Das Böse in phantastischer Kinder- und Jugendliteratur

Eine exemplarische Untersuchung an Otfried Preußlers "Krabat"


Hausarbeit, 2020
33 Seiten, Note: 12 Punkte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Phantastische Kinder- und Jugendliteratur
2.1 Eine Definition
2.2 Leitmotive phantastischer Literatur
2.3 Das didaktische Potential phantastischer Kinder- und Jugendliteratur

3. Das Bose
3.1 Was ist das Bose?
3.2 Das Bose in der Literatur

4. Das Bose in phantastischer Literatur
4.1 Das didaktische Potenzial des Bosen in phantastischer Kinder- und Jugendliteratur

5. Das Bose in Otfried PreuBlers 'Krabat'
5.1 Figuren Krabat
Der Meister & Herr Gevatter
Die Gesellen
Die Kantorka
5.2 Literarische Raume
5.3 Zusammenfassung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jeder Leser1 kennt sie, die Helden und Bosewichte einer Geschichte. Der Kampf gegen Gut und Bose ist seitjeher eins der zentralen Themen der Literatur. Gemeinsam mit dem guten Helden bestreitet man ein Abenteuer, um gegen das Bose zu siegen. Bereits in Kindergeschichten oder Marchen treten Figuren des Bosen auf, sei es in Form von Wolfen, Hexen oder gemeinen Stiefmuttern. Aber auch im alltaglichen Leben werden wir mit dem Bosen konfrontiert. Sei es in personlichen Konflikten, wenn wir betrogen oder ausgeschlossen werden, oder im uberindividuellen MaBe in Form von Terror und Krieg, die uns medial allzeit prasent sind. Doch was genau wir als Bose definieren, hat sich im Laufe der Zeit verandert. Heute scheinen „Gut“ und „Bose“ nicht mehr so voneinander trennbar zu sein, wie es einmal der Fall war, vielmehr verlaufen sie sich in einer moralischen Grauzone.

Aus dieser Allgegenwartigkeit und Komplexitat resultiert ein gewisses didaktisches Potenzial des Themas „Das Bose“ fur den Literaturunterricht. Im Rahmen dieser Hausarbeit soll dieses didaktische Potential insbesondere fur die phantastische Kinder- und Jugendliteratur2 untersucht werden. Dafur gilt es, zuerst eine Definition fur phantastische KJL zu formulieren und sie von anderen Gattungen abzugrenzen. Wieso eignet sich die phantastische KJL besser als andere Gattungen dazu, das Bose als literarisches Unterrichtsthema zu behandeln? In welcher Art und Weise wird das Bose dargestellt? Welche literarischen und eventuell auch auBerliterarischen Kompetenzen konnen im Besonderen gefordert werden? Die herausgearbeiteten Aspekte sollen dann exemplarisch am Werk 'Krabat' von Otfried PreuBler untersucht werden. Dafur sollen Figuren und literarische Raume analysiert werden, um die Darstellungsform von „Gut“ und „Bose“ erkennen zu konnen. Auf Grundlage dieser Analyse und des zuvor erarbeiteten theoretischen Teils, soll im Fazit dann geklart werden, welche konkreten Kompetenzen mit 'Krabat' als Unterrichtsgegenstand zum Thema „Das Bose“ erarbeitet werden konnen.

2. Phantastische Kinder- und Jugendliteratur

2.1 Eine Definition

Seit den 1950ern werden immer wieder Definitionsversuche unternommen, die schnell auf die groBe Heterogenitat der phantastischen KJL aufgrund ihrer Vielfalt an Erscheinungsformen verweisen. Es scheint nur schwer moglich, fur die literarische Phantastik eine einzige, adaquate Definition zu erfassen, die allzeit gultig und uberhistorisch sein kann.3

Zu Beginn der Untersuchungen der fantastischen KJL wurde die Textsorte von den Literaturpadagoginnen Ruth Koch und Anna Kruger in bereits etablierten kinderliterarischen Genres verortet: dem Marchen und den Abenteuererzahlungen. Bereits zu dieser Zeit wurde ein fur phantastische Texte bis heute wichtiges Merkmal konstatiert: Phantastik zeichnete sich durch das Vorhandensein zweier Welten - eine wunderbare, phantastische und eine real-fiktive - aus. Die Definition phantastischer Literatur erfolgte zu Beginn also vor allem uber ein Strukturmerkmal.

Der franzosische Literaturtheoretiker Tzvetan Todorov veranderte den Begriff der phantastischen Literatur durch den Einbezug des Lesers: Das entscheidende Kriterium fur Phantastik sei nicht das phantastische Ereignis selbst, sondern „die Unschlussigkeit, die ein Mensch empfindet, der nur die naturlichen Grenzen kennt und sich einem Ereignis gegenuber sieht, das den Anschein des Ubernaturlichen hat.“4

Es sind also nicht nur Motive und Stoffe, die uber den phantastischen Aspekt eines Textes entscheiden, sondern auch die Wirkung, die auf der Rezeptionsseite erzeugt wird.5 Todorov bezog sich in seiner Definition nur auf Texte einer bestimmten Zeitspanne, namlich ausschlieBlich auf allgemeinliterarische Werke des 18. und 19. Jahrhunderts, also vor allem der deutschen Romantik. Schnell entstand Kritik an Todorovs Definition. Sie sei zu eng gefasst, es gabe kaum Texte, die die Unschlussigkeit den gesamten Verlauf uber aufrecht erhalten konnten und sie mache die Entscheidung, ob es eine phantastische Erzahlung sei, zu stark vom Leser abhangig. Dennoch wird heute wieder verstarkt auf seine Definition verwiesen, da mit ihr verhindert werden kann, alle Texte, die in einer fiktiven Welt spielen und dabei Naturgesetzte durchbrechen, zur Phantastik zu zahlen.6

Es erscheint als eine grundsatzliche Frage, ob man die Phantastik uberhaupt als Genre definieren kann. Denn entgegen des Verstandnisses eines Genres lasst sie sich nicht klar von anderen (fiktiven) Genres abtrennen und sich formal, bzw. thematisch, in einem gewissen MaBe festlegen.7 Gerhard Haas beispielsweise pladierte dafur, Phantastik vielmehr als eine Form bildlichen, „wilden“ Denkens zu verstehen: Alles steht mit allem in einer nicht rationalen aufhellbaren Weise in Zusammenhang. Das Denken ist durch Intuition gepragt, die Erkenntnisgewinnung erfolgt durch sinnliche Wahrnehmung und Einbildungskraft und alles muss immer wieder neu geordnet werden.8 Wer seine Wahrnehmung und Denkweise immer wieder in Frage stellt, wird Bruche und Risse der geltenden Strukturen erkennen, die durch soziale und psychologische Spannungen entstehen. Die phantastische Literatur fordert genau das: Sie zeigt Bruche und Risse an, thematisiert sie und fordert den Leser zu Neuordnungsversuchen des bisher Bekannten an.9

Moderne Definitionen sind vor allem von der Undefinierbarkeit der phantastischen Literatur als Genre gepragt. Sie beziehen sich stattdessen auf die phantastische Literatur als Gattung, deren wichtigstes Merkmal die Zweidimensionalitat der fiktional dargestellten Welt ist. Figuren, Handlungen und Ereignisse werden in einer Weise miteinander in Verbindung gebracht, wie es in der empirischen Wirklichkeit nicht moglich ist. Phantastisches Erzahlen kann die Grenzen der Wirklichkeit beliebig uberschreiten. Zur Gattung der phantastischen Literatur gehoren unterschiedliche Textsorten, bzw. Subgenres wie Marchen, Sagen, Legenden, Science Fiction, Fantasy, Schauer- und Horrorerzahlungen, die sich in ihrer formalen Struktur nochmals unterscheiden. Nach Ulf Abraham (2012) haben Texte der phantastischen Literatur unabhangig ihres Genres funf wesentliche Punkte gemeinsam.10 1. Texte der phantastischen Literatur sind stets narrativ, sodass lyrische Texte ausgeschlossen werden. 2. Sie beinhalten eine gewisse Unschlussigkeit, wie sie von Todorov bereits erlautert wurde, und uberschreiten die uns bekannten Naturgesetzte. 3. Sie beschaftigen sich mit der Fremdheit und stellen seit Jahrtausenden Abweichungen von kulturellen Normen als grauenerregend, aber auch ambivalent faszinierend dar. Angesichts dessen kann Phantastik nicht als bloBe Wunscherfullungsliteratur oder Flucht vor der Wirklichkeit bezeichnet werden, wie es oft der Fall ist. 4. Immer wieder geht es um Ordnungsbruche, die vom Leser wahrgenommen und neu geordnet werden mussen. Dies erinnert an das „wilde Denken“ nach Gerhard Haas. Fantastische Literatur fungiert dann dazu, durch erklarende Argumente das Unbekannte mit dem Bekannten zu versohnen. 5. Zuletzt dient phantastische Literatur ein Stuck weit auch dazu, das Verdrangte und seit der Aufklarung Zuruckgewiesene in Erinnerung zu halten.11

Moderne, phantastische kinderliterarische Texte weisen vielfach Elemente mehrere Subgenres auf, bedienen sich aber immer wieder an ahnlichen Themen und Motiven, die im Folgenden erortert werden sollen.

2.2 Leitmotive phantastischer Literatur

Eines der wesentlichen, wenn nicht das wesentliche Merkmal phantastischer Literatur ist die Zweidimensionalitat der literarischen Welt. Eine real-fiktive, der Leserwelt ahnlichen, trifft auf eine phantastisch-wunderbare Welt, in der Naturgesetzte entgegen jeder Logik durchbrochen werden konnen. Maria Nikolajeva erortert drei Moglichkeiten des Kontakts zwischen diesen beiden Welten.12 Die phantastisch-wunderbare Welt bezeichnet sie dabei als sekundare Welt. Diese kann zuerst einmal geschlossen sein, d.h. die Handlung der Geschichte spielt nur in der phantastischen Welt. Diese Form stellt eine groBe Nahe zu den Subgenres Marchen und Fantasy her. Eine zweite Moglichkeit ist die offene sekundare Welt. Die zwei Welten existieren nebeneinander und erscheinen fur samtliche Protagonisten als Selbstverstandlichkeit. Die Akteure der Geschichte konnen meist ohne Probleme zwischen den beiden Welten wechseln und die Grenzuberschreitung, sowie die Reise selbst, werden zu einem zentralen Motiv. Wie der Umstiegspunkt, also die phantastische Schwelle zwischen Primar- und Sekundarwelt, gestaltet ist, ist stark variabel. Die Reise zwischen den beiden Welten kann linear (einmaliges Wechseln zwischen Primar- und Sekundarwelt), zirkular (einmaliges Ein- und wieder Austreten) oder schleifenformig (beliebig oft) verlaufen. Beim Motiv der Reise muss zudem darin unterschieden werden, ob die Art und das Ziel der Reise selbst im Vordergrund stehen, oder ob es stattdessen um die Veranderung geht, die die Reise in den Protagonisten verursacht.

Die dritte Moglichkeit des Kontakts zwischen real-fiktiver und phantastischer Welt ist die implizierte sekundare Welt. Dabei spielt die Handlung in der Primarwelt, in der eine Figur oder ein Gegenstand aus der sekundaren Welt auftaucht. Die sekundare Welt selbst wird dabei kaum zum Thema. In dieser dritten Moglichkeit tritt oft das Leitmotiv verlebendigter Gegenstande auf. Dieses Motiv, bei dem vor allem Spielzeuge Leben eingehaucht bekommen, ermoglicht es phantastischer Literatur, an die unmittelbare Lebenswelt von Kindern heranzutreten. In der kindlichen Entwicklung gehort der Anthropomorphismus zur normalen Entwicklung. Im kindlichen Denken werden Gegenstande aus der Umwelt des Kindes mit Fahigkeiten und Eigenschaften ausgestattet, uber die es selbst verfugt.13 Aus diesem Grund sind es seit der Romantik auch fast ausschlieBlich Kinder, die in der phantastischen Literatur die Verlebendigung von Spielzeug wahrnehmen konnen.14

Ein weiteres Leitmotiv ist der Traum. Er steht im Zusammenhang mit der imaginierten Reise durch Zeit und Raum: Die Figur der Geschichte schlaft ein und erwacht woanders.15 Der Traum ermoglicht das Ausleben von Phantasien, wie sie in der alltaglichen Welt nicht moglich waren. Unterschieden werden muss zwischen Wunschtraumen, in denen alles moglich erscheint, und dessen Antagonisten, dem Albtraum.16

Neben Leitmotiven finden sich auch immer wieder Schlusselfiguren in der phantastischen Literatur. Vor allem die Figur des AuBenseiters und des Fremden, der gegen die Normen der real-fiktiven, bzw. phantastischen Welt verstoBt, ist ein wiederkehrendes Motiv. Oftmals ermoglicht dies, die dem Leser bekannte Welt aus einem neuen, fremden Blickwinkel zu prasentieren.17

2.3 Das didaktische Potential phantastischer Kinder- und Jugendliteratur

Fragt man nach dem didaktischen Potential phantastischer KJL, gilt es zuerst einmal, sie von realistischer KJL abzutrennen. Zum Ende des 18. Jahrhunderts entstand in unserer Gesellschaft eine neue Auffassung der Kindheit. Mit der beginnenden „Kinderkultur“ galten Kinder nicht langer als kleine Erwachsene, die eingebunden in der Welt der Erwachsenen lebten. Fortan galt es, sie im Rahmen ihres kindlichen Denkens fur die Gesellschaft zu sozialisieren. Im Zuge dessen entstand eine spezielle (realistische) Literatur fur Kinder, deren vorrangiges Ziel Anleitung zum vernunftigen Denken, Handeln und Verhalten, sowie Vermittlung von Wissen sein sollte. Eines der Probleme dieser realistischen, vernunftigen Literatur war, dass sie dazu neigte, Spannungen und Widerspruche der Gesellschaft auszuklammern und lediglich geltende Werte und Normen zur Verinnerlichung anzubieten. Eine kritische Reflexion, wie sie auch auf Hinblick zur Einschatzung von „Gut“ und „Bose“ notig ist, wurde nicht angestrebt. Mit dieser didaktischen Stromung der Nutzlichkeit begann realistische Literatur fur Kinder auf poetischer Ebene zu verarmen. Der asthetische und freudebereitende Aspekt der KJL gerite in den Hintergrund.18 Mit dieser neuen Entwicklung diente literarische Sozialisation dazu, das intellektuelle-kognitive Vermogen zu fordern. Affektiv-emotive Bedurfnisse der Kinder und Jugendlichen gerieten in den Hintergrund, phantastisches und lustvolles Denken wurde als abgetrennter Vorgang zur Vernunft angesehen. Zwar galt Vernunft als lustlos, aber auch als nutzlich und „richtig“. Die Phantasie hingegeben blieb weiterhin lustvoll, gleichzeitig aber nutzlos und „unwahr“.19

Dabei gehort die Phantasie zur kindlichen Entwicklung und pragt das kindliche Denken maBgeblich. Kinder sind nicht dazu in der Lage, sich Naturphanomene logisch und naturwissenschaftlich zu erklaren, ihnen bleibt nur magisches Denken. Piaget erklart dies mit der Entwicklung des Kindes, die gar keine andere Moglichkeit zulasst, um die komplexe Realitat mit einer noch beschrankten Denkweise erfassen zu konnen. Dieses kindliche Denken begegnet uns in der phantastischen Literatur: Magische und animistische Vorstellungen sind fast immer Teil der Handlung. Im Gegensatz zur realistisch-problemorientierten KJL muss in der phantastischen Literatur die Losung eines Konflikts nicht muhsam und unbefriedigend auf realistischer Ebene angestrebt werden. Stattdessen kann die Realitat beliebig durchbrochen, Konflikte fiktiv gelost werden. Selbst Phantasievorstellungen, die nicht in die reale Welt ubertragbar sind, bieten Kindern und Jugendliche die Chance eines realen Entlastungsprozesses, indem sie es ihnen ermoglichen, eigene Probleme und deren mogliche Losungen frei „durchzuspielen“.20

Seit ihrer Entstehung steht die phantastische Literatur immer wieder in Kritik, sie wurde Leser von der realen Welt wegfuhren, sie bilde eine Moglichkeit zur Flucht vor der Realitat und Problemen. Was lange Zeit als negativ betrachtet wurde, wird heute viel eher als „kurzfristiges Hinausgehen“ und als „Erholung von der Wirklichkeit“ betrachtet.21 Kaspar H. Spinner (1993) geht noch einen Schritt weiter und verweist darauf, dass auch phantastische Werke durchaus Zuge der Wirklichkeit besitzen und Hilfe zur Bewaltigung des Alltags leisten konnen. Phantastische Werke erzahlen oft die Geschichte von Helden, die Abenteuer erleben und dabei den Leser mit auf ihren Weg nehmen. Dabei geht es, anders als in realistischer Literatur, nicht um die Lehre als Ergebnis, sondern viel mehr um die Entwicklung und Ausbildung bestimmter Fahigkeiten des Helden wahrend des Abenteuers.22 Der Leser, der sich mit dem Helden der Geschichte identifiziert und ihn auf seiner Reise begleitet, fluchtet also durchaus fur kurze Zeit vor der Wirklichkeit, schutzt sich aber im gleichen Zuge vor dem vollstandigen Verlust von Phantasie, die es uns ermoglicht, die Realitat in Frage zu stellen und umzudenken. Statt phantastische Literatur als Flucht vor der Wirklichkeit zu kritisieren, sollte man sie also vielleicht viel eher als Moglichkeit zur Starkung des kritisch-reflexiven Ichs des Lesers betrachten.23 Dies konnte einer der moglichen Grunde sein, weshalb die von Didaktikern als unnutze und von der Realitat wegfuhrende phantastische Literatur bei jungen Lesern so beliebt ist.

Unter diesem Aspekt lassen sich nach Gerhard Haas (1993) zwei wesentliche Funktionen der phantastischen Literatur bestimmen. Phantastik gilt dabei als Spielprojektion: Es geht um den spielerischen Umgang mit dem Denkmoglichen, das die Grenzen der Wirklichkeit uberschreitet und dabei eine Parallelwelt schaffen kann, die einzig und allein als Spiel-Feld der Phantasie dienen soll. Weiter kann die Phantastik als „alternative Seinsprojektion“ verstanden werden. Das Denkmogliche, losgelost von der Realitat, wird zum Mittel, Angste, Sorgen, aber auch Wunschbares sichtbar zu machen. Der phantastischen Literatur kommen also genau wie der realistischen Literatur spezifische Erkenntnis- und Selbstverstandigungsfunktionen zu. Im Gegensatz zur realistischen Literatur muss sie sich dabei aber nicht auf die Realitat beschranken, sondern kann Grenzen der Logik uberschreiten und sich als „bunte, verlockende, spielerische und irritierende Bilderwelt“ prasentieren.24

Als ein wichtiger didaktischer Aspekt der phantastischen KJL wird immer wieder die Leseforderung betont. Zwischen Schul- und Privatlekture besteht oft eine groBe Diskrepanz, denn wahrend die meisten Schuler phantastische Werke bevorzugen, sieht die Schule vor allem realistische, problemorientierte KJL vor.25 Es mag also durchaus richtig sein, dass phantastische KJL diese Diskrepanz abmildern kann. Das Leseniveau phantastischer Literatur darf dennoch nicht unterschatzt werden. Die sprachliche Ausarbeitung der phantastischen Werke unterscheidet sich nicht maBgeblich von der der realistischen und auch die inhaltliche und strukturelle Ebene erscheint oftmals anspruchsvoller, wenn unterschiedliche Perspektive eingenommen werden und zwischen Welten gewechselt wird. Kinder mit einer geringen Lesefahigkeit und -lust konnen also durchaus eher abgeschreckt werden. Denn um phantastische Texte verstehen und diskutieren zu konnen, braucht es oftmals eine komplexe kognitive und imaginative Leistung. Besonders der Aspekt der „Fremdheitserfahrung“, der in der Fachdidaktik der phantastischen Literatur zugesprochen wird, fordert die Fahigkeit zur analytischen Distanznahme.26 Die Komplexitat phantastischer Literatur beinhaltet neben dem Aspekt der Leseforderung durchaus Potenzial, die Grundsatze und Verfahren der Literaturdidaktik, zu denen literarische Bildung, medienreflexiver Unterricht, Bildung eines Bewusstseins uber die Transkulturalitat der Literatur sowie die anthropologische Funktion der Literatur gehoren, zu erfullen.27

3. Das Bose

Bevor das Bose in phantastischer KJL untersuchen werden soll, gilt es vorab zu klaren, was genau wir als „Bose“ verstehen.

3.1 Was ist das Bose?

Das Bose beschaftigt die Menschen seit Anbeginn der Zeit. Immer wieder erscheint es als Thema von Literatur und Kunst. Doch was genau ist eigentlich „das Bose“? Verschiedenste Bereiche der Wissenschaft wie Religion, Ethik, Juristik aber auch die Biologie versuchen sich an Definitionen und suchen nach Erklarungen, wieso es das Bose gibt. Dass das Bose in unserer Welt existiert, ist unbestritten. Taglich begegnet es uns in den Medien: Die Opfer des Bosen, seien es Opfer physischer Ereignisse wie Erdbeben, Uberschwemmungen, Krankheiten, oder aber Opfer moralischer Aspekte wie Verrat, Mord oder Betrug, bezeugen die Existenz des Bosen.28

Das Bose wird oft im gleichen Zug mit dem Guten genannt. Es scheint, als lasse sich das Bose nur dann erkennen, wenn man eine Vorstellung des Guten hat.29 Bis ins 18. Jahrhundert hinein erschien es auch, als konne man Gut und Bose trennscharf voneinander unterscheiden.30 Religion und Glauben erlaubten es, sei es durch die mythische Figur des Teufels oder durch christliche Moralvorstellungen und Formulierungen von „Todsunden“, das Bose deutlich zu erkennen.31 Mit Ende des 18. Jahrhunderts verschieben sich diese Ansichten jedoch, die moderne Geschichte des Bosen beginnt: Die Darstellung des Bosen lost sich vom Stereotypischen und wird mehr und mehr in das Innere des Menschen verlagert.32 So formuliert Kant 1792, dass das Bose aus der Willensfreiheit des Menschen entstehe, die es ihm erlaube, auch gegen die Gesetzte der Sittlichkeit zu handeln.33

[...]


1 Im Folgenden soll die mannliche Form stets auch die weibliche implizieren. Um den Lesefluss nicht zu storen, wird auf die Nennung beider Geschlechter verzichtet.

2 Im Folgenden wird Kinder- und Jugendliteratur durch KJL abgekurzt.

3 Gina Weinkauf, Gabriele v. Glasenapp (2010): Kinder- und Jugendliteratur. Verlag Ferdinand Schoning, Paderborn. S. 96/100

4 Tzvetan Todorov (2013): Einfuhrung in die fantastische Literatur. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin. S. 26

5 Ulf Abraham: Fantastik in Literatur und Film. Eine Einfuhrung fur Schule und Hochschule. Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. KG, Berlin. S. 49

6 Gina Weinkauf, Gabriele von Glasenapp (2010): Kinder- und Jugendliteratur. S. 98-99

7 Ulf Abraham (2012): Fantastik in Film und Literatur. S. 43

8 Gina Weinkauf, Gabriele v. Glasenapp (2010): Kinder- und Jugendliteratur. S. 99

9 Ebd. S. 54

10 Ulf Abraham (2012): Fantastik in Literatur und Film. S. 50-54

11 Renate Lachmann (2002): Erzahlte Phantastik. Zu Phantasiegeschichte und Semantik phantastischer Texte. S. 50

12 Maria Nikolajeva (1988): The Magic Code. The Use of Magic Patterns in Fantasy for Children. Almqvist &Wicksell, Stockholm. S. 34

13 Wolfgang MeiBner (1993): Die Phantasie der Kinder - entwicklungspsychologische Uberlegungen zur phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Konigshausen und Neumann, Wurzburg. S.30

14 Gina Weinkauf, Gabriele v. Glasenapp (2010): Kinder- und Jugendliteratur. S. 106

15 Ulf Abraham (2012): Fantastik in Film und Literatur. S. 148

16 Gina Weinkauf, Gabriele v. Glasenapp (2010): Kinder- und Jugendliteratur. S. 107

17 Ulf Abraham (2012): Fantastik in Film und Literatur. S. 149

18 Gerhard Haas (1993): Phantastische Literatur fur junge Leser. In: Gunther Lange, Wilhelm Steffens (Hrsg.): Literarische und didaktische Aspekte der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. S. 129-130

19 Gerhard Haas (1993): Phantastik - die widerrufene Aufklarung? In: Gunther Lange, Wilhelm Steffens (Hrsg.): Literarische und didaktische Aspekte der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. S. 21

20 Wolfgang MeiBner (1993): Die Phantasie der Kinder - entwicklungspsychologische Uberlegungen zur phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. 30-32

21 Kaspar H. Spinner (1993): Phantastische Abenteuer als Weg in die Wirklichkeit. Zu einem Grundmotiv in der Kinder- und Jugendliteratur. In: Abenteuer Buch. Festschrift fur Alfred Clemens Baumgartner zur Vollendung seines 65. Lebensjahres. (Hrsg.: Otto Schober) Verlag Ferdinand Kamp GmbH & Co. KG, Bochum. S.86

22 Ebd. S. 94-95

23 Wolfgang MeiBner (1993): Die Phantasie der Kinder - entwicklungspsychologische Uberlegungen zur phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. S. 32-33

24 Gerhard Haas (1993): Phantastische Literatur fur junge Leser. S. 131-132

25 Ulf Abraham (2012): Fantastik in Literatur und Film. S. 190

26 Ebd. S. 188

27 Ulf Abraham (2012): Fantastik in Literatur und Film. S. 192

28 Jean-Claude Wolf (2011): Das Bose. Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/Boston. S. 1

29 Sarah Naglik (2014): Das wiederkehrende Motiv des Bosen in phantastischer Kinder- und Jugendliteratur. S. 1

30 Jan Standke/Dieter Wrobel (2017): Das Bose. In: Praxis Deutsch, 261. S. 7

31 Jean-Claude Wolf (2011): Das Bose. S. 4

32 Jan Standke/Dieter Wrobel (2017): Das Bose. S. 7

33 Ebd. S. 6

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Das Böse in phantastischer Kinder- und Jugendliteratur
Untertitel
Eine exemplarische Untersuchung an Otfried Preußlers "Krabat"
Note
12 Punkte
Autor
Jahr
2020
Seiten
33
Katalognummer
V535342
ISBN (eBook)
9783346127655
ISBN (Buch)
9783346127662
Sprache
Deutsch
Schlagworte
böse, kinder-, jugendliteratur, eine, untersuchung, otfried, preußlers, krabat
Arbeit zitieren
Jana Hartmann (Autor), 2020, Das Böse in phantastischer Kinder- und Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535342

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