Die Entwicklung der Rückenschule von 1980 bis heute


Hausarbeit, 2019

20 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Rückenschule

3. Rückenschule damals und heute - eine historische Einordnung
3.1. Die Anfänge der Rückenschule im internationalen Vergleich
3.2. Etablierung der Rückenschule in Deutschland
3.3. Konföderation der deutschen Rückenschulen KddR

4. Medizinische Modelle in der Rückenschule - aus alt mach neu
4.1. Das biomedizinische Modell
4.2. Das Biopsychosozialmodell
4.3. Das Salutogenese-Modell

5. Vom Trainer zum Coach: Die Beziehung von Kursleiter und Teilnehmern
5.1. Deduktive Vermittlung in der klassischen Rückenschule
5.2. Induktive Vermittlung in der neuen Rückenschule

6. Wissensvermittlung von Theorie zu Praxis
6.1. Wissensvermittlung in der klassischen Rückenschule
6.2. Wissensvermittlung in der neuen Rückenschule

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Rückenschmerzen sind das medizinische Desaster des 20. Jahrhunderts dessen Erbe in das neue Jahrtausend hineinstrahlt“.

Man kann heute sagen, dass WADDELL's drastische Vorhersage eingetreten ist (WADDELL 2004 S.1). Unbestritten ist Rückenschmerz eines der gravierendsten Schmerzprobleme unserer Zeit. Nicht verwunderlich, dass die Kosten für Vorsorge und Therapie ein Fass ohne Boden im Gesundheitssystem sind. Allein die AOK beispielsweise hat 2017 rund 2,45 Millionen Euro für physiotherapeutische Leistungen zur Behandlung von Rückenschmerzen aufgewandt. Damit sind Rückenschmerzen mit großem Abstand der häufigste Grund für Verordnungen von Krankengymnastik (vgl. AOK Heilmittelbericht 2018). Kassen, Ärzte sowie Patienten haben also großes Interesse an effektiver, wirksamer Vorbeugung sowie schneller Schmerzlinderung.

Es überrascht nicht, dass sich im im Laufe der Jahre eine ganze Branche für Therapie und Training rund um den Rücken entwickelt hat. Das bekannteste Konzept „die Rückenschule“ ist seit den 80ern in Deutschland bekannt und hat seitdem eine große Entwicklung durchlaufen. In ihren verschiedenen Varianten unterliegt sie dabei denselben größeren Trends wie andere Bereiche des Gesundheits­systems - weg von einer einseitigen und hin zu einer ganzheitlichen Perspektive, die größere soziale Kontexte in den Blick nimmt.

Die vorliegende Arbeit untersucht diesen Wandel genauer. Zunächst wird ein kurzer Überblick über die zeitliche Entwicklung und verschiedene Formen der Schulen gegeben. Dann werden die Trainingskonzepte der Rückenschulen damals und heute miteinander verglichen. Zur besseren Unterscheidung wurden drei Dimensionen identifiziert, an denen die Veränderungen gut erkennbar gemacht und verglichen werden können: Das sind das zugrundeliegende Gesundheitsmodell, die Vermittlungsmethode und die Rolle des Trainers.

2. Definition Rückenschule

Zuerst einmal sei festzustellen: nicht immer gab es die Rückenschule. Es existierten viele verschiedene Modelle, dessen Inhalte und Methoden sich teils stark unterschieden und auch abhängig waren von Ort, Zeit und Trends. Alle haben jedoch eines gemeinsam: Die Rückenschule ist ein Bewegungstraining mit dem Ziel, den Patienten zum Handeln anzuleiten.

Nach KEMPF ist die Rückenschule ein verhaltensorientiertes Bewegungstraining, das darauf abzielt, den Menschen, ganz im Sinne der Weltgesundheitsorganisation (WHO), zu einem eigenverant­wortlichen, gesundheitsbewussten und Risikofaktoren vermeidenden Handeln hinzuführen (vgl. KEMPF 2003a S.8). Es zielt auf Personen mit leichten, aber noch nicht behandlungsbedürftigen Rücken­beschwerden, und jenen, die potenziellen zukünftigen Beschwerden aktiv entgegenwirken wollen, ab.

Die Ziele reichen von der Förderung der Rückengesundheit der Teilnehmer über die Vorbeugung einer Chronifizierung bis zur Heranführung an einen gesunden und aktiven Lebensstil. Mit theoretischen und praktischen Inhalten in den Bereichen Koordination, Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit soll den Teilnehmern zur Stärkung der gesundheitlichen Ressourcen verholfen und Spaß an der Be­wegung vermittelt werden. Die inhaltlichen Schwerpunkte und Ziele der einzelnen Modelle unterscheiden sich dabei teils stark; damit wird sich das nächste Kapitel im Detail auseinander setzen. Zusätzlich existieren Sonderformen von Rückenschulen, wie auf bestimme Arbeitsplätze zugeschnittene Modelle, Rückenschulen für Kinder, Senioren oder für Arbeitnehmer in Pflegeberufen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass diese Modelle nicht direkter Gegenstand dieser Arbeit sind und sich im folgenden auf die allgemeine Rückenschule für Erwachsene fokussiert wird.

3. Rückenschule damals und heute - eine historische Einordnung

„Für den Rückenschmerz gibt es keine nationale Grenze“ (REINHARDT 1991 S.7): Auf der ganzen Welt entstanden Konzepte, die dem Rückenschmerzpatienten helfen sollten, mit seinen Schmerzen umzugehen und sie zu bewältigen. Doch wie im vorherigen Kapitel erwähnt, unterschieden sich die verschiedenen Konzepte oft in ihren Grundzügen. Bevor die Arbeit sich im Detail mit der Entwicklung der Rückenschule in Deutschland auseinandersetzt, soll ein kurzer Überblick über die Entstehung dieses Bewegungstrainings gegeben werden.

3.1. Die Anfänge der Rückenschule im internationalen Vergleich

Der Franzose Jacques Mathieu Delpech „erfand“ bereits im Jahre 1825 die Rückengymnastik, dessen wichtigster Bestandteil die körperliche Aktivität war. Grundlage seiner Lehre war die Auffassung, dass im Körper ein ausgewogenes Verhältnis von Zug und Gegenzug innerhalb bestimmter, zusammenwirkender Muskelgruppen vorhanden ist. Deformitäten wurden nach Delpech durch eine plötzliche oder allmählich auftretende Störung dieses Gleichgewichts verursacht, die es durch systematische Gymnastik wieder auszugleichen galt (vgl. RUDORFF und RUDORFF 2007 S.8).

Die Geschichte der traditionellen Rückenschule, wie wir sie heute kennen, begann allerdings in Schweden. Zachrisson-Forsell richtete 1969 in Stockholm die erste Rückenschule „Svenska Ryggskola“ ein. Deren grundlegenden Ziele waren es, den Patienten zu befähigen, selbstständig seine Arbeitsumgebung und sein Wissen zu verbessern sowie den Bedarf an sozialen, medizinischen und ökonomischen Ressourcen zu reduzieren, die durch vermeidbare Rückenschmerzen entstehen. Das Programm war auf zwei Wochen ausgelegt und umfasste unter anderem die Vermittlung medizinischen Basiswissens, das Erlernen der Stufenlagerung und Regeln für bandscheiben­schonendes Sitzen.

Wenige Jahre später zog 1974 auch der Kanadier Hall mit seinem Modell „Canadian Back Education Units“ nach. Die Besonderheit: Es war hauptsächlich für Patienten mit chronischen Beschwerden vorgesehen und es wurde vor allem mit Psychiatern und Psychologen zusammengearbeitet. Darüber hinaus wurde 1976 die „California Back School“ von White und Mattmiller in San Francisco für Patienten mit akuten Beschwerden entwickelt. In allen hier vorgestellten frühen Rückenschulen lag das Hauptziel bei der Rückenvorsorge.

3.2. Etablierung der Rückenschule in Deutschland

In Deutschland wurden erstmals ab 1983 Rückenschulen eingerichtet. In den späten 80ern und frühen 90er erlebten sie dann einen regelrechten „Boom“ (KEMPF 2003b S.13). Im Rahmen der hier vorgelegten Arbeit soll ein kurzer Überblick über die wichtigsten Strömungen gegeben werden.

Die sogenannte Bochumer Rückenschule ist die erste klinische Rückenschule in Deutschland. 1983 wurde sie von Prof. Jürgen Krämer an der orthopädischen Universitätsklinik in Bochum gegründet. Ihre medizinisch-funktionell orientierte Zugangsweise sieht die Ursachen für Beschwerden sowie Therapieansätze vorwiegend im physischen, somatischen Bereich (KEMPF 2010 S.5). Grundlegend waren die „10 Regeln der Rückenschule“, die den inhaltlichen Rahmen der Rückenschule von da an größtenteils bestimmten. Auf diese 10 Gebote werden wir in Kapitel 6.1 zurück kommen. Zeitgleich wurde auch der deutsche Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. (DVGS) gegründet, der sich unter anderem für die besonderen fachlichen, rechtlichen und politischen Interessen von Bewegungs­fachkräften in der Öffentlichkeit, im Gesundheitswesen und auf politischer Ebene engagiert.1

Nach der klinischen, entstand nur ein Jahr später die erste ambulante Rückenschule Deutschlands: Die Mettmanner Rückenschule wurde unter der Leitung von Dr. Carl-Heinz Ulrich und dem Psychologen Christian G. Nentwig gegründet und arbeitete eng mit der Bochumer Rückenschule zusammen. Besonders hervorzuheben ist hier die Erweiterung des Trainings um die psychologische Komponente. Ihre medizinisch-psychologisch orientierte Zugangsweise erweitert den vorherigen Ansatz der Rückenschulen (vgl. KEMPF 2010 S.5). Schon hier zeigen sich also erste Ansätze, eine breitere Perspektive zur Behandlung von Rückenschmerz in den Blick zu nehmen.

Die zunehmende Professionalisierung des Bereichs zeigt sich in der Gründung des Forum Gesunder Rücken- besser Leben Ende der 80er-Jahre. Ziel des Vereins war und ist die Förderung präventiver und rehabilitativer Maßnahmen gegen Rückenleiden sowie die Verbreitung der Rückenschulinitiative (vgl. GUDEL 2002 S.43). Seit 1989 gibt der Verein regelmäßig die Fachzeitschrift „Die Säule“ mit aktuellen Erkenntnissen führender Fachautoren und den Anwendungstipps erfahrener Praktiker heraus.2 Im Verein wurde abermals die standardisierte Ausbildung der Therapeuten voran getrieben. Er ist heute mit über 1000 Mitgliedern der größte deutsche Rückenschul­verband. Im Jahre 1989 gründete Hans-Dieter-Kempf schließlich die Karlsruher Rückenschule mit sportpädagogischer Zugangsweise. Hier wird der Mensch erstmals in seiner biopsychosozialen Gesamtheit betrachtet.

Bis in die 90er Jahre etablieren sich so viele verschiedene Rückenschulen und in nur wenigen Jahren entwickelt sich ein ganzer Markt mit steigenden Fördermitteln, Krankenkassenzuwendungen und einer Explosion der Teilnehmerzahlen. Die Einführung des §20 SGB V, im sogenannten Präventionsgesetz, im Jahr 1989 trug entscheidend zur steigenden Popularität der Rückenschulen bei.

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1 https://dvgs.de

2 https://www.forum-ruecken.de/mitgliedschaft/die-saeule

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Details

Titel
Die Entwicklung der Rückenschule von 1980 bis heute
Hochschule
IST-Hochschule für Management
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V535127
ISBN (eBook)
9783346136688
ISBN (Buch)
9783346136695
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, rückenschule
Arbeit zitieren
Karolin Assheuer (Autor), 2019, Die Entwicklung der Rückenschule von 1980 bis heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535127

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