Funktion und Wirkung der Figur Isa in Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick"


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Figurenanalyse

3. Funktion und Wirkung

4. Weiterführung in Bilder deiner großen Liebe

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Ohne die Hilfe der Figur Isa, dem Mädchen von der Müllhalde, hätte die Abenteuerreise von Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschoff, genannt Tschick, im gleichnamigen Roman von Wolfgang Herrndorf ein jähes Ende genommen. Obwohl das zunächst verwahrlost aussehende Mädchen nur episodenhaft am Geschehen beteiligt ist, übernimmt es für den Verlauf der Handlung eine entscheidende Funktion. Die geheimnisvolle, mehrdimensionale Figur wird wesentlicher Bestandteil der Heldengeschichte und hinterlässt nicht nur auf die Protagonisten eine anhaltende Wirkung. So befasst sich auch Wolfgang Herrndorf nach der Veröffentlichung des Romans Tschick (2010) in seinem Blog „Arbeit und Struktur“1 mit einer „Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive [...]“2. Dieses Vorhaben scheitert jedoch an der fortgeschrittenen Krebserkrankung des Schrifterstellers. Herrndorf hinterlässt lediglich fragmentarische Aufzeichnungen, welche posthum zu einem unvollendeten Roman mit dem Titel Bilder deiner großen Liebe (2014) zusammengefasst wurden, der die Geschichte der jugendlichen Ausreißerin Isa erzählt.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Funktionen, die der Figur im Verlauf der Handlung zugeschrieben werden können, und Isas kurz- und langfristiger Wirkung auf die Protagonisten des Romans Tschick. Eine genaue Betrachtung ihres Erscheinungsbildes, ihrer Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen dient dazu, Isas rasante Entwicklung von einer unliebsamen Helferfigur zu einer vorrübergehenden Reisebegleitung bis hin zum so genannten love interest 3 verständlich zu machen. Eng verbunden mit der Frage nach der Wirkung sind die zentralen Themenbereiche der Adoleszenz, die sich durch den weiblichen Charakter geradezu beispielhaft vergegenwärtigen. Die Motive Außenseitertum, Einsamkeit und Aufbruch werden durch Isas Auftreten verstärkt. Insbesondere für den Ich-Erzähler Maik spielen darüber hinaus Isas Offenheit in Bezug auf Sexualität und ihre eigene Form von Weiblichkeit eine Rolle auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

2. Figurenanalyse

Zunächst sei gesagt, dass sich jegliches Wissen über die Figur Isa aus der subjektiven Darstellung des personalen Ich-Erzählers Maik Klingenberg ergibt. Maik schildert die Ereignisse, denen er selbst beigewohnt hat, und ergänzt sie mit seinen Gedanken und Empfindungen. Er ist somit kein neutraler Beobachter und die von ihm wiedergegebenen Dialoge und Eindrücke, auf welche sich die Figurenanalyse bezieht, müssen stets unter Vorbehalt betrachtet werden. Die Kapiteleinteilung soll im späteren Verlauf der Arbeit dabei helfen, bestimmte vorangegangene Erkenntnisse schnell und nachvollziehbar zu belegen.

2.1. Kapitel 29

Zum Zeitpunkt der ersten Begegnung mit der Figur Isa befinden sich die männlichen Protagonisten Maik und Tschick auf der Suche nach einem Schlauch auf einer Mülldeponie. Im Kontext einer flüchtigen Beschreibung des Schauplatzes wird die weibliche Nebenfigur zum ersten Mal erwähnt. Maik stellt geradezu beiläufig fest: „[...] ein Mädchen in unserem Alter war auch da, ganz verdreckt.“4 Bei späterer, näherer Betrachtung fällt ihm besonders die ungewöhnliche Körperlichkeit des Mädchens auf, das sich, ähnlich einem kleinen Tier, flink über die Müllberge bewegt. Seine Kleidung besteht aus einem „versiffte[n] T-Shirt“ und einer „hochgekrempelten Army-Hose“ (T 150). Die nackten Füße und Beine sind schwarz vor Schmutz und die Frisur des Mädchens lässt Maik an eine kaputtgegangene Haarschneidemaschine denken. Er beschreibt die Physiognomie der fremden Gestalt klar und unkompliziert: Die Augen sind schmal, die Nase platt, die Lippen wulstig. Zudem bemerkt Maik eine Holzkiste, die das Mädchen unter seinem Arm mit sich trägt. (Vgl. T 150)

Nur wenig später werden die beiden Teenager Maik und Tschick ohne ersichtlichen Grund von dem „Müllmädchen“5 verbal attackiert. Aus sicherer Entfernung beschimpft es die Jungen als „Schwachköpfe“ (T 151) und offenbart sein loses Mundwerk und seine vulgäre Sprache durch Zurufe wie „«Russenschwuchtel!»“ sowie den Worten „Pussy“ und „Ficken“ (T 151). Die Aggressivität des Mädchens wird bald von Neugier dominiert und nachdem es erfährt, wonach die Jungen suchen, gibt es den entscheidenden Hinweis: „«Schläuche sind da drüben.»“ (T 152). Maiks weitere Beobachtungen in Bezug auf das Mädchen verstärken den vorangegangenen Vergleich mit einem Tier. Die Bewegungen des Mädchens sind abrupt und unberechenbar („Das Mädchen lag unbeweglich da [...]“; „[...] plötzlich sprang sie auf [...]“; T 153). Auch scheinen seine Handlungen keiner direkten Logik zu folgen. Obwohl es die Jungen fortlaufend beschimpft, zeigt es ihnen dennoch den Weg zu den Schläuchen. Das Mädchen besteht darauf zu erfahren, wozu die beiden Teenager den Schlauch benötigen und erzwingt hartnäckig ein Gespräch. Ob dieses Verhalten ausschließlich von Hunger motiviert ist („«Habt ihr was zu essen?»“, T 154; „«Ich hab Hunger»“, T 155), kann nicht eindeutig gesagt werden. Es lässt sich jedoch vermuten, dass der Wunsch nach Gesellschaft ebenfalls eine Rolle spielt.

2.2. Kapitel 30

Zunächst veranlasst Maiks Hinweis, dass es in der Nähe Brombeeren gibt, das Mädchen dazu, den beiden Jungen auf ihrem Rückweg zum gestohlenen Lada zu folgen. Maik stellt fest: „Sie lief zuerst hinter uns und dann zwischen uns und dann auf der anderen Seite vom Weg.“ (T 156). Seine Ausführungen erzeugen das Bild eines streunenden Hundes, der sich nicht abschütteln lässt, was den von ihm beschriebenen Gestank des Mädchens zusätzlich verstärkt. Maik bemerkt zudem, dass es einen schier unstillbaren Rededrang und Wissensdurst hat, doch selbst keine Fragen zur eigenen Person beantwortet (vgl. T 156). Das Mädchen berichtet lediglich von seinem Traum, als Fernsehmoderatorin in einer Quizsendung zu arbeiten, „«weil man da gut aussieht und irgendwas mit Worten macht»“ (T 156). Diese Begründung erscheint geradezu kindlich und naiv und präsentiert eine neue Facette der Persönlichkeit des Mädchens. An der Brombeerhecke angekommen, fällt Maik zudem auf, dass das fremde Mädchen „wahnsinnig schön“ (T 157) singen kann. Obwohl Tschick vollkommen anderer Meinung ist („«Jetzt singt sie auch noch kacke»“; T 157), wird die Vorstellung des Lesers von einer fluchenden und stinkenden Jugendlichen durch ein positives Attribut ergänzt.

Selbst nachdem der Hunger gestillt ist, lässt sich das Mädchen nicht davon abbringen, den beiden Jungen zu folgen. Stoisch reagiert es auf Tschicks Versuche es loszuwerden. Erst Tschicks Ausruf: „«Du stinkst wie ein Haufen Scheiße. Jetzt hau ab.»“ (T 158) veranlasst das Mädchen dazu, hinter den Jungen zurück zu bleiben. Resümierend stellt Tschick fest: „«Tolle Figur, aber voll asi.»“ (T 159).

2.3. Kapitel 31

Während die beiden Teenager verzweifelt versuchen, Benzin aus einem fremden Auto zu entwenden, werden sie abermals unerwartet beschimpft („«Ihr Schwachköpfe!»“; T 162). Das erneute Erscheinen des Mädchens zeugt von einer unermüdlichen Hartnäckigkeit. Nach einer wiederholten Tirade von Beleidigungen zeigt es den Jungen mit routinierter Leichtigkeit, wie sich das Benzin aus dem Tank stehlen lässt. Das Mädchen erscheint vollkommen angstfrei und die Vermutung entsteht, dass es keinerlei Konsequenzen für sein Handeln befürchtet („[...] nur dem Mädchen war natürlich alles egal.“; T162). Seine praktischen Kenntnisse weisen eine Form von Lebenserfahrung auf, die sich dem Milieu der Straße zuordnen lässt.

2.4. Kapitel 32

Maik und Tschick lassen das Mädchen namens Isa im Gegenzug für seine Hilfe bei sich mitfahren. Isa benennt das Ziel ihrer Reise zunächst nicht klar, bis sie erklärt, dass sie eine Halbschwester in Prag habe und sie diese dringend besuchen müsse (vgl. T164). Ihr plötzlicher Einfall wirkt wie ein improvisierter Vorwand, um die beiden Jungen auf ihrer Reise begleiten zu können. Isa stellt auf der Fahrt ihren unermüdlichen Rededrang erneut unter Beweis, wobei sich die beiden Jungen zunehmend interessierter zeigen und Maik feststellen muss: „[...] sie war nicht doof auf ihre Weise [...]“ (T 165). Diese eigene „Weise“, von der Maik spricht, kann als eine Intelligenz interpretiert werden, die nicht auf einer schulischen Ausbildung beruht, sondern vielmehr aus Erfahrung und Instinkt erworben wurde.6

Als Tschick Isas ungepflegten Haare kommentiert („«Da leben Tiere drin»“; T 165), zeigt sie sich beschämt („[...] Isa zog sofort den Kopf zurück [...]“; T 165) und fragt nach einer Schere. Hier lässt sich erkennen, dass dem Mädchen sein Erscheinungsbild nicht vollkommen egal ist. Isa empfindet Scham in Bezug auf ihre mangelnde Hygiene, jedoch nicht hinsichtlich ihrer eigenen Nacktheit. Nach dem Baden in einem See entkleidet sie sich vollkommen frei und hemmungslos im Beisein der Jungen (vgl. T 167). Maik bemerkt an dieser Stelle die „wirklich tolle Figur“ (T 167) des Mädchens und bekräftigt damit Tschicks vorangegangene Beobachtung in dieser Hinsicht. Was genau Isa an der Mülldeponie gemacht oder welchen Inhalt ihre Holzkiste hat, bleibt auch im weiteren Verlauf der Erzählung ein Geheimnis. Maik und Tschick erfahren lediglich, dass das Mädchen mit vollem Namen Isa Schmidt heißt (vgl. T 168).

2.5. Kapitel 33

Maik erklärt sich bereit, Isas Haare zu schneiden, woraufhin diese, Isa, ihr T-Shirt auszieht und ihren nackten Oberkörper preisgibt. Hier zeigt sich erneut die ungewöhnliche Freizügigkeit des Mädchens; zudem zeugt ihr Handeln von einem unbekümmerten Pragmatismus („«[...]Ich will nicht, dass das T-Shirt voll Haare wird.»“; T 169). Inwieweit sich Isa der daraus resultierenden Wirkung auf Maik bewusst ist, lässt sich nur schwer ermitteln. Vor allem Maiks Kompliment „«Du siehst super aus.»“ (T 170) scheint der Anlass dafür zu sein, dass sich das Mädchen dem Jungen nähert („Sie hatte die Hand auf mein Knie gelegt [...]“; T 171). Isas freier Umgang mit dem Thema Sexualität offenbart sich in ihrer direkten Frage: „«Hast du schon mal gefickt?»“ (T 171). Trotz der Rohheit ihrer Wortwahl beweist Isa ein sensibles Gespür für die Situation. Das Mädchen erkennt Maiks Unsicherheit und reagiert rücksichtsvoll: „«Wir könnten ja auch erst mal küssen. Wenn du magst.»“ (T 172).

[...]


1 Dieses digitale Tagebuch begann Wolfgang Herrndorf im März 2010, kurz nach seiner Krebsdiagnose. Nach dem Tod des Autors wurde im Jahr 2013 aus dem Blog ein Buch mit gleichnamigem Titel.

2 Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur. Reinbek bei Hamburg 2015, S. 213.

3 Als love interest bezeichnet man in der Filmanalyse eine Figur, die Objekt der Begierde oder Sehnsucht des Protagonisten ist (vgl. www.filmlexikon.uni-kiel.de).

4 Wolfgang Herrndorf: Tschick. 66. Auflage. Reinbek bei Hamburg 2017, S.149. Der Text wird im Folgenden in runden Klammern im Fließtext zitiert, unter der Nennung der Sigle (T).

5 In einem Entwurf zu Tschick wird die Figur vom Autor so benannt (vgl. Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe. Ein unvollendeter Roman. Reinbek bei Hamburg 2015, S. 133.).

6 Im Englischen gibt es die Begriffe „book smart“ und „street smart“. „Street smart“ benennt ein praktisches Wissen, welches eher im täglichen Leben als in einem Klassenzimmer erlernt wird. Die wörtliche Übersetzung ist raffiniert, gewieft (vgl. In: <https://de.pons.com/bersetzung/englisch-deutsch/street-smart>. Datum des Zugriffs:11.04.2018.).

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Funktion und Wirkung der Figur Isa in Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V534879
ISBN (eBook)
9783346131690
ISBN (Buch)
9783346131706
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tschick, Jugendroman, Wolfgang Herrndorf, Figurenanalyse, weibliche Hauptfigur, Bilder deiner großen Liebe
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Anonym, 2017, Funktion und Wirkung der Figur Isa in Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/534879

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