Deutschland als Beratungsgesellschaft ohne Professionalisierung der Beratung


Essay, 2019

9 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Deutschland als Beratungsgesellschaft ohne Professionalisierung der Beratung

Schlagworte wie Globalisierung, Digitalisierung, demografischer Wandel oder wach­sende Komplexität sind in der modernen Welt allgegenwärtig. Sie wird täglich komplexer, unvorhersehbarer und vernetzter1. Es gilt sich fortlaufend zu verbessern, sich neu zu erfinden, Fehler einzugestehen und aus diesen zu lernen, um den aktuellen Herausfor­derungen begegnen zu können. Das gelingt Organisationen oder Unternehmen nicht immer ohne fremde Hilfe und sie setzen häufig Beraterinnen/Berater ein. Dabei lassen sich verschiedene Arten von Systemen beraten. Von sozialen Systemen, wie bspw. eine Organisation, bis hin zu psychischen Systemen, wie das Individuum. Es ist inzwischen fast Normalität, dass nicht nur Vorstände, Manager und Führungskräfte auf einen Coach zurückgreifen. Viele Menschen in der modernen Gesellschaft begreifen inzwischen die Vorzüge von einem Coach oder einer Beraterin, bzw. einem Berater. Schließlich wollen auch sie sich frei entfalten, individualisieren, optimieren2. Oberhuber nennt es: Das „Stre­ben nach Selbstoptimierung“3. Individualisierung und Pluralisierung sind Schlagworte die unterdiesem Kontext immerwiederfallen4.

Das Beratungsangebot nimmt stetig zu. Schaut man sich in einem Buchhandel um, ent­deckt man jede Menge gedruckter Berufsratgeber oder Lebenshilfebücher, die einem täglich daran erinnern, dass man noch aktiver, kreativer und leistungsfähiger sein kann und dies auch muss5. Beratung setzt inzwischen also nahezu in allen Lebensbereichen ein. Dabei kann es sich um persönliche Fragestellungen nach der richtigen Kindererzie­hung drehen oder welcher Kleidungstil am besten zu einem passt. Organisationen da­gegen haben andere Themen. Sie fragen sich bspw. wie die ansteigende Fluktuation und der hohe Krankheitsstand in der Organisation verringert werden kann6. Letzteres Beispiel soll die vorliegende Ausarbeitung dahingehend abgrenzen, dass das Augen­merk primär auf Organisationen und auf die von ihr berührten Organisationsmitglieder gerichtet es. Der Fokus wird also klar auf die Organisationsberatung gelegt und das sich nicht hinterjedem Beratungsangebot eine seriöse und professionelle Beratung verbirgt. Die große Herausforderung der Beraterinnen/Berater ist somit, sich von den bizarren und unprofessionellen Offerten zu differenzieren und zu behaupten7. Beratung wirkt schließlich krisendämpfend und entlastend, da sie Orientierung bei den vielfältigen Wahlmöglichkeiten gibt und unterstützt zudem bei der Bewältigung von Problemen, Ent- scheidungs- oder Handlungsdruck8. Ein wenig skurril also, dass einerseits von einem Boom der Organisationsberatung ausgegangen wird, es andererseits jedoch keinerlei Hinweise für eine Professionalisierung der Beratung gibt9. Erhardt und Elbe schreiben dazu, dass die Professionalisierung der OE in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt10. Wenn man bedenkt, dass es an jeder Ecke diverse Beratungsangebote gibt, wie hoch ist der Wahrheitsgehalt dieser Aussage? Ist Deutschland eine Beratungsge­sellschaft ohne Professionalisierung der Beratung? Und ist eine Professionalisierung überhaupt möglich und sinnvoll?

Beraterinnen und Berater haben gewiss keine leichte Aufgabe und mehr und mehr kommt es bei der Beratung auf zwischenmenschliche Beziehungen an und darin die Kundin/den Kunden bei seiner Problemlösung zu unterstützen. In der Organisations- o­derauch Prozessberatung als helfende Beziehung, besteht der Erfolg letztlich darin, die Kunden darin zu unterstützen ihre Probleme selbst zu erkennen und angemessene Lö­sung hierfür zu entwickeln. Im Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu geben11. Edgar Schein definiert die Prozessberatung alsder Aufbau einer Beziehung mit dem Klienten, die es diesem erlaubt, die in seinem internen und externen Umfeld auftretenden Prozesse­reignisse wahrzunehmen, zu verstehen und darauf zu reagieren, um die Situation, so wie er sie definiert, zu verbessern.“12

Das Beratung eine stetig wachsende Konjunktur verspürt, liegt nach den bisherigen Er­läuterungen auf der Hand. Was es auf dem Markt jedoch schwierig macht, liegt auch nach Meinung der Autorin dieser Ausarbeitung darin begründet, dass der Beruf der Be- raterin/des Beraters in Deutschland unter keiner gesetzlichen Berufsordnung unter­liegt13. Dabei sollten Beratende gut ausgebildet sein und ausreichende Berufserfahrung mitbringen. Egal ob Sozial-, Fach-, oder Methodenkompetenzen. Eine Beraterin/ein Be­rater sollte über ein buntes Spektrum an Methoden sowie Instrumenten verfügen und sich in den verschiedensten Rollen, welche sie oder er innehaben kann, zu Hause füh­len. So kann sie/er dem Kunden den bestmöglichen Dienst ermöglichen und ihm somit nachhaltig zum Erfolg zu verhelfen. Jede/r kann sich , Berater* nennen und seine Dienst­leistung den Unternehmen anbieten. Das ist nicht immer gut, denn oft fehlt es aus Sicht der Autorin an Erfahrungen und den nötigen Kompetenzen, bzw. wird vielmehr auch mit unseriösen Mitteln gearbeitet. Viel zu oft werden Beraterinnen und Berater aufgrund die­ser ‘schwarzen Schafe‘ in ein negatives Licht gestellt. Mit Hilfe einer Zertifizierung, Be­stehen gewisser Voraussetzungen oder einer anerkannten Berufsbezeichnung, würde das möglicherweise anders laufen. Erhardt und Elbe schreiben, dass es seit mehr als 30 Jahren zahlreiche Versuche gibt die Organisationsentwicklung zu professionalisieren und scheinbar alle Anstrengungen scheitern14. Viele Forscherinnen und Forscher spre­chen aus diesen Gründen von einer gescheiterten Professionalisierung. Dabei meinen sie tatsächlich nur die Professionalisierung. OE als Solches ist nicht gescheitert. Ganz im Gegenteil. Doch was macht es so schwierig? Sicher ist, dass sich Organisationsbe­ratungsprozesse nicht konkret steuern, planen oder voraussagen lassen. Denn anders als bei der Herstellung z.B. eines USB-Sticks oder einer logischen Verkettung von Zu­lieferern, ist ein OE-Prozess eben schwer steuerbar und kann nicht in ein Standardfor­mat gepresst werden15. Die Prozesse bei den Kunden sind so individuell und komplex, dass jeder OE-Prozess anders abläuft. Zwar kann die Beraterin/der Berater immer wie­der auf gelernte Methoden und Instrumente zurückgreifen, jedoch sind die Bedingungen beim Kunden immer andere und die Beraterin/der Berater kann einen OE-Prozess nie­mals gleich gestalten. Die einzelnen Tätigkeiten lassen sich nicht standardmäßig in ein­zelne Komponenten zerlegen. Dafür gibt es zu viele Unbekannte. Bspw. sind die Pro­zesse und auch die Menschen und Ihre Beziehungen in jedem Unternehmen andere. Ebenfalls müssen Entscheidungen von Fall zu Fall getroffen werden. Diese Unsicher­heitsbelastung von Tätigkeiten wird in der Soziologie als Standardisierungsproblem be­titelt. Als Reaktion auf solche Standardisierungsprobleme, haben sich in der modernen Gesellschaft Professionen etablieren können. Bei Professionen werden Strategien ent­wickelt, um bei unerwarteten Problemen und Aufgaben Lösungen zu entwickeln. Bei Be­rufen, wie bspw. bei einem Werkzeugbauer, kann sich darauf verlassen werden, dass

Probleme und vorliegenden Aufgaben aus dem erlernten Standardrepertoire gelöst wer­den können16. Beratung scheint demnach ein geeignetes Feld für eine Professionalisie­rung zu sein. Oder muss es gar nicht in einer Profession enden, um zwischen unprofes­sionellen Offerten zu differenzieren?

[...]


1 Vgl. Erhardt und Elbe 2018, S. 28.

2 Vgl. Oberhuber 2017; vgl. Schwarz 2018, S. 5.

3 Oberhuber 2017.

4 Vgl. Schwarz2018, S. 1f.

5 Vgl. Oberhuber2017.

6 Vgl. Schwarz2018, S. 2.

7 Vgl. Oberhuber 2017; vgl. Schwarz 2018, S. 2.

8 Vgl. Schwarz2018, S. 3.

9 Vgl. Kühl und Moldaschl 2010, S. 65.

10 Vgl. Erhardtund Elbe2018, S. 119.

11 Vgl.Erhardtund Breul2018

12 Schein 2000, S.39.

13 Vgl. Spiess und Reif2018, S. 7.

14 Vgl. Erhardtund Elbe2018, S. 119.

15 Vgl. Kühl und Moldaschl 2010, S. 65.

16 Vgl. Kühl und Moldaschl 2010, S. 66.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Deutschland als Beratungsgesellschaft ohne Professionalisierung der Beratung
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern  (Distance and Independent Studies Center (DISC))
Veranstaltung
Organisationsentwicklung
Note
1,7
Jahr
2019
Seiten
9
Katalognummer
V536544
ISBN (eBook)
9783346126184
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beratung, Professionalisierung, Coach, Coaching, Organisation, Organisationsberatung, Supervision, Beratungsgesellschaft, systemische Beratung, Globalisierung, Digitalisierung, Berater
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Deutschland als Beratungsgesellschaft ohne Professionalisierung der Beratung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/536544

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