Digitalisierung und Persönlichkeitsentwicklung. Kann Online-Kommunikation die (zwischen)leibliche Interaktion ersetzen?


Hausarbeit, 2018

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Persönlich-Sein und Person-Sein

3. (Zwischen)leibliche Kommunikation

4. Leiblichkeit in computervermittelter Kommunikation

5. Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der heutigen Zeit nutzen viele Menschen die unzähligen Möglichkei- ten, die das Social Web bereitstellt. Nicht nur Erwachsene werden mit diesen Möglichkeiten konfrontiert: Gerade junge Heranwachsende bilden die größte Gruppe der Nutzer dieser Plattformen. Besonders die Selbst- darstellung im Netz ist eine beliebte Art und Weise andere Menschen an dem eigenen Leben teilhaben zu lassen. Jede scheinbar noch so kleine Banalität, wie das Müsli am Morgen oder der Tee am Abend werden mit- hilfe von social Media der Öffentlichkeit bereitgestellt. Es macht den An- schein, dass die Jagd nach Likes einer anonymen Gruppe das Selbstbild und Selbstbewusstsein einer Person bestimmt. Persönliche Kompli- mente sind rar geworden, gibt es doch jetzt den „Daumen- hoch- Button“ und Herzchen mit denen im Netz etwas als gut bewertet wird. Auf der Suche nach Selbstbestätigung und Anerkennung im Web, stehen beson- ders junge Menschen vor der riesigen Aufgabe, dem Druck in einer ano- nymen Community von scheinbar perfekt aussehenden, talentierten Nut- zern standzuhalten. Statt sich mit all den individuellen Eigenschaften ei- nes jeden Menschen zu schätzen und zu achten wird ein Konkurrenz- kampf eröffnet. Auch außerhalb des Webs sind die Selbstfindungsphase und die Persönlichkeitsentwicklung ein schwieriges Unterfangen, wel- ches durch das social Web jedoch nahezu unlösbar wird: Es wird immer unwichtiger wer man ist. Wichtig hingegen wird, wie man sich darstellt und auf andere Nutzer wirkt. Die reale Welt und die Welt des Web ver- schmelzen zunehmend miteinander, sodass auch die Face-to-face-Kom- munikation immer weiter in den Hintergrund rückt. Die Kommunikations- formen im Web sind bequem und praktisch. Wofür sollte man sich noch persönlich zu einem Gespräch verabreden, wenn Konversationen mit- hilfe von Messengern und die Nutzung von sogenannten Emoticons von zuhause ausgeführt werden können. In dieser Art von Kommunikation wird der Andere jedoch nicht leiblich wahrgenommen, woraus die Frage resultiert, wie ein Mensch seine Persönlichkeit, die vorwiegend auf leibli- chen Begegnungen begründet ist, entwickelt, wenn der Gesprächspartner abwesend ist. Ob es sich in computervermittelter Kommunikation um leibliche Kommunikation handelt soll in dieser Arbeit herausgestellt werden. Hierzu ist es notwendig in einem ersten Schritt darauf einzugehen, was sich hinter den Begriffen Personalität und Per- sönlichkeit verbirgt und wie diese unterschieden werden können. Um herauszustellen wie genau sich die Persönlichkeit eines Menschen ent- wickelt, wird der Ansatz einer leiblichen Persönlichkeitsstruktur von Thomas Fuchs näher erläutert. Im Anschluss wird auf den von Fuchs an- gesprochenen Begriff der (zwischen)leiblichen Kommunikation einge- gangen, um zu verdeutlichen was unter dem Aspekt der Leiblichkeit in Bezug auf Kommunikation verstanden werden kann. Auf Grundlage die- ses theoretischen Ansatzes wird sich im Hauptteil damit beschäftigt, wie und ob (zwischen)leibliche Kommunikation computervermittelt stattfin- den kann und ob somit auch in dieser Art von Kommunikation eine Per- sönlichkeit ausgebildet werden kann. Abschließend erfolgt auf Grundlage der Ergebnisse zur Thematik ein Ausblick.

2 Persönlich-Sein und Person-Sein

Die Persönlichkeit kann als „Summe aller persönlichen Eigenschaften ei- ner Person“ beschrieben werden.1 Generell werden unter dem Begriff Persönlichkeit gewisse Charaktermerkmale, Haltungen und Einstellun- gen verstanden, die sich eine Person im Laufe der Zeit aneignet.2 Als Person wird ein individueller Mensch mit einer bestimmten Identität und Persönlichkeit bezeichnet, welcher den Auftrag hat, seine persönlichen Eigenschaften im Kontext seines Person-Seins zu entwickeln.3 Die hier aufgeführte Definition von Persönlichkeit beinhaltet zwei zentrale As- pekte. Zum einen kennzeichnet die Persönlichkeit einer Person eben diese als individuell, da es unmöglich ist, dass zwei Personen in allen Bereichen ihrer persönlichen Eigenschaften identisch sind. Zum anderen bringt die Persönlichkeit vor allem die Identität einer Person zum Vor- schein.4 Aus diesem Grund ist es Personen möglich, anhand von Per- sönlichkeitsmerkmalen zu bestimmen ob diese ihrem Wesen entspre- chen oder eben nicht. Zu der Entstehung der Persönlichkeit stellt Thomas Fuchs die These auf, dass die Persönlichkeit einer Person leiblich zum Ausdruck kommt und in zwischenleiblichen Begegnungen gebildet und geformt wird.5 Das bedeutet, dass Persönlichkeitsmerkmale einer Per- son sich beispielsweise in ihrer Gestik, Mimik oder auch der Körperhal- tung und der Stimme äußern können. Wenn sich zwei Menschen begeg- nen, nehmen sie nicht nur den Körper des Gegenüber wahr, sondern spüren etwas von der Wesensart des Menschen.6 Fuchs spricht hierbei von einer Persönlichkeitsstruktur, die sich dadurch kennzeichnet, dass eine Person über längere Zeit Verhaltens- und Reaktionsmuster bildet, die auf zwischenleiblichen Erfahrungen beruhen und von Situation zu Si- tuation aktualisiert werden können. Diese Persönlichkeitsstrukturen ent- stehen in der leiblichen Begegnung von Leib zu Leib, wodurch sie sich der Person selbst in der Ich- Perspektive und dem Anderen in der Du- Perspektive eröffnen. Gebildet werden diese Strukturen vorwiegend in zwischenleiblicher Interaktion und Kommunikation. Anders ausgedrückt nimmt der Andere, der gegenüber, einen existentiellen Stellenwert in der eigenen Erfahrung ein, welche als Grundlage der Persönlichkeit dient. Somit ist der Andere in der leiblichen Persönlichkeitsstruktur immer schon inbegriffen und diese ist immer schon auf den Anderen bezogen.7 Es handelt sich hierbei jedoch nicht um einen Vorgang der nach einer gewissen Zeit abgeschlossen ist oder etwas auf das eine Person hinar- beitet, sondern um einen dynamischen Prozess, in dem sich die Persön- lichkeit fortlaufend durch zwischenleibliche Begegnungen und Kommuni- kation aktualisiert und verändert. Wichtig hierbei ist, dass die persönli- chen Eigenschaften zwar auf die Identität eines Menschen verweisen,ihn jedoch nicht als Person auszeichnen.8 Denn die Personalität ist im Gegensatz zu der Persönlichkeit keine Eigenschaft, „[…] sondern be- zeichnet eine relationale Wirklichkeit […]“9. Die Personalität umfasst die Aufgabe, sich zum einen der Aufgabe anzunehmen seine Persönlichkeit zu entwickeln und zum anderen die Aufgabe wahrzunehmen, „[…] der Liebe Gottes im Verhältnis zum Nächsten zu entsprechen […]“10, also den Anderen als Person zu achten. Wie bereits erwähnt entwickelt eine Person ihre Persönlichkeit vor allem durch zwischenleibliche Begegnun- gen und Kommunikationen, wodurch sich die Frage stellt, inwiefern ein Mensch seine Persönlichkeit auf Basis computervermittelter Kommuni- kation, in der sich die Gesprächspartner eben nicht leiblich gegenüber- stehen, bilden kann. Um diese Frage beantworten zu können, wird im Folgenden darauf eingegangen, was leibliche Kommunikation umfasst und ob die computervermittelte Kommunikation in Bezug auf die fehlende Leiblichkeit als defizitär bezeichnet werden muss.

3 (Zwischen)leibliche Kommunikation

Als (zwischen)leibliche Kommunikation wird eine nonverbale Kommuni- kation verstanden, die darauf basiert, den Kommunikationspartner bezie- hungsweise sein Empfinden leiblich zu spüren.11 Wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, nehmen sie nicht nur die körperliche Gestalt des An- deren wahr, sondern empfinden ihn auch leiblich. Das heißt, dass der eine Akteur etwas von der Stimmung des Gegenübers in sich selbst spürt, erweitert und durch diese erfahrungsebene seine Persönlichkeit aktualisiert. Jeder hat sicherlich schon einmal die Erfahrung gemacht, dass ein Mensch ihm auf Anhieb sympathisch war (oder auch eben nicht), ohne dass diese Person etwas Besonderes getan hat. Es ist ein innerliches Gefühl, dass dem Menschen vermittelt, was der andere Mensch empfindet und ausstrahlt. Beispielsweise lässt eine gerunzelte Stirn des Kommunikationspartners vermuten, dass dieser sich Sorgen macht, oder ihn etwas bedrückt. Aus diesem Grund kann der Mensch sein Gegenüber fragen, was diesen bedrückt, ohne dass dieser seine Stimmung explizit verbal artikuliert hat. Dies kann der Mensch, da er aus vorherigen Kommunikationssituationen die Erfahrung mitbringt, dass ein Mensch mit gerunzelter Stirn durch seine Aussagen verständlich ge- macht hat, dass er bedrückt oder besorgt ist. Aufgrund dieser Erfahrung aktualisiert er seine Persönlichkeit und ist damit in der Lage, die in die- sem Fall gerunzelte Stirn leiblich zu spüren und zu deuten. Laut Thomas Fuchs entsteht (zwischen)leibliche Kommunikation dann, wenn zwei Leiblichkeiten aufeinandertreffen und in diesem Aufeinandertreffen eine oszillierende Erfahrung von Resonanzen und Dissonanzen stattfindet.12 Resonanzen meint hierbei das im Beispiel deutlich gemachte (Mit-)spüren vom Empfinden des Anderen. Etwas, das der Andere spürt wird in einem selbst subtil ebenfalls spürbar, wodurch quasi ein gemeinsames Erleben der Situation stattfindet. Dadurch kann auch begründet werden, warum der Mensch fähig ist, Mitleid zu empfinden. Der Begriff „Mitleid“ ist hierbei passend gewählt, da der Eine Kommunikationspartner nie das gleiche Leid des Anderen leidenden Kommunikationspartners empfinden kann, er jedoch durch das leibliche Spüren des Schmerzes mitleiden kann. Anhand dieses Mitleides wird ebenfalls ersichtlich, was Fuchs un- ter sogenannten Dissonanzen versteht. Im Empfinden des Mitleides ist dem Menschen bewusst, dass es das Leid eines Anderen ist und nicht sein eigenes. Das Spüren des Leides einer anderen Person wird nur in abgewandelter Form leiblich erfahrbar, da das Leid von einer anderen Qualität ist als das eigene. Das Leid des Anderen kann niemals in vollem Maße leiblich erfahrbar werden, da es aus der Zweiten-Person-Perspek- tive wahrgenommen wird.

[...]


1 Vgl. Lück, „Ich hab‘ nichts zu verbergen!“, 101.

2 Vgl. Lück, Der gläserne Mensch im Internet, 126.

3 Vgl. Lück, „Ich hab‘ nichts zu verbergen!“, 101.

4 Vgl. Lück, Der gläserne Mensch im Internet, 126.

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. ebd., 127.

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. ebd., 128.

9 Ebd., 128.

10 Ebd.

11 Vgl. Gugutzer, Leib, Körper, Identität, 106.

12 Vgl. Lück, „Ich hab‘ nichts zu verbergen!“, 99.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Digitalisierung und Persönlichkeitsentwicklung. Kann Online-Kommunikation die (zwischen)leibliche Interaktion ersetzen?
Hochschule
Universität Paderborn
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V535762
ISBN (eBook)
9783346129024
ISBN (Buch)
9783346129031
Sprache
Deutsch
Schlagworte
digitalisierung, persönlichkeitsentwicklung, kann, online-kommunikation, interaktion
Arbeit zitieren
Lea Hoppe (Autor:in), 2018, Digitalisierung und Persönlichkeitsentwicklung. Kann Online-Kommunikation die (zwischen)leibliche Interaktion ersetzen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535762

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