Das Gräberfeld von Trebur. Bestattungsplatz der Hinkelstein- und der Großgartacher-Kultur


Seminararbeit, 2014
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Verbreitungsgebiet der Hinkelstein- und Großgartacher-Kultur

3 Das Gräberfeld von Trebur
3.1 Die Keramik Chronologie der Gefäßformen nach der Seriation HST-GG
3.2 Die Entwicklung der Keramikverzierung
3.3 Der Belegungsgang
3.4 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der HST- und GG-Kultur
3.5 Die anthropomorphe Symbolik (Grab 127)
3.6 Versuch einer sozialen Interpretation der in Trebur bestatteten Bevölkerung

4 Die Bedeutung der Hinkelstein-Kultur

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit dem Ende der Bandkeramik nach ca. 5100 v. Chr. entwickelten sich mehrere lokale Keramikstile, zu denen auch die sog. Hinkelstein-Gruppe gehört, die sich um 5150 BC, also dem Beginn des Mittelneolithikums herausbildete und „(…) bereits um 5000 v. Chr. in die Keramiktradition Großgartach überging,(…)“, welche das vollständig ausgebildete frühe Mittelneolithikum im westlichen Mitteleuropa verkörpert und um 4750 v. Chr. mit Beginn der Rössener Kultur endete (Gronenborn 2009, 21; Gronenborn/Sirocko 2009, 113 f. Vgl. Dammers 2003, 2. 4; Spatz 2003, 575. 581; Jeunesse/Strien 2009, 241. 244 f. Zum Ende der Bandkeramik siehe u. a. Spatz 1999, 253−259). Die Hinkelstein-Kultur stellt also die „(…) Initialphase der mittelneolithischen Kulturensequenz (…)“ Hinkelstein–Großgartach−Rössen dar (Dammers 2003, 3 f.; Spatz 2003, 575, 536).

Der Begriff Hinkelstein-Gruppe wurde 1898 von Karl Koehl geprägt (Dammers 2003, 2; Spatz 1996a, 8. Vgl. Gronenborn/Sirocko 2009, 113). Diese Bezeichnung geht auf das 1866 von Ludwig Lindenschmit entdeckte und 1867 publizierte Gräberfeld in Monsheim (Kreis Alzey-Worms) zurück, auf dem ein zwei Meter hoher Menhir stand der – wie Lindenschmit d. Ä. erläuterte – im rheinhessischen Volksmund als „Hinkelstein“ betitelt wurde (Gronenborn 2009, 21; Dammers 2003, 2). Dieser Name ist die rheinhessische Sinnentstellung von „(…) Hünenstein über Hühnerstein zu Hinkelstein“ (Dammers 2003, 2; Gronenborn 2009, 21.) Die Großgartacher Kulturverdankt ihren Namen Alfred Schliz, der diese 1900 nach seiner wichtigsten Siedlungsgrabung in Großgartach benannte (Dammers 2003, 3; Spatz 1996a, 8).

Die Quellensituation zur Hinkelstein-Kultur ist − abgesehen von Trebur, Gräberfeldern bei Worms (Rheindürkheim und „Rheingewann“) sowie den kleinen Grabgruppen bei Monsheim und Alzey – äußerst schlecht (Dammers 2003, 2. 6. Vgl. Gronenborn/Sirocko 2009, 113; Gronenborn 2009, 21). Nicht besser steht es um die Großgartacher-Kultur, bei der der Dokumentationsstand der Fundstellen unzufriedenstellend ist (Dammers 2003, 6). Auch gibt es aus dem Zeitabschnitt der Hinkelstein-Kultur bisher (2009) nur wenige evidente Sied-lungsfunde, allerdings Gruben und okkasionell „(…) auch Funde aus spät- und spätestbandkeramischem (…)“ Kontext (Gronenborn 2009, 21; Gronenborn/Sirocko 2009, 113; Dammers 2003, 2). Der Hausgrundriss der Hinkelstein-Kultur ist nicht sicher bekannt, derjenige der Großgartacher-Kultur ist schiffsförmig (Dammers 2003, 5 f.).

In dieser Arbeit werde ich die Hinkelstein- und die darauffolgende Großgartacher-Kultur vor allem anhand des bikulturellen Gräberfeldes von Trebur behandeln, welches erstmals gestat-tet fundierte Hypothesen „(…) über Sozialstruktur des Mittelneolithikums (…)“ zu entwickeln (Dammers 2003, 8). Des Weiteren werde ich den Fragen ihrer Entstehung, der Entwicklung der Keramik und ihrer Verzierung, eventuell damit zu verbindende Glaubensvorstellungen sowie den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der beiden Kulturen nachgehen.

2 Das Verbreitungsgebiet der Hinkelstein- und Großgartacher-Kultur

Das Hinkelsteiner Verbreitungsgebiet beschränkte sich auf das Gebiet des nördlichen Oberrheins und den Neckarraum (Gronenborn/Sirocko 2009, 113; Gronenborn 2009, 21; Spatz 2003, 575) (Abb. 1a) „(…) und war umgeben (…)“ von weiterexistierenden linienband-keramischen Gruppen (Spatz 2003, 575; Dammers 2003, 3 f.). Die stilistischen Einflüsse allerdings können bis ins Moseltal und die Niederrheinische Bucht verfolgt werden (Gronenborn/Sirocko 2009, 114; Dammers 2003, 2; Spatz 1999, 210 f.). Zu jener Zeit dürften die Menschen zudem die Eifel durchquert haben, obgleich dort bisher (Stand 2009) keine archäologischen Nachweise entdeckt wurden (Gronenborn/Sirocko 2009, 114). Als Entste-hungszentrum der HST-Gruppe wird der Wonnegau angesehen, da sich in der Region um Worms bisher die ältesten Formen der Hinkelstein-Gruppe fanden (Gronenborn 2009, 21). Auffallend ist die beinah kongruente Verbreitung auf Gebieten der vorangehenden Linien-bandkeramik (Spatz 1999, 253). Das Verbreitungsgebiet der GG deren Kerngebiet sich mit der Verbreitung von HST deckt, ist weiträumiger und erstreckte sich über das Ruhrgebiet, das Rheinland, Unter- und Mittelfranken, den Nördlinger Ries und vom Elsass bis in den Raum um Erfurt (Abb.1b) (Dammers 2003, 2; Denaire 2009, 55; Spatz 2003, 15).

3 Das Gräberfeld von Trebur

Die Ortschaft Trebur (Kreis Groß-Gerau) liegt im nördlichen Neckarried im nordöstlichen Ab-schnitt der Oberrheinischen Tiefebene (Spatz 1999a, 3). Dort befand sich die Nekropole in den Fluren ‚Im Rühchen‘ und ‚In den Neunmorgen‘ (Spatz 1999, 4). Nach Lesefunden zu ur-teilen, dürfte sich die zum Gräberfeld gehörige Siedlung der GG- sowie vielleicht auch der HST-Kultur ca. 700 m weiter nördlich befinden (Spatz 1996a, 8; Spatz 1999, 6).

Die ersten vier Gräber der Nekropole wurden bei der Anlegung eines Kabelgrabens entdeckt und in den Jahren 1939 und 1940 geborgen; weitere fünf Bestattungen wurden zwischen 1971 und 1975 ausgegraben (Spatz 1996a, 8; Spatz 1999, 4. 267). Während den zwischen 1988 und 1989 von Dr. Holger Göldner geleiteten Ausgrabungen des Landesamt für Denk-malpflege Hessen wurde das Gräberfeld mit insgesamt 137 Bestattungen von denen 79 zur Hinkelstein- und 58 zur Großgartacher Kultur gehören vollständig erfasst (Spatz 1996a, 8; Spatz 1999, 267). Die Ausdehnung des Friedhofes beläuft sich auf 90x50 m (Abb. 2) (Müller 2002). In der Regel – die Ausnahme bilden drei Brandgräber und drei Kenotaphe – wurde die Körperbestattung ausgeübt (Spatz 1999, 267; Spatz 1996a, 8). Die Dahingeschiedenen wurden in gestreckter Rückenlage bestattet (Dammers 2003, 7). Die Toten der HST-Gruppe wurden allesamt SO-NW orientiert (Abb. 2) (Spatz 1999, 267). Die Hälfte der Großgartacher Verstorbenen weisen dieselbe Ausrichtung auf (23x), die andere Hälfte wurde hingegen ge-nau umgekehrt NW-SO (21x) orientiert (Abb. 2) − diese beiden Ausrichtungen sind in gleich-em Maße bei Frauen und Männerbestattungen zu finden (Spatz 1999, 267; Dammers 2003, 7). Grabüberschneidungen wurden nicht angetroffen (Spatz 1999, 219). Mittels anthropologi-scher und – mit der gebotenen Vorsicht zu betrachtenden − archäologischer Geschlechtsbe-stimmung ist zu konstatieren, das in den Gräbern der beiden Kulturen jeweils die gleiche Zahl an Männern und Frauen bestattet wurden (Sicher identifiziert sind bei HST: 36 Männer, 35 Frauen, 4 Knaben, 3 Mädchen; GG: 23 Männer, 23 Frauen, 6 Kinder) (Spatz 1999, 267). Bei beiden auf dem Gräberfeld vertretenen Kulturen ist ein enormes Kinderdefizit festzustel-len ist, könne damit gerechnet werden, dass Kinder für gewöhnlich nicht respektive auf eine uns nicht bekannte Weise beigesetzt wurden, sofern die Mehrheit ihrer Grablegen nicht re-zent durch den Pflug zerstört wurden (Spatz 1999, 13. 267; Spatz 1996a, 9). Die Belegung des Gräberfeldes beginnt im HST I – wohl mit einer kurzen Unterbrechung im fGG (s. Kapitel 3.3) − und endet noch vor Beginn des sGG (Spatz 1999, 208 f. 267). Gründe respektive The-sen für den Abbruch der Belegung sind mir nach der verwendeten Literatur nicht bekannt.

3.1 Die Keramik Chronologie der Gefäßformen nach der Seriation HST-GG

HST I und II werden von Kumpfformen (Abb. 3) dominiert (Spatz 1999, 204), welche die kennzeichnende Gefäßform der Bandkeramik sind (Gronenborn 2009, 21), die zeitlich noch mit dem frühen Hinkelstein überlappt (Spatz 1999, 218; Dammers 2003, 3), weshalb „(…) Hinkelsteinkeramik oder zumindest stilistische (…)“ Ähnlichkeiten an diese auch in Siedlun-gen der Bandkeramik anzutreffen sind (Gronenborn/Sirocko 2009, 113 f.). Für das Formen-spektrum des fGG hingegen sind „(…) Gefäße, die einen typologischen Übergang zwischen Kümpfen (…)“ zum einen und Bauchknickgefäßen (Bk) zum anderen darstellen, charakteris-tisch (Abb. 3 Form Bk-1) (Spatz 1996b, 299). In Trebur ist diese Gefäßform in den Gräbern 60, 106 und 133 vertreten (Spatz 1999, 209). Offene Gefäße sind insbesondere in Form von Kalottenschalen vertreten, aber auch, Fuß- und Zipfelschalen sind zahlreich (Spatz 1996b, 299). In der Phase mGG A überwiegen die Formen Bk-2 sowie Bk-4 und Bk-4/-5 (Abb. 3) (Spatz 1999, 209). Am Übergang von mGG A zu mGG B findet sich in Trebur nur die Form Bk-4 (Abb. 3) (Spatz 1999, 209). Die dem mGG B zugeordneten Gräber beinhalteten jeweils nur ein Exemplar der Formen Bk-2 bis Bk-5 (Abb. 3) (Spatz 1999, 209). Im mGG scheinen die (ornamentierten) Großgartacher Flaschen am häufigsten vertreten zu sein; sie kommen aber auch im sGG noch vor (Spatz 1996b, 299). Kalottenschalen sind in den Phasen mGG bis sGG nur sehr selten anzutreffen (Spatz 1996b, 299). Für die Phase sGG sind die Bauch-knickgefäße der Typen Bk-6 bis Bk-8 typisch (Abb. 3), die bis auf ein Exemplar der Form Bk-6 (Grab 58) in Trebur nicht vorkommen (Spatz 1999, 209).

Das Fehlen dieser Gefäßformen, die mittels des Materials aus Württemberg in die Phasen sGG und P-F datiert werden konnten, ist ein Beleg für die Korrektheit der chronologischen Einteilung der Grabinventare aufgrund ihrer Verzierung (s. u.) und somit auch für die Datierung der Großgartacher Belegungsphase des Gräberfeldes von Trebur (Spatz 1999, 209).

3.2 Die Entwicklung der Keramikverzierung

Das vermutlich signifikanteste HST-Motiv ist das sog Bäumchenmuster (Abb. 4) − auch als Hinkelstein-Bäumchen bezeichnet −, welches häufig als Trennmuster dient und mit seinen verschiedenen Entwicklungsstufen die ganze HST-Kultur hindurch belegt ist (Spatz 2003, 575. 584; Dammers 2003, 4 f.; Spatz 1999, 204 mit Anm. 510). Die Ornamentik der Keramik-gefäße der HST entwickelte sich stilistisch aus der jüngeren linienbandkeramischen Kultur (Gronenborn 2009, 21. Zur Entwicklung der Verzierungstechniken der Füllmotive, Nebenor-namente sowie der Gesamtornamentik siehe u. a. Spatz 1996b, 307−313 mit Tabellen 25−27). Die Verzierung der frühen HST-Keramik (HST I) besteht aus Winkelbändern in Ritz-oder Tremoliertechnik (Abb. 5a) (Dammers 2003, 4; Spatz 1996b, 267), die oftmals von senkrechten „(…) ‚Trennmustern‘ in Bandwinkel aufgelöst werden (…)“ (Spatz 2003, 575). HST II ist dagegen gekennzeichnet durch Dreieckszier, die von dem größtenteils älteren Winkelbanddekor abzuleiten sein dürfte – dabei schmücken die zumeist parallelen Schraffu-ren der Dreiecke die Fläche unter bzw. über einem Winkelband (Abb. 5b) (Spatz 2003, 575; Dammers 2003, 4; Spatz 1996b, 267 f. 303). So können auch die Rautenmuster als – oft am Gefäßbruch – gespiegelte Dreiecke verstanden werden (Spatz 2003, 575; Dammers 2003, 4). Die Dreieckszier wird „(…) zu geschweiften Dreiecken auf stärker profilierten Gefäßen“ weiter entwickelt (Abb. 5c), die schon den Beginn der Großgartacher-Kultur, das sog. fGG markieren und somit ein deutliches Indiz für „(…) die enge Verwandtschaft und den fließenden stilistischen Übergang“ von HST zu GG liefern (Dammers 2003, 4; Spatz 1999, 208. Vgl. Spatz 1996b, 268 f. 273. 303). So ist das sog. Hinkelstein-Bäumchen in Form bäumchenartiger Muster, auch noch im fGG anzutreffen (Spatz 1999, 204 mit Anm. 510). Ferner sind geritzte hängende Dreiecke mit offenen Spitzen und der Halbmondstich typische Verzierungsmotive des fGG (Abb. 5c) (Spatz 1999, 208). Im mGG A wird zwar weiterhin das Dreiecksmotiv verwendet (Spatz 1999, 208), einen deutlichen verzierungstechnischen Bruch mit der vorhergegangenen Entwicklung stellt allerdings die im mGG A auftretende − für die GG-Kultur charakteristische − Ziertechnik des Doppelstichs dar (Spatz 1996b, 303; Spatz 1999, 208), welcher zu Bändern und Girlanden aneinandergereiht wird „(…) und als Füllmotiv oder Franse (…)“ die frei gelassene Fläche dekoriert; typisch sind dabei hängende Füllmuster (Abb. 6) (Dammers 2003, 4 f.; Spatz 1999, 208. Vgl. Spatz 1996b, 270−276. 279 f.). Der Halbmondstich erfreute sich weiterhin an Beliebtheit (Abb. 5c) (Spatz 1999, 208 f.). Die ‚Dreiecksmotive mit girlandoidem Charakter‘ (Abb. 7) sind ab Beginn des mGG B, in dem der Doppelstich die alleinige Stichform ist, nicht mehr anzutreffen (Spatz 1996b, 273; Spatz 1999, 209). Die fürs mGG B charakteristischen Motive umfassen: schmale horizontale Ritzli-nienbänder, verdoppelte oder vervielfachte Bogenbänder, das sog. Fischgrätmotiv, dreiteilige fischgrätartige Bänder“ die allesamt im mGG B am häufigsten vertreten sind (Spatz 1996b, 272. 279; Spatz 1999, 208 f. Zur Phase mGG B siehe Spatz 1996b, 276−280). Im späten Großgartach werden die Doppelstichbänder stets breiter; ebendiese Fortentwicklung mündet in der Phase Planig-Friedberg in flächendeckenden engen Doppelstichdekor, aus dem „(…) kleine geometrische Muster ausgespart (…)“ wurden (Dammers 2003, 5 Abb. 3. Vgl. Spatz 1996b, 280. 287−290).

3.3 Der Belegungsgang

Im Zentrum des Gräberfeldes befindet sich ein dichter Gräberbereich mit überwiegen Hinkel-steiner Grablegen (Abb. 2), der von eher lose verteilten Gräbern der Großgartacher Gruppe umgeben ist (Abb. 2) (Spatz 1999, 267). Dies spricht dafür, dass das Gräberfeld zuerst allei-nig von der HST-Gruppe genutzt wurde und erst zu einem späteren Zeitpunkt auch der GG-Kultur als Bestattungsplatz diente (Vgl. Spatz 1996a, 8; Spatz 1999, 267). In Folge des Vor-handenseins von, zumeist die gesamte HST-Belegungszeit hindurch benutzten, Gräbergrup-pen „(…) für Frauen, Männer oder für beide Geschlechter“ weist das Gräberfeld keine lineare Belegungsabfolge auf (Abb. 11b) (Spatz 1999, 209, 199−203). So zeigt die Kartierung der anhand einer Korrespondenzanalyse gewonnen drei Hinkelsteiner Belegungsphasen – be-ruhend auf der variantenreichen Verzierung „(…) der Keramik auf der Ebene der Motive (…)“, welche nicht als neuer Gliederungsversuch der HST aufzufassen ist – (Abb. 8a) „(…) eine weitgehend regellose Verteilung (…)“ der Gräber; allerdings muss es sich hierbei nicht um die tatsächliche Belegungsabfolge handeln (Spatz 1999, 199 −203. 209). Das von der GG-Kultur belegte Areal weist „(…) keine große zeitliche Tiefe (…)“ auf, kann aber anhand der charakteristischen Verzierungsmotive eingeteilt werden (Abb. 8b) (Vgl. Spatz 1999, 208 f.). Auffallend ist, dass die ältesten Beisetzungen (60, 106, 133) am Rand des HST-Gräber-feldes eingetieft wurden (Abb. 8b) (Spatz 1999, 209). Auch mittels der [14]C-Daten von Trebur, welche zwar aus Gräbern stammen, die für die jeweiligen Epochen markant sind, ist es in Anbetracht der nach Geschlechtern getrennten Areale bei den Hinkelsteinern sowie der fehlenden zeitlichen Tiefe bei den Großgartacher Bestattungen nicht möglich eine genaue Rekonstruktion des Belegungsgangs vorzunehmen (Vgl. Abb. 8b. 12b) (Vgl. Spatz 1999, 213−221 267). Gleichfalls ist es problematisch auf Grundlage der [14]C-Daten die absolutchro-nologische Zeitspanne der Hinkelsteiner und Großgartacher Nutzung der Nekropole einzu-schätzen (Spatz 1999, 216). Die [14]C-Daten bestätigen immerhin ein Nacheinander von HST und GG (Spatz 1999, 216). Anhand der Grabbeigaben ist festzustellen, dass in Trebur die Zeitstufen HST I und HST II sowie mGG A-B vertreten sind (Spatz 1999, 208 f. 267): Die bei der Vermutung einer unterbrechungsfreien Belegung des Friedhofes vorauszusetzende „Übergangskeramik“ von HST II zu mGG A, d. h. die Phase fGG fehlt bis auf drei GG-Gräber (60, 106, 133), welche an den Übergang der Phasen fGG und mGG A zu datieren sind voll-ständig (Spatz 1999, 219 mit Anm. 620). Auf Grund dessen, dass es keine Grabüberschnei-dungen gibt (Abb. 2) ist mit einer damals noch sichtbaren oberirdischen Kennzeichnung der lediglich ein bis zwei Meter voneinander entfernt liegenenden HST-Bestattungen zu rechnen (Spatz 1996a, 8; Spatz 1999, 219. 267), was darauf hindeutet, das der Beginn der GG-Bele-gung des Gräberfeldes zeitlich nicht weit vom Ende der HST-Belegung entfernt sein kann. Anhand der Vergesellschaftung sowohl von Material der Stufen HST II und fGG als auch HST II und mGG A aus dem Neckarraum, Bas-Rhin (F) sowie den ins fGG datierten Niers-teiner Grabinventaren von 1922 und 1926 ist auch zu konstatieren, das Initialphase des fGG weniger als eine Generation gedauert haben dürfte (Spatz 1999, 217−220; Spatz 1996b, 426) und demnach nur eine kurze Lücke während der Phase fGG (…)“ zwischen den zwei „(…) Belegungsphasen durch die beiden Kulturen (…)“ anzunehmen ist (Spatz 1999, 219 f.).

Diese Funde sprechen folglich für eine gewisse, zeitliche Überlappung von HST- und GG-Kultur (Spatz 1999, 217−220; Müller 2002; Dammers 2003, 4; Gronenborn 2009, 21).

Nimmt man an dass der Verbreitung des neuen frühgroßgartacher Stils vielleicht das Fest-halten einzelner Töpfer oder von kleinen Regionen entgegenstanden, die in der Zeit der Pha-se fGG weiterhin HST-Keramik herstellten, könnte in Trebur „(….) eine halbe keramische Phase übersprungen worden sein (…)“ (Spatz 1999, 220 f.). In diesem Fall wären die frühes-ten Großgartacher Bestattungen der Zeit fGG/mGG A direkt nach der Hinkelsteiner Nutzung des Gräberfeldes eingetieft worden (Abb. 8b) (Spatz 1999, 221). Dies veranlasste Spatz zu der Erwägung, ob es sich bei der neuen Keramik des fGG-Stils gegebenenfalls um den Aus-druck kleiner Gruppen handeln könnte, welche sich von der späten HST-Bevölkerung abge-sondert hatten und sich wirtschaftlich sowie kulturell von ebendieser abhoben (Spatz 1999, 221 mit Anm. 645).

J. Müller (2002) hingegen geht beim Gräberfeld von Trebur anhand eines fiktivem Mittelwer-tes aus den voneinander abweichenden [14]C-Datierungen aus Oxford und Heidelberg von ei-ner längeren Koexistenz der beiden Keramikgruppen von ca. 4900−4600 v. Chr. aus (Müller 2002, Liste 1). Aus den gemittelten [14]C-Daten schließt Müller (2002) auf eine Dauer der HST-Kultur von 5000−4600 und der GG-Kultur von 4900−4500 v. Chr. In Anbetracht dessen und der von ihm postulierten Reihengräberstruktur (Abb. 9a) in der sich die hier vorgestellte typo-logische Abfolge der Keramik nicht wiederspiegle, sei diese hinfällig (Müller 2002). Zum ei-nen wurden die Reihen allerdings willkürlich gewählt und verlaufen über das HST-Areal hin-aus in den GG-Bereich (Vgl. Abb. 2 und 9a). Zum anderen geht Müller (2002) selbst von drei Belegungskernen aus, die sich in unterschiedliche Richtungen ausdehnen (Abb. 9b); allein deshalb ist eine geordnete Reihengräberstruktur schon nicht möglich. Die entgegen der ar-chäologischen Datierung (s. o.) im Allgemeinen zu jungen Daten, sind sehr wahrscheinlich auf eine Kontamination „(…) durch exogenes organisches Material (etwa im Grundwasser gelöste Huminsäuren, Aminosäuren usw.) zurückzuführen (…)“, welcher die Knochensub-stanz wegen des hohen Adsorptionspotentials ihrer enorm großen Oberfläche im besonde-rem Maße ausgesetzt ist (Spatz 1999, 217; Dammers 2003, 7).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Gräberfeld von Trebur. Bestattungsplatz der Hinkelstein- und der Großgartacher-Kultur
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Vor- und Frühgeschichte)
Veranstaltung
Das Neolithikum in Mitteleuropa I (7.−5. Jahrtausend v. Chr.)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V536694
ISBN (eBook)
9783346129154
ISBN (Buch)
9783346129161
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neolithikum, Mittelneolithikum, Hinkelstein, Großgartach, Jungsteinzeit, Trebur
Arbeit zitieren
Daniel Richardt (Autor), 2014, Das Gräberfeld von Trebur. Bestattungsplatz der Hinkelstein- und der Großgartacher-Kultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/536694

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