Getrennt leben ‒ gemeinsam erziehen? Vor- und Nachteile des Wechselmodells in der Kinderbetreuung


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Wechselmodell
2.1 Vorteile des Wechselmodells
2.1.1 Häufigkeit der Residenzwechsel im Betreuungsplan
2.2 Nachteile des Wechselmodells

3 Residenzmodell
3.1 Vorteile des Residenzmodells
3.2 Nachteile des Residenzmodells

4 Fallbeispiel einer Familie nach Scheidung der Eltern
4.1 Auswertung zum Fallbeispiel

5 Anforderung an die Elternkompetenzen

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Betreuungsplan Residenzmodell: 14-tägig Wochenend-Besuch (Forschungsergebnisse zum Wechselmodell-Prof. Dr. jur. Sünderhauf im Vortrag, 2013, S.37)

Abbildung 2: Betreuungsplan Residenzmodell: 14-tägig Wochenend-Besuch und 1 Nachmittag/Woche (Forschungsergebnisse zum Wechselmodell-Prof. Dr. Jur. Sünderhauf im Vortrag, 2013, S.38)

Abbildung 3: Betreuungsplan Wechselmodell: wöchentlicher Wechsel (Forschungsergebnisse zum Wechselmodell-Prof. Dr. Jur. Sünderhauf im Vortrag, 2013, S.39)

Abbildung 4: Betreuungsplan Wechselmodell: 14-tägige Wechsel (Forschungsergebnisse zum Wechselmodell-Prof. Dr. Jur. Sünderhauf im Vortrag, 2013, S.40)

1 Einleitung

Eltern bilden für Ihre Kinder eine Verantwortungsgemeinschaft von zentraler Bedeutung. Mit den steigenden Scheidungszahlen in den letzten Jahrzehnten geht auch eine immer wichtiger werdende Rolle des Umgangs mit den gemeinsamen Kindern im Trennungsfall einher. Die Wohnsituation, das ausüben des Berufes der Eltern und die Betreuung des Kindes nach der Trennung der Eltern wird zur immer zentraler werdenden Fragestellung. Das Kindeswohl soll hierbei stets im Mittelpunkt stehen und eine Trennung darf das familiäre Miteinander nicht beeinflussen. Getrennt leben aber gemeinsam erziehen tritt als Leitgedanke in der Gesellschaft hervor und bedarf bestimmter Rahmenbedingungen. Erziehung auf Augenhöhe beider Parteien ist angekommen in der Gesellschaft und wird als wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen angesehen. Die Eltern sollten dennoch bestimmte Kompetenzen mitbringen, damit sie dem Anforderungsprofil dieser schwierigen Situation gerecht werden können, ohne dabei auf das Wohl des Kindes einzuwirken. Aus gegebenem Anlass zum Antrag der Fraktion der FDP im Bundestag „Getrennt leben ‒ Gemeinsam erziehen: Familienrechtliches Wechselmodell als Regelfall einführen“ ist diese Arbeit mit dem Thema „Wechselmodell- Anforderung an die Elternkompetenzen“ eine, auch in der Gesellschaft angesehene aktuelle Thematik. In dem Antrag heißt es: „Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, einen Gesetzentwurf vorzulegen, der das Wechselmodell bei Trennung ohne Elternkonsens als Regelfall gesetzlich festschreibt und Lösungen für die entstehenden Folgeprobleme bereithält.“(Bundestag Antrag FDP, 2018, Drucksache 19/1175) Es stellt sich die Frage, wird das Wechselmodell in Deutschland, eine Regelung die dem Kindeswohl und der Erziehungsverantwortung am besten gerecht und ist als Regelfall zum bisherigen Residenzmodell zu ersetzten. In anderen Ländern, wie zum Beispiel Frankreich und Belgien, wird dies bereits praktiziert. Ein Konzept das von der parlamentarischen Versammlung des Europarates gefordert wird. Dabei möchte der Autor dieser Arbeit die beiden Modelle in ihrer Definition erläutern, die Bedeutung des jeweiligen Betreuungsmodells für das Kind sowie der Eltern aufzeigen und auf die erforderlichen Kompetenzen der Eltern eingehen, die die Erziehungsberechtigten mitbringen sollten, um dieses Modell zu bestätigen. Anhand eines Fallbeispiels zum Residenzmodell möchte der Autor Schwerpunkte bei der Erziehung von Kindern nach Trennung bzw. Scheidung der Eltern hervorheben. Auf rechtliche Grundlagen und finanzielle Rahmenbedingungen wie Kindergeld und Unterhaltsregelung möchte der Autor in seiner Arbeit nur bedingt eingehen, da er soziale Aspekte der Kindererziehung- und Betreuung im jeweiligen Modell bearbeitet und hervorhebt. In der folgenden Arbeit wird weder die Rolle des Mannes noch die Rolle der Frau infrage gestellt oder gewertet. Beispiele, bei denen ein Geschlecht eine bestimmte Seite einnimmt, sind lediglich zur Veranschaulichung gewählt.

2 Das Wechselmodell

Das Wechselmodell, oder auch Doppelresidenzmodell, beschreibt die Regelung der Kindesbetreuung im Scheidungsfall, bei der die Eltern zu gleichen Teilen die Betreuung der gemeinsamen Kinder übernehmen. Es ist nicht jedoch zwingend von einer 50/50 - Verteilung auszugehen. Eine solche Verteilung wird als paritätisches Wechselmodell bezeichnet. Die Betreuungszeit kann je nach Vereinbarung der Eltern auch anders gewichtet werden. Das Kindeswohl ist immer als Maßstab zu sehen. Das Kind wechselt dementsprechend in regelmäßigen Abständen zwischen den beiden Haushalten der Elternteile. Hierbei spricht man von einer günstigen Verteilung der Betreuungszeit in Wohnortnähe. Bei ungleicher Aufteilung der Betreuungszeit im häuslichen Umfeld eines Elternteils ist von einem sogenannten unechten Wechselmodell die Rede. Eine rechtliche Bindung ist durch eine Elternvereinbarung in beiderseitigem Einvernehmen möglich, jedoch nicht ohne weiteres rückgängig zu machen. Das Sorgerecht ist demnach ebenfalls zu gleichen Teilen bei beiden Eltern und auch das Aufenthaltsbestimmungsrecht ist durch die Teilung hinfällig. Beide Parteien sind dennoch barunterhaltspflichtig. Bei gleichen Einkommensverhältnissen hebt sich die Regelung auf. Zusammengefasst zeigen sich drei Faktoren als charakterisierend für das Wechselmodell, abgesehen von rechtlichen Vereinbarungen wie zum Beispiel Unterhaltszahlungen, die in Verbindung zueinanderstehen und das Kindeswohl beeinflussen. Zum einen die Zeit die das Kind beim jeweiligen Elternteil abwechselnd verbringt, das als „zu Hause sein“ wahrgenommene Gefühl der Geborgenheit und die Verantwortung die von beiden Elternteilen wahrgenommen und geteilt wird.

2.1 Vorteile des Wechselmodells

Eltern sehen in erster Linie die Möglichkeit, die persönliche Vorstellung von Erziehung, gleich der anderen Partei, realisieren zu können. Außerdem ist die Ausübung des Berufes für die Eltern ein wichtiger Punkt und vermeintlich leichter zu organisieren. Was vor allem bei den Müttern, im Gegensatz zum Residenzmodell, den Berufseinstieg erleichtert. Die Belastung -Arbeit und Kind- schultert sich auf beiden Elternteilen. Daneben bietet das Modell Eltern die Möglichkeit trotz der Scheidung sich selbst zu verwirklichen. Die Männer und Frauen erfahren das Gefühl von Akzeptanz und Annahme ihrer Bedürfnisse welche sie während der Beziehung bzw. Scheidung vom Gegenüber nicht erfahren haben. Zudem gibt es sowohl dem Kind als auch den Eltern keinerlei Grund zur Bildung von Verlustängsten und ermöglicht den Kindern somit die emotionale Bindung zu den Eltern aufrechtzuerhalten und zu verstärken. Trennungskinder können durch das Wechselmodell und Wohnortaufteilung wie gewohnt mit beiden Eltern den gleichen Kontakt haben und damit auch zu den nächsten Verwandten wie Großeltern, Tanten und Onkel. Hildegund Sünderhauf (2013) spricht von begünstigenden Faktoren für das Wechselmodell und wertete die Ergebnisse von über 40 internationalen Studien mit teils positivem Ergebnis dem Wechselmodell gegenüber aus. Sie beschreibt dabei vier Merkmale bei Trennung bzw. Scheidung von Partnerschaften für die Entscheidung zum Wechselmodell. Geringere Wut, hohe Selbstkontrolle, geringere Depressionen, und geringere Schuldgefühle hinsichtlich der Trennung. Die Entwicklung des Kindes nach der Scheidung der Eltern ist nach einigen Kriterien abhängig von der Betreuungszeit und dem Umgang der Eltern miteinander. Dieser soziale Umgang in dieser hochstrittigen Situation kann für das Kind als einschneidendes Erlebnis aber auch als Ressource verstanden werden, sofern die Erziehung des Kindes als positiv, sowohl von den Eltern als auch vom Kind selbst wahrgenommen wird. In einem funktionierenden Wechselmodell nimmt das Kind die Auswirkungen der elterlichen Scheidung nicht als Belastung wahr. Außerdem lernt das Kind in gewissem Maße einen Teil der Selbstorganisation zum Modell beizutragen.

2.1.1 Häufigkeit der Residenzwechsel im Betreuungsplan

Das Wechselmodell erlangt gesellschaftlich immer mehr an Bedeutung auf Grund des zuerst als gerechter angesehenen Konzepts. Der Begriff Doppelresidenzmodell trifft zur Bezeichnung dieser Betreuungsmethode eher zu, da das Wort Wechsel im Zusammenhang mit Kindererziehung eher als schadhaft behaftet gilt. Doppelresidenz bedeutet hingegen die Betreuung von zwei Lebensmittelpunkten aus zu bewältigen. Zumal die Wechsel im Residenzmodell in ihrer Anzahl oft höher und kurzfristiger sind, hingegen in Wechselmodell strukturierter und symmetrischer wirken. Es gibt verschiedenste Methoden die Wechsel turnusmäßig auszuüben.

Beispiele für einen Betreuungsplan im Residenzmodell:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Betreuungsplan Residenzmodell: 14-tägig Wochenend-Besuch (Forschungsergebnisse zum Wechselmodell-Prof. Dr. jur. Sünderhauf im Vortrag, 2013, S.37)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Betreuungsplan Residenzmodell: 14-tägig Wochenend-Besuch und 1 Nachmittag/Woche (Forschungsergebnisse zum Wechselmodell-Prof. Dr. Jur. Sünderhauf im Vortrag, 2013, S.38)

Bespiele für einen Betreuungsplan im Wechselmodell:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Betreuungsplan Wechselmodell: wöchentlicher Wechsel (Forschungsergebnisse zum Wechselmodell-Prof. Dr. Jur. Sünderhauf im Vortrag, 2013, S.39)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Betreuungsplan Wechselmodell: 14-tägige Wechsel (Forschungsergebnisse zum Wechselmodell-Prof. Dr. Jur. Sünderhauf im Vortrag, 2013, S.40)

Zusammenfassend ist zu erkennen, dass die Wechsel im Residenzmodell bzw. Dominanzmodell häufiger und durchaus asymmetrischer erfolgen. Hingegen im Wechselmodell die Übergabe des Kindes in kontinuierlicher zeitlicher Abfolge durchgeführt werden.

2.2 Nachteile des Wechselmodells

Zuallererst kann es nachteilig sein, wenn das Kind sich diesem Modell gegenüber nicht öffnen kann und Anpassungsprobleme bei den Wechseln zwischen beiden Elternteilen und deren Wohnumgebungen aufweist. Das Wechselmodell birgt Risiken in der Erziehung des Kindes was bei der Entscheidung für das Wechselmodell bedacht werden sollte. Zum Beispiel, wenn die Eltern sich immer noch in einer konfliktbehafteten Beziehung zueinander befinden. Bei hochstrittigen Elternpaaren ist das Kind durch den regelmäßigen Kontakt den belastenden Streitsituationen ausgeliefert. Eine Zerrissenheit in der Gefühlswelt des Kindes kann sich manifestieren. Der häufige Kontakt der Elternteile durch die Umsetzung des Wechselmodells kann unter Umständen zur Fortführung oder sogar Verschärfung der Konflikte führen. Den Eltern gelingt es also nicht die strittigen Situationen zu klären und die Betreuung und Erziehung des gemeinsamen Kindes in den Vordergrund zu stellen. Zum Teil kann das Kind instrumentalisiert werden, um den Streit zwischen beiden Parteien fortzuführen. Abgesehen von hochstrittigen Elternteilen ist die gesellschaftliche Rollenverteilung und kulturelle Tradition als Nachteil bzw. Ablehnung des Wechselmodell zu verstehen. Die Aufteilung der Erziehung gleichermaßen wird gesellschaftlich als negativ gewertet. Kulturelle Traditionen prägen die Annahme, dass die Mutter verantwortlich für die Erziehung des Kindes sei und der Vater für die Versorgung der Familie, in materieller Hinsicht. Außerdem wird als negativ bewertet, dass das Kind fehlende Stabilität erfährt. Die Bildung von Verlustängsten, die im Vorfeld als Vorteil gewertet wurde, da weder Eltern noch Kind Anlass gegeben ist, ist außerdem als Nachteil anzusehen. Kinder, die die Scheidung der Eltern als traumatisches Erlebnis, verbunden mit Verlustängsten wahrgenommen haben, erleben durch die wechselnde Betreuungszeit immer wieder den Verlust eines Elternteils auf Zeit. Kontinuität ist dem Kind zwar wechselhaft gegeben, bei durch die Scheidung traumatisierten Kindern aber auch als Risiko zu betrachten. Es bedarf einer hohen Kooperation und Kommunikation beider Elternteile. Die Freizeitgestaltung des Kindes wird eingeschränkt durch terminliche Fristen bei der Organisation des Alltags des Kindes. Außerdem können die Erziehungsmethoden eines Elternteils sich von denen des anderen stark unterscheiden. Festgelegte Regeln, die zum Beispiel beim Vater durchgesetzt werden, werden bei der Mutter gelockert. Es ist eine Grundlage für Auseinandersetzungen mit dem Kind, zum Beispiel: Bettgehzeiten oder Ernährungsprinzipien, die in den unterschiedlichen Haushalten anders behandelt werden. Das Wechselmodell birgt allerdings auch hinsichtlich der finanziellen Belastung eine Gefahr. Zu den vorangegangenen Scheidungskosten und der Klärung der Unterhaltspflicht kommt die Mehrbelastung durch den höheren Aufwand zur Umsetzung des Modells wie zum Beispiel Fahrtkosten, Anschaffungskosten für doppelte Kinderzimmereinrichtung und Spielzeug, alltägliche Kosten (Schulmaterial, Kleidung, Nahrungsmittel, usw.) zum Tragen. Daneben sind Unterhaltskosten wie auch im Residenzmodell gleich zu klären. Sind beide Elternteile auf etwa gleichem Gehaltsniveau bedarf es keiner Klärung. Verdient ein Teil wesentlich mehr kommt es eben auch zur Klärung der Unterhaltspflicht, um dem Kind auf beiden Seiten ein Leben nach gleichem Standard zu ermöglichen. Eine weitere Möglichkeit, dass sich das Wechselmodell nachteilig entwickelt ist, wenn ein Elternteil während des Praktizierens des Modells sich gegen die Ausübung entscheidet und somit das Modell sabotiert. Es kann zum Beispiel zu Nichteinhaltung von Absprachen kommen.

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Getrennt leben ‒ gemeinsam erziehen? Vor- und Nachteile des Wechselmodells in der Kinderbetreuung
Hochschule
SRH Hochschule für Gesundheit Gera
Note
1,5
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V536657
ISBN (eBook)
9783346145512
ISBN (Buch)
9783346145529
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wechselmodell, Residenzmodell, Kinderbetreuung, Umgangsrecht, Scheidung/ Trennung
Arbeit zitieren
Tom Götz (Autor:in), 2019, Getrennt leben ‒ gemeinsam erziehen? Vor- und Nachteile des Wechselmodells in der Kinderbetreuung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/536657

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