Die Konzeption guter und böser Figuren in den phantastischen Romanen "Momo" und "Der mechanische Prinz"


Bachelorarbeit, 2018

40 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse der Figuren in Michael Endes „Momo“
2.1 Die Protagonistin Momo
2.1.1 Die „Glücksbringerin“
2.1.2 Das „Gute“ in Momo
2.1.3 Zur Konzeption der Figur
2.2 Momos Freunde
2.2.1 Beppo Straßenkehrer
2.2.1.1 Das „Gute“ in Beppo
2.2.1.2 Verführung durch die grauen Herren
2.2.2 Gigi Fremdenführer
2.2.2.1 Das „Gute“ in Gigi
2.2.2.2 Verführung durch die grauen Herren
2.2.3 Zur Konzeption der Figuren
2.3 Die grauen Herren
2.3.1 Äußere Merkmale des Bösen
2.3.2 Kälte und Tod
2.3.3 Parasitismus
2.3.4 Kriminelle Machenschaften
2.3.5 Zur Konzeption der Figuren

3. Analyse der Figuren in Andreas Steinhövels „Der mechanische Prinz“
3.1 Der Protagonist Max
3.1.1 Auslöser des „Bösen“ in Max
3.1.2 Das „Gute“ in Max
3.1.3 Das „Böse“ in Max
3.1.4 Max moralischer Werdegang: Im Reich des mechanischen Prinzen
3.1.5 Zur Konzeption der Figur
3.2 Die Kontrastfigur Jan
3.2.1 Das „Gute“ in Jan
3.2.2 Das „Böse“ in Jan
3.2.3 Zur Konzeption der Figur
3.3 Max und Jan als Einheit
3.4. Die Prüfungsinstanz: Der mechanische Prinz
3.4.1 Das „Böse“ im Prinzen
3.4.2 Das „Gute“ im Prinzen
3.4.3 Zur Konzeption der Figur
3.5 Die Erzähl-/ Reflexionsinstanz: Der Kinderbuchautor
3.5.1 Das „Böse“ im Autor
3.5.2 Das „Gute“ im Autor
3.5.3 Zur Konzeption der Figur

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Rotkäppchen und der Wolf, Krabat und der Müller, sogar Kasper und das Krokodil: Hinweg über verschiedenste Kulturen, Epochen und Genres gibt es das Motiv des Guten gegen das Böse. So beschreibt Meißner diesen Kampf auch als „Kernproblem“1 2 3 der Phantastischen Literatur.

Bereits gegen Ende des vierten Lebensjahres entwickelt sich bei Kindern eine Vorläuferform des Gewissens: Ein Gefühl für Gut und Böse. Somit gelingt es diesen schnell zu differenzieren, bei welchen Figuren es sich um die „Guten“ und bei welchen um die „Bösen“ handelt.

Dies gilt insbesondere für den Raum der Literatur. Hier begegnen ihnen schon früh allerlei böse Wölfe und gute Prinzen. In der Regel erzieht uns dies zu Sympathisanten des Protagonisten, bei welchem häufig bereits zu Beginn deutlich wird, dass es sich um eine Figur handelt, welche sich einer Bedrohung durch das Böse stellen muss. Ein schönes Beispiel hierfür ist Joanne K. Rowlings Harry Potter: Der gute Zauberer gegen den bösen Magier Voldemort. Doch kann man wirklich behaupten, dass die Figur des Harry Potter ein durch und durch guter Charakter ist? Was ist demnach beispielsweise mit seinem unbändigen Hass auf Bellatrix Le Strange und seinem Wunsch sie zu töten, nachdem diese seinen Onkel Sirius Black ermordet hat?4

Es scheint also klar zu sein, dass eine bloße Kategorisierung nach gut und böse nicht so einfach ist, wie es zunächst den Anschein hat. Diese Arbeit wird sich näher mit den Figurenkonzeptionen in zwei ausgewählten Romanen der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur befassen, um diesem Problem auf den Grund zu gehen.

Hierbei wird das Augenmerk zunächst auf Michael Endes „Momo“, einem Roman der 1970er Jahre liegen, um sich danach dem „Mechanischen Prinzen“ von Andreas Steinhövel, aus dem Jahr 2002, zuzuwenden. Diese beiden Romane sind bewusst gewählt um schließlich zu schauen, ob auch der Entstehungszeitraum möglicherweise Auswirkungen auf die Konzeption der Figuren hat. Bei der nachfolgenden Analyse werden zunächst die für die Handlung wichtigsten Figuren in „Momo“, bezogen auf ihre Konzeption betrachtet und im Hinblick auf ihre guten oder bösen Merkmale untersucht, um später eine Einteilung in Gut oder Böse vornehmen zu können. Hiernach erfolgt das gleiche Vorgehen mit den Figuren des „mechanischen Prinzen“.

Ziel dieser Arbeit soll es schließlich sein, zu schauen, ob wirklich alle Figuren so konzipiert sind, dass sie sich problemlos einer Kategorie zuordnen lassen, oder ob es vielleicht doch Figuren gibt, welche sich zwischen den beiden Extremen des Guten und des Bösen bewegen. Dies wird abschließend in einem Fazit dargestellt.

2. Analyse der Figuren in Michael Endes „Momo“

2.1 Die Protagonistin „Momo“

2.1.1 Die „Glücksbringerin“

Bei der Protagonistin Momo handelt es sich um ein Waisenmädchen, welches sich im Vergleich mit anderen Kindern atypisch verhält und dadurch einen besonderen Status erlangt. So lebt sie beispielsweise allein5 und ist scheinbar nicht von Erwachsenen abhängig (Vgl. MM 9). Darüber hinaus wird bereits zu Beginn deutlich, dass sie eine besonders positive Wirkung auf die Menschen ihres Umfelds hat: So „konnten [die Kinder] so gut spielen wie nie zuvor“ (MM 23) und vergessen sogar ihre Angst, wenn sie bei Momo sind: „Vor allem das Mädchen [.] wunderte sich, dass es ganz vergessen hatte sich vor Blitz und Donner zu fürchten“ (MM 35). Momos bloße Gegenwart scheint demnach eine Art Refugium zu schaffen, in dem die Kinder eine besondere Art der Zuwendung und des Schutzes erfahren. Die größte Gabe des Mädchens liegt aber in ihrer besonderen Fähigkeit, dem Zuhören:

„Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen [...] wurde ihm, noch während er redete auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn [...] unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.“ (MM 15) Hier wird also Momos positive Wirkung nochmals explizit dargestellt und es wird deutlich, dass es ihr gelingt, die Menschen nur durch den Akt des Zuhörens glücklich zu machen.

Schipperges bezeichnet dies als ihren „Verdienst an der Menschheit“6 7 und vergleicht sie mit anderen kindlichen Helden wie Pippi Langstrumpf, welche aber über eine äußere Stärke verfügen, während Momos Fähigkeit darin liegt, mit ihrer Präsenz die innere Stärke anderer Menschen zum Vorschein zu bringen . Diese Fähigkeit erlaubt ihr darüber hinaus auch Streitigkeiten zu schlichten, wie beispielsweise den Konflikt zwischen Nino und Nicola (MM 20). Auch einer ihrer besten Freunde bekommt die Wirkung ihrer Gegenwart zu spüren: So „hatten [Gigis Geschichten] plötzlich Flügel bekommen“ (MM 45) „als sei eine Schleuse in seinem Innern geöffnet worden“ (MM 49).

2.1.2 Das „Gute“ in Momo

Aber auch wenn man Momos besondere Fähigkeit des Zuhörens außer Acht lässt, fallen ihre gänzlich positiven Attribute wie Mitgefühl und Hilfsbereitschaft ins Auge. So fordert sie: „Wir müssen unseren Freunden doch helfen“ (MM 87), als sie davon hört, dass diese durch die grauen Herren bedroht seien oder kann es beispielsweise nicht ertragen, ein weinendes Baby zu sehen. Hier nimmt sie „es auf den Schoß und schaukelt[] es sacht, bis es still ist“ (MM 90). Darüber hinaus ist sie sogar gewillt das wenige Hab und Gut, das sie besitzt, mit der Puppe der grauen Herren zu teilen: „Das ist alles, was ich hab. Wenn dir etwas gefällt, dann sag's nur“ (MM 96). Es wird also eine Selbstlosigkeit und ein starkes Gefühl sozialer Verantwortung deutlich.

Gerade in diesen Charakterzügen liegt demnach auch die Entscheidung begründet, den Kampf gegen die grauen Herren aufzunehmen. Dies geschieht zunächst ganz subtil durch Besuche bei ihren Freunden Nicola und Nino, welche durch ihre Gegenwart bemerken, wie falsch sich ihr neues Leben anfühlt und sich zurückbesinnen auf das, was wirklich wichtig ist (Vgl. MM 90 ff.), aber auch offensiv dadurch, dass sie der Versuchung durch die Puppe der grauen Herren widersteht (Vgl. MM 97 ff.). Darüber hinaus gelingt es ihr sogar Mitleid mit ihnen zu haben (Vgl. MM 102). Auch bei den Kindern, welche erstmals und durch die neue Ordnung verstört zu ihr kommen, bewirkt sie positive Veränderungen, „denn Momos Gegenwart tat auch bei diesen Kindern ihre Wirkung und bald fingen sie an, selber die besten Ideen zu haben und begeistert mitzuspielen“ (MM 81).

Ein weiteres von Momos Zielen ist zugleich auch ein Ausdruck ihrer großen Hilfsbereitschaft: So möchte sie ihre besten Freunde aus der Knechtschaft der grauen Herren befreien: „[Sie] wollte Gigi so gern helfen. Das Herz tat ihr davon weh“ (MM 232) und auch „Beppo [wollte Momo] so gerne helfen“ (MM 244), als sie ihn in ihrem Traum sieht. Besonders ihre Beziehung zu ihnen führt schließlich dazu, dass Momo ihre eigene Angst überwindet (Vgl. MM 246) und selbstlos die Begegnung mit den grauen Herren sucht, denn „es kümmerte sie überhaupt nicht mehr, was mit ihr geschehen würde“ (MM 246). Auch um Meister Hora zu schützen, ist sie bereit sich selbst zu opfern, denn obwohl die Kälte in der Konfrontation mit den grauen Herren ihr fast die Besinnung raubt, ist sie nicht bereit seinen Aufenthaltsort preis zu geben (Vgl. MM 252). Das Motiv der Nächstenliebe, welche die eigenen Bedürfnisse und das eigene Überleben zurückstellt, um jemand anderen zu schützen, benennt Fife als typisches

Motiv im Kampf von Gut und Böse. Dieses findet sich auch in anderen Romanen des Genres, zum Beispiel in Harry Potter, als Lilly Potter sich opfert, um ihren Sohn zu retten.8 9 Final wird Momos großer Mut deutlich, als sie sich entschließt, mit Meister Horas Hilfe die grauen Herren zu besiegen (Vgl. MM 270). Diese Mission stellt gleichzeitig auch ihre größte Prüfung dar, denn auf ihrem Weg trifft sie auf ihren lange verschollenen Freund Beppo, den sie zurücklassen muss, um ihre Mission zu vollenden (Vgl. MM 282). Sie ordnet demnach ihre eigenen persönlichen Bedürfnisse dem Allgemeinwohl unter.

2.1.3 Zur Konzeption der Figur

Die Figur Momo ist statisch10 konzipiert.11 12 13 Die ihr zugewiesenen Merkmale verändern 12 sich im Laufe der Geschichte nicht. Es kann demnach auch von einer eindimensional konzipierten Figur gesprochen werden. Die Charakterisierung hierbei erfolgt vor allem auktorial durch die Erzählinstanz , indem sie explizit Eigenschaften, Aussehen oder Gefühle der Figur beschreibt, aber auch implizit durch Merkmale wie beispielsweise die „viel zu weite Männerjacke“ (MM 8) oder den „Lockenkopf, der so aussah, als ob er noch nie mit einem Kamm in Berührung gekommen wäre“ (MM 8), welche Rückschlüsse auf Momos sozialen Status oder ihre Lebenseinstellung zulassen.

„Die Titelfigur und Protagonistin existiert zu keinem anderen Zweck als zu dem, die Menschheit zu erretten und erlösen.“14 Hiermit macht Schipperges die Funktion der Figur sehr gut deutlich. Momo ist als Typ15 konzipiert mit einem festen Merkmalssatz an durchweg positiven Eigenschaften, welche sie in ihrer Rolle als „die Gute“ in Opposition zu „dem Bösen“ in Form der grauen Herren stellen. Schipperges geht sogar so weit, die Figur als „Erlöser“16 zu bezeichnen. Es kann abschließend also gesagt werden, dass Momo eindeutig den guten Figuren zugeordnet werden muss.

2.2 Momos Freunde

2.2.1 Beppo Straßenkehrer

2.2.1.1 Das „Gute“ in Beppo

Die Figur des Beppo erweckt zunächst den Anschein eines möglicherweise leicht senilen alten Mannes (Vgl. MM 37), doch eine Erläuterung seines Verhaltens lässt seine Handlungen verständlich werden:

„Sie wusste, dass er sich so viel Zeit nahm, um niemals etwas Unwahres zu sagen. Denn nach seiner Meinung kam alles Unglück der Welt von den vielen Lügen, den absichtlichen, aber auch den unabsichtlichen, die nur aus Eile oder Ungenauigkeit entstanden.“ (MM 37)

Hier wird Beppos ehrlicher Charakter deutlich und dass er versucht, die Welt vor weiterem „Unglück“ zu bewahren. Es kann also gesagt werden, dass sein ganzes Sein und Handeln auf einen friedvollen Umgang mit sich und seiner Umwelt abzielt. Ein weiteres Zitat, dass diese Einstellung unterstreicht ist das folgende: „Man muss nur an den nächsten Schritt denken [...] dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut und so soll es sein“ (MM 38). Seine Gutmütigkeit und Freundlichkeit ist auch im Umgang mit seinen Mitmenschen, besonders den Kindern, zu bemerken. Zum Beispiel „blickte er den fremden Jungen freundlich und aufmerksam durch seine kleine Brille an“ (MM 83), obwohl dieser bewusst versuchte, mit seinem Radio das Spiel der anderen Kinder zu stören, und verteidigt ihn, indem er sagt: „Er wird schon seinen Grund haben. [.] Bestimmt hat er den“ (MM 83). Es lässt sich also sagen, dass Beppo das Gute in jedem Menschen sieht und nicht gewillt ist, andere aufgrund ihres Verhaltens zu verurteilen. Seine Wertschätzung anderer Menschen wird auch deutlich, als sie planen, gegen die grauen Herren vorzugehen, denn hier mahnt er zur Vorsicht, sowohl Momo als auch die anderen Kinder einer Gefahr auszusetzen (Vgl. MM 112). Als Resultat daraus, ist er traurig als sie tatsächlich beschließen ihren Plan auszuführen (Vgl. MM 116). „Natürlich würde er Gigi und Momo nicht allein ins Verderben rennen lassen - er würde mitgehen, was auch immer daraus werden mochte“ (MM 113). Dies verdeutlicht einerseits die Treue und Loyalität, die er seinen Freunden gegenüber zeigt, und bringt andererseits auch die Selbstlosigkeit zum Ausdruck, mit welcher er sich für diese einsetzt. Dies wird nochmal verdeutlicht, als er alles versucht, um Momo vor den grauen Herren zu beschützen (Vgl. MM 133) und auch durch die tiefe Trauer, als er bemerkt, dass sie „[s]ein kleines Mädchen schon weggeholt [haben]“ (MM. 136).

2.2.1.2 Verführung durch die grauen Herren

Nachdem Momo verschwunden ist, sieht Beppo keinen anderen Ausweg, als sich auf einen Handel mit den grauen Herren einzulassen (Vgl. MM 202). Er gibt folglich dem Bösen nach und macht sich selbst zu einem Teil der Zeitspar-Maschinerie. Jedoch „[wusste] er mit peinigender Deutlichkeit [...], dass er damit seine tiefsten Überzeugungen verriet, und das machte ihn krank vor Widerwillen gegen das, was er tat. Wäre es nur um ihn gegangen, er wäre lieber verhungert, als sich selbst so untreu zu werden. Aber es ging ja um Momo, die er freikaufen musste, und dies war die einzige Art, Zeit zu sparen, die er kannte.“ (MM 203) Hier wird der starke Widerwillen deutlich, den Beppo bei seiner neuen Art zu leben und zu arbeiten, empfindet. Jedoch versucht er nicht Momo weiter aus eigenem Antrieb zu finden oder sie aus der scheinbaren Gefangenschaft der grauen Herren zu befreien. Er bleibt dahingehend passiv und duldet die Machenschaften der grauen Herren.

2.2.2 Gigi Fremdenführer

2.2.2.1 Das „Gute“ in Gigi

Wie auch Beppo zeichnet Gigi eine tief empfundene Liebe (Vgl. MM 45) zu der kleinen Momo aus, sodass er sie „am liebsten überall hin mitgeschleppt [hätte]“ (MM 45). Sein besonderes Talent ist das Geschichtenerzählen, worin auch zum Ausdruck kommt, dass ihm innere Werte wichtiger sind als materieller Besitz. So endet beispielsweise eine seiner Geschichten damit, dass Prinzessin Momo „unter der Maske des armen Schluckers Gigi den Prinzen Girolamo [erkennt]“ (MM 57). Die Attribute, die unter der Oberfläche verborgen sind, sind demnach viel wertvoller als das Äußere, was sich auch in seiner Einstellung Momo und Beppo gegenüber zeigt, für die er ein guter Freund ist. Er hilft beispielsweise Beppo, als dieser mit seinem verletzten Fuß und völlig entkräftet zu ihm kommt (Vgl. MM 140), und tröstet ihn als, Momo verschwindet: „,Wird schon wieder werden‘ ,sagte er sanft, ,wird alles wieder werden‘“ (MM 140). Auch Momo versucht er vor dem Einfluss der grauen Herren zu schützen, als sie nach ihrem Verschwinden wieder zu ihm kommt. Hier weist er seine Assistentin scharf zurecht, als diese versucht, Momo in das Showgeschäft „hinein zu ziehen“ (MM 228) und stellt klar, dass er nicht will, „dass dieses Pack auch noch [sie] in die Finger kriegt“ (MM 229).

2.2.2.2 Verführung durch die grauen Herren

Bereits vor Momos Verschwinden zeigt Gigi Tendenzen von Selbstgefälligkeit und einem stark ausgeprägten Geltungsbedürfnis. So sieht er beispielsweise in seiner Fantasie „eine riesige Menschenmenge, die ihm, dem Befreier, zujubelte“ (MM 108), oder träumt von seinem „zukünftigen Ruhm als Befreier der Stadt. Er sah sich im Frack, [.] goldene Ketten um den Hals gelegt und Lorbeerkränze aufgesetzt. Großartige Musik ertönte und die Stadt veranstaltete zu Ehren ihrer Retter einen Fackelzug, wie er noch nie zuvor Menschen dargebracht worden war, so lang und so prächtig.“ (MM 112)

Für ihn ist Momos Kampf gegen die grauen Herren somit nicht in erster Linie der Versuch ihre Freunde zu beschützen, sondern viel mehr eine Chance, sich zu profilieren. Dass sich hinter seinen großen Reden jedoch nichts weiter verbirgt, sieht man beispielsweise daran, dass er Momos Erzählungen nicht ernst nimmt, denn für ihn „[ist] die ganze Welt eine Geschichte und [sie] spielen darin mit“ (MM 112). Dies erkennt man zudem auch, an seiner Reaktion, als Momo wirklich verschwindet. Hier „fühlte [er] sich wie gelähmt“ (MM 138) und verweigert sich Beppos Plänen, nach ihr zu suchen (Vgl. MM 139).

„Mit [ihm] hatten es die grauen Herren vergleichsweise leicht gehabt“ (MM 190) ihn auf ihre Seite zu locken. Allein das Versprechen nach Geld und Ruhm reicht hier aus, um Gigi zu einer Marionette auf Seiten der grauen Herren zu machen, was folgende Textstelle schließlich nochmals verdeutlicht: Früher warst du Prinz Girolamo hinter der Maske des armen Schluckers Gigi. Und was bist du nun? Der arme Schlucker Gigi in der Maske des Prinzen Girolamo‘“ (MM 194).

2.2.3 Zur Konzeption der Figuren

Beide Figuren sind statisch konzipiert. Es kann der Eindruck entstehen, dass sie jeweils durch die Verführung der grauen Herren eine Entscheidung treffen, die eine Veränderung in ihrem Charakter bewirkt. Dies ist jedoch nicht der Fall: Lediglich die veränderten äußeren Umstände führen bei Beppo zum Zeitsparen und bei Gigi zu einem Leben als wohlhabenden Mann. Es erfolgt demnach nur eine veränderte Wahrnehmung des Lesers, also eine Veränderung auf der Discours-Ebene . Beide Figuren verfügen über einen bestimmten festen Satz an Merkmalen und sind ebenso wie Momo eindimensional konzipiert17 18 und der Figurenkategorie des Typs19 20 zuzuordnen. Sie gehören ebenso wie sie „zur guten Seite, jedoch nicht mit derselben Eindeutigkeit. Daher sind sie leichter in Versuchung zu führen.“ Beide möchten den grauen Herren eigentlich nicht dienen und Beppo tut dies lediglich aus dem Bedürfnis heraus Momo zu retten (Vgl. MM 203). Gigi dagegen bemüht sich nicht aktiv um ihre Rettung, versucht aber, sie von den grauen Herren fern zu halten (Vgl. 229). Dies beschreibt Schipperges, wenn sie von „selber Eindeutigkeit“ spricht. Es erfolgt bei ihnen im Gegensatz zu Momo kein aktives Vorgehen gegen das Böse, sondern viel mehr eine stillschweigende Akzeptanz, welche der erzwungenen Kooperation geschuldet ist.

2.3 Die grauen Herren

Dass es sich bei den grauen Herren als Gegenspieler Momos um die Bösen handeln muss, ist deutlich zu erkennen und wird auch innerhalb des Romans durch eine Kapitelüberschrift beschrieben. Hier heißt es: „Wenn Böse aus dem Schlechten das Beste machen“ (MM 149). Dies bezieht sich auf die Zusammenkunft der grauen Herren, bei der sie über die Bedrohung, welche Momo darstellt, diskutieren. Aus diesem Grund wird eine Abwägung, inwieweit diese Figuren als böse gelten können, überflüssig, sodass das Augenmerk nunmehr darauf liegt, darzustellen, durch welche Merkmale sich die Boshaftigkeit äußert.

2.3.1 Äußere Merkmale des Bösen

„Geschöpfe, die nichts Gutes im Schilde führen, besitzen ein entsprechendes Außeres“ , erläutert Gerstner und nennt dafür beispielsweise die Todesser in Harry Potter, welche durch ihre Vermummung bedrohlich wirken. Den grauen Herren kann keine Bedrohlichkeit in gleichem Maße unterstellt werden, doch verweisen ihre „Gesichter grau wie Asche“ (MM 98) zum einen auf Eintönigkeit und Langeweile und zum anderen aber auch auf fehlende Lebendigkeit, die darauf schließen lässt, dass die grauen Herren gar nicht wirklich am Leben sind. Auch die neuen Stadtteile, welche auf ihre Anweisung hin gebaut werden, sind graue, leblose „Seelensilos“ (MM 89). Meisner spricht in solchem Kontext von einer „Architektur des Schreckens, in der sich die Geisteshaltung der Bewohner widerspiegelt“ . Auch die Farbsymbolik des wiederkehrenden Graus unterstreicht die fehlende Lebendigkeit. Zudem kann sie, laut Kulik, als „Emotions- und Lieblosigkeit“ verstanden werden.

2.3.2 Kälte und Tod

Ein weiteres Merkmal der grauen Herren ist die Kälte, die von ihnen ausgeht und Emotionen wie Liebe scheinbar ausschließt21 22 23 24 25 26 27: „Dann ist es kalt geworden in einem und man kann nichts und niemand mehr lieb haben“ (MM 243). Diese Kälte benutzen die grauen Herren zudem, um die Stundenblumen, also die gestohlene Zeit der Menschen, einzufrieren, was zur Folge hat, dass diese vernichtet wird (Vgl. MM 169). Auch diese Kälte kann mit Leblosigkeit assoziiert werden und verweist neben dem vorherrschenden Kampf zwischen Gut und Böse auf einer sekundären Bedeutungsebene auch auf die Opposition zwischen Leben und Tod . Hieran schließt auch folgende Textstelle an: „Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen“ (MM 61). Da die grauen Herren auf das Stehlen der Zeit angewiesen sind, impliziert dies, dass sie kein Herz besitzen, also nicht zu Emotionalität fähig sind und dass ihre Existenz keinem Leben im menschlichen Sinn entspricht.

2.3.3 Parasitismus

Um diese Existenz aufrecht zu erhalten, ergreifen sie Besitz von den Menschen (Vgl. MM 62) und „fristen ihr Dasein von toter Menschenzeit“ (MM 268). Besonders deutlich wird ihre parasitäre Aktivität durch die Erklärung des grauen Herrn Momo gegenüber: „[.] ein mühseliges Geschäft, den Menschen ihre Lebenszeit stunden-, minuten- und sekundenweise abzuzapfen. denn alle Zeit, die sie einsparen, ist für sie verloren. Wir reißen sie an uns. wir speichern sie auf. wir brauchen sie. uns hungert danach. Ah, ihr wisst es nicht, was das ist, eure Zeit! . Aber wir, wir wissen es und saugen euch aus bis auf die Knochen. Und wir brauchen mehr. immer mehr. denn auch wir werden mehr. immer mehr. immer mehr.“ (MM 106)

Dalfert benennt ein derartig parasitäres Verhalten als Merkmal des Bösen. Der Wirt wird ohne Rücksicht auf dessen Wohlergehen geschädigt, während der Parasit von ihm profitiert. In diesem Fall, können die grauen Herren nur existieren, da sie sich von der Zeit der Menschen nähren.

2.3.4 Kriminelle Machenschaften

Neben der Tatsache, dass sie auf das Stehlen der Zeit angewiesen sind, um zu überleben, handeln die grauen Herren auch in moralischer Hinsicht verwerflich. So bezeichnen sie die Pflege und die Gespräche Herrn Fusis mit seiner alten Mutter als „hinausgeworfene Zeit“ (MM 67) und empfehlen ihm, sie in „ein gutes und billiges Altenheim [zu geben]“ (MM 72). Auch die Besuche bei dem verkrüppelten Fräulein Daria solle er am besten unterlassen und die Zeit nicht mehr so oft mit „Singen, Lesen oder gar mit sogenannten Freunden [verbringen]“ (MM 73). Hier wird demnach nicht nur Zeit gestohlen, sondern auch Lebensfreude, ein soziales Miteinander und Empathie werden als überflüssig dargestellt. Diese Auffassung geht auch aus folgendem Zitat eines grauen Herrn hervor: „Was ist für uns schon ein Menschenleben? Wahrhaftig, eine Kleinigkeit!“ (MM 151) Kulik spricht davon, dass das Böse durch die Arbeit im Geheimen und ihre Methoden des Lügens, Betrügens und Erpressens eine 28 Dalferth, Ingolf, Das Böse. Essay über die kulturelle Denkform des Unbegreiflichen, Tübingen: Mohr Siebeck, 2006. S. 6. Kriminalisierung erfährt. Die fehlende Emotionalität und Empathie der grauen Herren und ihre völlige Skrupellosigkeit, werden auch im Umgang untereinander deutlich: So ist die logische Konsequenz für den Agenten, der sie an Momo verraten hat, der Tod (Vgl. MM 130). Auch als die Zeit durch Meister Hora angehalten ist, beschränken sich ihre Interaktionen darauf, sich gegenseitig zu dezimieren (Vgl. MM 288), um schließlich ihr finales Ziel, Meister Horas Stelle einzunehmen, doch noch erreichen zu können, denn dann „[...] hätten [sie] mit einem Schlag die gesamte Zeit aller Menschen in ihrer Gewalt. Und wer die Zeit der Menschen besitzt, der hat unbegrenzte Macht!“ (MM 156)

2.3.5 Zur Konzeption der Figuren

Die grauen Herren sind statisch konzipiert. Sie haben einen kleinen, festen Satz an 31 negativen Eigenschaften, der in sich homogen ist und sind damit eindimensional gestaltet. Die Charakterisierung erfolgt sowohl auktorial durch den Erzähler, wie auch figural , beispielsweise durch Eigenkommentare der grauen Herren selbst: „Wir müssen unerkannt bleiben. [...] Wir sorgen dafür, dass uns niemand im Gedächtnis behalten kann“ (MM 106). Besonders deutlich wird in diesem Kommentar auch, dass es sich nicht um einzelne Individuen handelt, sondern die grauen Herren als Kollektiv gesehen werden müssen. Es findet bei ihnen keine Entwicklung statt, ihre Ziele und Verhaltensweisen bleiben während der gesamten Geschichte dieselben. Aus diesem Grund und auch auf Basis ihrer fehlenden Eigenständigkeit, können sie der Figurenkategorie der Personifikation zugeordnet werden. Ende nutzt sie als Symbol für die aufkommende Hektik und Schnelllebigkeit, welche das Zeitsparen impliziert und reduziert sie auf diese eine Funktion. Alle Handlungen, welche ihnen zugeschrieben werden und alle Auswirkungen, die die anderen Figuren zu spüren bekommen, können lediglich als Folgen dieser Geisteshaltung gesehen werden.

3. Analyse der Figuren in Andreas Steinhövels „Der mechanische Prinz“

3.1 Der Protagonist: Max

3.1.1 Max als passives Opfer

Als Auslöser negativer Emotionen und Entwicklungen kann zunächst Max‘ Beziehung zu seinen Eltern gesehen werden. So erfährt der Leser bereits zu Beginn des Romans, dass Max „seiner Mutter vom ersten Tag an egal gewesen [ist]. Wie er auch, seit er sich erinnern konnte, seinem Vater schon immer egal gewesen [ist].“28 29 Hierbei werden die Grenzen der emotionalen Vernachlässigung nicht nur durch die unpassenden Anziehsachen überschritten, sondern manchmal wird „sogar versäumt, ihm zu essen zu geben“(MP 14). Diese physisch wie psychisch belastende Situation der vorherrschenden Gleichgültigkeit weckt bei Max den Wunsch, einfach zu verschwinden, „weil er es einfach nicht mehr aus[hält]“(MP 14). Diese fehlende Liebe der Eltern als Motiv für Aggressionen ist, laut Kulik, ein Charakteristikum vieler Romane der Phantastik. Max beschreibt zudem einen Zustand, bei dem er sich tief in sich selbst zurückzieht und dabei ebenso unerreichbar für all das Leid, aber ebenso für alles Schöne wird (Vgl. MP 14). Diese Formulierung verdeutlicht nicht nur Max‘ schwierige emotionale Verfassung, sondern könnte bereits als Hinweis auf eine eventuelle psychische Störung gesehen werden, die diesem Zustand zu Grunde liegt und möglicherweise auch Grund aggressiver Ausbrüche ist (Vgl. MP 18), welche im späteren Verlauf der Arbeit noch näher beschrieben werden.

Die gestörte Beziehung zu seinen Eltern wird im Laufe des Romans mehrfach auf unterschiedliche Arten thematisiert, was die Bedeutung dieser hervorhebt: Zum einen, wie zuvor bereits beschrieben, durch die Auskünfte, die der Leser durch Gespräche zwischen Max und anderen Figuren erhält und durch Streitigkeiten, mit welchen Max sich direkt konfrontiert sieht, zum anderen aber auch durch symbolhafte Strukturen, welche sich ihm auf seinem Weg durch die Refugien in den Weg stellen.

Laut Max gehören Streitigkeiten zwischen den Eltern zum Alltag, da es „alle zwei bis drei Tage der Fall [ist]“ (MP 15), dass es zu einem Streit kommt. Diese Häufigkeit führt zu einer Wahrnehmung des Ganzen als eine Art Routine, was sich aber lediglich auf das zeitliche Intervall und nicht auf den emotionalen Umgang bezieht. Max‘ Gefühle bei solch einer Konfrontation werden durch einen Vergleich verdeutlicht, mit dem er die Situation beschreibt: „Die Worte seiner Eltern waren wie Wespen, die einander wütend umsurrten, immer auf der Suche nach einem Ziel, in das sie ihre Stacheln senken konnten“ (MP 15). Hier wird zudem durch die symbolische Wahl der Wespen die vorherrschende Aggressivität in den Fokus gesetzt, ebenso wie das scheinbare Verlangen, sich gegenseitig Verletzungen zu zufügen. Max ist demnach tagtäglich mit Gewalt und Bosheit in seinem familiären Umfeld konfrontiert. Hieran schließt Max‘ Begegnung in seinem zweiten Refugium an, in welchem er auf die beiden trifft, die „bloß Augen füreinander [haben]“ (MP 119) und scheinbar nur darauf warten „aus irgendeiner Quelle mit neuer Munition für die nächste Runde gespeist zu werden“ (MP 119). Aus dieser Formulierung wird nochmal die Ignoranz der beiden Max gegenüber und zudem die vorherrschende Gewaltbereitschaft deutlich.

Nicht nur durch seine Eltern ist Max Formen von Gewalt ausgesetzt, denn während er Zuhause emotionale Misshandlungen ertragen muss, sieht er sich auch durch Formen körperlicher Gewalt bedroht. Er bezeichnet sich selbst als „das geborene Opfer“ (MP 100). Wie verhasst ihm dabei solcherlei Auseinandersetzungen sind, verdeutlicht folgender Textauszug: „Max hasste Schlägereien. Ihm wurde übel, wenn er sah, wie andere Jungen sich im Dreck wälzten, um so lange erbittert aufeinander einzudreschen, bis ihre Nasen bluteten“ (MP 100). Zudem kann er die Beweggründe solcher Taten nicht nachvollziehen. Um seiner Rat- und Hilflosigkeit Ausdruck zu verleihen, wird hierfür eine Anapher in Form eines Fragenkonstrukts verwendet: „Warum schlugen sie sich? Warum taten sie anderen weh? [...] Warum schlugen sie ihn?“ (MP 100) Durch die Wiederholung des Wortes „Warum“, bekommen diese Fragen eine eindringliche Intensität. Max Reaktionen auf körperliche Gewalt können als passiv beschrieben werden, denn „wie gelähmt [lässt] er alles über sich ergehen, die Hände vors Gesicht gepresst“ (MP 100).

Symbolisch für die körperlichen Auseinandersetzungen tauchen innerhalb des Romans zwei Jugendliche auf, welche ein wenig älter zu sein scheinen als Max selbst, und deren Körperhaltung auf verhaltene Aggressivität hinweist (Vgl. MP 104). Auf Grund der „spitz zulaufenden Gesichter“ (MP S. 104) und des „tückischen Blicks“ (MP 144), gibt Max ihnen die Namen „Fuchs“ und „Luchs“. Mit der Auswahl der Namen werden bestimmte Assoziationen beim Leser hervorgerufen. So gilt der Fuchs in der Mythologie als Symbol des Teufels, der Lüge und der Ungerechtigkeit30 31 während auch der Luchs bereits im Mittelalter als Teufelssymbol bekannt war . Hier gibt demnach die Auswahl der Namen allein schon einen Hinweis auf das böse Naturell der Jungen. Diese negative Wahrnehmung wird noch weiter durch die Verwendung von Vergleichen gestützt. Hier ist beispielsweise die Rede von einem Grinsen, wie ein Todesurteil (MP 105) oder einer Stimme, rau wie ein kratziger Pullover (MP 105). Zwar gelingt es ihnen nicht, Max gegenüber körperliche Gewalt anzuwenden, aber ihre Bereitschaft dazu, wird durch das „genüssliche Zertreten“ (MP 106) seiner Pommes klar herausgestellt. Desweiteren bedrängen sie den wehrlosen Jungen und es kommt zu Beleidigungen wie „Hosenscheißer“ (MP 107) oder „kleine Null“ (MP 107). Max ist in dieser Situation hilflos und es gelingt ihm nicht, sich aus eigener Kraft daraus zu befreien, was nochmals seine „Opfer“-Rolle in Bezug auf die Gewalt, mit welcher er konfrontiert ist, verdeutlicht. Diese „Opfer“- Rolle kann also, ebenso wie die gestörte Beziehung zu seinen Eltern, als Grund für Aggressionen und Gewaltfantasien gesehen werden.

3.1.2 Das „Gute“ in Max

Dass sich Max bei allen negativen Erfahrungen, welche sein junges Leben prägen, dennoch einen Rest positiver Einstellung bewahrt hat, verdeutlicht sein Erlebnis mit dem Papierschiffchen des kleinen Jungen (Vgl. MP 29). Hierbei verkehren sich seine Emotionen auf einmal ins Positive: Neben der ungewohnten Glücksgefühle ruft dieses Erlebnis noch etwas anderes in ihm hervor, nämlich Hoffnung auf eine Zukunft. Hierauf verweist das transzendente Symbol des Schiffchens, welches „mit etwas Glück [...] nicht unter [geht], sondern weiter [fährt]“ (MP 29). Daran schließt auch Max Wunsch an, welchen er im Folgenden äußert: „Eines Tages werde ich das Meer sehen“ (MP 30). Durch diesen Eigenkommentar wird zum einen deutlich, dass Max eine positive Zukunft für sich nicht ausschließt, sondern sich viel mehr sogar vornimmt, diese zu erreichen. Die Bedeutung und Tragweite dieses Wunsches wird nochmals während seines Treffens mit dem mechanischen Prinzen deutlich. Hier wiederholt er diesen: „Eines Tages wollte ich das Meer sehen“ (MP 163), und es gelingt ihm, daraus neue Kraft zu schöpfen um seinen Weg fortzusetzen.

Auch gegenüber Menschen zeigt sich Max freundliche Seite, was beispielsweise seine Begegnung mit Marlene zeigt. Hier ist er zwar zunächst nicht begeistert davon, dass die alte Frau ihn in ein Gespräch verwickeln möchte, geht jedoch im späteren Verlauf mit jener Fremden in ihre Wohnung um sich voller Interesse ihre geheime Arbeit zeigen zu lassen (Vgl. MP 43 ff.). Auch bei seinem ersten Treffen mit Tanita hat Max positive Gefühle und scheint sie sehr nett zu finden, denn er macht ihr ein Kompliment über ihren Namen: „Ich finde, er klingt sehr hübsch“ (MP 14). Diese soziale Kompetenz, die Rückschlüsse auf einen guten Charakter des Jungen zulässt, wird auch durch eine ihm innewohnende Fürsorglichkeit deutlich. Bei ihrem gemeinsamen Weg durch das letzte Refugium beispielsweise, ermahnt er Jan bloß gut aufzupassen (Vgl. MP 170) und bei ihrem Treffen mit dem verdurstenden Jungen gibt er diesem sein Wasser aus dem Mare Lacrimarum, ohne dabei an seinen eigenen Nachteil zu denken (Vgl. MP 193). Auch hier findet sich demnach das Motiv der Nächstenliebe als Merkmal des Kampfes zwischen Gut und Böse, welches Fife beschreibt . Auch Max ist bereit, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um den Jungen zu retten.

[...]


1 Meißner, Wolfgang, Phantastik in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart: Theorie und exemplarische Analyse von Texten der Jahre 1983 und 1984, Würzburg: Königshausen und Neumann, 1989. S. 132.

2 Vgl. Kasten, Hartmut, 4 - 6 Jahre. Entwicklungspsychologische Grundlagen, Berlin, Düsseldorf: Cornelsen, 2009. S. 14.

3 Siehe hierzu die Harry Potter- Buchreihe von Joanne K. Rowling

4 Rowling, Joanne K., Harry Potter und der Orden des Phönix, Hamburg: Carlsen, 2003. S. 35.

5 Ende, Michael, Momo, Stuttgart: Thienemann Verlag, 2005. Vgl. S. 9. (Zukünftig im Fließtext zitiert als: (MM XX)).

6 Schipperges, Ines, Ende gut, alles gut? - Konflikt, Wendepunkt und Rettung als dramatisches Moment bei Erich Kästner, Michael Ende und Cornelia Funke, Hamburg: Dr. Kovac Verlag, 2013. S. 154. (Zukünftig zitiert als: Schipperges, Ines, Ende gut, alles gut?)

7 Vgl. ebd. S. 154.

8 Siehe hierzu: Fife, Ernelle, „Wise warriors in Tolkien, Lewis and Rowling“, in: Mythlore 25:1-2, 2006. S. 158.

9 Rowling, Joanne K., Harry Potter und der Gefangene von Askaban, Hamburg: Carlsen, 2000. S. 194.

10 Pissarek, Markus, „Merkmale der Figur erkennen und analysieren“, in: Schilcher Anita/ Markus Pissarek (Hrgs.), Auf dem Weg zur literarischen Kompetenz - Ein Modell literarischen Lernens auf semiotischer Grundlage, Baltmannsweiler: Schneider Verlag, 2013. S. 143 (Zukünftig zitiert als: Pissarek, Markus, „Merkmale der Figur“.)

11 Vergleiche hierzu auch Schipperges, Ines, Ende gut, alles gut? S. 172.

12 Pissarek, Markus, „Merkmale der Figur“. S. 143.

13 Ebd. S. 141.

14 Schipperges, Ines, Ende gut, alles gut. S. 153.

15 Pissarek, Markus, „Merkmale der Figur“. S. 143.

16 Schipperges, Ines, Ende gut, alles gut?. S. 152.

17 Pissarek, Markus, „Merkmale der Figur“. S. 143.

18 Ebd. S. 143.

19 Ebd. S. 143.

20 Schipperges, Ines, Ende gut, alles gut? S.177.

21 Gerstner, Ulrike, Einfach Phantastisch! Übernatürliche Welten in der Kinder- und Jugendliteratur, Marburg: Tectum Verlag, 2008. S. 127.

22 Ebd S. 127.

23 Meißner, Wolfgang, Phantastik in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart: Theorie und exemplarische Analyse von Texten der Jahre 1983 und 1984, Würzburg: Königshausen und Neumann, 1989. S. 134.

24 Kulik, Nils, Das Gute und das Böse in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur, Frankfurt am Main: Peter Lang Verlang, 2005. S.194. (Zukünftig zitiert als: Kulik, Nils, Das Gute und das Böse.)

25 Vgl. hierzu: Ende, Michael, Momo. S. 63, 64, 68, 70, 78, 98, 101, 131, 193, 194, 242, 250, 252.

26 Siehe hierzu auch: Kulik, Nils, Das Gute und das Böse. S. 195.

27 Ebd. S. 195.

28 Steinhövel, Andreas, Der mechanische Prinz, Hamburg: Carlsen Verlag, 2003/2004. S. 13. (Zukünftig im Fließtext zitiert als: (MP XX).

29 Vgl. Kulik, Nils, Das Gute und das Böse in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur, Frankfurt am Main: Peter Lang Verlang, 2005. S. 296. Ein Beispiel hierfür wäre auch Tom Riddle in Harry Potter, welchem die Mutterliebe fehlt und der schließlich zum Oberhaupt der bösen Zauberer wird.

30 Vgl. Becker, Udo, Lexikon der Symbole, Köln: Komet Verlag, 199. S. 96.

31 Vgl. ebd. S. 175.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Die Konzeption guter und böser Figuren in den phantastischen Romanen "Momo" und "Der mechanische Prinz"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Note
1,8
Autor
Jahr
2018
Seiten
40
Katalognummer
V535934
ISBN (eBook)
9783346122858
ISBN (Buch)
9783346122865
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fantasy, Phantastik, Gut, Böse, Momo, Mechanische Prinz, Steinhövel, Phantastische Literatur, Ende, Jugendliteratur
Arbeit zitieren
Janina Pollmann (Autor), 2018, Die Konzeption guter und böser Figuren in den phantastischen Romanen "Momo" und "Der mechanische Prinz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535934

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