Der Herodianische Tempel


Hausarbeit, 2005
47 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Funktionen von Kultbauten allgemein

3. Geschichtliche und religiöse Einordnung des Herodianischen Tempels

4. Die Tempelanlage
4.1. Das Tempelplateau
4.2. Der Tempel
4.2.1. Der Eingang
4.2.2. Die drei Vorhöfe
4.2.3. Das Innere

5. Die liturgische Bedeutung des Herodianischen Tempels
5.1. Das Kultpersonal
5.2. Das Opfer

6. Der Tempel heute - Die Klagemauer

Schluss

7. Abbildungen

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wer den Tempel des Herodes nicht gesehen hat, hat noch kein wahrhaft schönes Gebäude gesehen.“1

Dieses Sprichwort, das aus der Zeit des Herodianischen Tempels stammt lässt erah- nen, dass es sich um einen prächtigen Bau gehandelt haben muss. Diese Pracht bzw. das Aussehen und der Aufbau des Tempels, aber auch dessen Funktionen geben sehr viele verschiedene Quellen wieder. Die Bücher von Flavius Josephus gehören einer dieser Quellen an. Er lebte zur Zeit des Tempels und beschrieb in seinen Büchern das Aussehen des Tempels sowie den dort stattfindenden Kult. Neben ihm gab es noch andere, wie zum Beispiel Philo von Alexandria. Auch er hat Bücher verfasst in denen er auf die Kulthandlungen der damaligen Zeit eingeht. Eine andere Quelle ist die Tora. Sie beinhaltet wichtige Gesetzte und Kultvorschriften und ist für das Judentum und das Christentum von Bedeutung. Im Christentum heißt die Tora „die fünf Bücher Mose“. Der „Talmud“, ein jüdisches Buch, das aus der „Mischna“ und der „Gemara“ besteht, darf auch nicht unerwähnt bleiben. Diese Schriften enthalten Bestimmungen zum Kult und Maßangaben zum Tempel. Weitere wichtige jüdische Schriften, bezo- gen auf den Herodianischen Tempel sind die „Tosefa“ und der „Midraschim“. Als letzte Quelle ist die Archäologie zu nennen. Archäologen haben es durch ihre Unter- suchungen geschafft, einzelne Teile des Tempels zu rekonstruieren. Hilfreich waren ihnen dabei einerseits die Überbleibsel einzelner Teile des Tempels (z.B. Mauerres- te) aber auch durch Ausgrabungen gefundene Gegenstände aus der damaligen Zeit. Zum Beispiel Münzen, die den Tempel zeigen.

Zwei Punkte, die im Zusammenhang mit den aufgeführten Quellen zu nennen sind, sind Zuverlässigkeit und Echtheit. Keiner kann heute mehr mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass der Tempel wirklich exakt so aussah wie z.B. Josephus ihn beschreibt. Bei der Mischna gibt es zudem das Problem, dass viele Aussagen über den Tempel erst nach 130 Jahren aufgeschrieben wurden und es daher fraglich ist, ob alles der Richtigkeit entspricht. Die Rekonstruktion wird demnach durch die Quel- lenlage erschwert.

Die von der Verfasserin dieser Arbeit verwendete Literatur (ausgenommen der Originalquellen) wurde von Wissenschaftlern verfasst, die sich ihrerseits auf die genannten Quellen bezogen haben und die danach versucht haben den Tempel und die dort stattfindenden Kulthandlungen zu rekonstruieren.

Im Vordergrund dieser Arbeit sollen die Funktionen des Tempels stehen. Dazu wird die Verfasserin wie folgt vorgehen:

Um den Tempel am Ende dieser Arbeit besser einordnen zu können, wird eine Übersicht über die Funktionen von Kultbauten allgemein gegeben (Kapitel 2.). Dort soll gezeigt werden, was in Kultbauten normalerweise stattfinden kann und wie dies geschieht. Anschließend wird die Verfasserin eine geschichtliche und religiöse Einordnung des Tempels vornehmen (Kapitel 3).

Im vierten Kapitel wird der Aufbau der Tempelanlage dargestellt. Im Besonderen wird auf den Tempel eingegangen. Hier soll dargestellt werden, dass der Tempel architektonisch gesehen aus mehreren Abschnitten bestand. Zudem sollen die Funk- tionen der Abschnitte herausgestellt werden. Das anschließende Kapitel (Kapitel 5) beschäftigt sich inhaltlich einerseits mit dem Kultpersonal (Kapitel 5.1) und anderer- seits mit den im Tempel stattfindenden Kulthandlungen (Kapitel 5.2). Dabei geht die Verfasserin in Kapitel 5.1 schwerpunktmäßig auf die Priester und in Kapitel 5.2 auf das „Opfer“ ein. Zudem sollen in diesem Kapitel die mit dem Opfer im Zusammen- hang stehende liturgische Ordnung beschrieben werden. Das ist wichtig, um weitere Funktionen zu erkennen.

Im letzten Kapitel (Kapitel 6) kehrt die Verfasserin in die heutige Zeit zurück und geht auf den letzten noch existierenden Teil des Tempels ein, die Klagemauer. Auch an dieser Stelle sollen nach ein paar einführenden und erklärenden Worten die Funktionen der Mauer im Mittelpunkt stehen.

2. Funktionen von Kultbauten allgemein

In diesem Kapitel soll zuerst der Begriff „Kultbauten“ definiert werden. Dafür ist es notwendig das Wort „Kult“ näher zu bestimmen. Anschließend folgt ein allgemeiner Überblick über die Funktionen von Kultbauten.

S. Mowinckel definiert den Begriff „Kult“ im religionswissenschaftlichen Sinne wie folgt:

„I. K. kann definiert werden als die sichtbaren, gesellschaftlich festgesetzten und geordneten, wirkungskräftigen Formen, durch die das religiöse Erleben der Gemeinschaft zwischen Gottheit und »Gemeinde« verwirklicht wird und ihre Wirkungen ausübt. Kult ist somit kein Sondergebiet der Religion, sondern ein Hauptaspekt derselben, in Relation zu dem all ihre Phänomene betrachtet wer- den können.“2

Koch und Roloff sehen das ganz ähnlich:

„1. Die besondere aus dem Alltag herausgehobenen […] Weise gemeinschaftlichen Verkehrs von Menschen mit einem göttlichen Bereich bezeichnet die Religionswissenschaft als K.“3

Mit Hilfe dieser Definitionen kann man auf folgende Bedeutung des Wortes „Kultbauten“ schließen. Demnach sind Kultbauten Gebäude (Bauten = Gebäude[4]) in denen Menschen durch verschiedene „Formen“ mit einem göttlichen Bereich „verkehren“. Die Funktionen des Gebäudes spiegeln sich in den genannten Formen wieder. Wie diese Formen bzw. Funktionen aussehen, soll im Folgenden erläutert werden. Als erstes ist J. G. Davies5 zu nennen der folgende allgemeine Funktionen aufgestellt hat:

a) Dienste an der Gottheit („Service of deities“)
b) Übermittlung von Offenbarung und Lehre („Conveyance of revelation and tea- ching“)
c) Erscheinungsformen der Verehrung und Feiern von Festen („Manifestation of reve- rence and celebration of festivals“)
d) Gemeinde Gottesdienst („Congregational worship“)

Diese Funktionen konkretisiert er durch Beispiele:

Der Dienst an der Gottheit ist eine kultische Handlung, die auch heute noch vor allem im Hinduismus stark ausgeprägt ist.6 Das Kultbild wird mit Wasser gekühlt, gesalbt, edel gekleidet, mit Blumen behangen und zu Bett getragen.7 Der Kultbau übernimmt demnach die Funktion der Wohnung für die Gottheit und gleichzeitig dient er als Platz der Verehrung.

Die Übermittlung von Offenbahrung und Lehre ist eine weitere Funktion von Kult- bauten. Zum Beispiel diente der Babylonische Tempel der Voraussage von Ereignis- sen und beschäftigte Wahrsager, Geistesbeschwörer und Astrologen.8 In christlichen Kirchen geschieht die Übermittlung von Offenbahrung und Lehre über die Predigt, die von Priestern oder Pfarrern abgehalten wird.9 Man kann demnach Kultgebäude auch als Lehrstätte ansehen.

Als weiteren Punkt beschreibt Davies die Erscheinungsformen der Verehrung. Er nennt als erstes religiöse Gebäude, die als Denkmäler dienen, da sie Reliquien von Religionsstiftern oder Heiligen enthalten.10 In diesem Zusammenhang fungieren Kultbauten oft als Dankstätte oder als Orte an denen Menschen Hilfe suchen.11 Kult- bauten können auch dazu dienen Kranke aufzunehmen. Dies ist ein weiterer Aspekt den Davies aufnimmt.12 An diesem Punkt spiegelt sich die soziale Funktion von Kultbauten wieder. Hier zeigt sich zudem, dass es auch Funktionen gibt, die über den rein religiösen Bezug hinausgehen.

Verehrung zeigt sich durch das Hinpilgern zu heiligen Stätten. Die Buddhisten fah- ren z.B. nach Adams Peak, wo ein Fußabdruck von Gautama existiert.13 Hier wird deutlich, dass Kultbauten gleichzeitig heilige Stätten sein können, welche wiederum als Wahlfahrtsorte dienen. Als letzten Unterpunkt nennt Davies das Feiern von Fes- ten. Ein Beispiel ist Weihnachten, wo der Geburtstag Jesus Christus in der Kirche gefeiert wird.14

Als letzte Funktion nennt Davies den Gemeindegottesdienst. Dieser kann eine Feier zum Gedenken an die Handlungen der Gottheit sein.15 Bei einem Gottesdienst kom- men meist viele Menschen zusammen, so dass der Gottesdienst auch der Versamm- lung dienen kann und das Kultgebäude, in dem er stattfindet als Versammlungsort.16

Die von Davies genannten Funktionen geben lange nicht alles das wieder, was in Kultbauten passieren kann. Eine weitere Funktion ist z.B. der Rückzug von der Außenwelt, wie es in Klöstern der Fall ist.17 Zu nennen sind auch Riten, wie Taufe, Hochzeit oder Totenfeier, die in vielen Religionen in den Kultbauten stattfinden. Weiterhin gehören Opfer, Segnungen, Prozessionen und Tänze zu dem was allgemein in Kultbauten stattfinden kann.18

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die enge Verzahnung von Kult und Architektur. Die in den Bauten stattfindenden Kulthandlungen können Einfluss auf den inneren bzw. äußeren Aufbau der Gebäude haben.19 Zu nennen sind Bauten in denen Prozessionen stattfinden. Diese müssen mit extra Korridoren ausgestattet sein, auf denen diese Prozessionen stattfinden können.20

Die Ausführungen zeigen, dass Kultbauten viele Funktionen haben können und diese nicht immer rein religiöser Art sein müssen. Die konkrete Ausübung des Kultes variieren von Religion zu Religion. Daraus wiederum ergeben sich unterschiedliche architektonische Aufbauten der einzelnen Gebäude.

Es stellt sich nun die Frage, welche Funktionen der Herodianische Tempel hatte? Wurden dort Gottesdienste abgehalten? Wenn ja, in welcher Form? Galt er als Wallfahrtsort? Oder hatte er eine soziale Funktion? Wie hängt der architektonische Aufbau mit den dort stattfindenden Kulthandlungen zusammen?

Antworten auf die Fragen, werden die Kapitel 4-6 liefern.

3. Geschichtliche und religiöse Einordnung des Herodiani- schen Tempels

Im Folgenden wird die Verfasserin den Herodianischen Tempel historisch und religiös einordnen. Dazu ist es wichtig, die Vorgeschichte des Tempels anzuschauen. Anschließend soll ein Überblick über die Entstehung, die politischen Machtverhältnisse, die Zerstörung des Tempels und die religiösen Gruppen, für die der Tempel von Bedeutung war, gegeben werden.

Der Ort an dem der Herodianische Tempel stand war nicht zufällig gewählt. An die- ser Stelle soll das „Abrahamopfer“ stattgefunden haben.21 Dort errichtete Abraham einen Altar „den er den Namen ‚Yahweh-yiréh’ gab: ‚Der Herr wird sehen’, und wie es heute heißt, ‚auf dem Berg des Herrn wird er gesehen werden’ (Mose I, 22, 14) - eine symbolische Anspielung auf Jerusalem.“22 Nach Mazar scheint dieser Ort „von alters her in Ehren gehalten worden zu sein.“23 König David errichtete einen Altar auf dem Berg „Moriah“.24 Dieser Berg galt als heilig und wurde damals betrachtet als „geeignet für ein nationales Zentrum des jüdischen Volkes.“25 Er ist wahrschein- lich gleichzusetzen mit dem Berg auf dem Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte. Der Berg „Moriah“ wird auch „Tempelberg“, „Berg des Herrn“ oder „Heiliger Berg“ genannt.26 Andere Überlieferungen besagen, dass nicht „Moriah“ zum Tempelberg wurde, sondern der Berg „Zion“.27 Es ist also nicht eindeutig, ob der Berg Moriah oder Zion hieß, auf dem die Tempel gebaut wurden. Auf jeden Fall handelt es sich um einen von Gott ausgesuchten Platz.

Der erste Tempel, der auf diesem Berg stand wurde von Salomon, errichtet. Dieser Tempel löste das Tabernakel28 ab, da die Bundeslade29 von nun an im Allerheiligsten des Tempels aufbewahrt wurde. 586 v. Chr. wurde der Tempel zerstört.30 Die Jüdi- sche Bevölkerung wurde damals verschleppt und es begann für sie die fünfzehnjähri- ge babylonische Gefangenschaft.31 538v. Chr. wurden die Juden freigelassen und kehrten in ihre Heimat zurück.32 Der jüdische Fürst Serubbabel fing an einen neuen, zweiten Tempel in Jerusalem zu bauen. Dieser befand sich an der gleichen Stelle, wo der Salomonische Tempel gestanden hatte.33 Das Allerheiligste, indem ursprünglich die Bundeslade gestanden hatte blieb leer, da diese bei der Zerstörung des Salomoni- schen Tempels abhanden gekommen war.34 Im ersten Jahrhundert vor Christus ver- stärkte sich der römische Einfluss und das Land wurde zu einer Provinz des römi- schen Reiches.35 Herodes wurde neuer König von Judäa.36 Er regierte als „König der Juden“37. Herodes befand sich in einer schwierigen Rolle. Einerseits blieb er „den jüdischen Traditionen treu“ und „hielt sich streng an das jüdische Ritual“ und ande- rerseits „musste er seine Stellung als treuer Vasall des römischen Imperiums sichern und seine Bindungen zur hellenistischen Welt aufrechterhalten.“38 Deshalb wurde Herodes vom Volk einerseits toleriert und andererseits gehasst.39

In der Literatur wird beschrieben, dass Herodes eine „rege Bautätigkeit“40 betrieb. Eines seiner Bauprojekte war die Erneuerung des zweiten Tempels. Da Herodes den Tempel Serubbables nicht ganz zerstörte sondern wie es heißt „erneuerte“ wird der Herodianische Tempel in der Literatur auch als „Zweiter Tempel“ bezeichnet.41 Das exakte Datum der Tempelerbauung bzw. Umbauung ist heute nicht mehr genau be- kannt. Benjamin Mazar bezieht sich auf die Schriften von Flavius Josephus und gibt 20 v. Chr. als Baubeginn an.42 Diese Meinung teilen auch weitere Wissenschaftler. Zur Bauzeit schreibt Alfred Edersheim: „Die eigentliche Bauzeit betrug 10 Jahre. Aber erst im Jahre 63 war alles fertig gestellt.“43 Herodes regierte bis zu seinem Tod (4v. Chr.). Die Zeit nach Herodes beschreibt Mazar als gekennzeichnet durch „innere Zwistigkeiten.“44 Im Jahre 66. n. Chr. begann der erste jüdische Aufstand in Jerusalem. Im Jahre 70 n. Chr. wurde der Tempel von Titus45 zerstört. Die Zerstörung des Tempels stellte für die Überlebenden eine „religiöse Katastrophe“46 dar. Alles das, was „als Grundlage des offiziellen Jahweglaubens vermittelt worden war wurde, die Verf. in Frage“ gestellt.47 Nach der Zerstörung gab es mehrere Vorhaben den Tempel wieder aufzubauen, doch letztendlich scheiterten alle.48

Heute steht an der Stelle, wo einst der Herodianische Tempel seinen Platz hatte der Felsendom, ein arabisches Heiligtum, dass im Jahre 691 n. Chr. erbaut wurde und die El-Aqsa-Moschee.49 Das einzige, was an den zweiten Tempel erinnert ist eine Mauer, die heute als Klagemauer bezeichnet wird.

Wie in der geschichtlichen Einordnung schon ein paar Mal angedeutet wurde handel- te es sich bei dem von Herodes regiertem Volke um Juden. Damit ergibt sich eine erste religiöse Einordnung. Das jüdische Volk und damit die jüdische Religion ent- standen wahrscheinlich vor ca. 4000 Jahren.50 Stammvater des Volkes war Abraham der sich mit seiner Sippe zwischen Jordan und Mittelmeer, im heutigen Israel nieder- ließ.51 Der Stifter der jüdischen Religion war Mose, der von Gott die Thora (die fünf Bücher Mose) für das jüdische Volk empfing.52 Die dort enthaltenen Gesetze bzw. Kultbestimmungen bildeten die erste Grundlage für die jüdische Religion. Das Ju- dentum war die erste monotheistische Religion. Juden glauben an den einen Gott Jahwe und an den Messias der kommen wird, um die Menschen zu erlösen.53

Neben des Judentums spielte noch eine zweite Religion zur Zeit des Herodianischen Tempels eine Rolle: Das Christentum. Dies gilt wahrscheinlich nicht für die Zeit vor der Geburt Jesu, da das Christentum nach den Auffassungen vieler Wissenschaftler erst mit Jesu und manche sagen sogar erst mit dem Tod Jesu bzw. mit seiner Aufer- stehung entstanden ist.54 Die mit Jesus im Zusammenhang des Tempels stehenden Ereignisse zeigen jedoch, dass der Tempel auch für Christen von Bedeutung ist. Je- sus kam schon als zwölfjähriger Junge in den Tempel und unterhielt sich mit den Gelehrten55. Später lehrte er im Tempel das Volk. Zudem versammelten sich im Tempel die ersten Christen. In einer der Hallen des Tempels sprach Jesus: „Ich und der Vater sind eins.“56 Weiterhin lassen viele Bibelstellen erkennen, dass Jesus auch ein positives Verhältnis zu den Kulthandlungen im Tempel hatte.57 Hieraus wieder- um lässt sich ableiten, dass auch der Kult im Tempel für das Christentum wichtig war. Der Herodianische Tempel war somit gleich für zwei Religionen von Bedeu- tung, auch, wenn die eine der Beiden (das Christentum) erst in der Zeit des Tempels entstanden ist und zahlenmäßig weit unterlegen war.

4. Die Tempelanlage

Die nachfolgenden Unterkapitel beschäftigen sich mit dem Aufbau des Herodianischen Tempels und insbesondere mit den Funktionen der einzelnen Gebäudeabschnitte und der dort befindlichen Gegenstände.

4.1. Das Tempelplateau

Um den Ausführungen besser folgen zu können, befindet sich auf Seite 36 ein Über- sichtsplan des Tempelplateaus. André Parrot schreibt zu den Ausmaßen der Gesamt- anlage: „Die Gesamtfläche des geweihten Bezirks […] hatte einen Umfang von un- gefähr 1380 Metern. Sie besaß die Form eines Trapezes und maß im Westen etwa 480 Meter, im Norden 300 Meter. Man gelangte durch acht Tore hinein“58 (siehe Abb. 1, Nr., 1-8, S. 36). Nordwestlich befand sich die „Burg Antonia“59 (siehe Abb. 1, Nr., 9, S. 36). Die Lage der Burg wird unterschiedlich dargestellt. Bei Edersheim liegt die Burg außerhalb des Tempelplateaus und nicht wie auf der Abbildung zu erkennen, ein kleines Stück innerhalb.60 Hier zeigt sich, das in der Einleitung ange- sprochene Problem der Echtheit und Zuverlässigkeit der Quellen. Wahrscheinlich haben beide Autoren verschiedene Quellen benutzt. Das gesamte Tempelplateau bot Platz für ca. 400.000 Menschen.61 Diese Angabe hilft dabei, sich die Größe des Pla- teaus besser vorzustellen. Der „geweihte Bezirk“ wurde umgeben von Säulenhallen. Alfred Edersheim schreibt dazu: „Diese „Säulenhallen“ […] gehörten zu den beein- druckendsten architektonischen Bestandteilen des Tempels“62 (siehe Abb. 1, Nr. 10, 10a, 10b, S. 36 und Abb. 2 und 3, S. 37). Sie „waren Treffpunkte, wo man sich mit Bekannten traf und Gespräche führte.“63 Zudem hatten die Hallen noch eine weitere Funktion, nämlich die Begrenzung des „Vorhofs der Heiden“ (siehe Abb. 1, Nr. 11, S. 36). Die Namensgebung dieses Hofes erklärt Edersheim wie folgt: „Seinen Namen trug er, weil er Juden wie Heiden offen stand, sofern sie sich angemessen verhiel- ten.“64 Auf dem Hof befanden sich Geldwechsler und zu Festen boten Verkäufer Opfertiere an. Zudem diente der Platz als Schlafstätte für die Leviten65.66 Es zeigt sich, dass das Tempelplateau eine Vielzahl von Funktionen hatte, welche aber alle mit dem eigentlichen Tempel in Verbindung standen. Der eigentliche Tempel befand sich innerhalb des „Vorhofes der Heiden“.

4.2. Der Tempel

Der Tempel „erhob sich […] auf einer kleinen Terrasse, die von einem etwa 1,5 Meter hohen Steingeländer umgeben war“67 (siehe Abb. 1, Nr. 13, S. 36). Ein Grundriss befindet sich auf Seite 38. (Abbildung 4). Vor dem Tempel befanden sich Steintafeln, die nichtjüdische Menschen davor warnten, die Grenze vom „Vorhof der Heiden“ zum Tempel zu überschreiten.68 Wahrscheinlich hatte man Angst, dass der Tempel entweiht werden könnte.

4.2.1. Der Eingang

Um in den Tempel hineinzugelangen musste man zuerst durch eines der Tore an dem genannten Steingeländer gehen und anschließend eine Treppe hinaufsteigen. Dann gelangte man „auf eine […] Terrasse namens ‚Chel’, die an der Mauer um den inne- ren Vorhof grenzte.“69 Nach den Ausführungen Edersheim und auch nach dem Tem- pelgrundriss von Mazar gab es rund herum insgesamt neun Tore, durch die man in das Innere des Tempels gelangen konnte. Mazar und Edersheim beziehen sich dabei wahrscheinlich auf Josephus, da dieser von neun Toren berichtet.70 Der Tempel- grundriss nach dem Talmud zeigt jedoch weitere Tore und stellt insgesamt 13 dar (siehe Abb. 4, Nr. 1-13, S. 38). Zudem unterscheiden sich Edersheim und der Tal- mud in der Reihenfolge der Tore. Das „Funkentor“ und das „Opfertor“ sind in den Plänen an entgegengesetzter Stelle zu finden. Hier zeigt sich wieder, dass die Quel- len auf die sich die Wissenschaftler beziehen unterschiedlich sein müssen. Die Na- men der Tore scheinen nach ihrem Platz bzw. nach ihrem Zweck verteilt worden zu sein. Das Osttor, welches wegen seiner besonderen Schönheit auch „korinthisches Tor“ oder „Schönes Tor“ genannt wurde bildete den Haupteingang zum Heiligtum.71 Um es zu erreichen, musste man noch mal eine flache Treppe hinaufsteigen.72 Ging man durch dieses Tor hindurch, kam man in den ersten von insgesamt drei Vorhöfen.

[...]


1 Sprichwort aus dem Talmud, zitiert nach Meek, H. A. (1996): Die Synagoge. München: Knesebeck Verlag. S. 48, Hervorhebung die Verf..

2 Mowinckel, S.: Kultus, Religionswissenschaftlich. I. Definition. In: Galling, Kurt. (Hrsg.) (1960): Religion in Geschichte und Gegenwart: Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft.3. völlig neu bearbeitete Auflage. Bd. 4. Tübingen: J.C.B. Mohr. S. 120-126.

3 Koch, Klaus und Roloff, Jürgen: Kult. 1. Begriff; Inhalt. In: Koch, Klaus; Otto, Eckart; Roloff, Jürgen und Schmoldt, Hans (Hrsg.) (2000): Reclams Bibellexikon. 6., verbesserte Auflage. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co. S. 294-296.

4 Vgl. Bau: b) Pl. Bauten. In: Bünting, Karl, Dieter u.a. (Hrsg.) (1996): Deutsches Wörterbuch. Chur: Isis Verlag AG. S. 141.

5 Vgl. Davies, J. G.: Architecture. In: Mircea Eliade (Hrsg.) (1987): Encyclopedia of Religion. Bd. 1. New York: Macmillian Publishing Company. S. 387-390.

6 Vgl. Davies, 1987, S. 387.

7 Vgl. Davies, 1987, S. 387.

8 Vgl. Davies, 1987, S. 389.

9 Vgl. Davies, 1987, S. 389.

10 Vgl. Davies, 1987, S. 389.

11 Vgl. Davies, 1987, S. 389.

12 Vgl. Davies, 1987, S. 389.

13 Vgl. Davies, 1987, S. 389.

14 Vgl. Davies, 1987, S. 389f..

15 Vgl. Davies, 1987, S. 390.

16 Vgl. Davies, 1987, S. 389.

17 Vgl. Mensching, G.: Kloster. I Religionsgeschichtlich. In: Galling, Kurt. (Hrsg.) (1960): Religion in Geschichte und Gegenwart: Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 3. völlig neu bearbeitete Auflage. Bd. 3. Tübingen: J.C.B. Mohr. S. 1671.

18 Vgl. Lanczkowski, Günter: Heilige Stätten. I. Religionsgeschichtlich. In: Müller, Gerhard (Hrsg.) (1995): Theologische Realenzyklopädie. Bd. 14 . Berlin: Walter de Gruyter & Co. S. 647.

19 Vgl. Davies, 1987, S. 388.

20 Vgl. Davies, 1987, S. 388.

21 Vgl Die Bibel, Luthertext. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft. 2.2004. 1. Mose 22,2ff., S. 22.

22 Mazar, Benjamin (1979): Der Berg des Herrn. Neue Ausgrabungen in Jerusalem. Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag GmbH. S. 91.

23 Mazar, 1979, S. 91.

24 Vgl. Mazar, 1979, S. 91.

25 Mazar, 1979, S. 91.

26 Vgl. Mazar, 1979, S. 91.

27 Vgl. Mazar, 1979, S. 48f..

28 Das Tabernakel war ein Zelt, ein tragbares Heiligtum, speziell für ein Normadenvolk entworfen. Es war das erste Heiligtum was die Hebräer überhaupt bauten. Im Allerheiligsten wurde die Bundeslade aufbewahrt. Siehe: Meek, 1996, S. 28.

29 Die Bundeslade war ein Schrein der die Bundestafeln (die 10 Gebote, auf zwei Steintafeln, die Moses von Gott erhalten hat) enthielt. Siehe: Torczyner, H.: Bundeslade. In Oppenheimer, John, F. u.a. (Hrsg.) (1967): Lexikon des Judentums. Gütersloh: C. Bertelsmann Verlag. S. 137.

30 Vgl. Meek, 1996, S. 46.

31 Vgl. Meek, 1996, S. 46.

32 Vgl. Meek, 1996, S. 46.

33 Vgl. Meek, 1996, S. 46.

34 Vgl. Mazar, 1979, S. 98.

35 Vgl. Israel Ministry of Foreign Affairs, The second Temple, http://www.mfa.gov.il/MFA/History/History+of+Israel/HISTORY%20The%20Second%20Temple, 12.09.2005.

36 Vgl. Israel Ministry of Foreign Affairs, The second Temple.

37 Vgl. Mazar, 1979, S. 71.

38 Mazar, 1979, S. 71.

39 Vgl. Mazar, 1979, S. 71.

40 Meek, 1996, S. 46. Vgl. auch Hans Künzl, Hannelore: Der Synagogenbau in der Antike. In: Schwarz, Peter (Hrsg.) (1988): Die Architektur der Synagoge. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 46.

41 Vgl. Safrai, Shmuel (1978): Das jüdische Volk im Zeitalter des Zweiten Tempels. 1. Auflage. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag (Information Judentum Band 1). S. 55.

42 Vgl. Mazar, 1979, S. 106.

43 Edersheim, Alfred (1997): Der Tempel Mittelpunkt des geistlichen Lebens zur Zeit Jesu. Übersetzt von Ulrich und Beate Bartsch u.a.. Wuppertal: R. Brockhaus Verlag (Erstveröffentlichung des Originaltextes von Alfred Edersheim 1874). S. 8.

44 Mazar, 1979, S. 74.

45 Titus war der Sohn des römischen Kaisers Vespasian, der damit beauftrag war den jüdischen Aufstand niederzuschlagen. Siehe: Galling, K.: Judentum. I Vom Exil bis Hadrien. In: Galling, Kurt. (Hrsg.) (1960): Religion in Geschichte und Gegenwart: Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 3. völlig neu bearbeitete Auflage. Bd. 3. Tübingen: J.C.B. Mohr. S. 985.

46 Pohlmann, Karl-Friedrich: Religion in der Krise - Krise einer Religion. Die Zerstörung des Jerusa- lemer Tempels 587 v. Chr.. In: Hahn, Johannes (Hrsg.) (2002): Zerstörung des Jerusalemer Tempels. Tübingen: J.C.B. Mohr. (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament; Bd. 147). S. 40.

47 Pohlmann, 2002, S. 41.

48 Vgl. Mazar, 1979, S. 87 ff..

49 Vgl Meek, 1996, S. 52ff..

50 Vgl. Israel Ministry of Foreign Affairs, Das Zeitalter der Bibel, http://www.mfa.gov.il/MFADE/Facts%20About%20Israel/Geschichte%20Das%20Zeitalter%20der% 20Bibel, 29.09.2005.

51 Vgl. Israel Ministry of Foreign Affairs, Das Zeitalter der Bibel.

52 Vgl. Israel Ministry of Foreign Affairs, Das Zeitalter der Bibel.

53 Vgl. Ortag, Peter (2004): Jüdische Kultur und Geschichte. Hg. v. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung. 5. aktualisierte Auflage.

54 Vgl. Braun, H: Christentum. I Entstehung. In: Galling, Kurt. (Hrsg.) (1960): Religion in Geschichte und Gegenwart: Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft.3. völlig neu bearbeitete Auflage. Bd. 1. Tübingen: J.C.B. Mohr. S. 1685.

55 Vgl. Die Bibel, 2004, Lk 2,46, S. 70.

56 Die Bibel, 2004, Joh 10,30, S. 121.

57 Vgl. Die Bibel, 2004, Mt 23,18, S. 32, Mt 8,4, S. 10.

58 Parrot, André (1956): Der Tempel von Jerusalem + Golgatha und das Heilige Grab. ZollikonZürich: Evangelischer Verlag AG. (Bibel und Archäologie II). S. 66f..

59 Die Burg Antonia wurde von Herodes erbaut. Im 1. Jahrhundert n. Chr. wohnten dort die römische Garnison. Siehe: Edersheim, 1997, S. 18.

60 Vgl. Edersheim, 1997, S. 41.

61 Vgl. Edersheim, 1997, S. 8.

62 Edersheim, 1997, S. 35.

63 Edersheim, 1997, S. 38.

64 Edersheim, 1997, S. 38.

65 Die Leviten waren ein Stammes und Kultverband, der sich auf den Jakobssohn Levi zurückführt. Siehe: Koch, K.: Leviten. In: Bo Reicke und Leonhard Rost (Hrsg.) (1964) Biblisch-historisches Handwörterbuch. Bd. 2. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG. S. 1077.

66 Vgl. Edersheim, 1997, S. 38.

67 Parrot, 1956, S. 72.

68 Vgl. Parrot, 1956, S. 72.

69 Edersheim, 1997, S. 39.

70 Vgl. Josephus, Flavius: Der jüdische Krieg. 3. Auflage. Übersetzt von Hermann Endrös. München: Wilhelm Goldmann Verlag. S. 414 f..

71 Vgl. Edersheim, 1997, S. 39.

72 Vgl. Edersheim, 1997, S. 38.

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Details

Titel
Der Herodianische Tempel
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Kultbauten in den Religionen
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
47
Katalognummer
V53325
ISBN (eBook)
9783638488044
Dateigröße
1307 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herodianische, Tempel, Kultbauten, Religionen
Arbeit zitieren
Miriam Kleinemas (Autor), 2005, Der Herodianische Tempel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53325

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