgruppe gehören Deutsch, Englisch, Flämisch, Friesisch, Letzeburgisch und Niederländisch sowie die skandinavischen Sprachen Dänisch, Isländisch, Norwegisch und Schwedisch. Finnisch bildet zusammen mit Ungarisch, Türkisch und der Sprache Estlands– trotz aller Unterschiede – eine eigene Sprachgruppe, die zur Ural-Altaischen Sprachfamilie gezählt wird. Mit dieser Sprachfamilie verwandt sind ebenfalls mehrere skandinavische Sami-Sprachen, wie auch Ingrisch und Karelisch. Zur baltischen Sprachgruppe gehören die Sprachen Litauens und Lettlands.

Die größte Sprachenfamilie in Mittel- und Osteuropa bilden aber die slawischen Sprachen mit Bulgarisch, Polnisch, Russisch, Slowakisch, Slowenisch, Sorbisch, Tschechisch, Ukrainisch, Weisrussisch sowie dem Serbokroatischen. Das Serbokroatische ist die gemeinsame Sprache der voneinander unabhängigen Staaten Serbien und Kroatien, jedoch mit jeweils eigenem Alphabet. So benutzen die orthodoxen Serben das kyrillische Alphabet, während die katholischen Kroaten auf das lateinische zurückgreifen. Das Mazedonische kann als eine sprachliche Variante des Bulgarischen betrachtet werden.

[...]


[1] Zimmer, 2002, 98.

[2] Siguan, 2001, 99.

[3] Zimmer, 2002, 98.

[4] vgl. Colin Renfrew: Die Indoeuropäer – aus archäologischer Sicht, Spektrum der Wissenschaft, 12/1989, S.114.

[5] Siguan, 2001, 18.

[6] Siguan, 2001, 20.

[7] ebd., 24.

[8] ebd., 28.

[9] Thuermann, Eike: www.learn-line.nrw.de/angebote/sprachentag/info/vielfalt.html, 05.08.2003

[10] Siguan, 2001, 11.

[11] nach Runggaldier, J./Warasin, M. (2003), aus: http://www.gfbv.de/voelker/europa/sprachen_eu_1.htm, 05.08.2003.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Sprachenvielfalt als eine Grundlage europäischer Identität
Hochschule
Universität der Künste Berlin
Veranstaltung
Interkulturelles Kommunikationsmanagement
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V53148
ISBN (eBook)
9783638486750
ISBN (Buch)
9783638782494
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachenvielfalt, Grundlage, Identität, Interkulturelles, Kommunikationsmanagement
Arbeit zitieren
Christian Zeintl (Autor), 2003, Sprachenvielfalt als eine Grundlage europäischer Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53148

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