Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit ist, wie anhand des Romanes „Lieber Feind“ aus dem Zeitgeist Anfang des 20. Jahrhunderts heraus die Notwendigkeit eugenischer Maßnahmen begründet und ethisch untermauert wurde.
Der 2018 in einer Neuübersetzung wieder aufgelegte Briefroman „Lieber Feind“ von Jean Webster aus dem Jahre 1915 ist auf den ersten Blick ein sehr unterhaltsames und charmantes Buch. Die neu eingestellte Waisenhausleiterin Sallie McBride hat sich das Ziel gesetzt, ein Waisenhaus dieser Zeit mit jugendlichem Schwung zu reformieren. Der ungemein charmant/humorvolle Ton dieses Buches, das vor allem an junge Mädchen und Frauen adressiert ist, täuscht darüber hinweg, dass vor allem im Subtext des Romans „Lieber Feind“ ein intensiver, ernsthafter Diskurs über eugenische Fragestellungen und pädagogische Reformbestrebungen der Zeit um 1915 stattfindet.
Warum sollte man sich heute ernsthaft damit auseinandersetzen? Ein aktuell erhältlicher Roman, der eugenische Theorien unterhaltsam und vergnüglich in den jugendlichen Leser einfließen lässt, ist es allemal wert, sich damit zu beschäftigen. Dazu kommt, dass eugenische Fragestellungen in Zeiten der modernen Genetik, der Präimplantationsdiagnostik und der Debatte um die relativ neue Epigenetik aktueller denn je sind. Obwohl man lange glaubte, dass nach der radikalen Umsetzung eugenischer Überlegungen durch die Euthanasie der Nationalsozialisten die Menschheit gegen solche Lösungen immunisiert wurde.
Wir neigen heute dazu, historische Entwicklungen aus der Rückschau zu betrachten, mit all dem Wissen über die barbarische Zuspitzung und Radikalisierung während der Zeit des Nationalsozialismus. Wenn wir dann Begriffe wie Eugenik lesen, steht uns automatisch völlig klar vor Augen, was für eine unausweichliche Entwicklung diese damalige Forschungsrichtung nehmen musste. Für die damaligen Menschen war diese Logik so nicht zu erkennen, es bedurfte vieler Komponenten, um eine so einschneidende Entwicklung wie im Deutschland der Jahre 1933-45 zu ermöglichen. Auch erklärt diese Logik nicht, warum diese radikale Entwicklung in andren Ländern so eben nicht stattfand. Genau aus diesem Grund bietet sich als Grundlage einer solchen Untersuchung als frische, unverfälschte Stimme aus der Vergangenheit der Roman „Lieber Feind“ an. Er ermöglicht es uns, einen relativ authentischen Blick auf den Stand der Eugenik-Debatte des Jahres 1915 in den USA zu werfen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Überblick über den Stand der eugenischen Debatte Anfang des 20. Jhdts.
3. Wiederspiegelung der eugenischen Debatte im Roman „Lieber Feind“ von Jean Webster (USA 1915)
4. Begründung des Nutzens von Eugenik und Exklusion im Roman
5. Darstellung von Denk- und Wertevorstellungen der damaligen Zeit, die die eugenischen Argumente im Roman „Lieber Feind“ unterfüttern
5.1 Der religiöse Faktor in der Eugenik
5.2 Der „Geist“ des Kapitalismus, Utilitarismus und Eugenik
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Jean Websters Roman „Lieber Feind“ (1915) den zeitgenössischen eugenischen Diskurs widerspiegelt und welche Denk- und Wertvorstellungen – insbesondere puritanisch-calvinistische Einflüsse sowie utilitaristische Nützlichkeitserwägungen – die Umsetzung eugenischer Maßnahmen in der damaligen US-amerikanischen Gesellschaft ethisch untermauerten.
- Historische Einordnung der Eugenikdebatte Anfang des 20. Jahrhunderts.
- Analyse der Rezeption eugenischer Schriften (z.B. „The Jukes“, „The Kallikak Family“) im Roman.
- Verbindung von Sozialreformen im Waisenhaus mit eugenischen Selektionsvorstellungen.
- Einfluss religiöser Weltbilder und des ökonomischen Utilitarismus auf das eugenische Gedankengut.
Auszug aus dem Buch
3. Wiederspiegelung der eugenischen Debatte im Roman „Lieber Feind“ von Jean Webster (USA 1915)
Die Figur, über die Jean Webster den eugenischen Diskurs in den Roman „Lieber Feind“ hineinträgt ist der Arzt des Waisenhauses, Dr. Robin McRae, der den Versuch unternimmt, die in seinen Augen unbedarfte junge Dame der Ostküstenoberschicht, Sallie McBride zu „professionalisieren“:
„Eine Person in meiner Stellung sollte sich [seiner Meinung nach] in Physiologie, Biologie, Psychologie, Soziologie und Vererbungslehre auskennen; sie sollte um die Erblichkeit von Geisteskrankheit, Schwachsinn und Alkoholismus wissen; sollte in der Lage sein den Binet-Simon-Test [erste Form eines Intelligenztestes] durchzuführen, sollte das Nervensystem eines Frosches verstehen. Zu diesem Zweck hat er mir seine eigene wissenschaftliche Bibliothek zu Verfügung gestellt. […] In der letzten Woche haben wir uns dem Leben und den Briefen der Familie Jukes gewidmet. Margaret Jukes, die „Verbrechermutter“, begründete vor sechs Generationen eine fruchtbare Abstammungslinie, und ihre Nachfahren, die größtenteils im Gefängnis sitzen, zählen inzwischen an die zwölfhundert. Und die Moral: Kinder mit schlechten Erbanlagen müssen sorgfältig beobachtet werden, damit sich ihnen kein Anlass bietet, als Erwachsene zu Jukes zu werden.“(Webster, 2018, p. 106-107)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in den Roman „Lieber Feind“ ein und erläutert dessen Bedeutung als diskursive Auseinandersetzung mit eugenischen Fragestellungen und pädagogischen Reformbestrebungen um 1915.
2. Überblick über den Stand der eugenischen Debatte Anfang des 20. Jhdts.: Das Kapitel skizziert die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Ursprünge der Eugenik im 19. und frühen 20. Jahrhundert, insbesondere die Einflüsse von Darwin, Mendel und Galton.
3. Wiederspiegelung der eugenischen Debatte im Roman „Lieber Feind“ von Jean Webster (USA 1915): Dieses Kapitel analysiert, wie die Romanfigur Dr. McRae eugenische Theorien und Fallstudien wie die der Familien Jukes und Kallikak in die Waisenhausarbeit und die Ausbildung der Protagonistin integriert.
4. Begründung des Nutzens von Eugenik und Exklusion im Roman: Hier wird verdeutlicht, wie Sallie McBride eugenische Kategorien zur Organisation ihres Waisenhauses nutzt und Kinder auf Basis von Selektionskriterien exkludiert, um dem gesellschaftlichen Leistungsanspruch zu entsprechen.
5. Darstellung von Denk- und Wertevorstellungen der damaligen Zeit, die die eugenischen Argumente im Roman „Lieber Feind“ unterfüttern: Dieses Hauptkapitel untersucht die zugrunde liegenden weltanschaulichen Rahmenbedingungen, die eine Akzeptanz eugenischen Denkens begünstigten.
5.1 Der religiöse Faktor in der Eugenik: Untersucht wird, wie die eugenische Bewegung durch eine Verbindung mit religiösen Überzeugungen und moralischen Wertvorstellungen in der amerikanischen Gesellschaft verankert wurde.
5.2 Der „Geist“ des Kapitalismus, Utilitarismus und Eugenik: Analysiert wird die Verschränkung von calvinistischer Ethik, kapitalistischem Leistungsstreben und utilitaristischem Nützlichkeitsdenken als geistiges Fundament der Eugenik.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die eugenischen Vorstellungen im Roman ein Spiegelbild der damaligen US-amerikanischen Gesellschaft waren und hinterfragt das moderne Erbe dieser utilitaristischen Grundhaltung.
Schlüsselwörter
Eugenik, Jean Webster, Lieber Feind, Sozialreform, Waisenhaus, Vererbungstheorie, Utilitarismus, Puritanismus, Selektion, Exklusion, Dr. Robin McRae, Kallikak, Jukes, 1915, Sozialgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den historischen Kontext und die inhaltliche Verarbeitung eugenischer Debatten im Roman „Lieber Feind“ von Jean Webster aus dem Jahr 1915.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Eugenik, Sozialreformen im frühen 20. Jahrhundert, die Rolle des Utilitarismus sowie religiöse Einflüsse auf die amerikanische Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie der Roman den Zeitgeist Anfang des 20. Jahrhunderts widerspiegelt und die Notwendigkeit eugenischer Maßnahmen ethisch untermauert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche und geistesgeschichtliche Analyse vorgenommen, die den Roman in den Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Diskurse einbettet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung der Eugenik, deren Umsetzung im Roman durch die Figur des Dr. McRae sowie die religiösen und utilitaristischen Denkvorstellungen, die das eugenische Gedankengut stützten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Eugenik, Sozialreform, Utilitarismus, Vererbungstheorie und historischer Kontext bestimmt.
Wie unterscheidet sich die im Roman dargestellte Eugenik von den nationalsozialistischen Exzessen?
Der Autor betont, dass die USA kein totalitärer Einparteienstaat waren und das Verfassungssystem als Barriere gegen radikale, gewaltsame Politikumsetzungen wirkte, weshalb eine direkte Gleichsetzung problematisch ist.
Welche Rolle spielt die Figur des Dr. McRae im Roman?
Dr. McRae dient als „medizinische Stimme“ und Mentor, der die Protagonistin Sallie McBride mit eugenischen Studien bekannt macht und sie in Richtung eines professionalisierten, aber auch exkludierenden Waisenhausmanagements drängt.
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- Gregor Gebauer (Autor:in), 2019, Die Eugenik-Debatte in den USA um 1915 und ihre ethische Begründung. Analyse des Romans "Lieber Feind" von Jean Webster, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535114