Darstellung und Funktion der Frau in "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe


Essay, 2019
7 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Wer ist eigentlich Lotte?

Darstellung und Funktion der Frau in Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang von Goethe

Dieser Essay basiert auf einer sorgfältigen Lektüre des Briefromans Die Leiden des jungen Werther (1774) von Johann Wolfgang von Goethe und zielt darauf ab, die Darstellung und Funktion der weiblichen Hauptfigur Lotte aus einer genderspezifischen Perspektive nachzuvollziehen. Da Werthers Begegnung mit Lotte und die unerfüllte Liebe zu ihr in seiner tragischen Selbsttötung endet, wird ihr eine entscheidende Bedeutung zuteil. Die Tatsache, dass es sich zudem um eine Frau handelt, wirft Fragen zur Inszenierung von Geschlechterverhältnissen auf. Die Leitfrage „Wer ist eigentlich Lotte?“ soll bei der Herausbildung des weiblichen Subjekts dienlich sein. Das Wort ‚eigentlich‘ verweist auf die Ungewissheit darüber, ob Lotte eine eigene Subjektivität überhaupt zugebilligt werden kann. Im Fokus der Analyse steht der Brief vom „16. Junius“ (W 20), in dem das erzählende Ich die erste Begegnung mit Lotte schildert. Dieser Textabschnitt birgt eine Fülle an begrifflichen und bildlichen Referenzen, welche sich auf die Figur Lotte – immer in Abhängigkeit zu Werthers Darstellungen – beziehen. Programmatisch für die Zeit des Sturm und Drangs steht im Zentrum der Erzählung das fühlendende, männlich codierte Subjekt im Verhältnis zu den Ordnungssystemen der Welt. Allein aus dieser Prämisse kann Lotte verstanden werden.

Schon in den ersten Zeilen des Briefes zeigt sich Werther von der Begegnung mit Lotte stark bewegt. Er schreibt seinem Freund Wilhelm: „Du sollst raten, dass ich mich wohl befinde, und zwar – Kurz und gut, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht. Ich habe – ich weiß nicht.“ (W 20) Sowohl die Wörter „wohl befinde“ als auch „mein Herz“ legen die Betonung auf die Gefühlswelt des Verfassers. Werthers Unvermögen, seine Empfindungen in Worte zu fassen, wird anhand von Aposiopesen vergegenwärtigt; die Unordnung seiner Gedanken ist durch Gedankenstriche gekennzeichnet. Werther gibt ganz freimütig zu verstehen, dass es ihm schwerfällt, die Ereignisse in eine kausale „Ordnung“ (W 20) zu bringen, da Lotte „allen [seinen] Sinn gefangen genommen“ (W 20) habe. Der „Sinn“, auf den Werther sich hier bezieht, kann als Synonym für dessen Verstand interpretiert werden, woraus sich erschließen lässt, dass Lotte ihn (seiner Ansicht nach) seines Verstandes beraubt hat. Werther macht sich somit selbst, ganz zu Beginn seiner Ausführungen, zu einem unzuverlässigen Erzähler. Trotz oder aufgrund der 'Gefangennahme' seines Verstandes ist er „vergnügt und glücklich“ (W 20) und beschreibt die neue Bekanntschaft als „Wonne“ für seine „Seele“ (W 21).

Das Erste, was Werther über Lotte berichtet, ist, dass sie „eins der liebenswürdigsten Geschöpfe“ (W 20) sei. Werther nutzt das rhetorische Mittel eines Superlativs, den er allerdings in gewisser Weise relativiert, indem er die Existenz weiterer solcher „Geschöpfe“ nicht ausschließt. Obwohl sich behaupten ließe, dass es sich hier um eine unbedeutende und vielfach verwendete Ausdrucksweise handelt, ist sie für das Verständnis der Figur Lotte doch von entscheidender Qualität. Das Adjektiv „liebenswürdig“ ist nicht allein ein Ähnlichkeitsbegriff zu 'freundlich' und 'zuvorkommend', sondern kann in seiner wortwörtlichen Bedeutung auch als 'der Liebe würdig' verstanden werden. Eine Mehrdeutigkeit findet sich zudem in dem Substantiv „Geschöpf“, da es sich nicht nur auf ein 'Lebewesen‘ oder einen 'Menschen‘ bezieht, sondern auch auf etwas, das 'geschöpflich' ist, beziehungsweise 'geschaffen' wurde, verweist. Die zunächst naiv und wahllos erscheinende Zusammenführung dieser beiden Wörter erlaubt somit auch eine tiefergehende Interpretation: Lotte ist eine, aus schöpferischer Kraft entstandene Gestalt, welche sich der Liebe würdig erweist.

In Werthers weiteren Ausführungen heißt es: „Einen Engel! – Pfui! das sagt jeder von der Seinigen, nicht wahr? Und doch bin ich nicht imstande, dir zu sagen, wie sie vollkommen ist, warum sie vollkommen ist [...].“ (W 20) Auffallend sind zunächst die glorifizierenden Vokabeln, mit denen Werther versucht, Lotte zu beschreiben. Mit dem Begriff „Engel“ wird Lotte einem nicht irdischen, heilsbringenden Wesen gleichgestellt und der doppelte Gebrauch des Wortes „vollkommen“ verstärkt eben dieses Bild. Doch es gibt in beiden Fällen einen 'Haken', den Werther selbst zum Ausdruck bringt. Mit der Interjektion „Pfui!“ fällt sich Werther gewissermaßen selbst ins Wort. Er zeigt sich angeekelt von dem Ausdruck „Engel“, da dieser, wie er zu verstehen gibt, von dem Gebrauch anderer Liebenden abgenutzt ist und keinen einzigartigen Wert aufweist. Auch sieht er sich nicht im Stande, Lottes Eigenschaften („wie“) und die Gründe für ihre Vollkommenheit („warum“) genauer zu erläutern. Der Rückgriff auf konventionelle Begrifflichkeiten und Werthers Frustration über die Unzulänglichkeit der Sprache machen die überwältigende Kraft seiner Empfindungen deutlich. Lotte wird durch diesen Textabschnitt nicht nur zu Werthers idealisiertem Objekt seiner Affekte, sondern ist auch seinem Besitzanspruch unterworfen („das sagt jeder von der Seinigen“).

Werther bemüht sich trotz der vorangegangenen Not, seine Bewunderung für Lotte verständlich zu machen. In seinem Brief schreibt er: „So viel Einfalt bei so viel Verstand, so viel Güte bei so viel Festigkeit, und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben und der Tätigkeit.“ (W 20) Mit Hilfe der antithetischen Form und einer sich wiederholenden Satzstruktur verdeutlicht Werther, dass sich Lottes Wesen im Einklang von gegensätzlichen Polen befindet. Sie sei demnach in gleicherweise sowohl einfältig (sorglos, naiv) als auch klug, sowohl gütig als auch charakterstark und sowohl selig als auch weltlich. Diese Charakterisierung macht Lotte zu einem „vollkommenen“, und damit nicht menschlichen Wesen und ist zudem ein beispielhafter Beleg für den vorherrschenden Diskurs des Sturm und Drangs. Lottes Eigenschaften sind in einer Welt, die sich auf eine binär organisierte symbolische Ordnung (Körper und Geist, Mensch und Natur, Gott und Welt, aktiv und passiv) stützt, perfekt ausgelotet. Ihr Seelenleben befindet sich trotz der beschwerlichen Außenwelt („dem wahren Leben und der Tätigkeit“) in einem Zustand von absoluter Ruhe und Ausgeglichenheit. Aufgrund ihres harmonischen Wesens, der idealen Einheit von 'Ich' und 'Welt', entspricht Lotte dem Charaktertypus der „schönen Seele“ (vgl. Stephan, S. 189) und verkörpert eher ein Produkt dichterischer Imagination, als einen realen Menschen. Inge Stephan schreibt in ihrem Sammelband Inszenierte Weiblichkeit. Codierung der Geschlechter in der Literatur des 18. Jahrhunderts: „Die ‚schöne Seele‘ wird um 1800 nicht nur zu einem Modewort des philosophischen und ästhetischen Diskurses, sondern darüber hinaus zu einem Leitbild, nach dem Frauenfiguren in Texten modelliert werden.“

„[Es] fiel mir das reizendste Schauspiel in die Augen, das ich je gesehen habe.“ (W 22) schreibt Werther in der Retrospektive über seine erste Begegnung mit Lotte. Auch hier lässt sich vermuten, dass das Wort „Schauspiel“ lediglich eine unbedachte Verbildlichung der Ereignisse ist. Es kann jedoch argumentiert werden, dass diese Formulierung erneut darauf hinweist, dass es sich bei Lotte um ein Werk künstlerischer Schöpfung handelt. In Werthers Allegorie wird Lotte zu einer Figur in einem Bühnenstück und ist somit allein für den Betrachter (in diesem Fall Werther) konstruiert. Die Redewendung 'ins Auge fallen' hat überdies den Anschein einer Unmittelbarkeit, die dem „Schauspiel“ eine Natürlichkeit verleiht. Somit werden auch in diesem Textabschnitt zwei Oppositionen, Kunst und Natur, miteinander verwoben. In der Szenerie, auf die sich Werther mit seiner Beschreibung bezieht, verteilt „ein Mädchen von schöner Gestalt“ (W 22) Brot an seine sechs jüngeren Geschwister. Werther schildert den Vorgang auf eine Weise, die an einen biblischen Akt erinnern lässt: „Sie hielt ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem sein Stück nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab’s jedem mit solcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekünstelt sein: Danke! [...]“ (W 22). Durch das Motiv des Brotes und der gerechten Verteilung an die Kinderschar ist eine Analogie zwischen Lotte, im „weiße[n] Kleid“ (W 22), und dem christlichen Messias nicht von der Hand zu weisen. Folgt man der Annahme, dass es sich bei Lotte um ein Resultat aus Werthers gestalterischer Kraft handelt, macht er sich auf dieser Bedeutungsebene zum allmächtigen Gott. Vergleichbar mit den Anhängern Jesu Christi, bringen die Kinder Lotte Verehrung („[...] ihre Brüder [...], die noch einmal ihre Hand zu küssen begehrten“; W24) und eine natürliche ('nicht gekünstelte') Dankbarkeit entgegen.

In einer feministischen Lesart zeichnet sich hier auch das Bild einer idealisierten Frau. Das 18. Jahrhundert spielt in der Erstellung von Geschlechterkonstruktionen eine entscheidende Rolle, da sich mit dem Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft auch genderspezifische Verhaltensweisen und Eigenschaften manifestierten. Die ideale bürgerliche Frau kümmert sich demnach um den privaten Raum (Haushalt, Familie), um dem Mann, der für den öffentlichen Bereich (Arbeit, Politik) zuständig ist, ein sicheres und liebevolles Zuhause zu bieten. Die verbreitete Überzeugung, dass Frauen von Natur aus wohlwollender und weniger egoistisch seien als Männer, macht sie geschaffen dafür, im privaten Raum des Hauses zu bleiben und sich mit der Kindererziehung zu befassen. (vgl. von Felden, S. 25) Lotte entspricht dieser Zuschreibung in Vollendung. Sie übernimmt „mit solcher Freundlichkeit“ die Fürsorge und Erziehung ([Lotte:] „Louis gib dem Vetter die Hand.“; W 23) ihrer jüngeren Geschwister und kümmert sich zudem um „allerlei Bestellungen fürs Haus“ (W 23). Durch ihr jungfräuliches Erscheinungsbild („[...] simples, weißes Kleid, mit blassroten Schleifen an Arm und Brust [...]“; W 22) und ihrem selbstlosen und tüchtigen Wesen entspricht sie dem Weiblichkeitsideal: Mädchen, Mutter und Hausfrau.

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Details

Titel
Darstellung und Funktion der Frau in "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe
Hochschule
Universiteit van Amsterdam
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
7
Katalognummer
V534875
ISBN (eBook)
9783346114709
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Gender, Close Reading, Darstellung der Frau in Literatur des 18. Jahrhunderts, Lotte, Figurenanalyse, weibliche Hauptfigur
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Darstellung und Funktion der Frau in "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/534875

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