Hartmanns von Aue Werk Erec (entstanden zwischen 1180 und 1190) gilt als der erste deutsche Roman überhaupt, mit dem außerdem die Tradition der Artusromane in Deutschland einsetzt. Hartmanns Roman liegt das französische Werk Erec et Enide von Chrétien de Troyes zugrunde, welches als „erster europäischer vulgärsprachlicher Roman des Mittelalters, den man als fiktiv bezeichnen darf“ (Walter Haug) gefeiert wird.
Vorliegende Arbeit setzt sich mit den Anzeichen für Fiktionalität in Hartmanns Erec auseinander. An zahlreichen Textstellen soll gezeigt werden, wie Fiktion im Text vermittelt wird. Es wird auch auf immer wieder auftauchende wunderbare und märchenhafte Züge verwiesen, die ebenfalls belegen können, dass es sich um einen fiktiven Text handelt.
Im Schlussteil wird geklärt, ob die von Grünkorn aufgestellten Fiktionskriterien auch auf Hartmanns Erec zutreffen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
Einführung in die grundlegende Thematik der vorliegenden Arbeit
II. Hauptteil
1. Fiktionalität – eine Begriffsbestimmung
2. Exkurs: Die literaturtheoretischen Hintergründe
3. Konkrete Beispiele für die Vermittlung von Fiktion im Text
3.1 Die Beschreibung von Enites Pferd (V. 7265 – 7766): Fiktiver Hörer-Erzähler-Dialog
3.2 Weitere ausgewählte Stellen im Text, in denen der Erzähler mit dem Hörer kommuniziert
4. Der Prolog
5. Wunderbares
5.1 Ein Beispiel für wunderbares Erzählen: die Zauberin Fâmurgân
5.2 weitere wunderbare Dinge
6. Märchenhaftes
III. Schluss
Zusammenfassung aller bisherigen Erkenntnisse und Bilanz
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob Hartmanns von Aue Werk "Erec" als fiktionaler Roman betrachtet werden kann und in welcher Form sich Fiktionalitätssignale in diesem Text manifestieren. Dabei wird analysiert, wie der Autor durch spezifische Erzähltechniken, den Einbezug wunderbarer Elemente und die direkte Kommunikation mit dem Hörer die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion auslotet.
- Grundlagen der Fiktionalität im höfischen Roman um 1200
- Die Rolle des fiktiven Hörer-Erzähler-Dialogs als Fiktionalitätssignal
- Bedeutung von wunderbaren und märchenhaften Elementen für die Textkonstitution
- Der Prolog als Ort der Reflexion über Fiktion und Erzählkompetenz
- Der Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit und dessen Auswirkungen auf das Fiktionsbewusstsein
Auszug aus dem Buch
3. Konkrete Beispiele für die Vermittlung von Fiktion im Text
Diese besonders signifikante Stelle im Roman zeichnet sich dadurch aus, dass sie bei Hartmann deutlich ausführlicher ausgearbeitet ist als bei Chrétien, obwohl der Erzähler anfangs davon spricht, sich kurz fassen zu wollen (V 7450 – 7453). Hartmann zeichnet sich als phantasievoller und erfindungsfreudiger aus.
In diesem Abschnitt des Erec wird der fiktive Hörer auffallend oft angesprochen:
vrâget iemen mære
ob ez schœner wære
7270 dan daz si unz her geriten hat?
7305 von der ich iu nû dâ las,
7339 daz sol iu werden gezalt.
giht ieman: ‚er enhât niht wâr’,
7390 dem bescheide ich die rede baz,
daz er rehte erkenne daz
diu rede wese ungelogen.
Dieses letzte Beispiel kann zugleich auch dafür angeführt werden, dass Hartmann immer wieder seine Kompetenz in den Vordergrund stellen will. Aufgrund der Tatsache, dass Enites Pferd vollkommen ist (V. 7340 ez was erwünschet alsô) , „stellt [dies] den Erzähler vor die Herausforderung, das Unsagbare zu erzählen.“ Dies ist bereits ein erstes Zeichen dafür, dass es sich hier um eine fiktionale Erzählung handelt. Sobald etwas „unsagbar“ ist, hat es keinen direkten Bezug zur Realität mehr und gehört eher dem Bereich der Phantasie an. Dies wird auch in der folgenden Passage deutlich:
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der Fiktionalität im "Erec" ein und hinterfragt die These der "Entdeckung der Fiktionalität" im Hochmittelalter.
1. Fiktionalität – eine Begriffsbestimmung: Es werden vier grundlegende Kriterien für fiktionale Rede nach Grünkorn erarbeitet, die als theoretische Basis für die Analyse dienen.
2. Exkurs: Die literaturtheoretischen Hintergründe: Dieses Kapitel beleuchtet das mittelalterliche Verständnis von Dichtung im Spannungsfeld von Wahrheit und erfundener Erzählung.
3. Konkrete Beispiele für die Vermittlung von Fiktion im Text: Anhand des Enite-Pferd-Dialogs wird gezeigt, wie Hartmann durch gezielte Erzähler-Hörer-Interaktion Fiktionalitätssignale setzt.
4. Der Prolog: Es wird analysiert, wie der Erzähler im Prolog seine eigene Rolle reflektiert und sich von historischen Fakten zugunsten einer sinnstiftenden Erzählung freimacht.
5. Wunderbares: Die Darstellung wunderbarer Figuren wie Fâmurgân wird als Mittel gedeutet, um beim Rezipienten eine kritische Distanz und eigene Meinungsbildung zu fördern.
6. Märchenhaftes: Der Text untersucht märchenhafte Züge im Roman und grenzt diese durch die charakterliche Entwicklung der Helden von rein schematischen Märchen ab.
III. Schluss: Die im Hauptteil behandelten Beispiele werden unter Rückgriff auf die Fiktionalitätskriterien evaluiert und das Fazit gezogen, dass der "Erec" ein fiktionaler Roman ist.
Schlüsselwörter
Fiktionalität, Hartmann von Aue, Erec, Artusroman, Mittelalter, Erzählkompetenz, Fiktiver Hörer, Wunderbares, Märchenhaftes, Literaturtheorie, Fiktionsbewusstsein, Chrétien de Troyes, Schriftlichkeit, Mündlichkeit, Sinnkonstitution.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Roman "Erec" von Hartmann von Aue im Hinblick auf seine Fiktionalität und arbeitet heraus, wie der Autor durch spezifische literarische Techniken ein Bewusstsein für das Erzählte als Fiktion schafft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Begriffsbestimmung von Fiktionalität, die Rolle des Erzählers, die Abgrenzung zum Wunderbaren und Märchenhaften sowie das Verhältnis zwischen Literatur und historischer Wahrheit im 12. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Hartmanns "Erec" durch die Erfüllung spezifischer Fiktionalitätskriterien als ein früher fiktionaler Roman bezeichnet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die theoretische Grundlagen (insbesondere nach Grünkorn) auf konkrete Textstellen des "Erec" anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Definitionen, die Bedeutung von Prologen, den Dialog zwischen Erzähler und fiktivem Hörer sowie die Funktion von phantastischen und märchenhaften Elementen als Signale für Fiktionalität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Fiktionalität, Hartmann von Aue, Erec, Erzählkompetenz, Artusroman und Fiktionsbewusstsein.
Warum ist die Figur der Zauberin Fâmurgân für die Fiktionalitätsanalyse so wichtig?
Hartmanns unscharfe und von Unwissenheit geprägte Darstellung dieser Figur löst beim Hörer Unschlüssigkeit aus, was laut Autorin ein bewusster Appell an den Rezipienten ist, sich ein eigenes Bild zu machen – ein klares Zeichen für fiktionales Erzählen.
Welche Rolle spielt der Prolog für die Argumentation?
Da der Erec-Prolog verloren ist, dient der Iwein-Prolog als Referenz. Er zeigt, dass Hartmann den Vorrang der sinnstiftenden Erzählung vor der bloßen historischen Faktenwiedergabe betonte, was die Freiheit des Dichters und damit die Fiktionalität untermauert.
- Arbeit zitieren
- Monika Scholz (Autor:in), 2006, Wunderbares, Märchenhaftes, Fiktionalität in Hartmanns von Aue 'Erec', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53600