Einleitung
Die vorliegende Hauptseminararbeit befasst sich mit der Frage, inwieweit die Tragödientheorie Lessings mit der von Aristoteles übereinstimmt bzw. von dieser abweicht. Veranschaulicht wird dies an Lessings „Emilia Galotti“.
Die Arbeit ist in vier Blöcke gegliedert.
Zunächst wird die Tragödientheorie des Aristoteles dargestellt. Im zweiten Abschnitt findet sich die Darstellung der Tragödientheorie Lessings. Es folgt eine kurze tabellarische Gegenüberstellung der beiden Tragödientheorien. Im letzten Abschnitt werden die zuvor herausgearbeiteten Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede am Beispiel der „Emilia Galotti“ aufgezeigt.
Der zweite und vierte Abschnitt sind weitestgehend begrifflich gleich untergliedert, so dass ein Vergleich leicht möglich ist.
Es wird bei der Darstellung der aristotelischen Tragödientheorie auf die „Poetik“ (nach Fuhrmann) zugegriffen, bei Lessings Theorie der Tragödie auf den „Briefwechsel über das Trauerspiel“ sowie auf die „Hamburgische Dramaturgie“.
Von einer umfassenden Darlegung der unterschiedlichen Interpretationen der von Aristoteles gebrauchten Termini wird abgesehen, da dies den Rahmen der Seminararbeit überschreiten würde. [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Die Tragödientheorie des Aristoteles
2 Die Tragödientheorie Lessings
2.1 „Briefwechsel über das Trauerspiel“
2.2 „Hamburgische Dramaturgie“
2.2.1 Naturnachahmung
2.2.2 Phobos / Eleos und Katharsis
2.2.3 Charakter
2.2.4 Die drei Einheiten
3 Vergleich der beiden Tragödientheorien
3.1 Gemeinsamkeiten
3.2 Unterschiede
4 Emilia Galotti
4.1 Virginia-Motiv
4.2 Aufbau
4.3 Naturnachahmung
4.4 Mitleid / Furcht und Katharsis
4.5 Charakter
4.6 Die drei Einheiten
4.6.1 Einheit der Handlung
4.6.2 Einheit der Zeit
4.6.3 Einheit des Ortes
4.7 Sprache
5 Schluss
6 Bibliographie
Zielsetzung und Themen
Diese Seminararbeit untersucht, inwieweit Gotthold Ephraim Lessings Tragödientheorie mit den aristotelischen Vorgaben übereinstimmt oder von diesen abweicht, und veranschaulicht die gewonnenen Erkenntnisse anhand seines Trauerspiels „Emilia Galotti“.
- Vergleichende Analyse der Tragödientheorien von Aristoteles und Lessing.
- Untersuchung der Kernbegriffe Mitleid, Furcht und Katharsis.
- Betrachtung dramentheoretischer Konzepte wie der Naturnachahmung und der drei Einheiten.
- Anwendung der theoretischen Ergebnisse auf Lessings „Emilia Galotti“.
- Diskussion über die Funktion der Sprache und die psychologische Charakterzeichnung im bürgerlichen Trauerspiel.
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Phobos / Eleos und Katharsis
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit Aristoteles` Poetik steht Lessings Interpretation der Begriffe „phobos“, „eleos“ und „katharsis“. Üblicherweise wurde zu Lessings Zeit der Begriff „phobos“ mit „Schrecken“ übersetzt. „Lessing selbst schließt sich im »Briefwechsel« und in den ersten 70 Stücken der »Dramaturgie« dieser Konvention an [...].“ Erst im 74. Stück der „Dramaturgie“ nimmt Lessing eine Korrektur vor und übersetzt „phobos“ mit „Furcht“, obwohl er schon im „Briefwechsel über das Trauerspiel“ festgestellt hatte, dass nur „Furcht“ der richtige Begriff sein kann (Brief an Nicolai, 2. April 1757). Lessing vermutete einen Übertragungsfehler, wenn er sagt: „Man hat ihn [Aristoteles] falsch verstanden, falsch übersetzt. Er spricht von Mitleid und Furcht, nicht von Mitleid und Schrecken; und seine Furcht ist durchaus nicht die Furcht, welche uns das bevorstehende Übel eines anderen, für diesen andern, erweckt, sondern es ist die Furcht, welche aus unserer Ähnlichkeit mit der leidenden Person für uns selbst entspringt; [...] es ist die Furcht, dass wir der bemitleidete Gegenstand selbst werden können. Mit einem Worte: diese Furcht ist das auf uns bezogene Mitleid.“
„Furcht“ und „Mitleid“ sind keine gleichberechtigten Leidenschaften, vielmehr impliziert der Begriff „Mitleid“ die „Furcht“ schon. Unter Katharsis versteht Lessing eine „Verwandlung“ der durch die Tragödie erregten Leidenschaften „in tugendhafte Fertigkeiten“. Hier wird erkennbar, dass „Lessing eine Gemütsverfassung vor [schwebt] , in der das Mitleid stark genug ist, um eine Triebkraft zum Handeln zu werden, und zugleich mit Vernunftklarheit verbunden ist.“
Abschließend sei gesagt, dass laut Lessing die Tragödie eine einzige Leidenschaft („Mitleid“; Transformierung der Furcht als Konstituente des Mitleids) erregt, bei Aristoteles sind es dagegen zwei („eleos“ und „phobos“). Bei Lessing hat die Erregung der Leidenschaft den moralischen Zweck der Besserung, bei Aristoteles bewirkt die Erregung der Leidenschaft eine Reinigung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Die Tragödientheorie des Aristoteles: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen der aristotelischen Tragödientheorie basierend auf der „Poetik“, insbesondere die Konzepte von Mimesis, Handlung und den Wirkungsaffekten.
2 Die Tragödientheorie Lessings: Hier werden Lessings theoretische Ansätze aus dem „Briefwechsel über das Trauerspiel“ und der „Hamburgischen Dramaturgie“ dargestellt, wobei sein Fokus auf Mitleid und psychologischer Identifikation hervorgehoben wird.
3 Vergleich der beiden Tragödientheorien: Dieses Kapitel bietet eine tabellarische Gegenüberstellung und Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der antiken Lehre und Lessings Aufklärungstheater.
4 Emilia Galotti: Das Hauptkapitel wendet die theoretischen Konzepte auf das Drama „Emilia Galotti“ an, indem es Aufbau, Charaktere, die Einheiten und die Sprache auf ihre Übereinstimmung mit Lessings Theorie prüft.
5 Schluss: Zusammenfassende Bewertung von „Emilia Galotti“ als aristoteles-basiertes Drama des 18. Jahrhunderts und Reflexion über die Rezeption beim zeitgenössischen Publikum.
6 Bibliographie: Auflistung der verwendeten Quellen und Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Lessing, Aristoteles, Emilia Galotti, Tragödientheorie, Mitleid, Furcht, Katharsis, Poetik, Hamburgische Dramaturgie, Aufklärung, Dramenaufbau, Charakter, Naturnachahmung, Ständeklausel, bürgerliches Trauerspiel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Lessings Tragödientheorie zur aristotelischen Poetik und deren Umsetzung in dem Trauerspiel „Emilia Galotti“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung des bürgerlichen Trauerspiels, die Reinterpretation aristotelischer Affektlehren (Mitleid/Furcht) und die dramaturgische Strukturierung des Dramas.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, inwiefern Lessing die antiken Vorgaben für seine eigene Dramentheorie adaptiert, korrigiert oder erweitert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode, indem sie die theoretischen Schriften von Aristoteles und Lessing gegenüberstellt und die Ergebnisse in einer praktischen Analyse des Dramas „Emilia Galotti“ verifiziert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung (Aristoteles und Lessing), den Vergleich der Wirkungslehren und die detaillierte Anwendung dieser Kriterien auf die Struktur und Figuren von „Emilia Galotti“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Lessing, Aristoteles, Mitleid, Katharsis, „Emilia Galotti“ und bürgerliches Trauerspiel.
Wie interpretiert Lessing den Begriff „phobos“ im Vergleich zu Aristoteles?
Lessing korrigiert die klassische Übersetzung „Schrecken“ zu „Furcht“ und betont, dass es sich um eine auf das eigene Schicksal bezogene Anteilnahme handelt, die aus der Ähnlichkeit zum Protagonisten resultiert.
Warum gilt „Emilia Galotti“ trotz Abweichungen als aristotelisches Drama?
Weil das Stück die Grundstrukturen wie die Einheit der Handlung und den Aufbau beibehält, auch wenn Lessing die inhaltliche Zielsetzung der Affekte an das aufklärerische Ideal der moralischen Besserung anpasst.
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- Annika Freise (Author), 2005, Lessings "Emila Galotti" als aristotelisches Drama , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53626