Im Ersten Weltkrieg ging neben dem osmanischen Reich, dem russischen Zarenreich und dem österreichisch-ungarischen Kaiserreich auch das deutsche Kaiserreich unter. Seine prägende Gestalt hatte es durch Preußen und dessen Militär erhalten. Noch im Krieg konnten die Militärs ihre Machtstellung bedeutend ausbauen, doch stürzte diese 1918 jäh zusammen, ja der alte Militärapparat wurde insgesamt von vielen Stimmen in Frage gestellt. Jedoch gelang dem deutschen Offizierskorps zumindest eine Teilrestauration seiner Position, in der von vielen eine große Belastung der Weimarer Republik gesehen wurde und wird. Wie kam es nun zu dieser Entwicklung, zum Aufstieg, zum raschen Fall und zu Ansätzen eines neuen Machtgewinns der Armeeführung? Wie stand sie im Zusammenhang mit der deutschen Revolution von 1918/19 und wie wirkte sie sich im weiteren Verlauf der Geschichte der noch jungen Republik aus? Besondere Bedeutung kommt dieser Betrachtung auch in Bezug auf die Fragestellung nach der Möglichkeit eines „Dritten Weges“ in der Revolution zu. Während ältere Forschungen die Kooperation zwischen alten und neuen Kräften als unausweichlich bezeichneten, da es um die Frage Rätediktatur oder parlamentarische Republik ging, zeichnet die neuere Forschung ein modifiziertes Bild. Sie sucht nach der Chance eines alternativen Weges und nach nicht ausgenutzten Handlungsspielräumen der neuen Machthaber.
In meiner Arbeit stütze ich mich zum einen auf Sekundärliteratur, insbesondere auf die Werke von Wilhelm Deist und den Aufsatz von Rolf Feldner über das Machtverteilungsproblem am Ende des Ersten Weltkrieges, zum anderen auf Biographien und Erinnerungen von Zeitgenossen wie Wilhelm Groener oder Max von Baden. Des Weiteren bilden die Zeitschriften „Militär-Wochenblatt“ und der „Vorwärts“ meine Grundlagen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Bedeutung des Militärischen im deutschen Kaiserreich
3. Erster Weltkrieg: Kampf um die Führung im Reich und „stille Diktatur“
4. Die Wirtschaft im Krieg
5. Das Hilfsdienstgesetz
6. Der verlorene Krieg
7. Revolution
8. Die Zusammenarbeit der alten und der neuen Macht und die Folgen
9. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der Machtstellung des Militärs am Ende des deutschen Kaiserreichs sowie zu Beginn der Novemberrevolution 1918/19. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie es zum Aufstieg, zum raschen Fall und zu Ansätzen eines neuen Machtgewinns der Armeeführung kam und welcher Zusammenhang zur deutschen Revolution sowie zur weiteren Geschichte der Weimarer Republik besteht.
- Die herausgehobene Stellung und Tradition des Militärs im Kaiserreich.
- Die Etablierung einer „stillen Diktatur“ der Obersten Heeresleitung (OHL) während des Ersten Weltkriegs.
- Die Auswirkungen der Kriegswirtschaft und des Hilfsdienstgesetzes auf die Beziehung zwischen Militärs und Arbeiterschaft.
- Die Rolle der Militärführung während der Revolution und das Zustandekommen der Zusammenarbeit mit der neuen Regierung.
Auszug aus dem Buch
3. Erster Weltkrieg: Kampf um die Führung im Reich und „stille Diktatur“
Durch den als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichneten Ersten Weltkrieg gelang dem Offizierskorps und allen voran der Obersten Heeresleitung nochmals ein bedeutender Machtgewinn. Formal war der deutsche Kaiser der Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte, doch lag laut der Reichsverfassung Artikel 68 und Ermächtigungsgesetz vom 4. August 1914 die Exekutivgewalt in der Heimat bei den stellvertretenden kommandierenden Generalen und die Befehlsgewalt im Feldheer ebenso wie die in den bald darauf eroberten feindlichen Gebieten zunehmend bei der Obersten Heeresleitung und besonders bei der Dritten Obersten Heeresleitung Hindenburg-Ludendorff.
Während 1914 Moltke kaum als Feldherr, geschweige denn als Führungspersönlichkeit befähigt war, übernahm bald darauf Falkenhayn die Heeresleitung. Bereits jetzt traten Reichskanzler und Kaiser schrittweise in den Hintergrund. Die Stellung des Mannes an der Spitze des Generalstabes waren nicht unumstritten, wurden doch die Stimmen und Forderungen der Sieger von Tannenberg, Hindenburg und Ludendorff, für die Schwerpunktverlagerung des Krieges nach dem Osten immer lauter. Die Popularität Hindenburgs und Ludendorffs war gezielt gefördert worden und schließlich setzten sich die beiden gegen ihren Konkurrenten durch. Erstmals spielte hierbei die öffentliche Meinung eine wichtige Rolle. Die Zeit der Dritten Obersten Heeresleitung begann. (Im Folgenden vereinfachend als OHL bezeichnet.) Die Frage nach dem Wesen der Politik war nicht mehr eine nach Maßhalten und Rücksichtnahme auf die Zivilbevölkerung, sondern zunehmend nach Eskalation des Krieges und totaler Mobilisierung aller Reserven.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Fragestellung nach der Machtstellung des Militärs im Kaiserreich und der Revolution sowie die Quellenbasis der Arbeit.
2. Die Bedeutung des Militärischen im deutschen Kaiserreich: Dieses Kapitel erläutert den hohen Stellenwert des Militärs in der wilhelminischen Gesellschaft und die soziale Struktur des Offizierskorps.
3. Erster Weltkrieg: Kampf um die Führung im Reich und „stille Diktatur“: Hier wird der Machtgewinn der OHL unter Hindenburg und Ludendorff sowie deren politischer Einfluss analysiert.
4. Die Wirtschaft im Krieg: Das Kapitel befasst sich mit der Zentralisierung der Kriegswirtschaft und dem zunehmenden Einfluss der Militärs auf die Zivilverwaltung.
5. Das Hilfsdienstgesetz: Die Auswirkungen des Hilfsdienstgesetzes auf die Beziehung zwischen Militärführung und Arbeiterschaft sowie die Rolle der Gewerkschaften werden hier expliziert.
6. Der verlorene Krieg: Der Zerfall der militärischen Machtposition nach dem Scheitern der Großoffensiven 1918 steht im Zentrum dieses Kapitels.
7. Revolution: Die Dynamik der Novemberrevolution, das Ende der Monarchie und die Orientierungslosigkeit des Offizierskorps werden hier dargestellt.
8. Die Zusammenarbeit der alten und der neuen Macht und die Folgen: Dieses Kapitel behandelt das Bündnis zwischen der alten militärischen Führung und der neuen sozialdemokratischen Regierung.
9. Fazit: Das Fazit fasst die Kontinuität militärischer Machtstrukturen trotz der Revolution zusammen und bewertet die Vorbelastung der Weimarer Republik.
Schlüsselwörter
Erster Weltkrieg, Kaiserreich, Militär, Oberste Heeresleitung, Novemberrevolution, Weimarer Republik, Ebert-Groener-Pakt, Militarismus, Arbeiterschaft, Kriegswirtschaft, Hilfsdienstgesetz, Hindenburg, Ludendorff, Wilhelm II., Dolchstoßlegende.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Machtentwicklung des Militärs am Ende des Kaiserreichs und während der Novemberrevolution 1918/19.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Rolle des Militarismus, der Einfluss der OHL im Ersten Weltkrieg, die Beziehung zur Arbeiterschaft sowie die politische Zusammenarbeit in der Übergangsphase zur Republik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, wie sich die Militärführung im Kaiserreich festigte, im Krieg eine „stille Diktatur“ ausübte und wie sie ihre Position trotz der Revolution und der Kriegsniederlage erhalten konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die Auswertung von zeitgenössischen Dokumenten, Biographien, Erinnerungen sowie relevanter politik- und geschichtswissenschaftlicher Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt chronologisch die Machtstellung des Militärs, den Einfluss auf die Kriegswirtschaft, die Auswirkungen des Hilfsdienstgesetzes, die militärische Reaktion auf die Revolution sowie das Bündnis mit der neuen Regierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Militarismus, OHL, Novemberrevolution, Ebert-Groener-Pakt und Kontinuität des Offizierskorps charakterisiert.
Welche Rolle spielte die OHL bei der politischen Führung des Reiches?
Die OHL etablierte unter Hindenburg und Ludendorff eine Art „stille Diktatur“, indem sie durch den militärischen Erfolg und das Drohen mit Rücktritten massiven Einfluss auf die zivile Politik und den Kaiser ausübte.
Warum war das Hilfsdienstgesetz für die Militärführung so bedeutend?
Das Gesetz sollte die Kriegsproduktion sichern und gleichzeitig die Arbeiterschaft disziplinieren, was jedoch zu einer verstärkten Polarisierung und Kritik an den alten Eliten führte.
Wie reagierte das Offizierskorps auf das Ende der Monarchie?
Das Offizierskorps war durch die Flucht des Kaisers desorientiert, suchte jedoch rasch die Zusammenarbeit mit der neuen Regierung, um ihre eigene Machtbasis als Relikt des alten Regimes zu bewahren.
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- Marcel Korge (Author), 2004, Primat der Politik durch das Militär? Die Entwicklung der Machtstellung der Militärs am Ende des Kaiserreichs und zu Beginn der Revolution von 1918/19 , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53523