Von Erdbeben, Greifenaugen und kundigen Männern - Kindheit und Erziehung in der mittelalterlichen Alexanderdichtung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geburt

3. Alexanders frühe Kindheit

4. Erziehung und Ausbildung

5. Zusammenfassendes Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Um Alexander den Großen (356-323 v. Chr.), Ausnahmegestalt der Antike, militärisches Genie, Welteroberer, ranken sich seit jeher viele Mythen. Schon sehr früh wurde das Bild Alexanders überhöht und verklärt: „[B]ereits bei Kleitarchos (3. Jh.v. Chr.) und später bei Curtius Rufus“[1] sind das Leben und Wirken Alexanders „abenteuerlich ausgesponnen“[2]. Die Legendenbildung galt insbesondere der Abstammung, Geburt und Kindheit des Makedonierkönigs. Eine Legende, die auf den aus dem dritten Jahrhundert stammenden Alexanderroman des Pseudo-Kallisthenes zurückgeht und bis in das Mittelalter ihre Wirkung entfaltete, besagt etwa, das Alexanders Vater nicht etwa Phillip, sondern der letzte ägyptische König Nectanabos gewesen sei.

Der antike Geschichtsschreiber Plutarch hingegen weiß zu berichten, dass Alexanders wahrer Vater der Göttervater Zeus gewesen sei. Weiter schreibt Plutarch, dass Alexanders Mutter Olympias für sich u. a. in Anspruch nahm, direkt von dem griechischen Heros Achilles abzustammen. Sein Vater Philipp wollte angeblich vom Zeussohn Herakles abstammen. Wie lassen sich die vielfältigen und teils abstrusen Legendenbildungen um das Leben Alexanders, von denen an dieser Stelle nur ein kleiner Teil erwähnt ist, erklären? Nun, begünstigt wurde die Verklärung einerseits durch die schlechte Quellenlage zum Leben Alexanders. Von den zeitgenössischen Quellen, wie den Aufzeichnungen des Kallisthenes, des Ptolemäus, des Aristobulos und dem Reisebericht des Nearchos ist so gut wie nichts erhalten geblieben. Andererseits hat wohl auch die schier unglaubliche Größe der von Alexander eroberten Gebiete, noch dazu in so kurzer Zeit von ihm unterworfen, ihren Teil zur Legendenbildung beigetragen; ein Mann, der solche Taten vollbrachte, konnte einfach kein gewöhnlicher Mensch sein!

Die Begeisterung für Alexander und die Glorifizierung seiner Taten setzte sich von der Antike bis ins Mittelalter fort. Erstaunlich ist vor allem das Ausmaß an mittelalterlichen Autoren, die sich mit der Alexanderfigur literarisch auseinandersetzen. Vermittelt vor allem durch die lateinischen Bearbeitungen des Julius Valerius (um 300) und des Archipresbyters Leo (Historia de preliis, 10. Jahrhundert), wurde der Alexanderroman des Pseudo-Kallisthenes in über 30 Sprachen übersetzt und bearbeitet[3] ; darunter befanden sich neben fast allen west-, süd- und nordeuropäischen Sprachen unter anderem auch Hebräisch, Arabisch, Georgisch und Bulgarisch. Die Popularität Alexanders im abendländischen Mittelalter gründete sich neben seinen Taten und den ihm zugeschriebenen Wundern vor allem auf eine Tatsache: „Alexander war im christlichen Mittelalter die bekannteste antike Gestalt, und zwar nicht nur wegen der mit ihm verknüpften Wunder des Orients, sondern vor allem wegen seines Vorkommens in der Bibel.“[4]

Die Begeisterung und intensive Beschäftigung mit dem Alexanderstoff galt selbstverständlich auch für die mittelhochdeutsche Literatur. Neben dem Pfaffen Lamprecht (um 1140/50), der als literarische Vorlage Alberic von Besancon [ / Pisancon] benutzte, verfassten zunächst auch Rudolf von Ems (um 1250), Ulrich von Etzenbach (ca. 1270), später auch Seifrit (Mitte 14. Jahrhundert, Vorlage: Leos Historia de preliis) sowie Johann Hartlieb (1444, Vorlage ebenfalls Leo[5]) jeweils eigene Alexanderdichtungen.[6] Die Untersuchung dieser verschiedenen Variationen ein und desselben Stoffes ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Natürlich verbietet allein der Umfang dieser Werke eine Gesamtbetrachtung aller fünf Fassungen. Deshalb ist zu allererst eine sinnvolle Eingrenzung des Untersuchungsgegenstands von Nöten.

Wie eingangs bereits erwähnt wurde, ranken sich seit der Antike um die Geburt und Kindheit Alexanders besonders viele Legenden. Alexander soll nicht nur unglaublich stark, sondern auch überaus intelligent gewesen sein, heißt es; einer seiner Lehrer in der Kindheit war der berühmte Aristoteles. Wenn wir uns die immense Popularität Aristoteles’ im Mittelalter vor Augen führen und davon ausgehen, dass Anekdoten über das Leben Alexanders in bestimmten Kreisen Allgemeingut waren, so ist unschwer nachzuvollziehen, dass die Kindheit und Erziehung Alexanders sich besonders dazu eignen, seinem jeweiligen Publikum sowohl unterhaltsame, als auch programmatische Inhalte zu vermitteln. Deshalb erscheint es mir sehr reizvoll, die Schilderung dieses Komplexes in einigen der deutschen Bearbeitungen genauer zu untersuchen. Die Analyse[7] wird sich auf die Darstellung der Geburt, der frühen Kindheit und der Erziehung in drei der deutschsprachigen Versionen konzentrieren. Als ‚roter Faden’ wird mir dabei das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht dienen. Dieses in Bezug auf die genannten Bereiche im Detail zu untersuchen, und davon ausgehend Vergleiche mit den späteren Bearbeitungen von Seifrit und Johann Hartlieb – zuweilen auch mit ihren literarischen Vorlagen – anzustellen ist das Ziel meiner Hausarbeit. Ein Schwerpunkt wird auf der frühen Kindheit und Erziehung Alexanders liegen; da diese gleichwohl in engem inhaltlichen Zusammenhang mit der Geburt Alexanders stehen, sollen im folgenden Kapitel zuerst sein Zur-Welt-Kommen und dessen nähere Umstände thematisiert werden. Daran schließen sich die Analyse der frühen Kindheit sowie die Erziehung und Ausbildung Alexanders an.

2. Die Geburt

Die Geburt Alexanders ist bei Lamprecht, Seifrit, Johann Hartlieb und ihren jeweiligen Vorlagen recht ähnlich geschildert; während Olympias Alexander zur Welt bringt, geschehen in der Natur sehr seltsame Dinge. Zur Veranschaulichung sei hier das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht in der Straßburger Version zitiert:

sîn mûter frowe Olympias

zestunt dô si sîn genas,

dô wart ein michil nôtfal:

di erde irbibete ubir al.

Der donre wart vil grôz.

Ein starkiz weder nider gôz.

Der himel verwandelôte sih

und di sunne vertunkelôte sih

und hete vil nâh irn schîn verlorn,

dô Alexander wart geborn.[8]

Die Geburt ist von extremen Zeichen begleitet, hier von einer (Natur-) Katastrophe (‚nôtfal’) mit Erdbeben, Donner, Gewitter und sogar Verdunklung der Sonne, so dass von Beginn an symbolisch auf die Außergewöhnlichkeit von Alexanders Leben und seine zukünftigen Taten verwiesen wird. Bemerkenswert ist auch die Art der Omen, die nämlich keineswegs positiv sind, sondern zusammen genommen eine enorme Zerstörungskraft besitzen. Ins Auge sticht von den Zeichen außerdem besonders die Verdunklung des Himmels, die dem jeweiligen Publikum von der Kreuzigung Jesu[9] bekannt gewesen sein dürfte. Interessanterweise ergibt sich an dieser Stelle eine umgekehrte Verwendung des Zeichens, denn hier geschieht die Verdunklung des Himmels eben nicht beim Tod, sondern bei der Geburt Alexanders. Damit könnte diese Stelle auch dahingehend gedeutet werden, dass Alexander in gewissem Maße als eine Gegenfigur zu Christus erscheint. Verfolgte man diesen Gedanken weiter, könnte das negativ besetzte Zeichen bereits als eine Kritik am späteren Verhalten Alexanders dienen. Die Parallele auf die Spitze treiben und Alexander als Antichrist-Figur bezeichnen zu wollen, erscheint mir allerdings zu abwegig und an den Haaren herbeigezogen.

Allerdings besteht zur Christus-Figur noch eine weitere Parallele. Wie Christus, dessen leiblicher Vater nicht Joseph ist, sondern der durch das Zusammenwirken des heiligen Geists mit der Jungfrau Maria entstand, besteht auch bei Alexander zumindest in zwei der hier untersuchten Versionen eine ähnliche ‚Unregelmäßigkeit’ bei der Zeugung. Der Vorlage der Historia de preliis eng folgend schildern Seifrit und Johann Hartlieb ausführlich, wie Alexander ebenfalls nicht durch ehelichen Beischlaf seiner Mutter Olympias mit ihrem Ehemann Phillip gezeugt wurde, sondern durch die Hintergehung Olympias’ durch Nectanabos, den letzten ägyptischen König.[10]

Bei Leo täuscht Nectanabos Alexanders Mutter durch „ teuflisches Gauklerspiel“[11] bzw. „ teuflische Zauberei“[12], indem er ihr voraussagt, der Gott Ammon – für dessen Verkörperung sich der historische wie auch der literarische Alexander übrigens selbst hielt – würde ihr beiwohnen wollen. Genauso geschieht es bei Seifrit und Johann Hartlieb auch, Nectanabos verwandelt sich durch Tricks selbst in eine Gestalt, die der des Gottes Ammon gleicht und schwängert die nichts Böses ahnende Olympias, welche fortan glaubt, von einem Gott beschlafen worden zu sein. Betont wird damit bei Leo wie bei Seifrit und Johann Hartlieb, dass Olympias einem Schwindel aufgesessen ist und Alexanders Vater keineswegs ein Gott, sondern nur ein Betrüger ist, der sich für einen Gott ausgibt: „Also ward Olympias betrogen, da sie einem Menschen beiwohnte und glaubte, er sei ein Gott.“[13] Dies ist wirklich eine interessante Parallele zu Alexanders späterem Hochmut, als er sich selbst für Ammon hält (der bei den Griechen mit Zeus gleichgesetzt wurde) und kann bereits als eine Anspielung darauf aufgefasst werden. Ebenso wird die Alexander-Figur auf diese Weise klar von Jesus abgegrenzt, was man zusammenfassend so auf den Punkt bringen kann: Die beiden unterscheidet, dass der eine wirklich mit göttlichem Beistand gezeugt wurde, während der andere durch einen Betrug, indem sich ein Trickser in eine gott- ähnliche Gestalt verwandelte, entstand.

[...]


[1] Frenzel 1988: 29.

[2] Ebd.

[3] Vgl. Frenzel 1988: 30.

[4] Vgl. Ebd. Alexander ist sowohl in der Vision Daniels als auch im ersten Buch der Makkabäer als Weltherrscher erwähnt.

[5] Im Unterschied zum Lexikon des Mittelalters gibt Schänzer als Quelle Hartliebs nicht Leo, sondern eine Pariser Handschrift in lateinischer Sprache an. Sie beruft sich dabei auf Schnell, der diese Frage „nun endgültig geklärt und nachgewiesen“ (Schänzer 1996: 291) habe. Schänzer zitiert zwar eine Passage Schnells, vergisst aber ärgerlicherweise den Titel, geschweige denn die Seitenzahl der zitierten Stelle zu nennen. Deshalb konnte diese Behauptung nicht überprüft werden.

[6] Vgl. Ebd. und Buntz 1980: 362.

[7] Ich verwende die Begriffe ‚Analyse’ und ‚Interpretation’ synonym.

[8] Straßburger Alexander (STR): 125-138.

[9] Vgl. z.B. das Matthäus-Evangelium: Matthäus 27, 45.

[10] Die Nectanabos-Sage geht nach Schänzer (1996: 45) auf eine volkstümliche ägyptische Legende zurück und findet sich bereits im Pseudo-Kallisthenes.

[11] Kirsch 1991: 9 [Da Kirsch keine Zeilenangaben macht, bezieht sich die Zahl ‚9’ hier auf die Seite].

[12] Kirsch 1991: 12.

[13] Kirsch 1991: 11.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Von Erdbeben, Greifenaugen und kundigen Männern - Kindheit und Erziehung in der mittelalterlichen Alexanderdichtung
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Der Alexanderroman in europäischer Perspektive
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V53421
ISBN (eBook)
9783638488808
ISBN (Buch)
9783656805816
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit analysiert und interpretiert die Darstellung der Kindheit und Erziehung Alexanders des Großen in drei mittelhochdeutschen Alexanderdichtungen: Schwerpunktmäßig wird das Alexanderlied (Pfaffe Lamprecht) untersucht, und mit den späteren Bearbeitungen des Alexanderstoffes von Seifrid und Johann Hartlieb verglichen. Außerdem werden auch die literarischen Vorlagen mit in die Analyse einbezogen.
Schlagworte
Erdbeben, Greifenaugen, Männern, Kindheit, Erziehung, Alexanderdichtung, Alexanderroman, Perspektive
Arbeit zitieren
Martin Lehmannn (Autor:in), 2006, Von Erdbeben, Greifenaugen und kundigen Männern - Kindheit und Erziehung in der mittelalterlichen Alexanderdichtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53421

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