Bonifatius und die Gründung der mitteldeutschen Bistümer Würzburg, Erfurt und Büraburg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die Mission des Bonifatius in Hessen und Thüringen
1. Das Missionsland
a) Hessen
b) Thüringen
2. Die missionarische Tätigkeit des Bonifatius

II. Die Gründung der mitteldeutschen Bistümer
1. Bonifatius‘ Ziel: Kirchenreform
2. Grundsätzliches zur Gründung von Bistümern
3. Schritte zur erzbischöflichen Vollmacht
a) Bischofsweihe
b) Ernennung zum Missionserzbischof
c) Päpstlicher Legat
4. Bistumsgründungen in Hessen-Thüringen
a) Concilium Germanicum
b) Die Errichtung der Bistümer

III. Weiterer Verlauf der bonifatianischen Reformen
1. Reformstau in Mitteldeutschland
2. Die Entwicklung von Mainz zum Erzbistum
Schluss
Benutzte Literatur:
Quellen:
Sekundärliteratur:

Einleitung

Im frühen Mittelalter wirkten zahlreiche angelsächsische Missionare auf dem europäischen Kontinent, besonders in dem großen Frankenreich der Karolingerzeit. Einer von ihnen erreichte hervorragende Berühmtheit als „Apostel der Deutschen“, „Greatest Englishman“ und sogar „Baumeister unseres Kulturkreises“. Es handelt sich um den in der ersten Hälfte der 670-er Jahre im Südwesten Englands geborenen Wynfreth, der im 8. Jahrhundert unter dem römischen Namen Bonifatius in Germanien bekannt geworden ist. Auf sein Konto gehen neben der Missionierung einiger Stämme, die noch zum großen Teil im Heidentum verwurzelt waren, einige bedeutende Änderungen in der fränkischen Kirche. Er stieß eine große Kirchenreform an, stellte die Verbindung zum römischen Bischof als universelles Kirchenoberhaupt her und sorgte sich tätig um die moralische Reinheit der Christen, vor allem der kirchlichen Amtsträger. Doch in einigen seiner Ziele scheint er gescheitert zu sein. Die geplante Kirchenreform verlief nicht so wie vorgestellt und die angestrebten Bistumsgründungen in Mitteldeutschland stellten sich langfristig gesehen als Fehlschlag heraus. Welche Ziele hatte Bonifatius mit den Bistumsgründungen in Hessen-Thüringen verfolgt und warum erreichte er sie letztendlich nicht? Um diese Frage soll es in der vorliegenden Hausarbeit gehen.

In der Geschichtsschreibung wurde Bonifatius unterschiedlich betrachtet. Die Beurteilung seiner Person wandelte sich im Laufe der Jahrhunderte je nach den Interessen und Informationsstand der jeweiligen Personenkreise, die sich mit ihm beschäftigten. Die wechselnden Vorstellungen „verdeckten mehr und mehr seine eigene Persönlichkeit“[1], da er oft der Durchsetzung eigener Interessen dienen sollte. So ist es nicht ganz einfach, seine eigentlichen Motive und Einstellungen einzuschätzen und zu beurteilen, aufgrund der erhaltenen schriftlichen Zeitzeugnisse jedoch nicht völlig unmöglich. Dies trifft speziell auch auf die Angelegenheit der hessisch-thüringischen Bistümer zu. Die Quellenlage zu Bonifatius, speziell bezüglich der Kirchenreform in Hessen-Thüringen sieht folgendermaßen aus. Ein Teil seines Briefwechsels mit den jeweils amtierenden Päpsten ist erhalten, ebenso Bischofseid, Ernennungsurkunden und Empfehlungsschreiben. Aus diesen Briefen kann man einiges schließen. Weitere Informationen liefert die Bonifatiusvita des Willibald von Mainz, die einige Jahre nach dem Tod des Bonifatius in Auftrag gegeben wurde. Im großen Ganzen dient sie als Quelle über das Leben des Germanenmissionars, muss im Einzelnen aber mit Vorsicht genossen werden, da ihr Auftraggeber Lul, der Nachfolger des Bonifatius, nicht nur rein historisch-dokumentarische Ziele damit verfolgte, sondern unter anderem die Absicht hatte, seine eigene Machtposition damit zu zementieren. Spätere Viten des als Heiliger verehrten Mannes sind nicht von Zeitzeugen verfasst worden, die sich nur auf Überlieferungen und frühere schriftliche Zeugnisse wie die erste Vita und die Briefe stützen konnten.

In der Hausarbeit soll nun zunächst die Missionsarbeit des Bonifatius unter den Hessen und den Thüringern etwas beleuchtet werden, um dann auf die Reformen des Missionserzbischofs und die hessisch-thüringische Kirchenorganisation mit ihren Schwierigkeiten zu kommen.

Naemi Fast,

Eppstein, im Oktober 2005

I. Die Mission des Bonifatius in Hessen und Thüringen

1. Das Missionsland

Das Land, in dem Bonifatius missionierte – Hessen, Thüringen und Mainfranken - gehörte schon seit dem 6. Jahrhundert zum Frankenreich und wies bereits gewisse fränkische Strukturen auf. Die Krise der Karolingerherrschaft war zur Wirkungszeit des Bonifatius weitgehend überwunden und damit der Zeitpunkt für die Christianisierung der Randgebiete durchaus günstig. Allerdings war die alte heidnische Kultur noch ziemlich stark im Volk verankert. Ein großes Problem dabei war, dass die fränkische Kirche zu jener Zeit Eigenkirche ohne wirklichen Bezug zu Rom war. Die Abhängigkeit von Rom war zwar formell anerkannt, praktisch aber bedeutungslos, was sich erst durch die Reformtätigkeit des Bonifatius änderte, dessen Ziel es war, die fränkische Kirche in das römische Kirchensystem einzubinden und die Autorität des Papstes verbindlich zu machen.

a) Hessen

Die Hessen waren ein geschlossener Stamm innerhalb des Frankenreichs mit einem Kernland um die untere Eder herum, bei Fritzlar und Gudensberg. Sie waren schon in den Stammesverband der Franken integriert und hatten auch eine gewisse fränkische Verwaltung mit Fiskalland und befestigten Plätzen, so dass die Mission im Schutz der Reichsgewalt gute Stützpunkte innerhalb des Landes hatte. Der Alltag der Hessen war jedoch kaum berührt von der fränkischen Kultur, sie hatten ihre heidnischen Bräuche bewahrt und dienten nach wie vor dem Donar, dem Wodan und anderen altgermanischen Göttern. Zudem lag ihr Land nahe an der Grenze und befand sich in ständiger Gefahr der Sachseneinfälle. Nördlich des Gebiets der Hessen lag der Lahngau mit dem zentralen fränkischen Stützpunkt Amöneburg. Hier hatte sich die fränkische Herrschaft stärker durchgesetzt und es gab bereits einheimisches Christentum. In Amöneburg gründete Bonifatius die erste Mönchsniederlassung mit einer Struktur ähnlich seinem Heimatkloster Exeter. Von hier aus wollte er an seine eigentliche Aufgabe gehen – die Reinigung des Christentums von heidnischem Wildwuchs und die Erneuerung der Kirche.

b) Thüringen

In der Gegend um Würzburg herum war die fränkische Volkssiedlung bereits im vollen Gange. Auch hier war das Christentum nicht fremd. Es war von fränkischer Seite bereits nach Thüringen gebracht worden und hatte seinen Mittelpunkt in Erfurt, es gab jedoch auch bedeutende Einflüsse von den Klöstern Weißenburg und Echternach. Bis 689 hatte hier im Maingebiet der irische Missionar Kilian gewirkt. Es wird angenommen, dass die erste Predigt in Thüringen arianisch und nicht katholisch war.

Die kirchliche Erschließung dieses Raumes, der zunächst nicht zu Bonifatius‘ Missionsgebiet gehörte, ging vom Bistum Mainz aus. Schieffer bezeichnet das Christentum in Thüringen als „verwildert, aber schon bodenständig.“[2] Jedenfalls war auch hier das Heidentum noch verbreitet. Als Bonifatius 719 zum ersten Mal dorthin kam, traf er eine christliche Machtelite an, der es aber „noch nicht vollständig gelungen [war], den neuen Glauben im Volk zu verankern“[3] und unter der er sehr zu seinem Leidwesen viele moralische und dogmatische Missstände vorfand.[4]

2. Die missionarische Tätigkeit des Bonifatius

Nach seinem ersten gescheiterten Versuch der Mission unter den Friesen 716 ging der Angelsachse Wynfreth bei seinem zweiten Anlauf, eine Missionstätigkeit auf dem Kontinent anzufangen, etwas anders vor. Er ließ sich 719 von dem Oberhaupt der römischen Kirche, in diesem Fall Papst Gregor II., offiziell legitimieren und als Heidenmissionar aussenden. Dabei nahm er den Namen des um 300 verstorbenen Heiligen Bonifatius an, den er weiterhin benutzte und unter dem er auch bekannt geworden ist. Der Papst fasste Bonifatius’ Auftrag schriftlich in Worte:

„daß Du in dem Wort der Gnade Gottes, […] bei allen im Irrtum des Unglaubens befangenen Völkern, zu denen Du unter Gottes Geleit gelangen kannst, den Dienst am Reich Gottes unter Anrufung des Namens Christi unseres Herrn und Gottes, von der Wahrheit angestiftet darstellst und im Geist der Tugend, der Liebe und der Nüchternheit die Verkündigung beider Testamente bei den unkundigen Gemütern in angemessener Weise verbreitest.“[5]

Als erstes ging der frischgebackene päpstliche Missionar nach Thüringen, wo er gleich mit einigen massiven Problemen der Heidenmission zusammenstieß. Das Christentum war zwar bereits bis hierher vorgedrungen, hatte sich aber trotz der christlichen Oberschicht noch nicht im Volk etabliert. Bonifatius wandte sich deshalb zunächst mit Ermahnungen an die weltlichen und geistlichen Oberhäupter, unter denen er erschütternde Verhältnisse antraf: einige waren „von schlechten Lehrern verführt“, andere „durch Hurerei beschmutzt und verunreinigt“[6]. Die Zusammenarbeit mit den weltlichen Machthabern wurde zu einer bedeutenden Schwierigkeit für den Missionar, denn er war wegen deren sakraler Verantwortung darauf angewiesen, ihre Interessen standen aber seinem Auftrag häufig entgegen, weil sie in religiösen Fragen nur den politischen Nutzen vor Augen hatten. Weitere Probleme waren die feste Verankerung heidnischer Vorstellungen und Bräuche im Volk und die desolate Struktur der fränkischen Kirche. Noch war Bonifatius’ Autorität nicht groß genug, um gegen diese Verhältnisse wirkungsvoll anzugehen. Deshalb verließ er Thüringen zunächst und schloss sich der Friesenmission unter Willibrord an. Nachdem er sich von diesem nach dreijähriger Zusammenarbeit wieder getrennt hatte, wandte sich Bonifatius aber für die nächsten fünfzehn Jahre wieder Thüringen und Hessen zu, ohne sein eigentliches Missionsziel, die Sachsen, aus dem Auge zu lassen.

In Hessen konnte Bonifatius seiner selbst gefassten Lebensaufgabe – der Heidenmission – nachkommen, denn obwohl das Land zwar vom Christentum erreicht war, lebten die meisten Menschen hier praktisch noch im Heidentum. Ein großer Teil der Arbeit des Bonifatius bestand neben Bekehrungspredigt und Taufe daraus, die heidnischen Gebräuche von dem christlich-paganen Sittengemisch zu trennen und die Menschen in der christlichen Lehre zu unterweisen, wie zum Beispiel bei der Begegnung mit Dettic und Deorulf, den Verwaltern des fränkischen Stützpunktes Amöneburg. Bonifatius holte hier und bei „einer großen Menge Volks“[7] den Mangel an christlicher Unterweisung nach und gründete zur Förderung der weiteren Verbreitung des Christentums ein kleines Kloster in Amöneburg.

Dafür, dass es Bonifatius nicht einfach nur darum ging, möglichst viele Leute zu christianisieren, spricht sein Grundprinzip der Missionsarbeit: dem Volk die Botschaft des Evangeliums verständlich zu machen – es also nicht in dem für die meisten unverständlichen Latein, sondern in der jeweiligen Volks- oder Stammessprache zu verkünden. Wie er dieses Prinzip einer Klostergemeinschaft anschaulich deutlich machte, zeigt der Vorfall im Kloster Pfalzel an der Mosel im Jahr 721.[8]

Da sich in seiner Arbeit immer stärkere Probleme auftaten, war Bonifatius bald soweit, dass er erkannte, eine stärkere Machposition zu benötigen, um hier wirkungsvoll die Kirchen zu organisieren und die Verhältnisse zu ordnen. Er schilderte dem Papst in einem nicht mehr erhaltenen Brief seine Probleme, worauf dieser ihn wieder nach Rom einlud und ihn am 30. November 722 zum Missionsbischof ohne festen Amtssitz weihte. Der Papst erteilte ihm schriftlich die bischöfliche Vollmacht mit konkreten Handlungsanweisungen[9] und stellte ihm einige Schreiben aus, um seine Unterstützung und Akzeptanz zu sichern. Das eine war ein Geleitbrief an die Christenheit in Germanien[10], die er aufforderte, ihm „in allem mit ganzer Kraft beizustehen und ihn in Christi Namen aufzunehmen“, ihn mit dem nötigen Materiellen zu versorgen und ihn zu unterstützen, wofür er als Lohn „Gemeinschaft mit den heiligen Märtyrern Jesu Christi“ im Himmel versprach, als Strafe für Zuwiderhandlung den Bannfluch und ewige Verdammnis androhte. Ein weiteres Schreiben, das Bonifatius erhielt, war ein Empfehlungsschreiben an die weltlichen Herrscher Thüringens Asulf, Godolav, Wilar, Gundhar und Alvold,[11] die den Missionar bei seiner missionarischen und kirchenorganisatorischen Arbeit unterstützen sollten, und zum Gehorsam gegen den Apostolischen Stuhl und Bonifatius aufgerufen wurden. Die Forderungen des Papstes in beiden Briefen sind so energisch formuliert, wie vorher nie da gewesen, denn seine Autorität hatte bisher nördlich der Alpen nicht viel gegolten. Die Zusammenarbeit mit Bonifatius ist einer der ersten Schritte auf dem Weg zur Durchsetzung des universalen Anspruchs der römischen Kirche, zu der Bonifatius einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Ein weiteres Empfehlungsschreiben des Papstes richtete sich an Karl Martell,[12] ebenfalls mit Ermahnungen zur Unterstützung und „tatkräftigster Begünstigung“ des Missionars. Die Verbindung zwischen den römischen Bischöfen und der karolingischen Kirche war somit hergestellt. Im Frühjahr 723 wandte sich Bonifatius an den Herrscher Karl Martell, der ihm in einem Schreiben seinen Schutz zusicherte.[13] So stieg die hessisch-thüringische Mission in den gleichen Rang „als kirchliche Neubegründung nach römisch-kanonischen Normen unter dem Schutze der fränkischen Staatsgewalt,“ wie vorher die friesische.[14]

[...]


[1] Padberg, Lutz E. von: Bonifatius. Missionar und Reformer. München: Beck 2003. S. 116.

[2] Schieffer, Theodor: Winfried-Bonifatius und die christliche Grundlegung Europas. Freiburg: Herder 1954. S. 150.

[3] Padberg: Bonifatius, S. 34.

[4] Dazu siehe: Briefe des Bonifatius. Willibalds Leben des Bonifatius. Nebst einigen zeitgenössischen Dokumenten. Unter Benützung der Übers. von M. Tangl und Ph. H. Külb neu bearb. von Reinhold Rau. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1968. Vita, S. 485.

[5] Briefe des Bonifatius: Brief 12, S. 47.

[6] Briefe des Bonifatius: Vita, S. 485.

[7] Briefe des Bonifatius: Vita, S. 489.

[8] Beschrieben z. B. in Padberg: Bonifatius, S. 36-37., nach der Vita Gregorii 51-53.

[9] Briefe des Bonifatius: Brief 18, S. 69-71.

[10] Briefe des Bonifatius: Brief 17, S. 65-69.

[11] Briefe des Bonifatius: Brief 19, S. 71-73.

[12] Briefe des Bonifatius: Brief 20, S. 72-73. Der überlieferte Brief soll eine Fälschung Otlohs sein, einen solchen oder ähnlichen an Karl Martell muss es aber gegeben haben.

[13] Briefe des Bonifatius: Brief 22, S. 77-79.

[14] Schieffer, S. 145.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Bonifatius und die Gründung der mitteldeutschen Bistümer Würzburg, Erfurt und Büraburg
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Historisches Seminar, Abteilung für Mittlere und Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V53396
ISBN (eBook)
9783638488600
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bonifatius, Gründung, Bistümer, Würzburg, Erfurt, Büraburg, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Naemi Fast (Autor), 2005, Bonifatius und die Gründung der mitteldeutschen Bistümer Würzburg, Erfurt und Büraburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53396

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