In der Mitte und zum Ende des Jahres 1920 wurde die italienische Sprache um neue Vokabeln bereichert: fascismo, um die politische Bewegung der Fasci di combattimento zu bezeichnen, die am 23. März 1919 von Benito Mussolini und anderen an der Piazza San Sepolcro in Mailand gegründet worden waren, fascisti, um deren Anhänger zu identifizieren. Der Begriff fascismo, Faschismus, drückt – im Gegensatz zu anderen politischen Begriffen - nichts aus, und leitet sich ab von den fasci, Bünden. Um diese Bünde, ihre Bündler und deren ganz besondere Form der Bündlerei, um den Faschismus, geht es in der vorliegenden Studie – von seinen Anfängen bis zur Mitte der dreißiger Jahre.
Ihr Ziel ist es, den italienischen Faschismus als Phänomen der italienischen Geschichte zu erklären, denn der Faschismus ist „italienisch“, in seinen Spezifika an Italien, seine Geschichte und politische Kultur gebunden, und der Begriff muss folglich für die politische Bewegung in Italien reserviert bleiben - ein Oberbegriff, der auch andere politische Bewegungen als „faschistisch“ subsumiert, ist nicht zulässig.
„Unserer Ansicht nach bedeutet den Faschismus definieren, zuallererst die Geschichte des Faschismus schreiben.“,1 hält Angelo Tasca fest und dazu wird zunächst auf den Rahmen verwiesen, in dem das politische Phänomen entstand: den Risorgimento – Staat, seine Entstehung aus der besonderen Form von italienischem Nationalismus und Sozialismus. In der Auseinandersetzung über den Eintritt Italiens in den Weltkrieg wird seine früheste Form sichtbar, auch im Werdegang seines künftigen Protagonisten, des ehemaligen Marxisten Mussolini. In der Nachkriegszeit zunächst ohnmächtig, verschafft ihm die Krise, die auf den Krieg folgt, die Möglichkeit zum Marsch auf Rom und zur Übernahme der Regierung. Diese Regierung entwickelt sich zu einer Diktatur, die weder Militär- oder Königsdiktatur noch Diktatur des Proletariats ist, sondern ein neuartiges Regime errichtet, dass charakterisiert und dessen politische Praxis dargestellt wird. Entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des Faschismus ist der Abessinien – Krieg Mitte der dreißiger Jahre, der ihn scheinbar triumphieren läßt, seinen Weg in den Untergang aber bereits anzeigt. Wie und warum das so ist, wird erläutert. Abschließend wird der Faschismus bewertet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Risorgimento – Staat
2.1 Der Risorgimento – Staat: Genesis und Strukturen
2.2 Der Risorgimento – Staat: Entwicklung bis zum Weltkrieg
3. Die Quellflüsse des Faschismus
3.1 Der revolutionäre Nationalismus
3.2 Der revolutionäre Syndikalismus
4. Die Interventionskrise
4.1 Mussolini
4.2 Die Interventionsfrage
4.3 Die Intervention
5. Italien im Krieg und die Entwicklung des Linksinterventionismus
6. Die Fasci di combattimento
7. Die Nachkriegskrise
7.1 Der ökonomische Ruin
7.2 Das biennio rosso
7.3 Der agrario socialismo
7.4 Die vittoria mutilata
7.5 D´Annunzio in Fiume
7.6 Die Paralyse der parlamentarischen Demokratie
8. Der Aufstieg der Fasci
8.1 Der Ausbruch der Fasci aus der politischen Isolation
8.2 Die faschistische Explosion und die Reaktion
8.3 Die Offensive der Fasci
8.4 Der Agrarfaschismus
8.5 Die Bewegung wird zur Partei
9. Der Marsch auf Rom
10. Die faschistische Regierung
10.1 Die faschistische Koalitionsregierung
10.2 Die Matteotti – Affäre
11. Die Errichtung der faschistischen Diktatur
12. Die faschistische Repression
13. Die Staatspartei
14. Der Duce
15. Der Anspruch des faschistischen Staates
16. Der korporative Staat des Faschismus
17. Der integrale Staat des Faschismus
18. Faschismus und Rassismus
19. Die faschistische Erziehungsdiktatur
20. Die faschistische Apotheose des Staates
21. Ein totalitärer Staat?
22. Propaganda und Selbstdarstellung des Regimes
23. Das Regime zwischen Anspruch und Wirklichkeit
24. Die Wirtschafts- und Finanzpolitik des Regimes
25. Die Außenpolitik des Regimes
26. Der Abessinien – Krieg
27. Der Untergang des Faschismus
28. Bewertung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entstehung, Entwicklung und Ausgestaltung des italienischen Faschismus von seinen ideologischen Wurzeln im Vorkriegsitalien bis zur Mitte der dreißiger Jahre. Ziel ist es, den Faschismus als spezifisch italienisches Phänomen zu erklären, das tief in der Geschichte und politischen Kultur Italiens verwurzelt ist, und dabei seine Transformation von einer revolutionären Bewegung in ein autoritäres Regime zu analysieren.
- Historischer Rahmen des italienischen Risorgimento-Staates
- Die Quellflüsse des Faschismus: revolutionärer Nationalismus und Syndikalismus
- Mussolinis politischer Werdegang und die Interventionskrise
- Der Aufstieg zur Macht und die Etablierung der Diktatur
- Wirtschafts-, Finanz- und Außenpolitik des faschistischen Regimes
Auszug aus dem Buch
3.1 Der revolutionäre Nationalismus
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildeten sich in Italien nationalistische Intellektuellenzirkel, die schon bald mit der Herausgabe von Zeitschriften begannen, wie „Il Leonardo“ (gegründet 1903 von Giovanni Papini und Giuseppe Prezzolini), „Il Regno“ (gegründet 1904, herausgegeben von Giovanni Papini und Enrico Corradini), „La Voce“ (herausgegeben von Giuseppe Prezzolini), „Lacerba“ und „L´Anima“, und sich vom sozusagen traditionellen Nationalismus absetzten. Inwiefern? Der traditionelle italienische Nationalismus hatte das Risorgimento, das Wiederaufleben der Nation qua staatlicher Einheit, betrieben und getragen, während und seit der Gründung des Nationalstaates die in ihm ursprünglich starken republikanisch – demokratischen bis sozialrevolutionären, auch von völkerverbindenden Ideen mitbestimmten Kräfte, von Giuseppe Garibaldi und Giuseppe Mazzini repräsentiert, an den Rand gedrängt, sich von ihnen getrennt.
Fortan war es ihm um eine imperiale Politik im Mittelmeer und in Afrika zu tun – offizielle Regierungspolitik spätestens seit den Ministerien Crispis der achtziger und neunziger Jahre. Italien hatte nicht nur seine Irredenta im Trentino, in Triest und Dalmatien – das Risorgimento vollendend - zu erlösen, sondern auch seine Machtstellung durch Eroberung eines Kolonialreiches zu der einer sechsten europäischen Großmacht zu heben. Der Nation war damit zudem Siedlungsland für die italienischen Auswanderer zu erschließen und ihren internen sozialen Konflikten war ein Ventil zu geben, das die liberale Ordnung stabilisierte.
Der neue revolutionäre Nationalismus teilte die außenpolitischen Projekte der liberalen Regierungen, entzündete sich aber an ihrem völligen Mißlingen – der „Schande von Adua“, wo Italien schwarzafrikanischen Kriegerhorden unterlegen war – und wendete sich gegen das liberale Regime. Was hatte denn die liberale Ordnung für Italien erreicht? Weniger als nichts, siehe Adua. Worin lag das nationale Debakel begründet? Im liberalen System selbst, seiner Ideologie, dem schwachen Staat, den sie hervorbrachte, und der die Nation militärisch und ökonomisch, machtpolitisch impotent machte, Italien nicht den Rang geben konnte, der ihm, gerade vor dem Hintergrund seiner ruhmreichen Vergangenheit mit ihren römisch – imperialen, militärischen, zivilisatorischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Leistungen gebührte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Faschismus als ein spezifisch italienisches Phänomen und skizziert den zeitlichen und inhaltlichen Rahmen der Studie.
2. Der Risorgimento – Staat: Dieses Kapitel analysiert das liberale politische System Italiens vor dem Faschismus, dessen instabile Strukturen und die Herausforderungen durch Sozialismus und Katholizismus.
3. Die Quellflüsse des Faschismus: Hier werden die ideologischen Ursprünge des Faschismus im revolutionären Nationalismus und Syndikalismus nachgezeichnet.
4. Die Interventionskrise: Der Fokus liegt auf der Rolle Mussolinis während der Krise um den Eintritt Italiens in den Weltkrieg und seinem Wandel vom Marxisten zum Linksinterventionisten.
5. Italien im Krieg und die Entwicklung des Linksinterventionismus: Dieses Kapitel behandelt die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf Italien und die weitere ideologische Radikalisierung der interventionistischen Kräfte.
6. Die Fasci di combattimento: Die Gründung und Konstituierung der ersten Kampfbünde in Mailand im Jahr 1919 wird als zentrales Ereignis der faschistischen Bewegung dargestellt.
7. Die Nachkriegskrise: Eine detaillierte Analyse der wirtschaftlichen und sozialen Destabilisierung nach dem Krieg, inklusive des "biennio rosso" und der "vittoria mutilata".
8. Der Aufstieg der Fasci: Das Kapitel beschreibt den Übergang der faschistischen Bewegung zur Massenpartei durch systematische Gewaltanwendung und die politische Schwäche des Staates.
9. Der Marsch auf Rom: Die Machtergreifung Mussolinis wird als Resultat eines Machtvakuums im instabilen parlamentarischen System Italiens interpretiert.
10. Die faschistische Regierung: Die erste Phase der faschistischen Koalitionsregierung und die Matteotti-Krise, die zur Festigung der Macht führte, werden untersucht.
11. Die Errichtung der faschistischen Diktatur: Dieses Kapitel behandelt den schrittweisen Umbau Italiens in einen autoritären Einparteienstaat.
12. Die faschistische Repression: Eine Analyse des Unterdrückungsapparats des faschistischen Regimes im Vergleich zu anderen Diktaturen.
Schlüsselwörter
Italienischer Faschismus, Benito Mussolini, Risorgimento, Revolutionärer Nationalismus, Revolutionärer Syndikalismus, Interventionismus, Nachkriegskrise, biennio rosso, Fasci di combattimento, Marsch auf Rom, Diktatur, Korporatismus, Totalitarismus, Abessinien-Krieg, Autarkie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entstehung und den Aufstieg des italienischen Faschismus von seinen ideologischen und historischen Ursprüngen bis hin zur Etablierung einer Diktatur unter Mussolini in den 1930er Jahren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den ideologischen Wurzeln im Nationalismus und Syndikalismus, dem Scheitern des liberalen Staates, der Rolle Mussolinis während der Interventionskrise und der gewaltsamen Machtergreifung nach dem Ersten Weltkrieg.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist die Einordnung des Faschismus als spezifisch italienisches Phänomen, das eng mit der nationalen Geschichte und den sozioökonomischen Krisen der Nachkriegszeit verknüpft ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische politikwissenschaftliche Untersuchung, die auf der Analyse von Primärquellen, zeitgenössischen Diskursen und einer intensiven Aufarbeitung der historischen Forschungsliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der ideologischen Quellen, die Krisenerscheinungen des liberalen Italiens, den Aufstieg der faschistischen Bewegung und schließlich die Konsolidierung der Macht bis hin zur faschistischen Repression und Außenpolitik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Faschismus, Mussolini, Nationalismus, Syndikalismus, biennio rosso, totalitärer Anspruch und Machtergreifung.
Warum wird der Faschismus im Text nicht als durchweg rassistisch eingestuft?
Der Text argumentiert, dass der Faschismus primär auf nationalen und kulturellen Kategorien basierte und keinen biologistischen Rassismus im Sinne des deutschen Nationalsozialismus vertrat, wobei er jedoch nationale Minderheiten im Sinne der Italianisierung unterdrückte.
Welche Rolle spielten die "Ras" bei der Ausbreitung der faschistischen Macht?
Die "Ras" waren regionale Führerfiguren mit großer Autonomie, die den Agrarfaschismus vor Ort organisierten und maßgeblich zur Ausbreitung der Bewegung durch gewaltsame Angriffe auf sozialistische Strukturen beitrugen.
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- M.A. Michael Preis (Author), 2003, Der italienische Faschismus: Von seinen Anfängen bis zur Mitte der dreißiger Jahre, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53294