Aktuell ist innerhalb der NATO eine gegenseitige Vertrauenskrise zu beobachten. Langjährige Allianzmitglieder wie die USA und die Türkei befinden sich derzeit in einem Streit, der weitreichenden Konsequenzen für das Bündnis haben kann. Die Türkei möchte vor dem Hintergrund der instabilen Lage in Syrien ihre Grenzen stärken und hat ein mobiles Luftabwehrsystem erworben, die russische S-400. Erste Bauteile wurden bereits ausgeliefert. Den Einsatz russischer Militärtechnologie betrachtet die US-Regierung jedoch als Gefahr, speziell für das neue US-Tarnkappen-Kampfflugzeug des Typen F-35. Die Türkei war die letzten Jahre am Bau beteiligt und sollte selbst einige F-35 erhalten. Inzwischen suspendierte die USA die Türkei vom F-35-Programm und kündigte weitere Sanktionen an. Einige politische Entscheidungsträger innerhalb des Bündnisses haben derweil begonnen, die Absichten und die künftige strategische Ausrichtung der Türkei in Frage zu stellen. Die Annäherung eines großen NATO-Mitglieds zu Russland schürt Misstrauen bei den Mitgliedern.
In der realistischen Theorie der Internationalen Beziehungen spricht man von einem Sicherheitsdilemma. Damit wird beschrieben wie Staaten aus ihrem Sicherheitsbestreben heraus militärische Aufrüstung betreiben und so unbeabsichtigt das Sicherheitsempfinden anderer Staaten beeinflussen. Daraufhin gehen die anderen Staaten ebenfalls in eine Aufrüstung über. Dadurch entsteht ein Kreislauf des gegenseitigen Misstrauens und in der Konsequenz das Wettrüsten. Im äußersten Fall kann es zu einem Krieg führen.
Mit dieser Arbeit wird angestrebt, die oben geschilderte problematische Situation in Hinsicht auf das Sicherheitsdilemma von John Herz und Booth und Wheeler zu untersuchen und in deren theoretischen Rahmen einzubetten.
Liegt ein Sicherheitsdilemma vor oder nicht? Welche zukünftige Bedeutung nimmt der S-400 Deal in den internationalen Beziehungen ein?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die NATO als Akteur und Partner
2.1 Gründung und Einsätze der NATO
2.2 Ambivalenz innerhalb der NATO
3. Der S-400 Deal – Der Beginn eines Sicherheitsdilemmas?
3.1 Türkei-Russland Beziehungen
3.2 Der Weg zum Deal
3.3 Die Reaktionen auf den Deal
3.4 Reaktion auf die Reaktion
4. Das Sicherheitsdilemma im Kontext der NATO und Türkei
4.1. Das Dilemma
4.2 Die zwei Stufen des Sicherheitsdilemmas
4.3 Sicherheitsparadoxon
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob der Erwerb des russischen S-400 Raketenabwehrsystems durch die Türkei ein Sicherheitsdilemma zwischen ihr und den USA innerhalb der NATO provoziert. Ziel ist es, die aktuellen bilateralen Spannungen im theoretischen Rahmen des „zweistufigen Sicherheitsdilemmas“ nach Ken Booth und Nicholas J. Wheeler einzuordnen.
- NATO-Bündnisbeziehungen und interne Vertrauenskrise
- Die sicherheitspolitische Annäherung zwischen der Türkei und Russland
- Der S-400 Deal und die daraus resultierenden US-Sanktionen
- Anwendung des „Sicherheitsparadoxons“ auf die aktuelle Konfliktlage
Auszug aus dem Buch
4.2 Die zwei Stufen des Sicherheitsdilemmas
Die Autoren definieren das Sicherheitsdilemma zweistufig (two-level strategic predicament). Dabei besteht jede Ebene aus zwei zusammenhängenden Dilemmata, die die Entscheidungsträger zu einer Wahl zwingen. Das herausragende an diesem zweistufigen Ansatz ist die komplexe Interaktion zwischen psychologischen und materiellen Faktoren und das die Wurzel des Sicherheitsdilemmas jenes ist, was sie die „unlösbare Ungewissheit“ (unresolvable uncertainty) nennen (vgl. Booth/Wheeler 2008: 4). Die Autoren konzentrieren sich auf Misstrauen als grundlegende Quelle für Unsicherheit. Die erste Ebene beinhaltet, dass die Staaten zu einer Interpretation der Absichten, Motivationen und Fähigkeiten eines potenziellen Widersachers angehalten sind. Das Dilemma der Interpretation entspricht dem Resultat der wahrgenommenen Notwendigkeit, eine Entscheidung im „existentiellen Zustand unlösbarer Ungewissheit“ zu treffen (vgl. Booth/Wheeler 2008: 4).
Im Kontext der internationalen Beziehungen bedeutet dies konkreter gesprochen, dass Regierungen (ihre Entscheidungsträger, Militärplaner, außenpolitischen Analysten) niemals zu ein hundert Prozent über die aktuellen und zukünftigen Motive und Absichten derer sicher sein können, die ihnen im militärischen Sinne Schaden zufügen könnten. Die Verantwortlichen müssen also entscheiden, ob wahrgenommene militärische Entwicklungen nur zu Verteidigungs- und Selbstschutzzwecken dienen, oder ob sie etwa zu offensiven Mitteln greifen würden (vgl. ebd.). Dieser Zustand ist ebenfalls in der vorliegenden Situation gegeben. Die Türkei misstraut seinem Partner, konkret der USA, weil diese einige Parteien im Syrienkrieg unterstützen, wie die YPG-Einheiten, die die Türkei als Terroristen und PKK-nah betrachtet und somit als eine Gefahr für die eigene Sicherheit. Außerdem lebt der mutmaßliche Drahtzieher des Putschversuchs Fethullah Gülen in den USA und wird von der Regierung nicht ausgeliefert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Vertrauenskrise zwischen den NATO-Partnern USA und Türkei aufgrund des S-400 Deals ein und stellt die theoretische Basis des Sicherheitsdilemmas vor.
2. Die NATO als Akteur und Partner: Dieses Kapitel skizziert die Rolle der NATO als Sicherheitsbündnis und analysiert das historisch gewachsene, ambivalente Beziehungsgeflecht zwischen der Türkei, der USA und dem Bündnis.
3. Der S-400 Deal – Der Beginn eines Sicherheitsdilemmas?: Dieser Abschnitt beleuchtet die intensivierten Beziehungen zwischen Ankara und Moskau sowie das Zustandekommen des S-400 Abkommens und die scharfen Reaktionen der USA darauf.
4. Das Sicherheitsdilemma im Kontext der NATO und Türkei: Hier erfolgt die theoretische Einbettung der Konfliktsituation in das „zweistufige Sicherheitsdilemma“ und das „Sicherheitsparadoxon“ von Booth und Wheeler.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bejaht die Forschungsfrage, wonach sich in der beschriebenen Situation ein Sicherheitsdilemma innerhalb der Allianz manifestiert hat.
Schlüsselwörter
NATO, Türkei, USA, Russland, S-400, Sicherheitsdilemma, Sicherheitsparadoxon, Ken Booth, Nicholas J. Wheeler, Verteidigungspolitik, Rüstungskontrolle, Sanktionen, CAATSA, Vertrauenskrise, Internationale Beziehungen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die zunehmenden diplomatischen und militärischen Spannungen zwischen den langjährigen NATO-Verbündeten Türkei und USA im Kontext des türkischen Kaufs des russischen S-400 Raketenabwehrsystems.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der türkisch-russischen Beziehungen, die Reaktion der USA durch Sanktionen und der Ausschluss der Türkei aus dem F-35-Kampfjet-Programm.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, ob die aktuelle Situation rund um den S-400 Deal als Sicherheitsdilemma im Sinne der realistischen Theorie der Internationalen Beziehungen klassifiziert werden kann.
Welche theoretische Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt das Konzept des „zweistufigen Sicherheitsdilemmas“ und das „Sicherheitsparadoxon“ der Politikwissenschaftler Ken Booth und Nicholas J. Wheeler zur theoretischen Analyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der NATO-Beziehungen, eine detaillierte Darstellung des S-400 Deals und die Anwendung der gewählten Theorie auf die Interaktionen zwischen den beteiligten Akteuren.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sicherheitsdilemma, NATO-Interoperabilität, geopolitische Interessenkonflikte und das Sicherheitsparadoxon charakterisiert.
Welche Rolle spielen die USA in dem von der Türkei wahrgenommenen Sicherheitsdilemma?
Die Türkei sieht sich durch die mangelnde Unterstützung der USA bei der Raketenabwehr und deren Unterstützung kurdischer Einheiten (YPG) in Syrien bedroht, was sie zur Suche nach Alternativen bei Russland motiviert.
Warum wird im Fazit argumentiert, dass Russland von dieser Situation profitiert?
Russland profitiert, da es durch den Rüstungsdeal nicht nur Einnahmen generiert, sondern ein NATO-Mitglied enger an sich bindet und die interne Kohäsion des westlichen Verteidigungsbündnisses schwächt.
- Arbeit zitieren
- Yusuf Sari (Autor:in), 2019, Der S-400 Waffen-Deal zwischen Türkei und Russland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/536750