„Das Kinderspiel ist eine zu auffällige Erscheinung aller Zeiten und Kulturen, als daß die Menschen es nicht von jeher hätten wahrnehmen müssen.“ (Flitner 2009)
Das Kinderspiel hatte schon immer einen Platz in der Gesellschaft. So wird es beispielsweise in der bildenden Kunst dargestellt und in der Literatur beschrieben. Schon die Ägypter im Alten Reich zeigten auf ihren Bildern Puppen, Spieltiere, Bälle und Kinder die miteinander tanzen, zusammen hüpfen und Theaterszenen spielen während sie Masken dazu tragen. Dies sind Beweise dafür, dass das Kinderspiel schon damals nicht nur als Lebenserscheinung dargestellt, sondern auch durch Spielzeug unterstützt wurde. Während in der vorindustriellen Gesellschaft Kinder auch an den Spielen der Erwachsenen teilgenommen haben, entstand im Industriezeitalter eine moderne pädagogische Reflexion in der die Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse und die Entwicklung der Kinder gerichtet wurde. „Kindheit blieb nun nicht mehr das Selbstverständlich-Unauffällige, das einfache Mitleben der jungen Generation; sie wurde vielmehr ein Gegenstand des Nachdenkens und der bewußten Fürsorge.“ (Flitner 2009). Flitner deutet das neue Verständnis von Kindheit an. Kindheit ist nicht nur ein Durchgangsstadium zum Erwachsenwerden, sondern hat es verdient, als eigenständige, wichtige Phase des Lebens betrachtet zu werden.
Dieser Wandel führt zu einer Pädagogik und einer Erziehungslehre in den neuen Institutionen, der im 18. Jahrhundert beginnt und bis heute scheinbar immer noch nicht abgeschlossen ist. Aufgrund dieses Prozesses, entsteht auch ein immer größer werdendes Interesse am kindlichen Spiel und die Beschäftigung mit dem Phänomen Spiel. In dieser Ausarbeitung wird der Fokus auf das Thema Spiel und Spieltheorien gerichtet. Ziel ist es, einen Überblick über das Thema zu erlangen.
Im Folgenden wird zunächst auf die früheren Spieltheorien eingegangen. Hierbei werden nicht alle bestehenden Theorien beschrieben. Die Theorien von Fröbel und Groos werden stellvertretend für viele andere tiefergehend betrachtet. Anschließend wird der Blick auf die moderne Erforschung des Spiels gerichtet. Stellvertretend werden hier Hassenstein, Scheuerl, Hutt und Piaget beschrieben.
Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung des doch sehr umfangreichen Themas mit kurzem Ausblick auf weitere Spieltheorien.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Frühere Spieltheorien
3. Moderne Erforschung des Spiels
3.1 Phänomenologie des Spiels
3.1.1 Phänomenologie des Spiels – Bernhard Hassenstein
3.1.2 Phänomenologie des Spiels – Hans Scheuerl
3.2 Entwicklungspsychologie und Lernforschung
3.2.1 Entwicklungspsychologie und Lernforschung – Corinne Hutt
3.2.2 Entwicklungspsychologie und Lernforschung – Jean Piaget
4. Fazit
5. Quellen
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit widmet sich dem Phänomen des kindlichen Spiels und den dazugehörigen wissenschaftlichen Theorien, mit dem Ziel, einen fundierten Überblick über die historische und moderne theoretische Einordnung zu geben.
- Historische Entwicklung von Spieltheorien am Beispiel von Fröbel und Groos
- Phänomenologische Betrachtungsweise des Spiels (Hassenstein, Scheuerl)
- Spiel als Gegenstand der Entwicklungspsychologie und Lernforschung (Hutt, Piaget)
- Unterscheidung und Zusammenhang von Exploration und Spiel
- Die Funktion des Spiels im Kontext der kognitiven Entwicklung
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Phänomenologie des Spiels – Hans Scheuerl
Hans Scheuerl versuchte in seinen Untersuchungen zu klären, ob all den vielen Erscheinungen die wir als Spiel bezeichnen, tatsächlich auch ein gemeinsamer Merkmalsbestand zugrunde liegt oder ob wir nur durch die Unschärfe des Spielbegriffs alles unter der Bedeutung Spiel einordnen. Nach seinen Analysen und Untersuchungen kam er zu der Erkenntnis, dass nicht gemeinsame Verhaltens-, oder Erlebnisweisen der Spielenden den Spielbegriff definiert, sondern gemeinsame Struktur-, und Wesensmerkmale des Spielgeschehens. Scheuerl teilt die Ablaufgestalten des Spiels in sechs Merkmale ein. Das erste Merkmal charakterisiert die Freiheitstendenz des Spiels. Das Spiel hat keine Ziel- und Zwecksetzungen, die es von außen bestimmen können. Spiel wird ist also nicht durch Ziele und Zwecke charakterisiert sondern durch die Freiheit. Als zweites führt er den Moment der inneren Unendlichkeit des Spiels an. Es hat, wie im ersten Merkmal schon beschrieben, kein Endziel und erneuert seine Spannung immer wieder. Spiel ist auf Selbstwiederholung angelegt, da es sein Ziel in sich selbst hat und kein Endziel oder einen bestimmten Zweck verfolgt. Das Moment der Scheinhaftigkeit, beschreibt das Schweben über oder außerhalb der Realität. Das Spiel kann uns in Bereiche der Fiktion mitnehmen und findet auch dort statt. Ein besonderes Merkmal wird hierbei auf das „Als-Ob“ Spielen gelegt. Dieses „So-tun-als-ob“ bestimmt den Moment der Scheinhaftigkeit. Als viertes Merkmal führt Scheuerl die Vieldeutigkeit des Spiels an. Das Spiel hält Ambivalenzen. Dies bedeutet, dass es seine innere Spannung selbst aufrecht erhält. Ähnlich wie es auch das Ziel in sich selbst hat und nicht ein Endziel anstrebt, was von außen bestimmt wird, hält es auch seine innere Spannung selbst. Es muss sich nach außen abgrenzen, um seinen Freiraum der inneren Offenheit aufrecht erhalten zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet den historischen Wandel der Sichtweise auf die Kindheit und das Spiel, wobei das Spiel als wesentliches Element kindlicher Weltaneignung und Entwicklung positioniert wird.
2. Frühere Spieltheorien: Das Kapitel erläutert die Ansätze von Friedrich Fröbel und Karl Groos, wobei insbesondere die Spielgaben Fröbels und die Einübungstheorie von Groos als Grundlagen der frühen Spieltheorie dargestellt werden.
3. Moderne Erforschung des Spiels: Hier werden moderne Ansätze in der Phänomenologie durch Hassenstein und Scheuerl sowie die entwicklungspsychologischen Perspektiven von Hutt und Piaget detailliert analysiert.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Vielfalt der betrachteten Theorien zusammen und betont, dass das Phänomen Spiel aus unterschiedlichsten wissenschaftlichen Blickwinkeln betrachtet werden kann und muss.
5. Quellen: Dieses Verzeichnis listet die verwendete Fachliteratur auf, die als Grundlage für die Ausarbeitung diente.
Schlüsselwörter
Kinderspiel, Spieltheorien, Friedrich Fröbel, Karl Groos, Bernhard Hassenstein, Hans Scheuerl, Corinne Hutt, Jean Piaget, Entwicklungspsychologie, Phänomenologie, Exploration, Assimilation, Akkomodation, Spielformen, Intelligenzentwicklung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen wissenschaftlichen Überblick über die Bedeutung des Spiels und stellt zentrale theoretische Ansätze aus der Geschichte sowie der modernen Forschung vor.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die zentralen Themen sind die theoretische Fundierung des Kinderspiels, die Differenzierung zwischen Spiel und Exploration sowie die Einordnung des Spiels in die kindliche Entwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis für das Thema Spiel zu vermitteln und die verschiedenen theoretischen Perspektiven auf dieses Phänomen strukturiert darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, bei der klassische und moderne Ansätze der Spieltheorie auf Basis relevanter Fachliteratur komparativ ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung früher Theorien (z.B. Fröbel, Groos) und die moderne Forschung, unterteilt in phänomenologische Aspekte und entwicklungspsychologische Erkenntnisse (Piaget, Hutt).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kinderspiel, Spieltheorien, Phänomenologie, Entwicklungspsychologie, Exploration, Assimilation und Akkomodation.
Wie unterscheidet Corinne Hutt zwischen Spiel und Exploration?
Hutt differenziert zwischen Exploration, die neugierdegesteuert auf die Aneignung neuer Informationen abzielt, und dem Spielen, das in einem entspannten Zustand bei bereits vertrauten Gegenständen stattfindet.
Welche Rolle spielt die Assimilation in Piagets Spieltheorie?
Nach Piaget ist das Spiel ein Zustand, in dem die Assimilation überwiegt. Das Kind integriert neue Erfahrungen in seine bereits bestehenden kognitiven Schemata, um sich die Welt anzueignen.
Was sind die drei Spielformen nach Piaget?
Piaget unterscheidet das Übungsspiel, das Symbolspiel und das Regelspiel, die jeweils verschiedenen Stadien der kognitiven Entwicklung zugeordnet werden.
Was versteht Scheuerl unter der "Freiheitstendenz des Spiels"?
Die Freiheitstendenz bedeutet, dass das Spiel keine von außen vorgegebenen Ziele oder Zwecke verfolgt, sondern sich durch seine innere Struktur und Offenheit definiert.
- Arbeit zitieren
- Jennifer Mathä (Autor:in), 2016, Spiel und Spieltheorien. Eine Analyse unterschiedlicher Spieltheorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/536420