Carl Schmitts Sicht auf die außereuropäische Welt


Seminararbeit, 2016

38 Seiten, Note: 17 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Quellen- und Literaturverzeichnis
A. Quellen
B. Literatur

Einleitung

Hauptteil

A. Carl Schmitts Leben und Denken
I. Uberblick uber Carl Schmitts Leben
1. Ausbildung und Erster Weltkrieg
2. Wirken in der Weimarer Republik
3. Karrieresprung und -bruch im Dritten Reich
4. Als Privatgelehrter zuruck in Plettenberg
II. Zu Carl Schmitts Denken
1. Wissenschaftliche und politische Grundpositionen
2. Leitmotivische Begriffe

B. Historischer Hintergrund
I. Vor 1914 - Imperialisms und ,europaische‘ Weltherrschaft
1. Europaischer Imperialisms
2. Monroe-Doktrin und amerikanischer Imperialisms
II. Nach 1914 - Erster Weltkrieg, Versailles und Volkerbund
1. Folgen des Ersten Weltkrieges
2. Kriegsende und Pariser Friedenskonferenzen
3. Der Volkerbund und seine Bewertung

C. Die auBereuropaische Welt im ,Nomos der Erde‘
I. Grundlagen
1. Die Landnahme als radical title
2. Der Nomos der Erde
II. Die Landnahme der Neuen Welt
1. Globale Linien
2. Der Rechtstitel der Entdeckung
III. Die auBereuropaische Welt im iuspublicum europaeum
1. Der Status von Land und Meer
2. Die Rechtslage des frei okkupierbaren Landes
IV. DerNiedergang des iuspublicum europaeum
1. Die letzte Landnahme
2. Ein anderes Volkerrecht
V. Volkerbund und westliche Hemisphere
1. Der Volkerbund und die USA
2. Die Ordnung der westlichen Hemisphere
3. Hintergrund: Die Linie der westlichen Hemisphere

Schluss

Quellen- und Literaturverzeichnis

A. Quellen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

B. Literatur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

In einer dekolonisierten und zunehmend globalisierten Welt, in der Europa nur noch ein ,Spie- ler‘ unter vielen ist und sich in einer immer engeren Europaischen Union organisiert, um sei­nen Einfluss zu erhalten, betrachtet sich der ,alte‘ Kontinent verstandlicherweise nicht mehr als Mittelpunkt und Machtzentrum der Erde. Die Epoche des Imperialismus, wahrend der ein GroBteil der auBereuropaischen Welt unter mehr oder weniger direkter Kontrolle europaischer Staaten stand, ist lange vorbei, und heutzutage erscheint es politisch und moralisch nicht mehr vertretbar, dies zu bedauern. Trotzdem oder gerade deswegen ist es interessant, die Argumen­tation derjenigen nachzuverfolgen, die es bedauerten.

Hierzu kann man den deutschen Staatsrechtler Carl Schmitt (1888-1985) zahlen. Nach einem Uberblick uber sein Leben und Denken und uber einige historische Hintergrunde seiner The- sen soil daher im Folgenden anhand seines 1950 erschienenen Buches ,Der Nomos der Erde im Volkerrecht des Jus Publicum Europaeum‘ seine Sicht auf die auBereuropaische Welt dar­gestellt werden. Eine kurze Zusammenfassung dieses Werkes erscheint indessen bereits an dieser Stelle angebracht: Der ,Nomos der Erde‘ ist vor allem ein rechtshistorisches Werk; Schmitt behandelt darin die Entstehung und Auflosung des europaischen Volkerrechtssystems der Neuzeit, des ius publicum europaeum. Er sieht in diesem System eine konkrete, nur fur Europa praktikable und dessen weltweite Vorherrschaft sichernde Ordnung, deren Ubertra- gung auf die ganze Welt Europa seine Stellung als „sakrale Mitte der Erde“ gekostet habe.1

Diese ,Entthronung‘ Europas verbindet Schmitt mit dem Aufstieg der Vereinigten Staaten von Amerika zur fuhrenden globalen GroBmacht, der seinen Ursprung in einem seit der Entde- ckung der Neuen Welt verlaufenden, von England ausgelosten Wandel im Volkerrechtsdenken gehabt habe: An die Stelle eines ,terranen‘ (europaischen), auf die Einhaltung des europai­schen Gleichgewichts und die Hegung des Krieges ausgerichteten Denkens sei ein ,mariti- mes‘ (globales) Denken getreten, dasjenes Gleichgewicht zerstort habe, ohne eine neue Ord­nung, einen neuen Nomos, zu schaffen.2 Wegen dieser negativen Beurteilung hat man den ,Nomos der Erde‘ auch ,,eine spekulative Endgeschichte des Abendlandes im Spiegel der Vol- kerrechtsgeschichte“3 genannt.

Hauptteil

A. Carl Schmitts Leben und Denken

Carl Schmitt, ,,wohl die am meisten umstrittene Gelehrtenpersonlichkeit der deutschen Staats- rechtslehre und des politischen Denkens im 20. J[ahrhundert]“4, war ,von Haus aus‘ Jurist. Sein Werk, in dem sich ,,juristisch-technische, politische, philosophische und kunstlerische Elemente“5 verbinden, reicht jedoch weit uber die Grenzen der Rechtswissenschaft hinaus, wobei er auch innerhalb dieser ein breites Spektrum abdeckte. Dementsprechend vielgestaltig sind die Disziplinen, zu denen man seine Arbeiten zahlt, wenn auch eine klare Einordnung nicht immer moglich ist. Schmitt gilt als Staats- und Volkerrechtler, Rechts- und Staatstheore- tiker, der sich problemlos und auf hohem Niveau in anderen Fachgebieten bewegen konnte, sodass sein wissenschaftliches Werk etwa auch fur die Geschichtsphilosophie, die Philologie, die Politologie, die Soziologie und die Theologie bedeutsam ist. Daruber hinaus trat er als Feuilletonist und Kulturkritiker auf und versuchte sich als Literat.6

I. Uberblick uber Carl Schmitts Leben

1. Ausbildung und Erster Weltkrieg

Carl Schmitt wurde am 11. Juli 1888 in Plettenberg im Sauerland in eine kleinburgerliche ka- tholische Familie hineingeboren, die neben ,,Kirche und Schule [... s]ein katholisch-konserva- tives Weltbild und Staatsideal“7 pragte. Nach dem Abitur in Attendorn studierte er von 1907 bis 1910 Rechtswissenschaft in Berlin, Munchen und schlieBlich StraBburg, wo er 1911 mit einer strafrechtlichen Arbeit promoviert wurde. Nach dem Zweiten Staatsexamen Anfang 1915 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, kam wegen Ruckenproblemen aber nicht an die Front, sondern war bis 1919 als Unteroffizier in der Zensurabteilung des bayerischen Kriegs- ministeriums in Munchen beschaftigt. Zwischenzeitlich hatte er sich 1916 in StraBburg fur Staats- und Verwaltungsrecht, Volkerrecht und Staatstheorie habilitiert. In Munchen erlebte er auch das Kriegsende, die Revolution und die Ausrufung der sozialistischen Raterepublik. Es durfte sein Denken nachhaltig gepragt haben, dass seine Dienststelle von Revolutionaren ge- sturmt wurde, die einen neben seinem Schreibtisch stehenden Offizier erschossen.8

2. Wirken in der Weimarer Republik

In der Folgezeit arbeitete Schmitt als Ordinarius fur Offentliches Recht an verschiedenen deutschen Hochschulen: 1921 in Greifswald, von 1922 bis 1928 in Bonn, von 1928 bis 1933 an der Berliner Handelshochschule, 1933 in Koln und von 1933 bis 1945 an der Friedrich- Wilhelms-Universitat Berlin (heute Humboldt-Universitat).9 Dabei nahm er in derjuristischen Szene eine AuBenseiterposition ein, wiewohl seine Arbeiten groBe Anerkennung und Auf- merksamkeit auch auBerhalb seines Faches genossen. Wahrend der Weimarer Zeit entstanden so seine bedeutendsten, bis heute nachwirkenden Schriften. In der Endphase der Weimarer Republik trat er dann als Unterstutzer und Berater der von 1930 bis 1933 amtierenden, mithil- fe des Notverordnungsrechtes des Reichsprasidenten (Artikel 48 WRV) regierenden Kabinette der Reichskanzler Bruning, von Papen und von Schleicher auf.10

Noch 1932, als die demokratischen Parteien im Reichstag keine Mehrheit mehr hatten, pla- dierte Schmitt fur ein KPD- und NSDAP-Verbot, um zu verhindem, dass die Feinde des Wei­marer Systems auf legalem Wege die Macht ubemahmen und die Reichsverfassung beseitig- ten. Deshalb wandte er sich - im Widerspruch zur herrschenden Meinung - gegen die Mog- lichkeit der Verfassungsdurchbrechung durch einfache Parlamentsgesetze nach Artikel 76 I WRV und betrachtete bestimmte Grundentscheidungen der Verfassung als der Verfugungsge- walt des Parlaments entzogen.11

3. Karrieresprung und -bruch im Dritten Reich

Nach der Machtubernahme der Nationalsozialisten,12 die Schmitt zwar weder begruBt noch ge- fordert hatte, passte er, „dem seitjeher die ordnungschaffende Entscheidung wichtiger war als ihre Inhalte“13 14 15, sich den neuen Verhaltnissen dennoch an und setzte seine Karriere fort. Er trat der NSDAP bei, wurde Leiter der ,Reichsfachgruppe Hochschullehrer des Bundes nationalso- zialistischer Juristen4, Herausgeber der Deutschen Juristen-Zeitung und PreuBischer Staatsrat. In dieser Zeit rechtfertigte er in seinen zahlreichen Veroffentlichungen die neue Ordnung und gab der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft einen formaljuristischen Unterbau. Die ex- tremsten Beispiele hierfur sind sein Aufsatz uber die Ermordung der SA-Fuhrung und bedeu- tender konservativer Oppositioneller am 30. Juni und 1. Juli 1934 (,Der Fuhrer schutzt das Recht414) und seine Eroffnungs- und Schlussworte auf der von ihm organisierten Tagung ,Das Judentum in der deutschen Rechtswissenschaft415 vom 3. und 4. Oktober 1936. Vor 1933 wa- ren in seinem Werk keine antisemitischen Aussagen zu finden gewesen, ab etwa 1935 traten solche dann auf einem ungewohnt niedrigen und radikalen Niveau umso deutlicher hervor.16

Da das Regime ab 1936 gefestigt und nicht mehr auf die Unterstutzung fuhrender ,Kopfe‘ aus der Weimarer Zeit angewiesen war, wurde Schmitt im Dezember 1936 ,,von der SS in der Zei- tung ,Das Schwarze Korps4 offentlich als Vertreter des politischen Katholizismus und Juden- freund denunziert und verlor alle politischen Amter“17, behielt nur den Berliner Lehrstuhl. Man warf ihm vor, sich allein zwecks Karriereforderung zum Nationalsozialismus bekannt zu haben, was seine ubertrieben zur Schau gestellte Loyalitat nahelegte. In der Folge wandte er sich politisch weniger brisanten Forschungen zu, namlich volkerrechtlichen, staatstheoreti- schen und geschichtsphilosophischen Grundfragen. Schmitts Anhanger attestierten ihm fur die Zeit nach dem ,Sturz‘ eine Distanzierung vom Nationalsozialismus,18 wofur sich in seinen bis 1945 veroffentlichten Schriftenjedoch keine Beweise finden - die Distanzierung erfolgte also hochstens sehr versteckt oder im Privaten -, und auch er selbst sah sich spater als Opfer.19

Schmitts Einsatz fur das nationalsozialistische Regime gleich nach der Machtergreifung war gleichwohl kein Einzelfall, sondern bei deutschen Intellektuellen dieser Zeit, insbesondere bei Hochschullehrern (zumal bei traditionell ,machtnahen‘ Juristen), geradezu ublich und ein Ausdruck des Zeitgeistes, sofern sie nicht von vornherein Gegner der Nationalsozialisten ge- wesen waren. Ebensowenig ist mit Schmitt „der Hauptschuldige der nationalsozialistischen Rechtsperversion zu entdecken und zu entlarven“20, denn die Schriften vieler anderer Juristen, zum Beispiel der Kieler Schule, stehen den seinigen in Absicht, Eifer und Tonfall nicht nach.21

4. Als Privatgelehrter zuruck in Plettenberg

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Schmitt von September 1945 bis Oktober 1946 in Berlin in- terniert, wurde im Marz 1947 in Nurnberg wegen Verdachts auf Unterstutzung der deutschen Angriffskriege und Kriegsverbrechen verhort, schlieBlich aber im Mai desselben Jahres in sei­ne Heimatstadt entlassen.22 In Plettenberg war er zunachst auf die Unterstutzung seiner Ver- wandten und Freunde sowie die Anfertigung pseudonymer Auftragsarbeiten angewiesen, bis ihm 1952 doch noch eine Pension gerichtlich zuerkannt wurde; einen Lehrstuhl sollte er aller- dings nicht mehr erhalten, und auch aus der akademischen Szene blieb er ausgeschlossen.23

Angesichts der zahlreichen Rechtsprofessoren, die trotz ihrer Verstrickungen in die national­sozialistische Ideologic an die Universitaten der Bundesrepublik zuruckkehrten und sich dort der stillschweigenden Solidaritat ihrer Kollegen sicher sein konnten, war dies zu erwarten ge- wesen; denn die offentliche Diskussion, die Schmitts Berufung auf einen Lehrstuhl ausgelost hatte, hatte ebendieses System des Verschweigens gefahrdet: Schmitts exponierte Rolle als ,Kronjurist des Dritten Reiches‘ hatte sich nicht verschweigen lassen, und im Zuge dessen waren auch weniger belastete Akademiker in Frage gestellt worden. Seine wissenschaftliche Arbeit setzte Schmitt trotzdem, wenn auch nach Verlust seiner Privatbibliothek und mangels Zugriff auf eine Universitatsbibliothek stark eingeschrankt, fort und hielt mittels umfangrei- cher Korrespondenzen Kontakt zu einem groBen Kreis treuer Kollegen und Schuler.24

Auf diese Weise nahm ,,er einen nicht unbetrachtlichen Einfluss auf die Geistesgeschichte der jungen Bundesrepublik“25, wie auch ,,seine Theorien, Gedanken und Begriffe in den wichtigs- ten Diskussionsrunden stets prasent“26 waren. Im Hinblick auf die nationalsozialistische Zeit ruckte Schmittjedoch ,,nie offentlich von seiner unbestreitbaren geistigen Mittaterschaft“27 ab und setzte seinen Antisemitismus in seinen personlichen Aufzeichnungen fort; erst gegen Ende seines Lebens sah er sich selbstkritischer. Vom Tode seiner einzigen Tochter Anima im Jahre 1983 schwer getroffen, verschlechterte sich sein korperlicher und geistiger Gesundheits- zustand rapide, sodass er am 7. April 1985 schlieBlich in Plettenberg starb.28

II. Zu Carl Schmitts Denken

Schmitt wollte zwar ,reiner‘ Wissenschaftler, also lediglich Theoretiker sein und verstand sei­ne Werke als ausschlieBlich wissenschaftliche Thesen. Die weitlaufige Wirkung seines Den- kens lasst sichjedoch nicht bestreiten, sodass er heute oft als Klassiker29 gilt.30 Die Polarisie- rung31, die Schmitt vor allem nach 1945 im In- wie Ausland hervorrief- in westlichen Demo- kratien war er lange ein ,Unberuhrbarer‘, in autoritaren Regimen dagegen geschatzt -, ist heutzutage einer eher nuchternen Sichtweise gewichen.32

1. Wissenschaftliche und politische Grundpositionen

Hier sollen zwei Grundrichtungen angerissen werden, die Carl Schmitts Denken pragten: Ka- tholizismus und Etatismus.33 Zum eine war er ein uberzeugter und glaubiger Katholik, von der Kirche als Institutionjedoch enttauscht. Nachdem die Kirche sich 1925/1926 geweigert hatte, seine erste, 1915 mit einer Hochstaplerin geschlossene Ehe aufzulosen, ging er 1926 dennoch eine zweite Zivilehe ein und war deshalb bis zum Tod seiner zweiten Frau 1950 exkommuni- ziert, zweifelte indes nie an seinem Glauben. Zum anderen war er als Etatist von der Notwen- digkeit eines starken, den inneren Frieden garantierenden Staates uberzeugt, dessen konkrete Form und Verfassung allerdings von sekundarer Bedeutung sein sollten.34

Nach einer verbreiteten Meinung ist Schmitt sein Leben lang nicht von bestimmten Grundpo­sitionen abgewichen, die sich unter anderem auf seine katholische Pragung, seinen Etatismus und seine Abneigung gegen das Proletariat und den Sozialismus35 zuruckfuhren lassen:36

,,Er war antiparlamentarisch, antidemokratisch und antiliberal. Eine rationale, politisch sinnvolle Willensbildung oder gar Staatsbegrundung nach demokratischen Prinzipien gab es fur ihn nicht. [...] Die rechtsstaatliche Normallage erschien ihm langweilig. Poli- tik, Recht und Staat sind fur ihn von der Ausnahmelage her definiert[.]“37

In diesem Sinne ubte er zwar deutliche Kritik an der Weimarer Reichsverfassung, bezweifelte aber nicht ihre Legitimitat und wunschte sich auch keine Ruckkehr zur Monarchic; die Revo­lution von 1918 mit all ihren Folgen betrachtete er nicht als unrechtmaBigen Akt, sondem als rechtserzeugende ,Entscheidung‘ wahrend des Ausnahmezustandes. Dementsprechend unpro- blematisch konnte er sich auch dem Nationalsozialismus nach der revolutionaren Entschei- dung von 1933, die seine Entscheidung fur die Verteidigung Weimars obsolet gemacht hatte, zuwenden, zumal nun genau die von ihm missbilligten Prinzipien beseitigt wurden - Parla- mentarismus, Demokratie, Liberalismus - und ein autoritares, streng hierarchisches System entstand, das auch den Katholiken in ihm ansprach.38

2. Leitmotivische Begriffe

Schmitt, der in seinem Werk unter anderem an die Staats- und Souveranitatsbegriffe von Nic­colo Machiavelli (1469-1527), Jean Bodin (1530-1596) und Thomas Hobbes (1588-1679), aber auch an Juan Donoso Cortes (1809-1853) und Georges Sorel (1847-1922) anknupfte,39 ist beruhmt fur die Bildung plastischer, zugespitzter und scheinbar schlussiger Begriffe, die bei naherer Betrachtungjedoch mehr verwirren als aufklaren. Diese entwickelte er oft in grif- figen Dreierkombinationen oder Antithesen, zum Beispiel:40

,,Recht - Staat - Individuum; Justizstaat - Verwaltungsstaat - Gesetzesstaat; Gesetz - MaBnahme - Institution; Norm - Dezision - konkrete Ordnung und Gestaltung; Staat - Bewegung - Volk; totaler Feind - totaler Krieg - totaler Staat; Fuhrung - Disziplin - Ehre; Reich - Staat - Bund; Nehmen - Teilen - Weiden; Nomos - Nahme - Name; [...] Legalitat - Legitimitat; Normalzustand - Ausnahmezustand; Freund - Feind; Gesetz - Urteil usw.“

Auf Schmitts wohl wichtigstes Leitmotiv kann hier nur kurz eingegangen werden, namlich auf die Unterscheidung von Freund und Feind, die er in seiner beruhmtesten Schrift, dem ,Be- griff des Politischen‘41, als Grundlage alien politischen Denkens und Handelns entwickelte. Dies wurde und wird bis heute in dem Sinne missverstanden, dass Schmitt politischen Hass und die Bekampfung und Vernichtung des Feindes mit alien Mitteln gefordert habe. Seine ei- gentliche Absicht war esjedoch, darauf hinzuweisen, dass bestehende politische Verhaltnisse von extremen Konflikten gepragt sein konnen, die man nicht verharmlosen oder verleugnen durfe, sondern mithilfe des Freund-Feind-Kriteriums begrifflich klar erfassen musse:42

,,Der politische Feind braucht nicht moralisch bose, er braucht nicht asthetisch haBlich zu sein; er muB nicht als wirtschaftlicher Konkurrent auftreten, und es kann vielleicht sogar vorteilhaft scheinen, mit ihm Geschafte zu machen. Er ist eben der andere, der Fremde, und es genugt zu seinem Wesen, daB er in einem besonders intensiven Sinne existenziell etwas anderes und Fremdes ist, so daB im extremen Fall Konflikte mit ihm moglich sind, die weder durch eine im voraus getroffene generelle Normierung, noch durch den Spruch eines ,unbeteiligten‘ und daher ,unparteiischen‘ Dritten entschieden werden konnen.“43

Ein weiterer, besonders fur die Ausfuhrungen zum ,Nomos der Erde‘ unter Kapitel C wichti- ger Begriff ist die ,konkrete Ordnung‘ beziehungsweise das ,konkrete Ordnungsdenken4. Schmitt pragte diesen Begriff des Rechtsdenkens von der konkreten Ordnung her in der 1934 erschienenen Abhandlung ,Uber die drei Arten des rechtswissenschaftlichen Denkens‘ in Ab- grenzung von dem Regeln- oder Gesetzesdenken (Normativismus) und dem Entscheidungs- denken (Dezisionismus):44

,,Fur das konkrete Ordnungsdenken ist ,Ordnung‘ auch juristisch nicht in erster Linie Regel oder eine Summe von Regeln, sondem, umgekehrt, die Regel nur ein Bestandteil und ein Mittel der Ordnung. [...] Die Norm oder Regel schafft nicht die Ordnung; sie hat vielmehr nur auf dem Boden und im Rahmen einer gegebenen Ordnung eine gewis- se regulierende Funktion mit einem relativ kleinen MaB in sich selbstandigen, von der Lage der Sache unabhangigen Geltens.“45

In diesem Denken entsteht das Recht also nicht aus abstrakten normativen Setzungen, sondern aus „dem dualistischen AuseinanderreiBen von Sein und Sollen vorausliegenden konkreten Lebensordnungen und uberpersonlichen Institutionen der geschichtlich-sozialen Wirklich- keit“46. Dies bedeutet, dass sich auch die Interpretation der geltenden Normen mehr an den tatsachlichen Gegebenheiten der herrschenden konkreten Ordnung auszurichten hat als an ei­nem abstrakten Willen des Gesetzgebers. Es lasst sich leicht erkennen, dass ein solches Rechtsdenken anfallig dafur ist, als Legitimation fur das von einer totalitaren Ordnung ge- schaffene und gesprochene ,Recht‘ herangezogen zu werden. Das konkrete Ordnungsdenken wurde im Dritten Reich denn auch im nationalsozialistischen Sinne bemuht und hat deshalb nach 1945 viel Kritik erfahren, wenn auch die Einsicht erhalten blieb, dass das staatliche Recht im Allgemeinen nicht frei von gesellschaftlichen Einflussen ist.47

B. Historischer Hintergrund

Carl Schmitt arbeitet in seinem ,Nomos der Erde‘, anhand dessen in Kapitel C seine Sicht auf die auBereuropaische Welt dargestellt werden soil, vor allem rechtshistorisch und beschaftigt sich mit einem Zeitraum, der von der Antike bis zur damaligen Gegenwart, der Mitte des 20. Jahrhunderts, reicht. Wie nicht alle angesprochenen Epochen und Sachgebiete fur das hier behandelte Thema relevant sind, so kann auch nicht der historische Hintergrund aller relevan- ten Aspekte detailliert dargestellt werden. Im Folgenden wird deshalb lediglich auf Entwick- lungen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts eingegangen, auf die es an- kommt, um Schmitts diesen Zeitraum betreffende Thesen zu verstehen. Im Ubrigen werden noch einige Hintergrundinformationen fur hier nicht naher erlauterte Punkte eingeflochten, sofern sich die historische Einordnung nicht schon aus Schmitts Ausfuhrungen selbst ergibt.

I. Vor 1914 - Imperialisms und ,europaische‘ Weltherrschaft

1. Europaischer Imperialisms

Die Zeit vom letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg wird gemeinhin als Zeitalter des (europaischen) Imperialisms bezeichnet. Die schon seit Jahrhunderten an- dauemde europaische Expansion nach Ubersee erreichte am Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Qualitat. Nachdem zuvor, wahrend des sogenannten Fruhimperialismus, fur die europai­schen Staaten vor allem die indirekte, wirtschaftliche Kontrolle der auBereuropaischen Welt durch private Handelskompanien im Vordergrund gestanden hatte, begann mit den 1880er Jahren der Hochimperialismus: Nun wurde auch die formelle staatliche Herrschaft uber die seitdem besonders in Afrika neu erworbenen Kolonien etabliert. Dieser Kontinent wurde bis 1914 mit Ausnahme Athiopiens, Liberias und eines Teils von Marokko vollstandig unter den europaischen Machten Belgien, Deutschland, Frankreich, GroBbritannien, Italien, Portugal und Spanien aufgeteilt. Zu Kriegen um Kolonien kam es in dieser Zeit zwischen den Europa- ern jedoch nicht, denn trotz alien mit uberseeischem Besitz verbundenen Prestiges war jener nicht von gleicher Bedeutung wie europaischer Territorialbesitz und wurden der eingeborenen Bevolkerung nur mindere Rechte zugestanden, sodass eine friedliche Konfliktbeilegung durch Gebietsaustausch viel einfacher moglich war als in Europa selbst.48

[...]


1 Schmitt: Nomos, 206 (Zitat ebd., 199).

2 Ebd., 19-20, 69, 112, 212, 270-271.

3 Mehring: Nomos, Rn. 14.

4 Stolleis: CS 2, 1457.

5 Stolleis: CS 1, 123.

6 Quaritsch: Positioned 9-11; Neumann: CS, 734; Voigt: Staatsdenken, 27, 45. - Carl Schmitts Schriftenund Korrespondenzen sind aufgefuhrt bei Benoist: Bibliographic, 15-180.

7 Ruthers: CS 3, 63.

8 Quaritsch: CS, 484-485; Stolleis: CS 3, 562; Kraus: CS, 326-327. - Ausfuhrlich zu diesem Zeitabschnitt Bendersky: CS, 3-20; Noack: CS, 15-54; Mehring: CS, 18-111.

9 HierzuBendersky: CS, 43-191; Noack: CS, 55-163; Mehring: CS, 129-302.

10 Quaritsch: CS, 485; Stolleis: CS 3, 562; Kraus: CS, 328, 331; Voigt: Weltordnungs-Denken, 200.

11 Quaritsch: Positionen, 42-43, 47, 51; Voigt: Staatsdenken, 41-42. - Vgl. heute Artikel 79 III GG.

12 Sehr ausfuhrlich zu Carl Schmitts Rolle im Dritten Reich Andreas Koenen: Der Fall Carl Schmitt. Sein Auf- stieg zum „Kronjuristen des Dritten Reiches44, Darmstadt 1995. - Zum Folgenden auch Bendersky: CS, 195— 273; Noack: CS, 164-234; Mehring: CS, 303-436.

13 Stolleis: CS 2, 1458. - Hitlers Emennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 verstorte Schmitt so, dass er am folgenden Tag seine Vorlesungen absagte; nach einigen Wochen licB er sich aber doch „vom (Un-)Geist des Tages und der Zeit ergreifen und in den emotionalen Erdrutsch des Jahres 1933 mitrciBcn'' (Quaritsch: Positionen, 98-103, Zitat 104).

14 Veroffentlicht in der Deutschen Juristen-Zeitung 1934, 945-950.

15 Das Judentum in der deutschen Rechtswissenschaft. Ansprachen, Vortrage und Ergebnisse der Tagung der Reichsgruppe Hochschullehrer im NSRB am 3. und 4. Oktober 1936, 8 Hefte, Berlin 1936. - Ein Beispiel aus Schmitts Schlusswort: ,,Die Beziehung des judischen Denkens zum deutschen Geist ist folgender Art: Der Jude hat zu unserer Arbeit eine parasitare, eine taktische und eine handlerische Beziehung44 (Heft 1, 32, zit. nachRuthers: CS 1, 101).

16 Ebd., 71-75, 96-102; Quaritsch: CS, 485; Kraus: CS, 332; Neumann: CS, 750-751. - Polemisch Ziegler: Volkerrechtsgeschichte, 209-210: ,,Die Kluft zwischen seinem [Carl Schmitts] intellektuellen Vermogen und seinem unsaglich schabigen antisemitischen Verhalten nach 1933 ist bei keinem [!] Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts tiefer.“

17 Quaritsch: CS, 485.

18 So etwa Quaritsch: Positionen, 83-84, 107-110 (mit der These, Schmitt habe sich dem nationalsozialisti­schen Tonfall anpassen mussen, um weiterhin gehort zu werden, und er habe mit seinen radikalsten Auberun- gen, die auch viele Zeitgenossen verstoren mussten, lediglich ein ,Spiel‘ gespielt - sich selbst parodiert -, um die Auswuchse der nationalsozialistischen Ideologic zu verspotten); Kraus: CS, 333.

19 Ruthers: CS 1, 104-108, 121-122; Stolleis: CS 2, 1459; Ruthers: CS 2, 1686; Kraus: CS, 332-333: Voigt: Weltordnungs-Denken, 199-200.

20 Ruthers:CS 1,43.

21 Ebd., 25-29, 43-44, 60.

22 Zum letzten Lebensabschnitt Noack: CS, 235-303; Mehring: CS, 438-578.

23 Ruthers: CS 2, 1682; Quaritsch: CS, 485-486; Kraus: CS, 333; Ruthers: CS 3, 63; Voigt: Weltordnungs-Den­ken, 200.

24 Ruthers: CS 2, 1682; Quaritsch: CS, 486.

25 Neumann: CS, 754.

26 Voigt: Weltordnungs-Denken, 200.

27 Seifert:CS,364.

28 Kraus: CS, 333-334; Neumann: CS, 754.

29 Mehring etwa mochte Schmitt „nicht in die Reihe der ,Klassiker‘ des politischen Denkens oder die Geschich- te des offentlichenRechts ein[ordnen]“ (CS, 14).

30 Ruthers: CS 2, 1683; Kraus: CS, 326.

31 Die fur Schmitts Denken typische Unterscheidung von Freund und Feind findet sich gewissermahen in der Bewertung seines Werkes wieder, mit dem eine unvoreingenommene Auseinandersetzung nur schwer mog- licherscheint (Stolleis: CS, 123; Ruthers: CS 1, 130; Ruthers, CS 2, 1681).

32 Voigt: Weltordnungs-Denken, 198, 203-204. - Eine umfassende Auflistung der weltweit erschienenen Se- kundarliteratur zu Carl Schmitt bietet Benoist: Bibliographic, 181-528.

33 Zu Carl Schmitt als Nationalist Quaritsch: Positionen, 58-82.

34 Ebd., 12, 25-28, 32-34, 36.

35 Vgl. das oben 11 erwahnte Erlebnis wahrend der Revolution in Munchen.

36 Ruthers: CS 3, 63-64; Seifert: CS, 365.

37 Ruthers: CS 1, 57-58.

38 Stolleis: CS 1, 139; Kraus: CS, 329.

39 Voigt: Staatsdenken, 27-28.

40 Stolleis: CS 1, 124-125 (dort auch das folgende Zitat); Voigt: Weltordnungs-Denken, 199.

41 Hierzu Reinhard Mehring (Hrsg.): Carl Schmitt. Der Begriff des Politischen. Ein kooperativer Kommentar, Berlin 2003.

42 Kraus: CS, 330; Voigt: Weltordnungs-Denken, 198.

43 Schmitt: Begriff, 27.

44 Zum konkreten Ordnungsdenken ausfuhrlich Joseph H. Kaiser: Konkretes Ordnungsdenken, in: Helmut Qua- ritsch (Hrsg.): Complexio Oppositorum. Uber Carl Schmitt. Vortrage und Diskussionsbeitrage des 28. Son- derseminars 1986 derHochschule fur Verwaltungswissenschaften Speyer, Berlin 1988, 319-331.

45 Schmitt: Rechtsw. Denken, 13.

46 Bockenforde: Ordnungsdenken, 1312-1313.

47 Ebd., 1313-1314.

48 Hobsbawm: Imp. Zeitalter, 80-81; Fisch: Europa, 329-330; Ziegler: Volkerrechtsgeschichte, 177; Schollgen/

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Carl Schmitts Sicht auf die außereuropäische Welt
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Juristische Fakultät)
Veranstaltung
Seminar: Die außereuropäische Welt in der Staats- und Rechtsphilosophie der Neuzeit
Note
17 Punkte
Autor
Jahr
2016
Seiten
38
Katalognummer
V535684
ISBN (eBook)
9783346120816
ISBN (Buch)
9783346120823
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Carl Schmitt, Imperialismus, Monroe-Doktrin, Erster Weltkrieg, Versailles, Völkerbund, Landnahme, Nomos der Erde, Neue Welt, Globale Linien, radical title, Entdeckung, ius publicum europaeum, Land und Meer, Okkupation, occupatio, Westliche Hemisphäre, Terran, Maritim, Konkrete Ordnung, Konkretes Ordnungsdenken, Ordnung und Ortung, Raum und Recht, Europa, Außereuropäische Welt, raya, amity line, Völkerrecht, Kolonialismus, Universalisierung des europäischen Völkerrechts
Arbeit zitieren
Alexander Lauer (Autor), 2016, Carl Schmitts Sicht auf die außereuropäische Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535684

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