Untersuchung dreier oberdeutscher Liederhandschriften des Mittelalters


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

Die Kleine Heidelberger Liederhandschrift A
Überblicksdarstellung
Detailanalyse

Die Weingartner Liederhandschrift B
Überblicksdarstellung
Detailanalyse

Die große Heidelberger Liederhandschrift C
Überblicksdarstellung
Detailanalyse

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Faksimilia
Internet

Sekundärliteratur
Monographien
Internet

Einleitung

Die mittelhochdeutsche (mhd.) Lyrik ist neben dem höfischen Roman „die wichtigste Textgattung in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters.“[1] Für die Analyse mittelalterlicher Texte ist die Literaturwissenschaft auf die wenigen Textzeugnisse der damaligen Zeit angewiesen. Hierin jedoch stellt sich für die Forschung das erste Problem, denn die „Zahl der Überlieferungsträger mittelalterlicher deutscher Literatur ist – verglichen mit neuzeitlichen Verhältnissen sehr gering.“[2] Dies ist vor allem darin zu begründen, dass Bücher als Überlieferungsträger bis zur Erfindung des Buchdrucks um 1450 handgefertigte Einzelstücke waren, deren Herstellung aufwendig wie auch teuer gewesen ist und viele Bücher die Jahrhunderte nicht überstanden haben, sondern der Zerstörung anheim gefallen sind. Diese Umstände lassen sich belegen, indem man die Zahl der Überlieferungsträger von als sehr beliebt geltenden Werken begutachtet.[3] So sind aus mehreren hundert Jahren gerade einmal 11 vollständige Handschriften und 24 Fragmente des höfischen Romans „Iwein“ von Hartmann von Aue erhalten. Neben der lediglich für mittelalterliche Verhältnisse großen eingartner Liederhandschrift und die große Heidelberger LiederhandschrifttZahl der vollständig erhaltenen Abschriften, weist die höhere Zahl der Fragmente auf das Konservierungsproblem der Überlieferungsträger im allgemeinen hin. In Bezug auf die Tradierung mittelhochdeutscher Lyrik, stellt sich ein weiteres Problem. Waren die höfischen Romane von Beginn an schriftlich konzipiert, wurde die Lyrik jedoch weitestgehend mündlich tradiert und war auch für den mündlichen Vortrag konzipiert.[4] Konstituiert sich die mittelhochdeutsche Lyrik bereits um 1150 als fester Bestandteil höfische Kultur, so setzt ihr Verschriftlichungsprozeß erst rund 100 Jahre später ein. Aus diesen Gründen ist die Zahl der erhaltenen Überlieferungsträger - vergleichen mit den höfischen Romanen - noch geringer. „Die Kenntnis dieser höchst Anspruchsvollen Kunstlyrik verdankt sich dem Umstand, dass spätestens seit Mitte des 13. Jahrhunderts interessierte Literaturkenner die ursprünglich für den mündlichen Vortrag konzipierten Lieder und Sprüche in selbständigen Handschriften sammeln ließen.“[5] Aus heutiger Sicht gehören die drei oberdeutschen Sammelhandschriften - die Kleine Heidelberger Liederhandschrift, die Weingartner (auch Stuttgarter) Liederhandschrift und der sog. Codex Manesse bzw. Große Heidelberger Liederhandschrift - zu den bedeutendsten Überlieferungsträgern mittelalterlicher Lyrik, die in der folgenden Darstellung untersucht werden sollen.[6] In ihnen findet man eine Vielzahl der Minnelieder[7] und Sangsprüche aus der Zeit zwischen etwa 1150 und 1340. Die Handschrift C nimmt in diesem Kontext eine Sonderstellung ein, da sie nicht nur die umfangreichste und prunkvollste Sammlung ist, sondern für den nachklassischen Minnesang und die Leichdichtung, im besonderen für den Minneleich, die weithin einzige Textquelle ist.[8]

Die Untersuchung ist so angelegt, das zunächst jede Handschrift einzeln kurz in Bezug auf ihre wichtigsten Wesensmerkmale, wie Umfang, Größe, Schrift und Entstehungszeit bzw. -ort vorgestellt werden. Im Anschluss daran sollen die wichtigsten Aspekte der jeweiligen Handschrift genauer analysiert und, wo es sinnvoll ist, miteinander verglichen werden. Hauptaugenmerk wird hierbei u.a. auf den Aspekten der Datierung und Lokalisierung, den vermeintlichen Auftraggebern, ihren jeweiligen Einrichtungsgepflogenheiten,[9] so wie Schwerpunkte des jeweiligen Sammelprinzips unter temporalen, lokalen und gattungstypischen Gesichtspunkten liegen. In einer abschließenden Zusammenfassung wird der Versuch einer literaturhistorischen Einordnung unternommen, die einerseits den Stellenwert der Schriftzeugnisse mhd. Lyrik beleuchtet, andererseits aber auch die Grenzen der Erkenntnis für die mediävistische Literaturwissenschaft zu vergegenwärtigen sucht. Aufgrund des knappen Analyserahmens, werden einige Aspekte gar nicht bzw. nur am Rande behandelt werden können. So wird sich die Untersuchung vor allem auf die Grundstöcke der Handschriften stützen und die Nachträge nur peripher abhandeln. Dies gilt ebenso für den Erkenntnisstand über die – zum Teil gemeinsamen) Vorstufen der Handschrift.

Die Kleine Heidelberger Liederhandschrift A

Überblicksdarstellung

- „Habent sua fata libelli“ -

Bücher haben ihr eigenes Schicksal

Die Handschrift A ist die älteste der drei hier behandelten Liederhandschriften und um 1270 angelegt worden. Zudem ist sie die erste Sammlung, die ausschließlich mittelhochdeutsche Lyrik enthält. Ihr Grundstock ist zwischen 1270 und 1280 angelegt worden, die verschiedenen Nachtragsschichten erst Anfang des 14. Jahrhunderts.[10][11] Insgesamt haben 6 Hände an der Niederschrift der Sammlung mitgewirkt. Beschreibstoff war Pergament und mit ihren Maßen von 18,5 x 13, 5 cm, so genanntes „Oktavformat“[12] und einem Schriftspiegel von nur 14 x 11 cm. wird sie ihrem Namen als „kleine“ Liederhandschrift gerecht. Sie ist einspaltig beschrieben und verzichtet im Gegensatz zu den anderen beiden Handschriften weitgehend auf eine prunkvolle Ausstattung. So fehlen in ihr die für B und C typischen Miniaturen. Der niederalemannische Schreibdialekt deutet auf den Elsaß als Entstehungsregion hin. Der Grundstock konstituiert sich aus den Blättern 1r – 39v und enthält 791 Strophen sowie zwei Minneleichs, der Nachtragteil (40r – 45v) weist nur 61 Strophen auf und fällt damit relativ bescheiden aus. Die Verse sind nicht abgesetzt und ihr Ende wird lediglich durch Reimpunkte optisch markiert. Die Strophenanfänge werden hingegen abwechselnd mit roten und blauen Initialen gekennzeichnet. Die Liederhandschrift ist im Ganzen gut erhalten und wird heute ihrem Namen entsprechend in der Heidelberger Universitätsbibliothek (Signatur cpg 357) aufbewahrt.

Detailanalyse

Nachdem die Handschrift A die älteste Lyriksammlung ausschließlich deutschsprachiger Texte ist, stellen sich automatisch die Fragen nach dem wer, wie, wann, was, wo und warum. An diesen Fragen soll sich daher die nachfolgende Untersuchung orientieren.

Die Frage nach dem Auftraggeber der Handschrift ließ sich bis heute nicht klären, denn im Gegensatz zu vielen epischen Stücken, fehlen diesbezüglich in der Handschrift A (wie auch in B und C) jegliche Hinweise. Aufgrund von Dialektuntersuchungen wurde ihr Entstehungsort auf den Elsaß eingegrenzt, weiter wird vermutet, dass sie um 1270 in Straßburg entstanden sei. Von dort aus scheint sie über Limburg nach Heidelberg gekommen zu sein, wo sie sich erstmals 1558 im Besitz des Pfalzgrafen Ottheinrich nachweisen lässt.[13] Auf Basis der dialektalen und temporalen Einordnung wurde dann weiter die These formuliert, dass der Straßburger Bischof Konrad von Lichtenberg als Auftraggeber in Betracht komme.[14] Diese These bleibt jedoch im Raum der Spekulation, da es gewichtige Aspekte gibt die dagegen sprechen. Der Straßburger Kirchenfürst war u.a. ein Mäzen Konrads von Würzburg und pflegte zudem enge Kontakte mit Walther von Klingen. Beide sind aber in der Handschrift nicht mit ihren Werken vertreten. Desweiteren spricht gegen die Annahme, dass die Handschrift vergleichsweise prunklos ausgestattet worden ist, so dass auch ein „weniger prominenter Dichtungsliebhaber“[15] in Frage kommt. Aufgrund der unzureichenden Quellenlage muss diese Frage also bis heute ungeklärt bleiben.[16] A greift aus der Gruppe der tradierten Autoren und aus dem ganzen Spektrum der im 12. und 13. Jahrhundert gängigen lyrischen Formen nur einen bestimmten Ausschnitt heraus, was ihr, wie später deutlich werden wird, gegenüber den anderen beiden Quellen ein eignständiges literarisches Profil gibt. Untersucht man die Autorauswahl und die Texte, so wird deutlich, dass A einen Schwerpunkt auf die Lyrik nach Walther von der Vogelweide und Reinmar und somit vor allem auf die Lyrik der mittelhochdeutschen Klassik und Nachklassik gelegt hat.[17] Grundsätzlich zeigt sich aber auch eine Offenheit der Sammler gegenüber der Sangspruchdichtung, was allerdings aufgrund der hohen Anzahl von Berufsdichtern kaum verwundert, war dies doch ihre Domäne.[18] Zudem enthält die Kleine Heidelberger Liederhandschrift auch eine Reihe von Tageliedern, wohingegen Kreuzlieder relativ unterrepräsentiert sind.[19]

Das Manuskript ist in 34 Abteilungen, so genannten Autorcorpora untergliedert, worin sich ein erstes Ordnungsprinzip[20] festmachen lässt. Allerdings ist davon auszugehen, dass fünf Autoren mit leicht abgeänderten Namensversionen doppelt genannt sind und somit nur Werke von 29 Dichtern enthalten sind.[21] Als weiteres Ordnungsprinzip lässt sich eine gewisse Hierarchie in der Anordnung der Autorcorpora ausmachen. So stehen Dichter mit einem annehmbar hohen Bekanntheitsgrad am Beginn. Eröffnet wird die Sammlung „mit den beiden sanges meistern, denen schon Gottfried von Straßburg höchsten literarischen Rang zuerkannt hatte: Reinmar (Nr.1, in A begleitet von den Namensvettern Reinmar dem Fiedler und Reinmar dem Jungen) und Walther.“[22] Zusätzlich sticht die Quantität dieser „prominenten“ Corpora hervor. So sind die Kapitel Walthers von der Vogelweide (Nr.4 / 151) Strophen, Reinmars, (Nr. 1 / 70 Strophen) und nicht zuletzt die Singberg-Sammlung des Truchsessen von St. Gallen (Nr. 6 / 118 Strophen) die umfangreichsten. Ob ein geographischer Schwerpunkt bei der Autorauswahl als drittes Ordnungsprinzip gelten sollte, lässt sich in der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift kaum, respektive nur ungenau bestimmen.[23] Die auffallende Doppelnennung von Dichtern verdeutlicht, dass es bereits den Sammlern selber schwer gefallen sein muss, die Texte den richtigen Dichtern zuzuordnen. Die Schwierigkeit liegt aber zudem in den „großen Unsicherheiten, die bei der Identifizierung der Corpusüberschriften mit historischen Persönlichkeiten auftreten.“[24] Aus diesen Überlegungen lassen sich auch Rückschlüsse auf die Intention der Sammler ziehen. Sie waren scheinbar darum bemüht, vor allem die Werke von bedeutenden Meistern der mittelalterlichen, klassischen und nachklassischen Dichtkunst aufzuzeichnen, ohne das deren sozialer Stand oder ihr lokaler Bezug zum Herstellungsort eine bedeutende Rolle gespielt hat.

[...]


[1]Holznagel, Franz-Josef: „Wege in die Schriftlichkeit.“ Untersuchungen und Materialien zur Überlieferung mittelhochdeutscher Lyrik. Tübingen 1995. S. 13.

[2]Brunner, Horst: „Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters im Überblick.“ Stuttgart 2000. S. 24.

[3] Man geht heute davon aus, dass die Anzahl der erhaltenen Überlieferungsträger in Relation mit ihrer Beliebtheit beim mittelalterlichen Publikum steht.

[4] Ein wichtiger Beleg für die „mündliche Sphäre als genuinen Ort der versammelten Lieder“ sieht Gisela Kornrumpf u.a. in der häufig beigegebenen überdimensionierten leeren Schriftrolle in den Bildern der Hs.B) Kornrumpf, Gisela: „Die Heidelberger Liederhandschrift C“In: Ruh, Kurt (Hrsg.): „Die deutsche Literatur des Mittelalters.“ Verfasserlexikon. Begründet von Wolfgang Stammler, fortgeführt von Karl Langosch. Band 3. Berlin 1982. Sp. 812.

[5]Holznagel, Schriftlichkeit, S. 13.

[6] Neben den hier angeführten Bezeichnungen werden im weiteren Verlauf auch die von der mediävistischen Forschung vergebenen Siglen A, B und C für die drei Pergamenthandschriften verwendet werden.

[7] Zur Definition und Unterscheidung sei an dieser Stelle auf die Definitionen von Horst Brunner verwiesen. Vgl. zu Minnesang S. 245/246 und zu Sangspruchdichtung S. 259, in: Brunner, Horst: „Früheste deutsche Lieddichtung.“ Stuttgart 2005.

[8] Vgl. Kornrumpf, C, Sp. 585.

[9] Hierunter fallen insbesondere äußerliche Merkmale wie z.B. Initialschmuck, Bilder, Strophengliederung, aber auch das Ordnungsprinzip.

[10]Blank, Walther: „Die kleine Heidelberger Liederhandschrift.“ Cod. Pal. Germ.357 der Universitätsbibliothek Heidelberg. Band 1. Wiesbaden 1972.

[11] Vgl. zu den Daten Holznagel, Schriftlichkeit, S. 89.

[12] Vgl. ebd. S. 29.

[13]Kornrumpf, A, Sp. 579.

[14] Vgl. zu Entstehungsort und Auftraggeber die Ausführungen von Holznagel, S. 91.

[15] Ebenda.

[16] Vgl. Kornrumpf, A, Sp. 578.

[17] Vgl. zu den vier Phasen des deutschen Minnesangs Brunner, Lieddichtung. S. 246 f, zu den Phasen der Sangspruchdichtung ebd. S. 261.

[18] Vgl. hierzu ebd., S. 259. Zum literarischen Profil vgl. auch Holznagel, S. 97.

[19] So fehlen die Werke Friedrich von Hausens als einem der bekanntesten Kreuzlieddichter ganz; insgesamt sind nur 6 Kreuzlieder zu finden.

[20] Vgl. zum Ordnungsprinzip Holznagel, Schriftlichkeit, S. 92 f.

[21]Kornrumpf, Sp. 578.

[22] Ebenda, Sp. 580.

[23] Zur Problematik der Autoridentifizierung vgl. Bumke, Joachim: „Ministerialität und Rittersichtung.“ Umrisse der Forschung. München 1976. S. 43 ff.

[24]Holznagel, Schriftlichkeit, S. 99. So lassen sich Namen wie Reinmar der Fiedler, Spervogel, Hawart u.a. kaum urkundlich bezeugten Personen exakt zuordnen.

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Details

Titel
Untersuchung dreier oberdeutscher Liederhandschriften des Mittelalters
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V53685
ISBN (eBook)
9783638490634
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit untersucht Unterschiede und Gemeinsamkeiten der drei bedeutensten Liederhandschriften des Mittelalters - kleine und große Heidelberger Liederhandschrift und Weingartner Liederhandschrift - die in er Germanistik mit den Siglen A, B und C bezeichnet werden.
Schlagworte
Untersuchung, Liederhandschriften, Mittelalters
Arbeit zitieren
Christian Wunner (Autor), 2006, Untersuchung dreier oberdeutscher Liederhandschriften des Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53685

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