Sklaverei, Bürgerkrieg und Rekonstruktion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

53 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsstand

3 Das Freiheitsverständnis der Vereinigten Staaten von Amerika
3.1 Der Einfluss der Religionen
3.2 Weltlich-philosophische Einflüsse
3.3 Das Selbstverständnis der Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika
3.4 Der Widerspruch von Anspruch und Wirklichkeit

4 Die Sklaverei
4.1 Die Sklaverei und die Sklaven als Wirtschaftsfaktoren
4.2 Rechtliche Stellung von Sklaven und freien Schwarzen
4.3 Lebensbedingungen der Sklaven in den USA
4.4 Aktiver und passiver Widerstand der Sklaven
4.5 Öffentlicher Widerstand gegen Sklaverei – Die Abolitionisten
4.6 Argumente Für und Wider die Sklaverei

5 Auf dem Weg in den Krieg
5.1 Marksteine der Sezession
5.1.1 Die Bedingung des David Wilmot und die Volkssouveränität
5.1.2 Das Kansas-Nebraska-Gesetz
5.1.3 Das Dred-Scott-Urteil
5.1.4 Die Sezession

6 Der Krieg
6.1 Verlauf des Krieges
6.2 Die Emanzipationserklärung

7 Rekonstruktion
7.1 Die Situation nach dem Krieg
7.2 Emanzipation der Schwarzen und Wiederherstellung der Nation
7.3 Das Ende der Rekonstruktion und die Zeit danach
7.4 Fazit der Rekonstruktion

8 Zusammenfassung

9 Literaturverzeichnis
9.1 Zeitschriften
9.2 Internetquellen
9.3 Monographien

1 Einleitung

Diese Hausarbeit hat zum vorrangigen Ziel, darzustellen, inwiefern sich die US-amerikanische Nation in ihrer Vergangenheit im Einklang bzw. in Zwietracht zu ihrem Freiheitsverständnis befunden hat. Es geht hierin vordringlich um die Übereinstimmung bzw. den Unterschied zwischen Proklamation und Wirklichkeit.

Der für diesen Zweck begutachtete Zeitraum der Historie der USA ist jener, der diesbezüglich der wohl deutlich widersprüchlichste ist. Er erstreckt sich von Mitte der 1850er Jahre bis 1876 über folgende drei Phasen: Vorabend des Bürgerkriegs, Krieg und Rekonstruktion.

Explizit im Mittelpunkt der Betrachtung soll die Emanzipation der Schwarzen bzw. der Missstand der Sklaverei als offensichtlicher Widersatz zur Freiheits- und Gerechtigkeitsliebe der US-Amerikaner stehen.

Diese Arbeit baut sich wie folgt auf. Nach der Vorstellung des Forschungsstandes soll zunächst der Frage auf den Grund gegangen werden, wie das Freiheitsverständnis der USA als Teil der nationalen Identität soll entstanden ist. Auf welchen Entwicklungen und Strömungen beruht es? Worin manifestiert es sich? Wie hat es die Menschen, das Volk, die Gesellschaft beeinflusst? Dieses zu ergründen, wird Aufgabe des ersten Abschnitts sein. Zudem wird hier zum ersten Mal auf den Widerspruch zwischen Freiheitsanspruch und Versklavung hingewiesen.

Entsprechend der Maßgabe, die Sklaverei und die Emanzipation der Schwarzen in den Mittelpunkt der diachronisch-analytischen Betrachtungen zu stellen, soll im nächsten Kapitel das Wesen der Sklaverei verschiedenartig beleuchtet werden. Hierbei liegt der Fokus auf den Lebensumständen der Schwarzen, deren Stellung und Bedeutung. Des Weiteren soll hier einer ausführlichen Gegenüberstellung der Argumente für und wider die Sklaverei Raum gegeben werden.

Im darauffolgenden Teil soll dargelegt werden, wie die junge Union in den Bürgerkrieg geraten ist. Dies bedarf einer Vorstellung der beiden Kriegsparteien bzw. der Nord- und Südstaaten, die im Laufe ihrer Evolution kulturelle und wirtschaftliche Unterschiede entwickelten. Da der Krieg sich vor allem an der Frage der Sklaverei entzündete, ist es notwendig, die dementsprechend wichtigsten Momente und deren Bezug zur Eskalation der Kontroverse zwischen beiden Widersachern darzustellen.

Der anschließende Abschnitt beschäftigt sich mit dem Krieg als solchen, wird allerdings, um den Umfang dieses Textes nicht zu sprengen, recht knapp gehalten. Von besonderer Bedeutung ist jedoch die Emanzipationserklärung Lincolns, die just in der Kriegszeit eine entscheidende Wendung in der Frage der Leibeigenschaft gebracht hat und hinsichtlich des Ausgangs des Krieges nicht unerheblich war. Aus diesem Grund soll die Proklamation eine eingehendere Beschäftigung erfahren.

Darauffolgend wird im Kapitel zur Nachkriegszeit bzw. zur Rekonstruktion zu eruieren sein, wie die beiden Kriegsparteien nach dem Friedensschluss mit der Freiheit der Schwarzen verfahren, welche Regelungen getroffen und wie sie umgesetzt wurden.

Zusammenfassend wird im letzten Teil ein Abgleich der Vor- und Nachkriegsverhältnisse bezüglich Proklamation und Wirklichkeit des Freiheitsanspruches, der Stellung der Schwarzen und dem Umgang der Weißen mit den ehemaligen Sklaven stattfinden. Es muss abschließend diagnostiziert werden, wie sich das im ersten Kapitel dargestellte US-amerikanische Selbstverständnis und Freiheitsempfinden am Ende des in dieser Arbeit betrachteten Zeitraumes darstellt.

Aufgrund der umfang- und zahlreichen Literatur an Gesamtdarstellungen zur amerikanischen Geschichte, sowie zu Einzelthemen wie der Geschichte der Schwarzen, des Bürgerkrieg und anderen, ist es unmöglich, alle Informationen, Erkenntnisse, Annahmen und Schlüsse dieser Publikationen in eine Arbeit diesen Ausmaßes unterzubringen. Um der bisher geleisteten wissenschaftlichen Arbeit wenigstens ansatzweise gerecht zu werden, soll im folgenden Abschnitt zum Forschungsstand eine weiterführende Bibliographie vorgelegt werden.

2 Forschungsstand

Einen Einstieg in die US-amerikanische Geschichte bietet auf interessante Weise das Internetportal der Botschaft der USA unter http://usa.usembassy.de/geschichte.htm. Die relativ knapp gehaltenen Informationen werden umfangreich ergänzt durch Verweise auf Hintergrundinformationen aus verschiedenen Instituten, Originaldokumente, Lern- und Lehrmaterialien, Bilder und weitere Linksammlungen.

Der Forschungsstand zur allgemeinen US-amerikanischen Geschichte und zu speziellen Einzelthemen, wie denen dieser Arbeit, ist sehr weit vorangeschritten, weswegen die Erscheinungsliste an entsprechender Literatur sehr umfangreich und vielfältig ist. Wissenschaftlern Europas und Amerikas haben sich diesen Gebieten angenommen, weswegen die Fülle unüberschaubar geworden ist. Allerdings lässt sich nach der Lektüre einiger Publikationen festhalten, dass sich der Inhalt der neueren Forschung nahezu gleicht, was einer gewissen Einhelligkeit in der Fachwelt zuzuschreiben ist. Unterscheidungen gibt es zuweilen in der Herangehensweise. So betrachtet Raeithel beispielsweise die Entwicklung der Vereinigten Staaten von Amerika aus kulturhistorischer Sicht. Weitere Unterschiede ergeben sich aus der Themenspezifizierung, beispielsweise Erscheinungen zum Problem „frontier“ oder zum Sezessionskrieg.

Die für diese Arbeit verwendeten Veröffentlichungen sind nicht nur, jedoch zumeist in deutscher Sprache verfasst, d.h. entweder übersetzt, oder von deutschen oder österreichischen Historikern geschrieben. Die Masse an existierenden Monographien und die oben erwähnte größtenteils existierende Übereinstimmung der Arbeiten lässt diese Herangehensweise an Literatur zur US-amerikanischen Geschichte und ihren Einzelthemen zu.

Um dem enormen Umfang annähernd überblicken und organisatorisch bewältigen zu können, muss an dieser Stelle auf die zum Teil sehr zahlreich gelisteten Bibliographien und Quellenangaben der rezipierten Publikationen verwiesen werden, von denen einige wiederum ausführlich kommentiert worden sind. Das Wissen um diese Literaturlisten und die Kenntnis derer, erlaubt zudem eine Auswahl an Monographien zu treffen, wie es für diese Arbeit getan worden ist. Eine komplette Aufzählung aller Veröffentlichungen kann es nicht geben, da, wie auch viele Forscher in ihren Anmerkungen feststellen, immer wieder neue Monographien erscheinen und der Gesamtumfang der existierenden Literatur mittlerweile unüberschaubar groß ist. Entsprechend bedeutsam sind deswegen beispielsweise die Verzeichnisse der folgenden Publikationen.

Einer Einführung gemäß erstrecken sich die Literaturverweise bei Heideking und Nünnings „Einführung in die amerikanische Geschichte“ auf knapp 20 Seiten und informieren darin übersichtlich zur Forschung zur US-amerikanischen Geschichte, deren Behandlung Hauptanliegen der Einführung ist. Eine ebenfalls sehr lange und kommentierte Liste zu Informationsmitteln von Zeitschriften über Monographien bis hin zu Internet und Fernsehen liefert Heideking in der „Geschichte der USA“. Auch Sautter in „Geschichte der Vereinigten Staaten“ und Guggisberg in „Geschichte der USA“ geben zahlreiche Erscheinungen zur vertiefenden Arbeit an verschiedenen Einzelbereichen der US-amerikanischen Geschichte.

Das Gebiet der Sklaverei und der Geschichte der Schwarzen betreffend sind zwei Monographien zu nennen, die vor allem im deutschen Raum, aber auch in den USA sehr bedeutsam und demzufolge auch Standardwerke geworden sind. Zum einen ist dies „Von der Sklaverei zur Freiheit“ von Franklin und Moss, worin die Geschichte der Schwarzen in Amerika sehr detailliert dargestellt wird, in dem zudem viele soziale Aspekte aber auch politische Entwicklungen geschildert werden und welches nahezu den ganzen Zeitraum der Geschichte der Schwarzen betrachtet, einschließlich der Gefangennahme derselben in Afrika bis hin zur Regierungszeit Clintons. Die auch in der deutschen Übersetzung des Buches in Englisch verfasste Bibliographie ist außerordentlich lang und kommentiert. Sie verweist auf zahlreiche Originaldokumente und zeitgenössische Texte.

Zum anderen ist die Gemeinschaftsarbeit „Von Benin nach Baltimore“ von Finzsch, Horton und Horton zu einem Standardwerk geworden, welches in „Hard Road To Freedom“ von Horton und Horton einen Nachfolger findet, der speziell den Freiheitskampf der Schwarzen beleuchtet. Allein das Verzeichnis der zitierten Quellen und Medien der erstgenannten Arbeit ist so zahlreich, dass es aufgrund der daraus abzuleitenden Detailgenauigkeit zurecht als Standardwerk gilt.

Eine gute Sammlung von Dokumenten und Analysen des Freiheitskampfes der Schwarzen ist „Black Protest“ von Joanne Grant. Diese mittlerweile mehrfach aufgelegte Arbeit ist sehr reichhaltig an bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts produzierten Belegen zum „Negro protest movement“.

Das Thema Bürgerkrieg wurde mit über 50.000 Forschungspublikationen ebenso zahlreich an bedacht, wie die allgemeine US-amerikanische Geschichte. Dem eher geringen Stellenwert des Themas in dieser Arbeit gemäß, soll an dieser Stelle mit McPhersons „Für die Freiheit sterben“ lediglich auf ein Standardwerk dazu verwiesen werden. Im bibliographischen Anhang darin werden diverse verwendete Werke kommentiert, wobei McPherson zudem anmerkt, dass er selbst nur einen Bruchteil der existierenden Monographien zu verarbeiten vermocht hat.

Das Thema der Rekonstruktion hat eine intensive Bearbeitung in allen Publikationen über die Geschichte der Schwarzen und der Sklaverei gefunden, sowie in Werken zur Geschichte der Nord- und Südstaaten. Bücher allein zur Rekonstruktion gibt es nur sehr wenige und es sind dann zumeist englischsprachige Erscheinungen. Eine deutschsprachige Erscheinung, allerdings zum Nachkriegsgeschehen im Allgemeinen, ist „Nach dem Sturm“ von Junkelmann. Der Autor konzentriert sich darin auf die Wiedergabe des Zeitgeschehens durch kommentierte Fotographien.

Schlussendlich lässt sich konstatieren, dass vor allem Monographien zur US-amerikanischen Geschichte und speziell zu den Einzelbereichen Sklaverei, Bürgerkrieg und Rekonstruktion in überwältigendem Maße und in verschiedenen Sprachen vorhanden sind, weswegen man diese Themen als erschöpfend erforscht bezeichnen kann.

3 Das Freiheitsverständnis der Vereinigten Staaten von Amerika

Das Freiheitsverständnis der US-Amerikaner besteht praktisch seit der Entdeckung der Neuen Welt einschließlich dem ihr immanenten Reichtum und der Erschließung ihrer Weite. Es entwickelte sich seitdem weiter und existiert bis heute in einer Strömung, die der Welt besser als der „American way of life“ bekannt ist.

Obgleich eine ernstzunehmende Wissenschaftlichkeit des Internetlexikons „Wikipedia“ nicht gegeben ist, bietet die dort zu entnehmende Definition des „American way of life“ eine durchaus zutreffende Zusammenfassung:

„ein Lebenskonzept und ein Menschenbild [...], das von dem Grundsatz

ausgeht, dass jedes Individuum jedes gesellschaftliche Ziel erreichen kann, wenn

Wille und Arbeitskraft ausreichend sind. [...] Diese eher idealistische

Einstellung ist bis zu den ersten Einwanderern zurückzuverfolgen, die

sich in der Situation fanden, ihre eigene Wirtschaft und Gesellschaft mit

wenig günstigen Voraussetzungen aufzubauen. Mit dem Begriff ist

allerdings noch mehr gemeint, nämlich zum einen größtmögliche

Freiheiten für das Individuum, zum anderen das Streben nach Reichtum

und zum dritten das Recht auf die Chancengleichheit zur Erreichung von Glück

(pursuit of happiness). Dieses Recht ist in der US-amerikanischen Verfassung

verankert. American Way of Life bezeichnet auch stereotyp die Mentalität der

Einwohner der USA. Sie ist gekennzeichnet durch eine allgemein optimistische

Grundhaltung, durch - nach eigener Auffassung der US-Amerikaner –

weitestgehende Toleranz gegenüber Minderheiten und Andersdenkenden und durch

das Bestreben, die eigenen Vorstellungen und Ideen auf andere Gesellschaften zu

übertragen. Der Begriff der Freiheit ist von zentraler Bedeutung für diese Mentalität,

wird jedoch in der Bevölkerung zumeist emotional definiert und interpretiert.“[1]

Grundlegend für die Ausbildung eines solchen „American way of life“, eines solchen Freiheitsverständnisses war die Erfahrung des Reichtums durch die massenhaften Bodenschätze, die Erfahrung des Eroberns, Besetzens, Besiedelns, Urbarmachens, Bewirtschaftens des neuen Landes, die Erfahrung sich nahezu selbstständig zu organisieren und zu regieren mit allen Widrigkeiten, aber auch mit allen Einträglichkeiten.

Mehrere Entwicklungen und Ereignisse trugen des Weiteren zur Herausbildung des US-amerikanischen Selbstverständnisses bei. Besonders einprägsam diesbezüglich war unter anderem die Zeit des „manifest destiny“ im 19. Jahrhundert, als Siedler verstärkt den Westen des Kontinents besiedelten.

„Als säkularisierte Form der puritanischen Heilserwartung durchtränkte „manifest destiny“ die gesamte Kultur der Epoche, verlieh den Erfahrungen von Demokratisierung, Westwanderung und Aneignung der Natur einen tieferen Sinn und prägte sich dauerhaft in das kollektive Geschichtsbewusstsein ein.“[2]

Dieses kollektive Bewusstsein wurde zudem stark beeinflusst von den Erlebnissen des Zusammenpralls der europäischen Kulturen im neuen Land und der dadurch bedingten Vielfalt in allen Lebensbereichen.

Der Aufbruch und der Beginn eines neuen Lebens europäischer Einwanderer in Übersee bedurfte einiger bewegender Gründe, die zumeist im Unverständnis und in der Ablehnung der Religionspraxis, der Politik oder den sozialen Verhältnissen der Heimat lagen. Der daraus resultierende Unmut, versehen mit dem Mut und dem Willen, eine große Überfahrt nach Nordamerika zu wagen und dort in einem völlig unbekannten Gebiet ein wahrscheinlich vorher kaum vorstellbares Leben zu führen, musste zwangsläufig ein Bewusstsein im Geist dieser Menschen verankern, welches von viel Selbstvertrauen, Neugier, Kraft, Zuversicht und sicherlich auch von viel religiösem Glauben geprägt war, aus welchem all jene Eigenschaften resultieren.

Man kann deswegen davon ausgehen, dass der Religion, neben geistigen Errungenschaften der Aufklärung, eine bedeutsame Rolle bei der Ausbildung eines US-amerikanischen Selbstverständnisses zuzuschreiben ist. Die starke Gläubigkeit an die Gottgegebenheit der Menschen, die Gottgegebenheit des Moments bzw. des Schicksals, der Glauben an die Auserwähltheit des Einzelnen, der in die Neue Welt kam bzw. in sie hineingeboren wurde: dieses Auserwähltendenken ging vor allem auf die Gruppe der Puritaner zurück.

3.1 Der Einfluss der Religionen

Eine in der Literatur meistgenannte Begründung für die Übersiedlung nach Nordamerika ist die Unzufriedenheit religiöser britischer Gruppen mit der Anglikanischen Kirche, an der vor allem die Puritaner kritisierten, dass sie, die im Grunde eine protestantische Kirche war, zu viele Praktiken der Römisch-Katholischen Kirche wieder rückübernommen hatte bzw. mit der Reformation der Kirche seit der Inthronisation Elisabeths I. 1558 aufgehört hätte.[3]

Die kalvinistischen Puritaner wanderten infolge dieser Differenzen und von Verfolgungen in die neuen Kolonien aus, um dort Siedlungen nach ihren religiösen Idealen errichten, bzw. „vielleicht sogar das Christentum selbst durch einen Exodus nach Amerika [...] retten“[4] zu können.

Trotz anfänglicher Schwierigkeiten beim Erbauen und Erhalten der Siedlung stellte sich über die Jahre Erfolg und Wachstum ein, was dem Glauben der Puritaner nur noch zuträglicher war. Denn diesem zufolge waren nur bestimmte Individuen von Gott für die Erlösung auserwählt, nämlich Personen aus ihren Kreisen. Zudem gingen sie davon aus, dass Sparsamkeit, Fleiß und harte Arbeit Formen moralischer Tugend darstellten und wirtschaftlicher Erfolg ein Zeichen für Gottes Gnade sei. Dieses Denken wiederum wirkte sich begünstigend auf Wirtschaft und Handel in den Kolonien aus.

Mit diesen Erfolgen einher ging gewachsenes Selbstbewusstsein. Die Neuamerikaner sahen ihr Land „als ein großes Experiment [...], als ein würdiges Vorbild für andere Nationen“[5]. Allerdings erwuchs mit diesem Selbstbewusstsein, welches auf strengen Moralvorstellungen beruhte, eine gewisse Intoleranz. So glaubten die puritanischen Siedler, dass die Führer des Landes bzw. die Regierungen der Kolonien Gottes Moral durchsetzen sollten.

Es gab jedoch Ausnahmen in der rigiden Ausübung der Religion. Zu erwähnen ist dabei der Gründer Rhode Islands Roger Williams. Von großer Bedeutung war außerdem Quäkerführer William Penn, der 1681 die Kolonie Pennsylvania gründete. Beide Ansiedlungen zeichneten sich durch eine gewisses Maß an religiöser Toleranz aus.

Auch die Gesellschaft der Freunde, die Quäker, hatten einen nicht unerheblichen Anteil am Entstehen des US-amerikanischen Freiheitsverständnisses. Dem Verständnis der Gesellschaft der Freunde nach sollten Menschen tolerant, aufrichtig und offen sein. Alle Menschen wurden zudem als gleich angesehen, egal, ob Mann oder Frau und gleich, in welchem Amt man saß. Des Weiteren stellten sich die Quäker auch gegen die Sklaverei und sollten später in der Geschichte führend unter den Abolitionisten sein. Durch die Opposition gegen den englischen Staat und gegen die anglikanische Kirche waren sie von Beginn ihrer Existenz an, Mitte des 17. Jahrhunderts, Verfolgungen ausgesetzt und flohen deshalb neben anderen mit den Puritanern nach Nordamerika. Ihre Ansichten zur Gleichberechtigung äußerten sich in demokratischen Verfassungen in den Quäkergemeinden.

Eine weitere Religion von großem Einfluss war die anglikanische Staatskirche, die sich vor allem im Süden der neuen Kolonien, Virginia und Maryland, ansiedelte. Deren Anhänger entwickelten ein System der Sippenloyalität, „Virginia Aristocracy“, welche einen großen Teil wohlhabender Pflanzerfamilien umschloss. Die Aristokratie übernahm einerseits die Verantwortung für das Gesamtwohl der Kolonien und erfüllte eine Führungsfunktion, die anderseits auch mit Privilegien der anglikanischen Kirche, wie Steuervorteilen, vergolten wurden.[6]

Den wohl größten Einfluss auf das US-amerikanische Selbstverständnis hatten allerdings die Kalvinisten in Person der Puritaner. Deren „Überzeugung von einer ‚besonderen Mission’ [...] strahlte bald auf alle Kolonien aus, verband sich in der Revolution mit der Ideologie des Republikanismus und wurde im 19. Jahrhundert Teil des amerikanischen Selbstbewusstseins.“[7]

Das US-amerikanische Freiheitsverständnis hatte also von Beginn an eine stark religiöse Komponente, hauptsächlich protestantischen Ursprungs, die sich aus verschiedenen Glaubensströmungen und -gruppen speist, wie den Quäkern, den Puritanern, den Presbyterianern, den Baptisten, den Lutherischen Gemeinden, den Anglikanern, aber auch Katholiken. Alle Siedler, gleich welcher Religion angehörig, hatten die gemeinsame Hoffnung, in Nordamerika Schutz vor Verfolgung und Freiheit für die Ausübung ihres Bekenntnisses genießen zu können.

3.2 Weltlich-philosophische Einflüsse

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Freiheitsempfindens der US-Amerikaner ergab sich aus den Entwicklungen während der geistesgeschichtlichen Epoche Aufklärung. Nordamerikanische und europäische Denker beeinflussten sich gegenseitig mit Ideen zu Menschenrechten, Kosmopolitismus, eines neuen, aufgeklärten Absolutismus und der Relativierung der Kirchengewalt.

Die gebildeten Kolonisten verstanden sich als Angehörige einer transatlantischen Kulturgemeinschaft und nahmen aktiv an den geistigen Bewegungen und Auseinandersetzungen der Europäer teil. Belege aufklärerischer und liberaler Elemente sind beispielsweise in der Petition des ersten Kontinentalkongresses an Georg III., in den Grundrechteerklärungen der ersten Staaten Amerikas, der Unabhängigkeitserklärung oder der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika zu finden.

Das letztgenannte Dokument beispielsweise fußt unter anderem auf Elementen der politischen Theorie Jean-Jacques Rousseaus und John Lockes, wonach der Staat aufgrund des Willens der Menschengemeinschaft und auf Basis des Gesellschaftsvertrages zur Entstehung gelangt.[8]

Als das „Paradedokument der Aufklärung“[9] wird die Unabhängigkeitserklärung angesehen. An ihr haben mit Thomas Jefferson, John Adams, Benjamin Franklin, Roger Sherman und Robert R. Livingston Vertreter der Unabhängigkeitsbewegung mitgewirkt. Sie ließen in ihr Theorien zum Naturrecht und ebenfalls Ideen zum Gesellschaftsvertrag einfließen.[10] Entscheidend beeinflusst von seit langem in Europa kursierenden rationalistischen Gedanken, die das Dogma der Kirche kritisierten und rationale bzw. empirische Vernunft zum Wissensgewinn und der Lebensorganisation des Einzelnen betonten (Deismus), schuf die Kommission um Jefferson einen Text, der in der Komplettierung der in ihm vereinten aufklärerischen Ideen „Ausdruck amerikanischer Geisteshaltung“[11] ist.

So ist schon im zweiten Abschnitt der Erklärung, übersetzt durch Henrich Miller und in dieser Form veröffentlicht in dem von Herbert Schambeck und anderen herausgegebenen Buch, zu lesen, „daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit“[12].

Des Weiteren wurde darin festgehalten, dass das Volk die Regierung bestimmt, sie verändern, absetzen und neu einsetzen kann, so dass schlussendlich die Bedingungen gegeben sind, dass die „Erhaltung von Sicherheit und Glückseligkeit“[13] gewährleistet ist. Da König Georg III. sich nach Meinung der Kolonienvertreter vertragswidrig verhalten hat, sagten sich die Kolonien mit Berufung auf den „allerhöchsten Richter der Welt“[14] und dem „Vertrauen auf den Schutz der Göttlichen Vorsehung“[15] vom britischen Mutterland los. Mit dem Gottesbezug rechtfertigten die Kolonialisten ihr Tun und verbanden damit gleichzeitig liberale, aufklärerische Ideen mit tiefer christlich-reformierter Religiosität in einer dem zukünftigen Staat profilgebenden Symbiose: Das „natürliche Recht“ ist universal gültig und göttlichen Ursprungs.[16]

Die Vereinigung von Elementen der Aufklärung, wie Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit mit christlichem Glauben findet sich noch heute beispielhaft im Treuegelöbnis, welches in den Grundschulen vieler Staaten vorgeschrieben ist: „Ich gelobe Treue der Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und der Republik, die sie repräsentiert, einer Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle.“[17] Darin wird zugleich manifest, dass die „Nation der Vereinigten Staaten von Amerika“ Ausdruck dieser Vereinigung von Aufklärung und Christentum ist, womit die Nation und die sie repräsentierende Flagge an bildlicher Stärke gewinnen und für den Bürger damit das Instrument zur nationalen Identitätsfindung sind. Die fast transzendental-erhöhte symbolische Bedeutung der Flagge ist heutzutage immer wieder in der sehr offensiven Zurschaustellung derselben in allen visuellen Medien zu erkennen.

3.3 Das Selbstverständnis der Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika

In der Selbstsicht der US-Amerikaner, nicht nur in jener der Gründerväter, sondern auch in den Betrachtungen von Zeitgenossen des Sezessionskrieges, war „Amerika“ mehr als nur ein Staat. „Amerika“ wurde glorifiziert und mystifiziert. Es war „die Nation“: „Amerika“ bedeutete die vollzogene Demokratisierung von Gesellschaft und Staat. Lincoln sah in der Nation der Vereinigten Staaten von Amerika „niemals einen Wert an sich [...], sondern er verstand sie als unersetzliches Vehikel für die schrittweise Annäherung an die Ideale der menschlichen Freiheit und Gleichheit. Nicht das nationale Interesse, sondern die demokratische Botschaft der Unabhängigkeitserklärung“[18] waren für das Handeln der US-amerikanischen Politiker seit jeher die idealtypische Richtschnur.[19] Schriftsteller wie Melville, Hawthorne, Thoreau, Whitman und Emerson trugen ebenfalls zu dieser „moralisch-religiösen“[20] Prägung des „Amerika“-Begriffs bei und „feierten die amerikanische Demokratie als Teil des göttlichen Erlösungswerkes für die gesamte Menschheit“[21].

Dieses Verständnis, dieser stark christlich-religiös geprägte Amerikanismus war und ist immer noch dem größten Teil der Gesellschaft der Vereinigten Staaten von Amerika zu Eigen und entwickelte sich aus einer gemeinsamen Mentalitätsgeschichte. Ein sich an dem Erwähltheitsglauben der kalvinistischen Puritaner anlehnendes Element der kulturellen Identität ist dabei das Bewusstsein, dass die Vorfahren sich freiwillig und bewusst dafür entschieden haben, in dem Gebiet der (späteren) Vereinigten Staaten von Amerika zu leben. Ein anderes ist das Gemeinschaftsgefühl, eine Volkskultur (vermeintlich) ohne Eliten: Gleichheit, Gleichberechtigung und Einheit.

„Je stärker der Amerikanismus durch unterschiedliche rassische, religiöse oder sprachliche Traditionen strapaziert wurde, desto heftiger musste er propagiert werden. Einheitsstiftenden Symbolen wie der Flagge, nationalen Feiertagen oder der „frontier“ kam deshalb besonderes Gewicht zu.“[22]

3.4 Der Widerspruch von Anspruch und Wirklichkeit

Trotzdem das US-amerikanische Selbstverständnis durch seine Religiosität und durch die Aufnahme liberaler Ideen moralisch sehr integer und ethisch höchst anspruchsvoll ist bzw. sein wollte und will, konnte sich eine menschenverachtende Praxis wie die Sklaverei etablieren und über einen langen Zeitraum existieren. Die Folgen der im Süden sogenannten „besonderen Einrichtung“ sind selbst heute noch spürbar, in Form von Vorurteilen und latentem und subtilem Rassismus. Auch entsprach der Umgang der Kolonialisten mit den Ureinwohnern ebenso wenig dem Freiheitsideal und dem Naturrecht, welches die aufgeklärten Staatsgründer für sich proklamierten. Beispiele dafür sind, neben anderen, der Indian Removal Act von 1830 bzw. das als Konsequenz von Verfolgungen resultierende Massaker am „Wounded Knee“ 1890.

[...]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/American_Way_of_Life, gefunden am 03.06.2005

[2] Heideking, Jürgen: Geschichte der USA, Tübingen und Basel 1999, S.146

[3] vgl.: Raeithel, Gert: Geschichte der nordamerikanischen Kultur. Band 1: Vom Puritanismus bis zum Bürgerkrieg 1600 – 1860, Frankfurt/ Main 1995, S. 35

[4] Heideking: Geschichte der USA, S. 10

[5] http://usa.usembassy.de/etexts/his/e_g_geschichte.htm, gefunden am 03.06.05

[6] vgl.: Heideking: Geschichte der USA, S. 7f

[7] Heideking: Geschichte der USA, S. 14

[8] Schambeck/ Widder/ Bergmann: Dokumente, S. 167

[9] Schambeck, Herbert/ Widder, Helmut/ Bergmann, Marcus (Hrsg.): Dokumente zur Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, Berlin 1993, S. 113

[10] vgl.: Heideking, Jürgen/ Nünning, Vera: Einführung in die amerikanische Geschichte, München 1998, S. 25

[11] zitiert nach: Schambeck/ Widder/ Bergmann: Dokumente, S. 114

[12] zitiert nach: Schambeck/ Widder/ Bergmann: Dokumente, S. 114

[13] zitiert nach: Schambeck/ Widder/ Bergmann: Dokumente, S. 114

[14] zitiert nach: Schambeck/ Widder/ Bergmann: Dokumente, S. 118

[15] zitiert nach: Schambeck/ Widder/ Bergmann: Dokumente, S. 118

[16] vgl.: Heideking/ Nünning: Einführung, S. 25

[17] Sautter, Udo: Die Vereinigten Staaten: Daten, Fakten, Dokumente, Tübingen und Basel 2000, S. 206

[18] Heideking: Geschichte der USA, S. 175

[19] vgl.: Heideking: Geschichte der USA, S. 175

[20] Heideking: Geschichte der USA, S. 175

[21] Heideking: Geschichte der USA, S. 175

[22] Raeithel, Gert: Geschichte der nordamerikanischen Kultur. Band 2: Vom Bürgerkrieg bis zum New Deal 1860 - 1930, Frankfurt/ Main 1995, S. 1

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Sklaverei, Bürgerkrieg und Rekonstruktion
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung)
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
53
Katalognummer
V53156
ISBN (eBook)
9783638486828
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sklaverei, Bürgerkrieg, Rekonstruktion, Thema Sklaverei in Amerika
Arbeit zitieren
Johannes Keil (Autor), 2005, Sklaverei, Bürgerkrieg und Rekonstruktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53156

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