Was versteht Aristoteles unter seinem philosophischen Gottesbegriff?


Vorlesungsmitschrift, 2017

14 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Metaphysik als Grundkonzept des philosophischen Gottesbegriffes
1.1 Metaphysik als göttliche Wissenschaft
1.2 Metaphysik als gesuchte Wissenschaft
1.3 Metaphysik als Substanzontologie
1.4 Metaphysik als erste Philosophie
1.5 Metaphysik als Theologik

2. Vier Bestimmungen des aristotelischen Gottesbegriffes
2.1 Göttlich Seiende als unbewegt Bewegendes
2.2. Göttlich Seiende als geliebter Beweger in finalursächlicher Hinsicht
2.3. Göttlich Seiende als reine Möglichkeit und reine Wirklichkeit
2.4. Göttlich Seiende als Vernunft

Literaturverzeichnis

Philosophische Gotteslehre : Aristoteles

1. Metaphysik als Grundkonzept des philosophischen Gottesbegriffes

Der berühmteste Vertreter einer genuin philosophischen Gotteslehre ist Aristoteles. Genuin deswegen, weil der aristotelische Gottesbegriff keinen religiös geprägten Kontext enthält. Vielmehr muss nach Aristoteles der Gottesbegriff metaphysisch denknotwendig gedacht werden. Was Aristoteles unter seinem philosophischen Gottesbegriff versteht, soll im folgenden Protokoll geklärt werden.

1.1. Metaphysik als göttliche Wissenschaft

Bei Aristoteles symbolisiert Gott die höchste Vernunft. Zudem offenbart sich Gott durch die menschliche Vernunft (griechisch Nous). Um diese Verbindung zwischen Mensch und Gott durch die Vernunft herstellen zu können, entwickelt Aristoteles dafür eine Wissenschaft, die als Grundkonzept für sein philosophisches Gottesverständnis dienen soll, nämlich die Metaphysik:

Da wir nun diese Wissenschaft suchen, müssen wir danach fragen, von welcherlei Ursachen und Prinzipien die Wissenschaft handelt, welche Weisheit ist. Nimmt man nun die gewöhnlichen Annahmen, welche wir über den Weisen haben, so dürfte vielleicht die Sache daraus eher deutlich werden. Wir nehmen nun erstens an, dass der Weise, soviel möglich, alles verstehe (erkenne), ohne dabei Wissen vom Einzelnen zu besitzen; ferner dass der, welcher das Schwierigste und für den Menschen nicht leicht Erkennbare zu erkennen vermag, weise sei (denn Sinneswahrnehmung ist allen gemeinsam und darum leicht und nichts Weises); ferner dass in jeder Wissenschaft der Genauere und Ursachen zu lehren Fähigere der Weisere sei; und dass unter den Wissenschaften die, welche um ihrer selbst und um des Wissens willen gesucht wird, eher Weisheit sei als die um anderwärtiger Ergebnisse willen gesuchte, und ebenso die mehr gebietende im Vergleich mit der dienenden; [...].

(Aristoteles, Metaphysik I 2, 982a, übers. von H. Seidl, 1. Halbb., Hamburg 1989, S. 9/11)

Aristoteles argumentiert in diesem Zitat dafür, dass Metaphysik gleichzusetzen mit Weisheit ist, Weisheit als eine Form eines höchsten, umfassenden und vollkommenen Wissens. Sie stellt die schwierigste Form der Erkenntnis dar, da sie nicht durch die Sinneswahrnehmung erkannt werden kann. Das Wissen um die Ursachen oder Gründe der Welt ist beispielsweise dieser Form des Wissens zuzuordnen. Die Weisheit wird deswegen als die höchste Form des Wissens angesehen, weil sie nicht instrumentalisiert oder funktionalisiert wird, da hier das Wissen um seiner selbst willen gesucht wird. Nach Aristoteles kann man das „Streben nach dem höchsten Wissen“ im Charakter des weisen Menschen erkennen. Aber eigentlich übersteigt dieser Anspruch die menschliche Fähigkeit und muss deswegen göttliches Wissen oder Wissenschaft Gottes genannt werden.

Dieses höchste Wissen kann Aristoteles zufolge in zweifacher Weise ausgedeutet werden. Zum einen als Genetivus Objectivus und zum anderen als Genetivus Subjectivus. Ersteres bezeichnet das Wissen, das wir um Gott als Gegenstand des Wissens haben. Zweiteres bezeichnet das göttliche Wissen, also das Wissen, das Gott selbst hat. So beschreibt Aristoteles die Wissenschaft, die er als Metaphysik bezeichnet und der er ambivalente Weisheit beimisst, als göttliche Wissenschaft, denn sie hat Gott zum Gegenstand:

„ Einmal nämlich ist die Wissenschaft göttlich, welche der Gott am meisten haben mag, und zum anderen die, welche das Göttliche zum Gegenstand haben dürfte. Bei dieser Wissenschaft allein trifft beides zugleich ein; denn Gott gilt allen für eine Ursache und Prinzip, und diese Wissenschaft möchte wohl allein oder doch am meisten Gott besitzen“ (Ebd., 983a, S. 15).

1.2. Metaphysik als gesuchte Wissenschaft

Aristoteles geht davon aus, dass wir uns ein höchstes, vollkommenes und „weisestes“ Wesen vorstellen können. Diese Vorstellung erlaubt uns also „das Höchste“ zu denken. Dieses höchste Denken ist zugleich auch das Denken, das diesem göttlichen Wesen selbst zugeschrieben wird. Hier stellt sich die Frage, wie man ein solches Wissen dem Menschen zumuten kann? Kann der Mensch dem Anspruch dieses höchsten Wissens und Denkens überhaupt gerecht werden? Der Vorwurf der menschlichen Überforderung ist Aristoteles bewusst. Deswegen relativiert er diesen hohen Anspruch ein wenig in den ersten Kapiteln der Metaphysik. So beschreibt er die Metaphysik nur als eine „gesuchte Wissenschaft“, die sich dadurch erklärt, „dass alle Menschen nach Wissen streben“. Dabei ist die Metaphysik die höchste Form des Wissens, die Menschen in ihrem Streben nach Wissen als Ideal vor Augen haben sollten. Weil die Metaphysik die höchste Form der Wissenschaft darstellt, kann sich der Mensch nie sicher sein, ob er sie jemals erreichen wird oder ob sie überhaupt je gefunden werden kann. Hier wird deutlich, dass der aristotelische Ansatz das elitäre Denken der Antike widerspiegelt, nämlich die Vorstellung von wenigen „weisen Menschen“ in der Gesellschaft, die zu diesem Wissen fähig sind, nämlich die Philosophen. Hierdurch wird hieraus ersichtlich, dass durch den aristotelischen Gottesbegriff keine Demokratisierung des Wissens verkörpert wird. Interessant ist bei Aristoteles vor allem, wie sich durch die Vernunft das menschliche Wissen mit dem göttlichen Wissen verknüpfen kann. Diese Wissensverbindung reicht an das Wissen heran, das dem Wissen Gottes zugeschrieben wird. Hier gibt es keine Diskrepanz zwischen dem Wissen des Menschen und dem Wissen Gottes mehr.

1.3. Metaphysik als Substanzontologie

Ferner beschäftigt sich die Metaphysik mit dem Seienden, aber nur unter dem Aspekt, dass es seiend ist. Nach Aristoteles grenzt sich dadurch die Metaphysik von den zwei anderen theoretischen Wissenschaften, nämlich der Physik und der Mathematik, ab. Aristoteles wendet hier ein „Drei-Stufen-Modell“ an. Die unterste Stufe wird durch die Physik - auch Naturphilosophie genannt, repräsentiert. Sie beschäftigt sich mit dem Seienden, wenn es beweglich oder veränderlich ist. Darauf folgt die Mathematik auf der zweiten Stufe. Sie beschäftigt sich mit dem unbewegt Seienden, also beispielsweise rein geometrische Figuren oder Zahlen. Diese sind an sich nicht immateriell zu denken, da sie stets in ihrer Ausgedehntheit an der Materie behaftet sind. So ist die Vorstellung eines reinen Kreises zwar eine unveränderliche Form des Seienden, dennoch ist der reine Kreis in seiner Ausgedehntheit nicht immateriell vorstellbar.

Der Ausdruck des Seienden, insofern es seiend ist, kann für Aristoteles nur derjenige Gegenstand sein, der unveränderlich und nicht materiell gedacht werden kann. Aristoteles spricht hier auch vom Begriff der Substanz , griechisch Ousia, um die Wirklichkeit zu kategorisieren und zu strukturieren. Damit ist nicht unser alltägliches Verständnis von Substanz im Sinne einer materiellen Substanz gemeint. Vielmehr meint er mit Ousia immaterielle Strukturen. Natürlich gibt es in der Welt zunächst einmal materielle Substanzen, die wir mit der sinnlichen Wahrnehmung erkennen können. Aber es muss Aristoteles zufolge auch immaterielle Substanzen geben, die zunächst nur verzehrt erkannt werden können. Doch diese entsprechen bei genauerer Beobachtung den Grundstrukturen der Wirklichkeit. Schließlich will die Metaphysik nicht nur begriffliche Zusammenhänge aufzeigen, sondern auch Aussagen über die Wirklichkeit machen. Aus dieser Vorstellung ergibt sich eine Substanzontologie, welche die Vorstellung einer höchsten, immateriellen, göttlichen Substanz beinhaltet.

Festzuhalten ist, dass die Begründung einer höchsten, immateriellen, göttlichen Substanz bei Aristoteles aus der Metaphysik, also aus der reinen Substanzontologie heraus entwickelt wird. Weil sich die Metaphysik mit dem Seienden, insofern es seiend ist beschäftigt, fallen alle inhaltlichen und konkreten Zuschreibungen der Gegenstände weg, was eine transempirische Erklärung der Wirklichkeit möglich macht. Die Metaphysik stellt also das entscheidende Grundkonzept des aristotelischen Gottesverständnisses dar.

1.4. Metaphysik als erste Philosophie

Aus dem Substanzdenken konzipiert Aristoteles die Metaphysik als erste Philosophie, da sie das unveränderlich göttlich Seiende betrachtet. Was sich dahinter verbirgt, kann zweifach ausgelegt werden. Zum einen gelingt es der Metaphysik als erste Philosophie die allgemeinen Grundlagen und Prinzipien der Wirklichkeit zu erklären. Gemeint ist damit das unbewegliche und von der Materie abtrennbare Seiende. Wenn diese Grundlage geklärt ist, können wir uns darauf aufbauend den konkreten Gegenständen der Wirklichkeit zuwenden.

Doch diese Denkweise zeigt das Grundproblem der griechischen Ontologie auf. Schließlich muss erst einmal bewiesen werden, dass der gedachte Begriff von einem göttlichen Wesen der Realität entspricht und dass es sich bei der Vorstellung eines göttlich Seienden nicht nur um eine Abstraktion oder Fiktion des Denkens handelt. Doch wie kann nachgewiesen werden, dass dieser Begriff der Realität entspricht? Diese Frage stellt eine ganz wichtige kritische Frage dar, die sich durch die gesamte philosophische Gotteslehre zieht.

Aristoteles unterscheidet deswegen die Abstraktion von der Separation menschlichen Denkens. Die Separation beschreibt einen Abtrennungsvorgang. Aristoteles betont, dass man das göttlich Seiende - was Gott genannt werden kann, nicht durch Abstraktion des Denkens, sondern durch die Separation von der Materie in der Wirklichkeit gewinnt.

Folglich müssen wir uns das göttlich Seiende als Seiendes vorstellen, was in Wirklichkeit von der Materie getrennt ist und gar nicht anders kann, als immateriell zu sein. In der aristotelischen Metaphysik geht es also um das „Abtrennbare-Sein“. Für das „Abtrennbare-Sein“ gibt es eine zweifache Ausformulierung: transzendent versus transzendental. Beim göttlichen Begriff des Seienden handelt es sich um einen transzendentalen Begriff, nämlich einem rein ontologischen, bei dem es nicht mehr um Substanzen geht, sondern um eine Bestimmung der allgemeinsten Strukturen unseres Erkennens. Das immateriell Seiende ist also der Begriff der als der „allgemeinste“ und „ersterkannte“ Begriff gilt. Man kann sagen, dass in diesem Begriff all unsere Erkenntnis auf einen gemeinsamen Nenner gebracht wird. Das ist eine Auslegung von Metaphysik als 1. Philosophie, die Aristoteles vornimmt.

1.5. Metaphysik als Theologik

Weiter behauptet Aristoteles, dass Metaphysik Theologik, also theologische Wissenschaft ist. Es ist eine theologische Wissenschaft, die sich mit dem höchsten immateriellen, göttlich Seienden beschäftigt. In dieser Ausformulierung wird das Immaterielle nicht mehr als der allgemeinste Begriff gebraucht, der unserer Erkenntnis zugrunde liegt, sondern hier wird streng orientiert am Substanzschema. Aristoteles vertritt hier die Vorstellung einer höchsten immateriellen Substanz, der sich die Metaphysik als theologische Wissenschaft zu widmen habe. Dies stellt den Verknüpfungspunkt von philosophischer Gotteslehre mit der Metaphysik dar. Sofern wir Metaphysik so verstehen, dass sie nach den allgemeinsten Strukturen unseres Erkennens fragt, spielt Gott in ihr nämlich keine spezifische Rolle mehr. Denn der Begriff eines allgemeinsten Seienden will keine Hierarchiestufen vom Seienden vornehmen, sondern alles was sich uns erkennbar erweist unter die Struktur des allgemeinen Seienden stellen. Wenn man diese Auffassung vertritt ist es beispielsweise egal, ob man eine Blume oder etwas Göttliches betrachtet, denn beide kommen darin überein, dass sie seiend sind. Bei der Metaphysik als Theologik reicht diese Erkenntnis vom Seienden nicht aus. Denn in diesem Verständnis kommt dem Göttlichen eine höhere Dignität zu, da es aufgrund seiner Unveränderbarkeit und seiner Immaterialität eine höhere Substanz darstellt, als das was beweglich veränderlich ist. Die Konzeption der Metaphysik als Theologik beschreibt Aristoteles wie folgt:

Jede Wissenschaft sucht gewisse Prinzipien und Ursachen für jeden unter ihr befassten Gegenstand des Wissens [...]. Jede derselben nämlich begrenzt sich eine bestimmte Gattung und beschäftigt sich mit dieser als mit etwas Existierendem und Seiendem, aber nicht insofern es ist; sondern das ist Gegenstand einer anderen, von dieser getrennten Wissenschaft. [...] Da es eine Wissenschaft gibt vom Seienden, insofern dies seiend und selbstständig abtrennbar ist, muss untersucht werden, ob man diese für identisch mit der Physik zu halten hat oder vielmehr für eine andere. Die Physik handelt nun von den Dingen, die in sich selbst das Prinzip der Bewegung haben; die Mathematik dagegen ist zwar eine theoretische (Wissenschaft) und hat zum Gegenstand das Bleibende, aber nicht das Abtrennbare. Von demjenigen Seienden also, das abtrennbar und unbeweglich ist, handelt eine andere, von diesen beiden verschiedene Wissenschaft, sofern nämlich ein solches abtrennbares und unbewegtes Wesen existiert, wie wir zu beweisen versuchen werden. Und wofern es unter dem Seienden ein solches Wesen gibt, so muss da auch wohl das Göttliche sich finden, und dies würde das erste und vorzüglichste Prinzip sein. Es gibt also offenbar drei Gattungen betrachtender (theoretischer) Wissenschaften: Physik, Mathematik, Theologie [theologike].

(Aristoteles, Metaphysik XI 7, 1064a-b, übers. von H. Seidl, 2. Halbb., Hamburg 1991, S. 203-207)

Aristoteles schlussfolgert in diesem Abschnitt, dass es drei Gattungen theoretischer Wissenschaften gibt: Physik, Mathematik und Theologie [theologike]. In diesem Zitat wird auch der Anspruch der Metaphysik erste Philosophie zu sein deutlich. Denn die Metaphysik bleibt nicht bei den spezifischen Bestimmungen stehen, sondern sie versucht tiefer nachzufragen und die allgemeinen Strukturen des Seins zu finden. Aus der Beschäftigung mit den allgemeinen Strukturen des Seins folgt, dass eine immaterielle Substanz in der Metaphysik wirken muss. Dies führt dazu, die Metaphysik als Theologik zu bezeichnen. Oder anders gesagt, die Metaphysik kann als diejenige Wissenschaft bezeichnet werden, die gar nicht anders kann, als sich inhaltlich dem höchsten göttlichen Wesen zu widmen, das wir in der Wirklichkeit annehmen müssen.

Festzuhalten ist, dass sich die philosophische Gotteslehre nicht aus einem spezifischen Interesse heraus entwickelt, ein höchstes Wesen beweisen zu wollen. Denn genau der umgekehrte Weg ist der Fall. Denn die Vorstellung eines höchsten göttlichen Wesens ergibt sich automatisch aus der Beschäftigung mit der Materie. Denn aus dem Anspruch heraus, die Wirklichkeit zu verstehen beziehungsweise zu strukturieren, ergibt sich notwendigerweise eine Vorstellung von Metaphysik, die das göttlich Seiende zum Gegenstand haben muss. Diese Schlussfolgerung ergibt sich also rein aus der Vernunft. Festzuhalten ist, dass dieser Notwendigkeitsanspruch in keinem Zusammenhang mit dem Glauben, der Religiosität oder mit irgendeiner kultischen Ausprägung steht.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Gott sehr wohl auch ein Thema in der Philosophie ist. Denn wie Aristoteles zeigt, kann die Metaphysik auch als theologische Wissenschaft mit einem höchsten Wesen als Gegenstand gedeutet werden. Dies ist nicht notwendigerweise der Fall, denn die Metaphysik muss nicht zwingenderweise das göttlich Seiende zum Gegenstand haben. Im Laufe der späteren Jahrhunderte nach Aristoteles entwickelte sich nämlich eine Aufspaltung der ontologischen Wissenschaft in eine allgemeine Ontologie, die sich mit den Strukturen der Wirklichkeit beschäftigt und in eine spezielle Ontologie, die sich mit dem göttlich Seienden als Gegenstand befasst.

2. Vier Bestimmungen des aristotelischen Gottesbegriffes

2.1. Göttlich Seiende als unbewegt Bewegendes

In Kapitel XII der Metphysik erläutert Aristoteles, dass das göttlich immateriell Seiende ein unbewegt Bewegendes Seiendes sein muss. Dies leitet er wie folgt ab: Wir können wahrnehmen, dass die ganze Welt in Bewegung ist. Bewegungen müssen Wirkursachen zugrunde liegen. Denn was eine Bewegung bewegt hat, erfährt man nur durch die Untersuchung der Ursache, die diese bewegt hat. So ergibt sich zwangsläufig eine Kette von Ursachen, die prinzipiell endlos zu sein scheint. Doch diese Schlussfolgerung wäre laut Aristoteles absurd, da man mit den Antworten auf seine Fragen nie zu einem Ende kommen würde. Deswegen nimmt Aristoteles an, dass es eine erste bewegende Ursache geben muss, die selbst nicht von etwas anderem bewegt beziehungsweise verursacht wird. Aristoteles definiert diese Ursache als erste - beziehungsweise letzte Ursache - nämlich als unbewegt Bewegendes Seiendes. Diese Ursache ist nicht sinnlich wahrnehmbar und muss deswegen als etwas Göttliches bezeichnet werden. Festzuhalten ist, dass die aristotelische Ableitung eines göttlich Seienden nur durch den Leitfaden der Bewegung erklärt werden kann - nämlich ausgehend von dem Gedanken, dass alles was sich bewegt von etwas anderem bewegt werden muss:

„So wollen wir nun […] zeigen, dass es notwendig ein ewiges unbewegtes Wesen [Ousia] geben muss. Denn die Wesen sind von dem Seienden das Erste, und wenn alle vergänglich sind, so ist alles vergänglich. Unmöglich aber kann die Bewegung entstehen oder vergehen; denn sie war immer. Ebensowenig die Zeit; denn das Früher und Später ist selbst nicht möglich, wenn es keine Zeit gibt. Die Bewegung ist also ebenso stetig wie die Zeit, da diese entweder dasselbe ist wie die Bewegung oder eine Affektion derselben. Stetige Bewegung aber ist einzig die Ortsveränderung, und zwar unter dieser die Kreisbewegung.

Gäbe es nun ein Prinzip des Bewegens und Hervorbringens, aber ein solches, das nicht in Wirklichkeit wäre, so würde keine Bewegung stattfinden; denn was bloß das Vermögen (die Möglichkeit) hat. Kann auch nicht in Wirklichkeit sein. Also würde es nichts nützen, wenn wir ewige Wesen annehmen wollten, wie die Anhänger der Ideenlehre, sofern nicht in ihnen ein Prinzip enthalten wäre, welches das Vermögen der Veränderung hat. Aber auch dies würde nicht genügen, noch die Annahme irgendeines anderen Wesens neben den Ideen; denn sofern das Wesen nicht in Wirklichkeit sich befände, so würde keine Bewegung stattfinden. Ja, wenn es selbst in Wirklichkeit sich befände, sein Wesen aber bloßes Vermögen wäre, auch dann würde keine ewige Bewegung stattfinden; denn was dem Vermögen nach ist, kann möglicherweise auch nicht sein. Also muss ein solches Prinzip vorausgesetzt werden, dessen Wesen Wirklichkeit ist.

(Aristoteles, Metaphysik XII 6, 1071b 3-20, ebd., S. 249).

Eigentlich trifft die Schlussfolgerung, dass alles was sich bewegt von etwas angestoßen werden muss - ähnlich wie bei einer Billardkugel, nicht ganz auf die Vorstellung von Aristoteles zu, da Aristoteles eigentlich von der Ewigkeit der Bewegung ausgeht. In der Vorstellung von Aristoteles gibt es nämlich keinen zeitlichen Beginn des Universums. Er ist der Ansicht, dass das Universum einer ewigen Kreisbewegung unterworfen ist. Deshalb sind in seinem Modell zwischen dem unbewegt Bewegenden als oberster Spitze und unserer Realität noch 55 Beweger zwischengeschaltet. Auf diese Art und Weise versucht Aristoteles kosmologische Zusammenhänge zu erklären. Letztendlich geht es ihm darum, eine letzte Finalursache abzuleiten, das heißt ein Prinzip zu finden, das die Frage nach dem letzten Warum der Bewegung der Welt, also dem ständigen Zyklus von Werden und Vergehen nach bestimmten Strukturen, erklärt. Schließlich muss es eine Begründung dafür geben, was die Ursache dafür ist, dass den Kern einer Sonnenblume zu einer Sonnenblume werden lässt. Aristoteles Hauptanliegen war es also, eine Erklärung dafür zu finden, warum die natürlichen Gegenstände der Welt bestimmten Strukturen der Bewegung unterlegen sind. Dieser Denkansatz führt ihn letztendlich zu einer theologischen Erklärung der Wirklichkeit mit einer letzten Zielursache, nämlich einem göttlich Seienden, als abschließende Begründung.

2.2. Göttlich Seiende als geliebter Beweger in finalursächlicher Hinsicht

Dieses göttlich Seiende ist Aristoteles zufolge ein unbewegt Bewegendes in wirkursächlicher Hinsicht, aber in finalursächlicher Hinsicht bewegt es wie ein Geliebtes: „Jenes bewegt wie ein Geliebtes“ (Aristoteles, Metaphysik XII 7, 1073b, ebd., S. 249).

Diese Aussage darf nicht so gedeutet werden, dass Gott uns liebt. Denn dieses, als Gott bezeichnete absolut göttlich Seiende, bewegt nicht wie ein Liebender, sondern wie ein Geliebtes. Es ist also das Wesen, das alles anzieht und wonach alle als letzte Zielursache streben. Oder anders formuliert, das Woraufhin aller Bewegung.

Wenn wir uns also auf die Frage nach einem letzten Warum einlassen, was Sinn und Zweck der Metaphysik ist, dann können wir annehmen, dass es eine letzte Finalursache der Wirklichkeit gibt. Von dieser Finalursache können wir sagen, dass sie wie ein Geliebtes bewegt. Zu betonen ist, dass hier nicht die Vorstellung eines liebenden Gottes gemeint ist. Denn dem hier beschriebenen immateriellen, göttlichen Wesen, das als unbewegt Bewegendes bewegt, ist es egal, was in der Welt passiert oder ob es von den Menschen geliebt wird.

2.3. Göttlich Seiende als reine Möglichkeit und reine Wirklichkeit

Der aristotelische Gottesbegriff umfasst den Möglichkeits- und Wirklichkeitsbegriff. Wirklichkeit lässt sich Aristoteles zufolge nur erklären, indem wir Möglichkeiten annehmen, die sich zu Wirklichkeiten entfalten. Denn jedes Wesen ist mit spezifischen Möglichkeiten versehen, die sich im ewigen Zyklus von Werden und Vergehen verwirklichen können. In der Vorstellung Aristoteles muss es also auch eine reine Möglichkeit geben; also ein Prinzip, in dem noch nichts verwirklicht ist. Gemeint ist damit eine erste Materie, aus der sich die Dinge erst verwirklichen müssen. Zugleich können wir uns auch eine reine Wirklichkeit vorstellen im Sinne eines Seienden, das nichts Potenzielles mehr in sich hat. Das heißt, dass keine Möglichkeit mehr in sich trägt, die noch nicht bereits verwirklicht wäre. Das ist die Seiensweise, die Aristoteles dem immateriell Seienden zuschreibt. Dieses Seiende enthält nichts mehr Potenzielles und muss deswegen das Vollkommenste überhaupt sein. Dies muss so sein, denn Vollkommenheit ist per definitionem frei von Potenzialität.

2.4. Göttlich Seiende als Vernunft

Weiterhin kommt Aristoteles zu dem Schluss, dass das immateriell Seiende zugleich das Denken oder die Vernunfthaftigkeit sein muss. Denn das Wesen, das die reine Wirklichkeit ist muss logischerweise auch die höchste Tätigkeit inne haben. Die höchste Tätigkeit ist Aristoteles zufolge das Denken oder die Vernunfthaftigkeit. Die göttliche Wissenschaft ist also nicht nur das Wissen um Gott, sondern auch das Wissen das Gott selbst hat. Doch was denkt dieses immateriell Seiende? Der Gegenstand dieses Denkens muss der höchste Gegenstand überhaupt sein, was das Denken selbst ist. Aristoteles kommt zu der Zuschreibung, dass dieses immaterielle Seiende das Denken des Denkens ist. Ein reines Denken, dass keinen anderen Inhalt hat als sich selbst (vgl. Metaphysik XII, 9074).

Der philosophische Gottesbegriff ist bei Aristoteles durch vier Eigenschaften gekennzeichnet. Zum einen bewegt das göttliche Wesen wie ein unbewegt Bewegendes (1). Ferner bewegt es als finale Ursache wie ein Geliebtes, nach dem alle streben (2). Weiterhin ist dieses Wesen reine Wirklichkeit (3). Und zum anderen ist es das Denken des Denkens selbst (4).

Ferner gibt es nach Aristoteles drei Leitmotive in der Metaphysik. Das erste Leitmotiv ist die Frage nach den Ursachen. Das ist die Motivation, die überhaupt eine Disziplin der philosophischen Gotteslehre erklären kann. Es geht also um die Frage nach einem letzten Warum. Wer diese Frage für philosophisch irrelevant hält, der muss sich über eine philosophische Gotteslehre keine Gedanken machen. Das zweite Leitmotiv der Metaphysik beinhaltet die Lehre von der Wirkursächlichkeit. Die Prinzipien von Möglichkeit und Wirklichkeit können als Substanzontologie zusammengefasst werden. Unter Substanzontologie ist die Bestimmung einer höchsten Substanz zu verstehen, die Wirklichkeit ist und die nichts anderes macht, als sich selbst zu denken. Das dritte Leitmotiv der Metaphysik ist die wissenschaftstheoretische Hierarchie von Gegenständen. Diese besagt, dass wir nicht nur den Begriff einer höchsten immateriellen Ousia bilden können, sondern dass die Substanzontologie auch den Anspruch erhebt, wirkliche Aussagen über die Begebenheit der Welt zu machen. Die Vorstellung eines immateriell Seienden ist mehr als nur ein gedankliches Konstrukt, denn sie erhebt den Anspruch etwas über die Wirklichkeit zu sagen.

In der aristotelischen Vorstellung darf Gott als höchste Substanz nicht als der Schöpfer der Welt verstanden werden. Gott steht vielmehr in einer gewissen Relation der Denknotwendigkeit zur Welt. Er wird hier aus einer kosmologisch begründeten Notwendigkeitsstruktur entwickelt. Dieser Gott ist ohne Kontakt zur Welt. Ein so gedachter Gott nimmt deswegen keinen Einfluss auf die Welt und ist auch nicht auf diese angewiesen. Deutlicher gesagt, „schert“ sich dieser Gott nicht um die Gegebenheiten in der Welt. Er stellt somit auch keinen Gott dar, den wir zwingend liebend verehren, da keine liebende Antwort von ihm zu erwarten ist. Ein religiöses Begründungsmuster dieser höchsten göttlichen Substanz fehlt bei Aristoteles also komplett.

Dies kann zugleich als Stärke und Schwäche seines Gottesbegriffes ausgelegt werden. Tatsache ist nur, dass es sich hier um einen genuin philosophischen Gottesbegriff handelt. Aber auch aus philosophischer Sicht kann der aristotelische Gottesbegriff kritisiert werden. Das Problem liegt in der mit diesem Gottesbegriff verbundenen Notwendigkeit. Dieser Notwendigkeitsanspruch steht in gewisser Diskrepanz dazu, dass wir uns Gott als das Gute, als das Freie denken sollen. Denn wenn Gott mit einer metaphysisch zwingenden Notwendigkeit versehen ist, wo bleibt dann noch Platz für ein freies Gottesbild?

Abschließend muss betont werden, dass im aristotelischen Gottesbegriff über die menschliche Vernunft dennoch eine Verbindung zwischen dem göttlichen Wesen und den Menschen besteht. Denn Gott symbolisiert die Vernunft. Das sich selbst Denken kommt uns zwar nicht zu, da wir noch Potenzial in uns tragen. Aber das Göttliche offenbart sich durch unser vernünftiges Denken in uns. Aristoteles wollte dadurch den Menschen bewusst machen, dass sie durch ihre Vernunfttätigkeit die höchste göttliche Tätigkeit nachahmen können. Auf diese Art und Weise können die Menschen die höchste göttliche Tätigkeit realisieren wodurch sich der Mensch auch von allen anderen Lebewesen abgrenzt.

Literaturverzei chnis

Aristoteles, Metaphysik I, übers. von H. Seidl, 1. Halbb., Hamburg 1989.

Aristoteles, Metaphysik XI, übers. von H. Seidl, 2. Halbb., Hamburg 1991.

Aristoteles, Metaphysik XII, übers. von H. Seidl, 2. Halbb., Hamburg 1991.

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14 von 14 Seiten

Details

Titel
Was versteht Aristoteles unter seinem philosophischen Gottesbegriff?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V536556
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aristoteles, gottesbegriff
Arbeit zitieren
Nicole Kaczmar (Autor), 2017, Was versteht Aristoteles unter seinem philosophischen Gottesbegriff?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/536556

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