Eine moralphilosophische Abhandlung ethischer Neubewertung sogenannter "Nutztiere" unter Einbezug der dominanten Essenspraktik


Hausarbeit, 2020

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung zur Thematik, Problemaufriss und Aufbau der Arbeit

2. Moralphilosophische Abhandlung ethischer Neubewertung sogenannter ‚Nutztiere‘ unter Einbezug der dominanten Essenspraktik
2.1 Aristoteles ethische Moralvorstellungen
2.2 Christliche Moralphilosophie und Biozentrismus
2.3 Von der kantischen Moralphilosophie zur schopenhauerschen Mitleidsethik
2.4 Von Schopenhauers Mitleidsethik zu klassischen Utilitarismustheorien
2.5 Von klassischen Utilitarismustheorien zum Präferenzutilitarismus von Singer
2.6 Exkurs zu Fähigkeiten und Psychologie der ‚Tiere‘
2.7 Kritik an Singers Präferenzutilitarismus

3. Letzte Kontextualisierung und Resümee

4. Literaturverzeichnis:

Online-Literatur:

1. Hinführung zur Thematik, Problemaufriss und Aufbau der Arbeit

Tiere sind mannigfaltig in die menschliche Gesellschaft eingebunden, nahezu in allen Bereichen sind Tiere omnipräsent (vgl. ROSENBERGER 2012: 16). Je nach Status bzw. Klassifikation haben wir unterschiedlichste Beziehungen zu Tieren, von „beste[n] Freunde[n] oder Nahrungsmittel[n], [bis zu] Heilige[n] oder exotische[n] Fremde[n]“ (SEBASTIAN 2019: 69), von Forschungsobjekten bei Tierversuchen, Schul- und Therapiehunden, Entertainern als Zirkustiere, Werbeträgern bis hin zu Unfallopfern bei Wildunfällen (vgl. ROSENBERGER 2012: 16). Vielfach waren Fragen rund um ‚Tiere‘ randständig und marginal diskutiert, wobei die Thematik in sämtlichen Disziplinen und Medien eine rasante Konjunktur erfuhr (vgl. ebd.). Insbesondere in der Soziologie, Philosophie und der Ethik er- hielten Debatten derlei Perspektive vermehrt Aufmerksamkeit, wobei die kontroversen Diskussio- nen zumeist von der Nutzung und dem Schutz der Tiere handeln. Die Praktiken des Essens von Fleisch und Milchprodukten als spezifische, gelebte Herrschaftsordnung ist tief verwurzelt in unse- rer ‚westlichen‘ Gesellschaft (vgl. MÜTHERICH 2005: 5).

Der Konsum von Fleischprodukten liegt in Deutschland seit Jahren bei ca. 60 kg direkt konsumier- ten Fleisch pro Person und Jahr (vgl. FLEISCHATLAS 2018: 13). Darin nicht berücksichtigt sind die einkalkulierten „Ausfallraten“ bzw. Sterberaten im industriellen Prozess der Tierhaltung, der bei- spielsweise in den USA bei 5% oder 500 Millionen Tieren liegt (vgl. CASTRICANO & SIMONSEN 2016: 42f.). Mit allen indirekten Komponenten kann ein seit 2011 leicht rückläufiger Fleischverbrauch von knapp 90 Kilogramm je Einwohner im Jahr 2017 festgestellt werden.

Um dieser enormen Nachfrage an Tierprodukten nachzukommen werden in Deutschland pro Jahr 58 Millionen Schweine, 3,5 Millionen Rinder, darunter 1,3 Millionen Kühe und 330,000 Kälber und letztlich 683 Millionen Geflügel gezüchtet, gemästet, transportiert und geschlachtet (vgl. DIEHL & TUIDER 2019: 18; HÖRNING 2019: 166f.). Darüber hinaus ist Deutschland der größte Milcherzeuger Europas (vgl. HÖRNING 2019: 168). Für die Handhabbarkeit und Vereinfachung der Arbeit wird die Produktion von Milchprodukten und Eiern, also oftmals scheinbar indirektere, leidfreiere Eingriffe und Nutzungsformen nicht immer explizit angesprochen, genauso wie nur eine selektierte Gruppe genutzter Tierarten angesprochen werden kann.

Der gesamten Industrieapparat hinter diesen Tierprodukten ist geprägt von einem gewalttätigen Umgang mit Tieren, der immer noch dominant ist, obwohl die Gesamtmenge an konsumierten Tier- produkten in Deutschland leicht sinkt, sowie die Akzeptanz gegenüber diesem (vgl. SCHMITZ 2019: 93).

Die hier vorliegende Arbeit bezieht aus der Warte der tierethischen Moralphilosophie Stellung, wo- bei die beiden Sphären des Menschlichen und Tierlichen als überlappend und interdependent ver- standen werden. Der Titel lautet: „Eine moralphilosophische Abhandlung ethischer Neubewertung sogenannter ‚Nutztiere‘ unter Einbezug der dominanten Essenspraktik“. In dieser Arbeit soll die Nutzung von ‚Tieren‘ als Nahrung hinterfragt werden, wobei dafür auf verschiedene Perspektiven und DenkerInnen aus der Tierethik zurückgegriffen werden wird. Welche Perspektiven sind wie miteinander verknüpfbar und welche Vorstellung einer ethisch vertretbaren Position und Verhält- nisses gegenüber ‚Tieren’ ist moralisch vertretbar?

Das benutzte Binnen-I soll einer adäquaten Gendering des Aufsatzes entsprechen, die stilistische Verwendung von einfachen Anführungszeichen soll eine gewisse Distanz zu manchen Pauschalisie- rungen aufzeigen und bzw. oder den Konstruktionscharakter der Kategorie aufzeigen.

2. Moralphilosophische Abhandlung ethisch Neube- wertung sogenannter ‚Nutztieren‘ unter Einbezug der dominanten Essenspraktik

Entlang der Forschungsfragen soll geklärt werden, welche Essensgewohnheiten auf Basis der heuti- gen zivilisatorischen Möglichkeiten gesamtgesellschaftlich, aber auch individuell als ethischen ‚gute‘ und normative Positionen anzustreben sind. Dafür werden moralphilosophische Perspekti- ven der Tierethik aufgezeigt, von Aristoteles über Aquin, Kant bis Schopenhauer und der klassische und Präferenzutilitarismus. Dabei sollen Aspekte der ‚Gleichheit‘ zwischen Menschen und Tieren betont werden, wie der Pathozentrismus.

Außerdem wird die Frage leitend sein: „Welchen Beitrag kann die Ethik leisten, um die Situation der ‚Nutztiere‘ zu verbessern?“ Mit dieser aufgeworfenen Fragestellung wird ein ethisches Urteil bzw. ein ethischer Entwurf bzw. Skizze für eine normativ anzustrebende, ‚gute‘ Gesellschaft ge- schaffen werden, die sich an den anschließenden Fragen bricht: „Besitzen die vorgestellten ‚Nutz- tiere‘ eine viel stärkeren moralischen Status, als wir ihnen gesellschaftlich bisher zugestehen?“, wenn ja, „Welche Implikationen und Reichweite hätte die mögliche Feststellung eines starken mo- ralischen Status für die bisherige Beziehung zu diesen ‚Nutztieren‘?“ und daraus folgend im Konkre- ten: „Dürfen wir ‚Nutztiere‘ in strukturell leidverursachenden Zuständen für unseren Nutzen und unsere Interessen halten und töten?“ Darüber hinaus wird sich die Arbeit mit den Fähigkeiten der Tiere beschäftigen und die utilitaristische Nutzenabwägung kritisch reflektiert.

Ethik und moralische Bewertungen prägen seit langer Zeit den gesellschaftlichen Umgang mit Tie- ren. Ein kleiner Ausschnitt der ethischen Diskurse und Leitgedanken zu Tieren soll im Folgenden aufgezeigt werden ausgehandelt. Diesbezüglich sollen Paradebeispiele für die verschiedenen Vor- denkerInnen der Tierethik vorgestellt werden.

2.1 Aristoteles ethische Moralvorstellungen

Die Spurensuche nach Anhaltspunkten einer ethischen Grundlage für einen ‚anderen‘ Umgang mit Tieren beginnt in dieser Arbeit bei der Antike mit Aristoteles. Einer der Ersten, der zumeist tier- feindlich und anthropozentrisch, aber durchaus ethische Regeln aufstellte war Aristoteles, einer der herausragenden Denker der abendländischen Tradition. Seine „Seelenvermögenshierarchie“ (ARISTOTELES, zitiert nach BARANZKE 2002: 64) setzte einen entscheidenden Grundstein zur Ab- grenzung und Unterwerfung der Tiere. Ohne beweisbare Gültigkeit proklamierte er, dass Tiere aus der Rechtsgemeinschaft ausgeschlossen gehören, weil sie seiner Meinung nach über keinerlei

Vernunft verfügen würden (vgl. KOMPATSCHER, SPANNRING & SCHACHINGER 2017: 31-48; BARANZKE 2002: 84). So schrieb Aristoteles:

„Jene, die soweit voneinander geschieden sind wie die Seele vom Körper und der Mensch vom Tier, [...], sind Sklaven von Natur [...] Von Natur ist also jener ein Sklave [...], der so weit an der Vernunft teilhat, dass er sie annimmt, aber nicht besitzt“ (ARISTOTELES 1958, zitiert nach Todorov 1985: 184).

Diese aristotelische Form der Ethik steckte in seiner Zeit, in einer Herr- und Knecht-Logik fest, wo der Mensch über das Tier, die Sklaven und die Männer über die Frauen geboten. Tiere haben für ihn nur ein Nähr- und Wahrnehmungsvermögen, aber kein Vernunftvermögen und keine Sprachfä- higkeit. Ähnlichkeiten entdeckt er bei den seelischen Fähigkeiten und der körperlichen Struktur, die aber nichts an der Sonderstellung des Menschen in seiner Theorie verändern (vgl. ARISTOTELES 1958: 16). Darüber hinaus kreiert Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik auch eine Theorie der Gerechtigkeit, die sich aus der Achtung der Gesetze und der Achtung der Gleichheit zusammen- setzt. Letzteres Prinzip kann auch als Unparteilichkeitsmaxime betrachtet werden, die besagt, dass den Interessen und Bedürfnisse anderer Individuen Beachtung geschenkt werden muss (vgl. WID- DAU & RINGKAMP 2018: 16). Die unnötige Schadens- und Leidzufügung an Menschen hält er für Ungerecht (vgl. ARISTOTELES 1984: 154). Würden Tieren die Leidensfähigkeit und Vernunft begrün- det zugesprochen werden, so würde Aristoteles wohl gegen sich selbst bzw. für eine Ausweitung der Rechtsgemeinschaft plädieren. Auch wenn mit Aristoteles eher gegen eine stärkere Tierethik und Tierrechte argumentiert werden kann, so sind auch bereits bei Aristoteles gewisse Ansätze an- gelegt, die als Argument für einen moralisch-rechtlichen Status der Tiere angewandt werden kön- nen. Aristoteles schuf somit auch die Grundlage für die praktische Ethik, wie sich in einem kom- menden Abschnitt noch zeigen wird.

2.2 Christliche Moralphilosophie und Biozentrismus

Die christliche Lehre repräsentierte lange Zeit ein striktes anthropozentrisches Weltbild, wie auch an vielen Stellen der Bibel, etwa: „Seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unter- werft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen“ (GEN 1,28) deutlich als Gottes scheinbarer Auftrag an die Men- schen hin zu einer totalen Herrschaft über die Tierwelt, als göttliche Ordnung erscheint.

Bereits Augustinus schloss Tiere vom Tötungsverbot aus, weil sie angeblich vernunftlos wären und jegliche Existenz nur Sinn bekommt, wenn der menschliche Nutzen erfüllt ist (vgl. WIBBECKE 2012: 37ff.). Thomas von Aquin erklärte, dass die Tötung von Tieren allgemein nicht verwerflich und be- denkenlos durchführbar wäre, weil diese nur dem Zweck des Menschen dienen würden (vgl. ACH &

BORCHERS 2018: 12-15). Lediglich eine gewisse Barmherzigkeit, die von Gefühlen geleitet ist, kann für leidende Tiere als Reiz-Reaktions-Maschine empfunden werden, so Aquin (vgl. ROSENBERGER 2015: 88f.). Der emeritierte Papst Benedikt XVI beruft sich auch auf Genesis 1,28-1,31, die im rö- misch-katholischen Katechismus als „Tiere, Pflanzen und leblose Wesen sind von Natur aus zum ge- meinsamen Wohl der Menschheit von gestern, heute und morgen bestimmt“ (KATECHISMUS der KATHOLISCHEN KIRCHE 1997: 2415) und wo ergänzend geschlussfolgert wird: „Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen“ (KATECHISMUS der KATHOLI- SCHEN KIRCHE 1997: 2417). Diese Form der Beziehung zu Tieren weist auf eine starke Tierverges- senheit, einen totalen Herrschaftsanspruch und ein instrumentelles Verständnis von Tieren mit pre- kärem moralischem Status hin.

Entgegen des anthropozentrischen Schöpfungsverständnisses fasst der Arzt, Theologe und Philo- soph Albert Schweitzer alles Lebendige zusammen: „Ich bin Leben, das Leben will, inmitten von Le- ben, das leben will“ (BALSIGER 2007: 11). Bei seiner Interpretation nimmt er eine biozentristische Perspektive ein und stellt das Leben mit dessen Wert in den Mittelpunkt. Alles was lebt wird zur moralisch berücksichtigten Lebensform deklariert und ehrfürchtig begegnet werden, weil „das Le- ben als solches heilig ist, das der Menschen und das aller Kreaturen“ (SCHWEITZER 2008: 22). Je- doch treten einige Probleme bei dieser Pauschalisierung und Undifferenziertheit auf. Das eigene Leben kann nicht ohne eine gewisse Schädigung von anderen Lebewesen gelebt werden, etwa wer- den immer wieder auch Wildtiere indirekt bei der Weizenernte zwangsläufig getötet. Moralische Gewichtungen werden auch sehr erschwert. Nichtsdestotrotz stellt das Leitprinzip „Leben zu erhal- ten ist das einzige Glück“ (SCHWEITZER 2008: 36) einen wichtigen Anker dar.

Sittliche Gründe führt auch der katholische Priester und Professor Johannes Ude ins Feld, der sich für Mitleid und Ehrfurcht, sogar eine vegetarische Lebensweise ausspricht, die ihm zufolge neben tierethischen, auch ökonomische und gesundheitliche Vorteile mit sich bringt (vgl. REMELE 2016: 11).

Der gesellschaftliche Wandel, die Problematisierung des Mensch-Tier-Verhältnisses und die Sensi- bilisierung gegenüber moralischen Fragen zum Tier haben auch tierfreundlichere Ansätze innerhalb der christlichen Glaubenslehre gestärkt, die die theologische Tradition auf alle Geschöpfe als eine Art religiöse Neubesinnung und Einheitsdenken anwenden will. Ein Beispiel dafür ist der ehemalige anglikanische Erzbischof von Kapstadt und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, der der christ- lichen Kirche zu wenig Engagement in Sachen Tierschutz und Tierrechte vorwirft (vgl. REMELE 2016: 9f.). Die Beziehung zu Tieren, die für ihn empfindungsfähige Geschöpfe Gottes sind, ist nach seiner Lesart eine relevante Frage des Evangeliums und der Gerechtigkeit:

[...]

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Details

Titel
Eine moralphilosophische Abhandlung ethischer Neubewertung sogenannter "Nutztiere" unter Einbezug der dominanten Essenspraktik
Hochschule
Katholische Hochschule NRW; ehem. Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Aachen
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V535154
ISBN (eBook)
9783346117854
ISBN (Buch)
9783346117861
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Nutztiere, Moral, Essenspraktiken, Massentierhaltung
Arbeit zitieren
Sonja Fritzsche (Autor), 2020, Eine moralphilosophische Abhandlung ethischer Neubewertung sogenannter "Nutztiere" unter Einbezug der dominanten Essenspraktik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535154

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