Lord Henry Wotton Vorbild vs. Verführer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
24 Seiten, Note: Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Was sind Vorbilder?

2. Welche Bedeutung haben Vorbildfunktionen für den Roman?

3 Kurzcharakterisierung der drei Hauptpersonen
3.1 Lord Henry Wotton
3.2 Basil Hallward
3.3 Dorian Gray

4 Lord Henry als Vorbild vs. Verführer
4.1 Mit welchen Mitteln verführt Lord Henry und mit welche Auswirkungen hat es auf Dorians Leben?

5 Bezug zur heutigen Zeit

6 Literatur

1. Was sind Vorbilder?

Vorbilder sind Personen, denen nacheifert wird bzw. die imitiert werden. Vorbilder können sowohl Menschen aus dem Familien- oder Bekanntenkreis als auch Prominente oder historische Personen sein. Sie müssen nicht als ganze Personen nachgeahmt werden- ihre Vorbildsfunktion kann sich auf bestimmte Eigenschaften konzentrieren: man mag über Oliver Kahn denken was man will, aber in Sachen Kampfgeist ist er für viele Menschen ein Vorbild.

Ein solcher Star, kann zu einem Idol werden. Idole werden als „(falsches) Leitbild, Trugbild; jemand oder etwas als Gegenstand übermäßiger Verehrung“ beschrieben. Wichtig ist, dass bei Idolen (im Gegensatz zu Vorbildern), diese Verehrung ins Irrationale, Mystische gleitet. Sie rufen zur Gefolgschaft auf, einem Idol folgt man. Ein Idol ist gewissermaßen „kein Mensch aus Fleisch und Blut“ mehr, es wird unsterblich.

2. Welche Bedeutung haben Vorbildfunktionen für den Roman?

Die Vorbildsfunktion spielt im Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ eine große Rolle. Der Maler Basil Hallward sieht in Dorian Gray ein Vorbild. Basil entdeckt in Dorians Persönlichkeit eine Art und Weise, die ihm einen neuen Kunststil offenbart. Für ihn ist Dorian eine Inspiration, ein Vorbild, da er seine Schönheit verehrt. Lord Henry Wotton ist für Dorian ein Idol. Henry ist das Leitbild, das Dorian auf den falschen Weg, den Weg der Sünde, leitet bzw. verführt. Dorian wird immer abhängiger von Henry, seine Fluchtversuche aus dieser Abhängigkeit schlagen fehl, denn er fühlt sich zu sehr hingezogen.
Der Roman bezieht seine gesamte Spannung nicht so sehr aus der Handlung als vielmehr aus der graduellen Veränderung der Figuren, die durch andere ausgelöst wurde. Der Leser ist fasziniert von der Beobachtung, wie sich die Figuren wandeln, und das ist die eigentliche Handlung. Sie spielt in den Köpfen, Wahrnehmungen und Empfindungen von Dorian, Basil, Lord Henry und den anderen ab. Eine besondere Spannung entsteht durch die Tatsache, dass es Veränderungen sind, gegen die sich die Protagonisten eigentlich wehren. Sie wissen rational, dass es nicht gut ist auf eine bestimmte Art und Weise zu Denken, Handeln oder zu Empfinden. Dennoch sind sie davon fasziniert und können sich diesem Einfluss nicht entziehen. Der Leser beobachtet die Sucht der Protagonisten –vor allem Dorian- die zerstörerisch ist und eben doch keine Wahl lässt. Diese Spannung zwischen dem guten Vorsatz (das eigene Leben zu retten) und der Verführung (einfach den Augenblick zu genießen) macht den Roman aus.

3 Kurzcharakterisierung der drei Hauptpersonen

3.1 Lord Henry Wotton

„Leben Sie! Leben Sie das wundervolle Leben, das in ihnen ist! [...] Scheuen Sie vor nichts zurück... Ein neuer Hedonismus- das ist es, was unser Jahrhundert braucht.“ (S. 33). Dieser Satz macht die Stellung Lord Henrys im Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” sehr deutlich. Er ist der zynische, weltgewandte Verführer der Titelfigur Dorian Gray.

Lord Henry ist einer der besten Freunde des begabten Londoner Malers Basil Hallward. Sie sind in ihrer Lebensphilosophie sehr verschieden, was schon der Dialog im ersten Kapitel überdeutlich zeigt. Basil ist ein Träumer, der die Mystik und Romantik im Leben schätzt. Lord Henry Wotton hingegen ist ein Mensch, der die Welt real wie nur möglich sehen will. Bei seinen Aussagen schwankt er stets zwischen blankem Zynismus und boshaftem, erschreckendem Humor. „Ach, Bruder! Aus Brüdern mache ich mir nichts. Mein älterer Bruder will nicht sterben, und meine jüngeren scheinen nichts anderes zu tun.“ (S. 19).

Obwohl Basil nicht an die Boshaftigkeit Lord Henrys glaubt, will er ihn nicht mit seinem neuen Modell und Freund Dorian Gray bekannt machen. Er glaubt, dass Lord Henrys verführerische Weisheiten auf Dorian überspringen und ihn verderben könnten. Wie es der Zufall will, trifft Dorian mitten im Gespräch der beiden Freunde ein, eine Bekanntmachung der beiden wird für Basil unsausweichlich.

Lord Henry beginnt eine sehr gesellschaftskritische Rede, die Dorian von Anfang an erschreckt, aber auch fasziniert. „Nahezu zehn Minuten stand er dort, reglos mit geöffnetem Mund und merkwürdig glänzenden Augen. Unklar war ihm bewusst, dass völlig neue Einflüsse in ihm am Werke waren.“ (S. 29). Die Aspekte Lord Henrys sind für ihn völlig neu und scheinen ihm sehr interessant, und er findet zunehmend Gefallen an der zynischen Lebenshaltung Henrys.

Jeder Einfluss ist unmoralisch - unmoralisch vom wissenschaftlichen Stanpunkt aus. Weil einen Menschen beeinflussen soviel bedeutet, wie ihm die eigene Seele geben. Er denkt nicht mehr seine natürlichen Gedanken oder entflammt in seinen natürlichen Leidenschaften. Seine Tugenden gehören in Wahrheit nicht ihm. Seine Sünden, wenn es so etwas wie Sünden gibt, sind geborgt. Er wird das Echo der Musik eines anderen, der Darsteller einer Rolle, die nicht für ihn geschrieben wurde. Das Ziel des Lebens ist Selbstentfaltung. (S. 27/28)

Der Einfluss Lord Henrys beginnt bereits zu wirken.
Das Verhalten Dorians gegenüber seiner großen Liebe, der Schauspielerin Sibyl Vane, zeigt zum ersten Mal, welche Früchte die Aussagen Henrys bei Dorian tragen. Als sie ihn durch schlechte Schauspielerei verärgert, erklärt er die Beziehung für beendet. Selbst ihr Selbstmord lässt ihn nicht lange trauern.
Dorian stellt ihren Suizid als eine der schönsten Liebesdramen überhaupt dar und kommt so über ihren Verlust hinweg- ein Gedanke, den er völlig ohne Henry entwickelt.

Mit der Zeit ist es Henry, der dafür sorgt, dass sich Dorian und dessen früherer Freund Basil zunehmend entfremden. Henry entwickelt in Dorian einen richtigen Hass auf Basil. Dorian wird nach und nach eine Eins-zu-eins Kopie von Henry.

3.2 Basil Hallward

Basil Hallward, ein beliebter Maler aus einem angesehenen Londoner Stadtviertel, mit schwarzen Haaren und einem groben Gesicht, malt das Portrait von Dorian Gray. Er studierte in Oxford, besitzt hohe geistige Fähigkeiten und ist sehr selbstbewusst. Allerdings leidet er unter einer Kommunikationsschwäche, die sich in den Sitzungen für das Portrait von Dorian Gray bemerkbar macht: „Es ist freilich wahr, beim Arbeiten rede ich nicht und höre auch nicht zu, und dass muss schrecklich langweilig sein für die Unglücklichen, die mir sitzen.“ (S. 27).

Basil sieht in Dorian das Auftauchen einer neuen Persönlichkeit in der Kunst. Seine Persönlichkeit hat ihm eine völlig neue Kunstform offenbart, für ihn ist Dorian eine Inspiration, da er seine Schönheit verehrt. Er liebt und vergöttert Dorian, was in dem Buch auf einen indirekten Vorwurf der Homosexualität deutet.

Dorian von dem Augenblick an, da ich Ihnen begegnete, hat Ihre Persönlichkeit einen ganz außerordentlichen Einfluss auf mich ausgeübt. Sie beherrschten mich, meine Seele, mein Gehirn, meine Schaffenskraft. Sie wurden mir die Verkörperung jenes unsichtbaren Ideals, das uns Künstler im Gedenken wie ein köstlicher Traum verfolgt. Ich vergöttere Sie. Ich würde eifersüchtig auf jeden, mit dem Sie sprachen. Ich wollte Sie ganz für mich haben. Ich war nur glücklich, wenn ich mit Ihnen zusammen war. Wenn Sie nicht bei mir waren, so waren Sie doch immer in meiner Kunst gegenwärtig. (S.128).

Basil sieht die Dinge jetzt anders und fasst sie anders auf, z.B. malt Basil ein Landschaftsbild, das zu einen der besten Arbeiten wurde und das nur, weil Dorian neben ihm saß.

Sie erinnern sich an meine Landschaft [...] Weil Dorian neben mir saß, als ich sie malte. Eine fast unmerkliche Einwirkung ging von ihm aus, und zum ersten Mal in meinem Leben erblickte ich in der einfachsten Waldlandschaft das Wunder, das ich stets gesucht und stets verfehlt hatte. (S. 21)

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Lord Henry Wotton Vorbild vs. Verführer
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Anglistik Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Oscar Wilde
Note
Gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V5335
ISBN (eBook)
9783638132497
ISBN (Buch)
9783656058366
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lord, Henry, Wotton, Vorbild, Verführer, Oscar, Wilde
Arbeit zitieren
Dawn Puckett (Autor), 2002, Lord Henry Wotton Vorbild vs. Verführer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5335

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