Das dialektische Verhältnis zwischen Mensch und Natur bei Marx

Eine Betrachtung der Umweltproblematik in der kapitalistischen Ökonomie


Bachelorarbeit, 2020
39 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Verhältnis von Mensch und Natur bei Marx
2.1 Die marxsche Dialektik
2.2 Die Protagonisten Mensch und Natur
2.3 Der Wertbildungsfaktor der Natur – Ein Wissenschaftsstreit

3 Die kapitalistische Produktionsweise - Kritik der politischen Ökonomie
3.1 Die Parallelen der ursprünglichen Akkumulation
3.2 Ausbeutung der Arbeit und Ausplünderung der Natur

4 Anwendung der marxschen Gedanken auf gegenwärtige Umweltproblematiken
4.1 Negativexempel der Produktionsweise von multinationalen Unternehmen
4.2 Die Opfer der strukturellen Gewalt

5 Fazit und Ausblick

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Am 28 November 2019, einem Tag inmitten der Ausarbeitung dieser Bachelorarbeit findet das Plenum der Vollversammlung der Fridays for Future Bewegung an der Freien Universität statt. Noch vor Beginn des Zusammenkommens der Studierenden, die für ein stärkeres Umweltbewusstsein in Gesellschaft und effektive Klimaschutz-Maßnahmen seitens der Politik demonstrieren, gibt die Pressestelle des Europaparlaments bekannt, dass soeben in Straßburg eine Resolution über den Klimanotstand verabschiedet wurde. Der Klimanotstand ist ausgerufen worden. (Holscher, 2019) Schon allein die symbolische Kraft der Resolution reicht aus, um auf die Aktualität der brisanten Frage nach der Umweltproblematik hinzuweisen und ferner aufzuzeigen, dass durch ihre polarisierende Natur die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Ebenen in Bewegung gesetzt werden. Wie ein Lauffeuer durchdringt das böse Erwachen über die irreparablen Folgen der langen Ausbeutung unserer Natur die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Die Neubetrachtung der wechselseitigen Mensch-Natur-Beziehungen soll aus dem Blickwinkel einer fundamentalen Kapitalismuskritik erfolgen. Insbesondere wertvoll ist dabei die marxistische Sichtweise, da sie unumstritten den stärksten Gegenpol zu der vorherrschenden kapitalistischen Wertökonomie bildet. Das philosophische Fundament der marxschen Schriften ermöglicht ein Neu- und Umdenken in der Betrachtung des Wertes der Natur als Ressource in der Produktion, aber auch in ihrer schaffenden Funktion als Lebensgrundlage aller Menschen. So wird der Wertbildungsfaktor der Natur in der Arbeitswertlehre anhand eines fundamentalen Wissenschaftsstreits zwischen Schmied-Kowarzik und Immler behandelt. Folgend wird die Akkumulation von Kapital durch den Mehrwert nach Marx um den Gesichtspunkt der Ausplünderung der Natur und der Ausbeutung der Arbeit erweitert. Mit der geschaffenen Klarheit über die elementare Philosophie des marxschen Naturverständnisses kann eine Anwendung auf einige reelle Negativexempel der jüngsten Historie der kapitalistischen Produktionsweise von multinationalen Unternehmen ermöglicht werden.

Im weiteren Verlauf dieser Bachelorarbeit wird das soziologische Prinzip der strukturellen Gewalt zugrundgelegt werden, das dabei helfen kann die Eingebundenheit der Menschen in das kapitalistische System und die damit einhergehende systematische Entfremdung des Menschen weg von seiner ursprünglichen Natur zu analysieren.

Ziel dieser Bachelorarbeit ist es das dialektische Verhältnis von Mensch und Natur bei Karl Marx zu analysieren und auf die gegenwärtige Umweltproblematik anzuwenden. Um dabei einer möglichen Überinterpretation der sondierten Textstellen entgegenzuwirken, wird weitestgehend auf die Verwendung von Vergleichen verzichtet und sofern möglich direkt aus den Marx-Engels-Werken (MEW) zitiert. Zu Beginn dieser Arbeit wird das philosophische Fundament für die Methodik hinter der Marxschen Theorie gelegt werden, um darauf aufbauend die Frage nach dem Wertbildungsfaktor der Natur zu beantworten. Nachfolgend wird die Kritik der politischen Ökonomie betrachtet, ihr Erkenntnisgewinn über die kapitalistische Produktionsweise auf Multinationale Konzerne mit besonderem Augenmerk auf Nestlé angewandt und kritisch hinterfragt. Zuletzt wird über die Aktualität der marxistischen Theorie in ihrer fundamentalen Kapitalismuskritik und ihrem Naturverständnis geschlussfolgert. Im Fazit wird der wissenschaftliche Wert der Marxschen Schriften in der Betrachtung der heutigen Verhältnisse der Menschen zu ihrer Natur anerkannt und ein Ausblick gegeben.

2 Das Verhältnis von Mensch und Natur bei Marx

Das der Mensch naturbefreit nicht lebensfähig ist, ist wohl einem Jeden vom frühen Kindesalter an bewusst. Nichtsdestotrotz lassen sich an den wirtschaftlichen und politischen Spitzen der Gesellschaften der jüngsten Historie schizophrene Handlungsweisen beobachten. Mit der Herausgabe von 27 Stellungnahmen in einem Fachbuch der Psychoanalyse sehen sich PsychologInnen gezwungen auf die psychopathologischen Handlungen und der Amtsunfähigkeit des amerikanischen Präsidenten hinzuweisen. (vgl. Lee 2018, „Wie gefährlich ist Donald Trump?“) Die Entfremdung des Menschen ist durch das profitgetriebene Streben der herrschenden Klassen nach Finanzmacht und stetiger Prosperität durchtrieben. So werden in der kapitalistischen Ökonomie systematisch moralische Grenzen überschritten, um effizientere Wege der Ausbeutung der Natur und des Menschen voranzutreiben. Dies geschieht unter der inhärenten Prämisse der Gewinnmaximierung und der Profitsteigerung. Um dem aktuellen Konsumstandard und damit einhergehenden extremen Ressourcenverbrauch gerecht werden zu können, bräuchten wir circa 1,75 Erden. Wenn jeder Mensch der Welt einen ökologischen Fußabdruck in Höhe des deutschen Durchschnitts hätte, würden schon im Mai alle erneuerbaren Ressourcen des Jahres verbraucht sein. (vgl. Earth Overshoot Day, 2019) Der erste Schritt muss mit dem Umdenken der Menschen in ihrem individuellen Verhältnis zur Natur erfolgen. Nicht die Natur muss uns, sondern wir müssen ihr, als Nutznießer und Teil ihrer selbst, gerecht werden. Die dringend notwendige Reflektion und Reevaluation über den eigenen Umgang mit endlichen Naturressourcen und ganz allgemein dem Verhältnis der heutigen Gesellschaften zur Natur scheint jedoch aktiv gehemmt.

Die Entfremdung im Verhältnis des Menschen zur Natur lässt sich heutzutage insofern zu beobachten, als dass sich das gesellschaftliche Konsumverhalten zu einem Extremum wandelt. Mit diesem Konsumverhalten geht eine notwendige Symptomatik der Übersättigung der Märkte in den wirtschaftsstärksten Regionen der Welt und der Ausbeutung der Menschen und Natur in den ärmeren Regionen einher.

Mit der Verhaltensforschung lassen sich Aspekte solcher Verhaltensauffälligkeiten unter dem Prinzip der Verlustaversion beleuchten, dass der Prospect Theory von Kahnemann und Tversky (1979) zuzuschreiben ist. Die, zu Deutsch neue Erwartungstheorie befasst sich im Kern mit der Frage ob der Mensch ein rationaler Entscheider ist. Die Verlustaversion beschreibt die Tendenz, dass der potenzielle Verlust einer festen Höhe individuell schwerer gewichtet wird als ein potenzieller Gewinn derselben Höhe. (vgl. Kahnemann und Tversky 1979, S. 263ff.) Der potenzielle Verzicht, der immerwährenden Verfügbarkeit der Güter am Markt, gleicht einer Minderung des eigenen extremen Lebensstandards. Unter welchen ausbeuterischen Rahmenbedingungen jener hohe Lebensstandard möglich gemacht wird, scheint bei der Evaluation der Umweltfrage tragischerweise zweitrangig zu sein. Eben die Verlustaversion ist eines der vielen Argumente in der Beantwortung der dynamischen Frage, warum es den Menschen so schwer fallen könnte geringe Abstriche im individuellen Konsumverhalten einzugehen, wenngleich auch so schon große Änderungen erzielt werden könnten.

Auf dem Gipfel der Machtasymmetrie herrschend, stellen sich amtierende Regierungschefs der jüngsten Geschichte argumentativ gegen wissenschaftliche Reporte des Weltklimarats (IPCC), dem Zusammenschluss der renommiertesten Wissenschaftler unserer Zeit. (vgl. BBC 2018) Der amtierende US-Präsident Trump, sowie der brasilianische Präsident Bolsonaro gelten gemeinhin als Klimaskeptiker und nehmen stolz wissenschaftsleugnende Haltungen ein. Es stößt auf keine große Verwunderung, dass das Weiße Haus unter Trump einen Klimareport am 23. November 2018 (Black Friday) hinter vorgehaltener Hand herausgibt. Dies geschieht mit berechnendem Kalkül an einem der konsumstärksten Tage des Jahres, da der Bericht verlauten lässt, dass der Klimawandel die US-Wirtschaft zukünftig hunderte Milliarden kosten könnte. (vgl. Köppe 2018)

Meldungen dieser Art sind es, die die wissenschaftliche Relevanz einer Reevaluation des Verhältnisses von Mensch zur Natur zum heutigen Standpunkt unumgänglich machen. Um sich mit dem marxschen Naturverständnis auseinanderzusetzen, ist es zu Beginn didaktisch geeignet komprimiert auf das Wesentliche der philosophischen Denkstrukturen einzugehen, denen sich der junge Karl Marx bedient.

Untersucht man erst die Metaphysik mit der Marx seine Theorien erbaut, wird es uns zu einem späteren Zeitpunkt möglich diese methodisch korrekt auszulegen und zu interpretieren. Marx denkt in Kategorien, deren Typus vor allem historischer und gesellschaftlicher Natur ist. „Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte, die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet, in die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen abgeteilt werden. Beide Seiten sind indes nicht zu trennen; solange Menschen existieren, bedingen sich Geschichte der Natur und Geschichte der Menschen gegenseitig“ (MEW 3, S. 18) Es wird nicht nur auf den für Marx Methode essenziellen historischen Materialismus hingewiesen, sondern das dialektische Verhältnis des Menschen zur Natur im historischen Kontext festgesetzt. Mit anderen Worten ist also die Geschichte der Menschen und die Geschichte der Natur nicht nur koexistent, sie bedingt und formt sich wechselseitig. Karl Marx bekomplimentiert den Kapitalismus. Der Erstleser einer solchen Aussage wird sie kritisch hinterfragen müssen, da sie von dem einflussreichsten Kapitalismuskritiker und Denker unserer Geschichte stammend, gänzlich kontraintuitiv zu sein scheint. Doch gilt jene Aussage lediglich im Rahmen ihrer historischen Funktion als „Wegbereiter“ für den marxistischen Kommunismus. Der Kapitalismus hatte als Epoche im historischen Materialismus eine zivilisatorische Funktion inne, die durch ihn sogar zielführender erfüllt werden konnte als vorherige, durch Leibeigenschaft gekennzeichnete Stufen es gekonnt hätten. (vgl. MEW 23, S. 827) Nun ist bei der Auslegung der marxistischen Schriften Vorsicht geboten, da ohne die Kenntnis über die dialektisch methodischen Grundlagen das von Marx deklarierte zwingende Ende des Kapitalismus mit Erfüllung seiner Funktion und der dialektische Sprung in die nächste Ebene schlicht vergessen würde. Es lässt sich nur schwer leugnen, dass so der Aussagegehalt und damit auch die Auslegung dieser Aussage selbst verfälscht werden würde. Und so gilt auch in dieser Arbeit der Anspruch einer wissenschaftlichen Auslegung auf Basis der Metaphysik hinter Karl Marx Werken mit der Unterstützung relevanter Sekundärliteratur.

2.1 Die marxsche Dialektik

„Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kommt aber darauf an sie zu verändern.“

(MEW 3, S. 5 ff.)

Zunächst gilt es, mit gedanklicher Zuhilfenahme der elften Feuerbachthese, mit der Einführung zur marxistischen Erkenntnistheorie und der ihr zugrundeliegenden methodischen Grundlagen zu beginnen. Das Zentrum und damit die Metaphysik der marxistischen Erkenntnistheorie ist die Dialektik.

Als ein Schüler der deutschen Philosophie bedient sich Karl Marx gedanklich bei der Entwicklung seiner eigenen Praxisphilosophie an der Hegelschen Dialektik. Die dialektische Methode ist ein prozesshaftes Denken in Widersprüchen. Sie beschreibt die Gegenüberstellung zweier Extrema, einer These und der ihr gegensätzlichen Antithese. Das Resultat des Kampfes der diametralen Widersprüche ist die Synthese als neu zustande gekommene höherwertige Einheit der Gegensätze. Der zentrale Gedanke der Dialektik ist es nun erneut eine Antithese zu jener Synthese zu formulieren und ist somit eine beständige, unaufhörliche und prozesshafte Bewegung. Wie unterschiedlich die wissenschaftliche Methodik als Instrument der Analyse eines Untersuchungsgegenstandes genutzt werden kann, ist an den Verschiedenheiten des Materialismus zum Idealismus zu erkennen. „Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wird hier von der Erde zum Himmel gestiegen.“ (MEW 3, S.26 f.)

Die Welt ist Geist.

Hegel deklariert mit dem philosophischen Prinzip „Weltgeist“ das geistliche Sein als den subjektiven Ursprungsort, aus dem eben jene Idee entspringt, die die materielle Wirklichkeit und damit auch unsere Geschichte selbst formt. „Das reine Sein macht den Anfang, weil es sowohl reiner Gedanke als das unbestimmte, einfach Unmittelbare ist […].“ (Hegel, 1979, I A. a. §86) Eben jenes Verständnis vom Weltgeist als Metaphysik umschreibt den idealistischen Tonus der hegelschen Dialektik, welchen Marx zu entmystifizieren gesucht. Das Fundament der marxschen Dialektik steht, im direkten Gegensatz zum Idealismus der hegelschen Dialektik, auf dem Materialismus begründet. Marx würdigt die idealistische Dialektik zwar, stellt diese jedoch vom Kopf auf die Füße. „Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil.“ (MEW 23, S. 27) Anstelle des Seins und des geistlich-ideellen als Mittelpunkt, wird bei Marx von reellen und materiellen Verhältnissen aus abstrahiert. „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, dass ihr Bewusstsein bestimmt.“ (MEW 13, S. 9) Aus einem methodischen Blickpunkt heraus spricht man hierbei von der Abstraktion und Deduktion. So sind bei Marx auch die Kategorien, auf denen die Kritik der politischen Ökonomie begründet ist, gesellschaftlicher und historischer Natur. Festzuhalten bleibt ferner, dass es durch den Konflikt zweier innewohnender Widersprüche zu einem Aufstieg in eine nächst höherliegende Ebene kommen muss. Führt man diesen, den historischen Materialismus begründenden Aspekt fort, stößt man auf das Konzept der Negation der Negation. Wo bei Hegel das dialektische Konzept der Negation lediglich der philosophischen Bestimmung der Begrifflichkeiten dient, erweitert Marx das Prinzip auf die anwendungsorientierte Ebene, mit der die empirische Analyse reeller Phänomene möglich wird. Mit dem dialektischen Grundgesetz der Negation der Negation können während der Auflösung des Konfliktes zwischen zwei historischen Stufen die positiven Effekte beibehalten und die negativen Effekte abgestoßen werden. Ein simples Exempel lässt sich in der Natur an dem natürlichen Lebenslauf einer Pflanze beobachten. Bei dem Verwelken einer Pflanze wird ihr Halm negiert und aus ihren Samen wachsen vervielfacht neue Pflanzen. Auf den historischen Materialismus angewandt, führt die Negation der Negation mit einem Schritt weg von der kapitalistischen Gesellschaft hin zu einer weiteren Stufe der Freiheit.

2.2 Die Protagonisten Mensch und Natur

Das marxsche Naturverständnis ist eminent für die fundamentale Auslegung der Kritik der politischen Ökonomie und bedingt einer grundlegenden Begriffserklärung ihrer Protagonisten. Die Einbindung des Individuums in sein natürliches Biotop, also der persönlichen Umwelt und Lebensgrundlage beschreibt die untrennbare Beziehung der beiden Protagonisten. Die wechselseitige Abhängigkeit und Bedingtheit des Menschen von der Natur stehen in einem untrennbaren, doppelten dialektischen Verhältnis. Eröffnen wir nun mit der Interpretation von Schmied-Kowarzik durch Zuhilfenahme der, im Vorkapitel hergeleiteten, Methodik der Negation der Negation. „Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie ist keine kritische Ökonomie, sondern Negation der Negativität der Wertökonomie, indem sie die Negierung von Mensch und Natur durch die Wertökonomie aufdeckt.“ (Immler und Schmied-Kowarzik 2011, S. 201) Jener Hinweis gilt der Entfremdung des Menschen von der Natur durch die kapitalistische Ökonomie. Der Kapitalismus hindert durch seine Widersprüchlichkeit im Innenverhältnis, aber auch in der Empirie historisch beobachtet die Nutzung der natürlichen Ressourcen im Einklang mit der Natur. Vielmehr entfremdet das kapitalistische Wesen gar das bindende Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Schmied-Kowarzik würdigt die Marxsche Kapitalismuskritik indem er ihr eine immense Potenz zuschreibt. Marx könne es schaffen die Negativität der Wertökonomie zu negieren, sie auszuhebeln und damit den dialektischen Sprung in eine nächste, bessere Stufe der Geschichte einzuläuten.

In den Marxschen Theorien liegt der Fokus üblicherweise nicht auf dem einzelnen Individuum. Die Analyse der kapitalistischen Ökonomie erfolgt bei Marx wie aus der Vogelperspektive übergeordnet über die Wirkungsweisen der Gesellschaft. „Wenn der Mensch von Natur gesellschaftlich ist, so entwickelt er seine wahre Natur erst in der Gesellschaft, und man muss die Macht seiner Natur nicht an der Macht des einzelnen Individuums, sondern an der Macht der Gesellschaft messen. (MEW 2, S. 89)

Die Begrifflichkeit der Gesellschaft ist als das Kollektiv der Menschen zu verstehen, welches sich aus dem Produkt ihres Zusammenwirkens in der dialektischen Beziehung zu seiner Umwelt wechselseitig bildet. Dieser Gesichtspunkt ist bei Marx enorm relevant, es bleibt festzuhalten, dass der Mensch bei Marx nicht allein als funktionaler Teil des Systems betrachtet wird.

Der Mensch steht also in einem dialektischen Verhältnis zur Natur und ist Produkt seiner Umwelt. Um auf diese Aussage näher einzugehen, muss zunächst das Gattungswesen des Menschen gesondert betrachtet werden. Zu Beginn steht die Trennung des Menschen vom Tier durch die Analyse ihrer Wesen. Marx sieht den Menschen als gesellschaftliches Wesen absolut als Teil der Natur an, grenzt ihn jedoch klar von allen anderen Tierwesen ab. „Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. […] Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.“ (MEW 3, S. 21) So liegt der Unterschied zwischen Mensch und Tier also auch schon darin begründet, dass der Mensch bewusst und nicht nur einem rein tierischen Trieb der Nahrungssuche folgend, produziert. „Die bewusste Lebenstätigkeit unterscheidet den Menschen unmittelbar von der tierischen Lebenstätigkeit.“ (MEW 40, S. 516) Eben jene bewusste Lebenstätigkeit, die das Gattungswesen des Menschen kennzeichnet, ist angetrieben durch die menschliche naturgegebene Produktivität. Eben jene natürliche Produktivität liegt der menschlich veräußerten Arbeit zugrunde. „Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.“ (MEW 23, S. 192) Der Mensch löst sich marginal durch Einsatz der Naturproduktivität von den charakteristischen Begrenzungen der Naturgesetze seines Biotops und gestaltet es unter den Restriktionen des Fortschritts neu. „Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eigenen Botmäßigkeit.“ (MEW 23, S. 192) In diesem dialektischen Verhältnis verbleibt jedoch mindestens eine Reglementierung, die gleichermaßen für die Natur und den Menschen selbst beständig weitergilt: „Der Mensch kann in seiner Produktion nur verfahren, wie die Natur selbst, d.h. nur die Formen der Stoffe ändern.“ (MEW 23, S. 57)

Der Mensch ist also im Besitz einer besonderen naturgegebenen Produktivität, durch welche er bemächtigt ist, nach einer konkreten Idee Neues zu schaffen, sofern dabei die Gesetze der Natur eingehalten werden. „Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.“ (MEW 23, S. 193) So wird es ihm kraft seines Gattungswesens möglich aus einem ideellen Ursprung Werte und eine wechselseitig wirkende Veränderung seiner Umwelt zu schaffen. Das gezielte Formen der Umwelt lässt sich an folgendem Exempel empirisch aufzeigen. Der Mensch entwickelt den Anbau von Nahrungsmitteln wie Getreide, indem er den fruchtbaren Boden der Erde nutzt. Mit dem Herstellen von spezialisierten Werkzeugen kann der Anbau von Lebensmitteln gezielt entwickelt und Gebrauchs- und Tauschwerte geschaffen werden. Das gezielte Pflügen und sähen der fruchtbaren Böden mit dem Ziel einer reichen Ernte läutet den Beginn der Landwirtschaft ein. Durch jedes Voranschreiten der Entwicklung sinkt die menschliche Abhängigkeit von der Natur, gar unterwirft er sich ihre Kräfte und schreibt so prozesshaft die Historie.

Zusammenfassend gesagt wird es dem Menschen möglich, durch die ihm von der Natur gegebene Produktivität, seine eigene Lebensgrundlage nach der konkreten ideellen Vorlage materiell zu verändern. Dieser Prozess beschreibt den ersten dialektischen Akt im Verhältnis des Menschen zu der Natur. „Natur ist nicht nur das, was aller menschlichen Tätigkeit vorausliegt und gegenübersteht, sondern auch das, was durch diese selbst lebendig fortwirkt.“ (Immler und Schmied-Kowarzik 2011, S. 26) Die Dialektik liegt in der Erkenntnis der Abhängigkeit des Menschen zu seiner Natur begründet. „So führt das Bewusstwerden der Menschen, dass sie es sind, die durch gesellschaftliche Praxis Geschichte machen, im letzten zur Einsicht, dass sie dies nur können im Einklang mit der durch sie selbst wirksamen Produktivität der Natur.“ (Schmied-Kowarzik 2018, S. 67 f.) Der Mensch an sich, jedes Merkmal seines Gattungswesen und damit auch seine Arbeit entspringt also schlussendlich aus der Natur, die er durch die natürliche Produktivität bewusst anpassen kann. Schmied Kowarzik schreibt weiterführend „dass die produktive Tätigkeit der Menschen doch immer zugleich Teil der Produktivität der Natur bleibt; dass die Geschichte als Gestaltung der Welt durch die Menschen selber noch Teil der sie übergreifenden Naturgeschichte ist, die in und durch den Menschen zu einem bewussten produktiven Verhältnis zu sich selbst kommt.“ (Schmied-Kowarzik 2018, S. 131)

So lässt sich aus dem Verhältnis des Menschen zur Natur erweiternd auf den Kontext des historischen Materialismus schließen, der ebenso in ständiger Bewegung stattfindet. Die Geschichte selbst ist durch die menschgemachte Änderung der materiellen und ideellen Verhältnisse und der daraus resultierenden Lebensumstände bedingt. Dieser bewegliche Prozess hat dabei die Charakteristik eines wegweisenden Übersubjekts inne. Die Historie wird durch die Gesellschaft, also den Menschen und schließlich auch durch die Natur selbst unweigerlich geleitet. „Denn schließlich sind Natur und Geschichte die beiden Komponenten, durch die wir leben, weben und sind.“ (MEW 39, S 63)

2.3 Der Wertbildungsfaktor der Natur – Ein Wissenschaftsstreit

Da nun die praxisphilosophische Theorie hinter dem marxschen Naturverständnis gelegt wurde, können wir uns Ihrer Auslegung anhand des Wissenschaftsstreits um die Kritik der politischen Ökonomie und der Naturfrage widmen. Sie wird seither in der Sekundärliteratur ausgiebig diskutiert, da sie zugleich polarisierend, jedoch so eminent für die Interpretation der marxschen Theorie ist. Im Rahmen einer wissenschaftlich korrekten Ausarbeitung ist es weiterhin nahezu unumgänglich den Wissenschaftsstreit, um die Auslegung der Naturfrage zwischen Hans Immler und Wolfdietrich Schmied-Kowarzik kritisch zu würdigen. Der zentrale Aspekt der wissenschaftlichen Diskussion befasst sich mit dem Wertbildungsfaktor der Natur und ob die Natur schon in sich, also isoliert betrachtet, Wert besitzt. Die sekundären Aspekte dieser Problemstellung umfassen eine kritische Auslegung der marxistischen Wertlehre. So wird seitens Immler fälschlicherweise der marxschen Theorie unterstellt, ähnlich wie auch der Kapitalismus an der allgemeinen Umweltproblematik beteiligt, oder verschärft gar selbst ursächlich für die naturzerstörende Ökonomie in den realsozialistischen Ländern zu sein. (vgl. Immler und Schmied-Kowarzik 2011, S. 7 f.)

Die Frage nach dem Wertbildungsfaktor der Natur lässt sich unter dem Mantel der marxschen Arbeitswertlehre erweitern. Unterteile man nun also der Werttheorie folgend, in Tausch- und Gebrauchswerte, kann festgelegt werden, dass aus der menschlichen Arbeit und den mannigfaltigen Ressourcen der Natur aller sachliche Reichtum der Menschheit besteht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Das dialektische Verhältnis zwischen Mensch und Natur bei Marx
Untertitel
Eine Betrachtung der Umweltproblematik in der kapitalistischen Ökonomie
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
39
Katalognummer
V535429
ISBN (eBook)
9783346131768
ISBN (Buch)
9783346131775
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marx, Umweltproblematik, Kapitalismus, Kommunismus, Dialektik, VWL, Nestle, Wasserprivatisierung, Gesellschaftskritik, Karl Marx, Engels, Trump, Ökonomie, Wertbildungsfaktor, Strukturelle Gewalt, Akkumulation, Natur, Produktionsweise
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Das dialektische Verhältnis zwischen Mensch und Natur bei Marx, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535429

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