Otto der Große und Byzanz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

35 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Gliederung

I. Vorwort

II. Fragestellung

III. Die Grundlagen des ottonischen Kaisertums
III.1. Untergang des Westreiches und die Entwicklung des „Okzidents“ bis zur Kaiserkrönung Karls des Großen
III.2. Die Entwicklung des Kaiserkonzepts Karl des Großen – Zwischen Konfrontation und Ausgleich mit Byzanz
III.3. Der Niedergang der Karolinger

IV. Die Italien- und Byzanzpolitik Ottos des Großen und das abendländische Kaiserkonzept
IV.1. Die erste Phase der Italien- und Byzanzpolitik Ottos I. zwischen 936 und 951 - Anfänge sächsisch-byzantinischer Beziehungen
IV.2. Die zweite Phase der Italien- und Byzanzpolitik Ottos I. zwischen 951 und 961
IV.2.1. Der direkte Kontakt zwischen Ost und West
IV.2.2. Die Folgen der Lechfeldschlacht für das Herrschaftsverständnis Ottos I.
IV.3. Die dritte Phase der Italien- und Byzanzpolitik Ottos I. zwischen 961 und 967
IV.3.1. Das Kaiserkonzept Ottos des Großen
IV.3.2. Das Ottonianum – Anpassung an die kuriale Herrschaftsidee?
IV.3.3. Das Verhältnis zu Byzanz
IV.4. Die vierte Phase der Italien- und Byzanzpolitik Ottos I. zwischen 967 und 973
IV.4.1 Der Gesandtschaftsverkehr zwischen Otto I. und den Basilei – Liudprand von Cremona und seine Begegnung mit Nikephoros II. Phokas

V. Die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Okzident und Orient unter den Nachfolgern Ottos I. - Der Siegeszug der römischen Kaiseridee im Westen

VI. Resümee

VII. Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Vorwort:

In der Mitte des 10. Jahrhunderts gab es in Europa zwei Großmächte. Im Osten, nach Asien übergreifend, Byzanz. Das sogenannte „Neurom“. Seit der Teilung des Römischen Reiches im Jahre 395 unter den Söhnen des Theodosius hatten beide noch bis zur Absetzung des letzten römischen Kaisers Romulus Augustulus nebeneinander existiert. Nach dem Untergang Westroms, existierte das Römische Reich in und durch Byzanz bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 weiter. Byzanz und die dort herrschenden Kaiser konnten sich also in ununterbrochener Tradition auf das Römische Imperium berufen und sich zurecht als dessen Nachfolger betrachten.

Im Westen war 962 das abendländische Kaiserreich entstanden, das von Otto I. aus den Teilen des karolingischen Reiches zusammengeschweißt war und sich „seine Tradition erst zurecht legen mußte.“[1] Die Stellung der übrigen europäischen Reiche definierte sich durch ihr Verhältnis zu den beiden Kaiserreichen.[2] Die Frage, die sich hier nun unausweichlich stellt ist, wie sah nun das Verhältnis dieser beiden Reiche aus? Bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts waren die inneren Probleme, sowie die Bedrohung durch äußere Feinde für Politik und Verhältnis beider Reiche zueinander ausschlaggebend. Sowohl Byzanz als auch dem fränkischen Reich gelingt es, die Probleme im Inneren zu bewältigen und ihre Machtstellung zu festigen. Durch die Erfolge Ottos I. und seines Vaters Heinrich I nach dem Zerfall des Reiches Karls des Großen ein neues Reich zu formieren und sowohl die innere Opposition als auch die äußeren Feinde in Gestalt der Ungarn und Slawen zu eliminieren, waren die Sachsenkönige zum „regum maximus Europae“[3] aufgestiegen. Dieser Titel bezeichnete sie für den Okzident zugleich als Nachfolger Karls des Großen, in dessen ideelle Fußstapfen Otto I. auch in vielen Belangen zu treten schien. Diese neue Machtstellung manifestierte sich insbesondere in der Kaiserkrönung Ottos am 2. Februar 962. „Durch die neuerliche Existenz zweier Kaiserreiche war eine Auseinandersetzung zwischen Orient und Okzident nicht nur notwendig, sondern auch unausweichlich geworden. Denn durch die Annahme des Kaisertitels, der von den byzantinischen Kaisern allein beansprucht wurde, erwachte erneut der Konflikt auf ideellem Boden, der schon in karolingischer Zeit seine Rolle gespielt hatte. Denn der Bestand eines zweiten westliche Kaisertums „stellte [...] das kaiserliche Selbstverständnis, den Weltherrschaftsanspruch des basileus, allein durch seine Existenz in Frage.“[4] Denn nach byzantinischer Auffassung konnte es nur einen Kaiser geben. Dieser Universalanspruch begründet sich sowohl theologisch als auch ideell. Denn der basileus sah sich als Gottes Stellvertreter auf Erden. Zudem konnte es nur einen rechtmäßigen Nachfolger der Cäsaren geben. Allerdings konnten beide Herrscher, sowohl im Westen wie im Osten ihren Anspruch auf den Kaisertitel untermauern. Auf der einen Seite konnte der byzantinische Basileus ton Romaion, wie er sich seit dem Vertrag von Aachen von 812 explizit nannte, eine lückenlose Tradition vorweisen; auf der anderen Seite war aber Otto I. der eigentliche Herrscher über die alte Kaiserstadt Rom. „Hierdurch konnten theoretisch beide Parteien ihre Berechtigung zur Führung des Titels „Kaiser der Römer“ verfechten.“[5] Wie schon zur Zeit Karls des Großen, war der Kaisertitel im Allgemeinen, der Zusatz „Romanorum“ bzw. „Romaion“ im Besonderen der Stein des Anstoßes.

II. Fragestellung

Das Thema dieser Arbeit lautet „Otto und Byzanz“. Allgemein gesprochen soll sie also das Verhältnis der beiden Reiche zueinander und die Politik Ottos gegenüber den Basilei beschreiben und analysieren. Auf das maßgebliche Konfliktpotential ist bereits verwiesen worden. Dieses manifestiert sich im Streit um die Anerkennung des ottonischen Kaisertums durch die byzantinischen Herrscher. Dieser Konflikt ist aber nur aus den Vorstellungen der Zeit heraus zu begreifen. Daher sollen die verschiedenen Kaiserkonzepte im Zusammenhang mit dem „Zweikaiserproblem“[6] betrachtet und gegenüber gestellt werden. „Denn die Entwicklung des Kaiser- und Reichsgedankens im Westen und der Universalanspruch des Kaisertums“[7] im Osten standen sich auch zur Zeit Ottos I. scheinbar unvereinbar gegenüber. Aber das Konfliktpotential beschränkte sich nicht nur auf diese ideologische Frage. Es lassen sich noch zwei weitere Aspekte herausarbeiten, die für das Verhältnis zwischen Ost und West bestimmend waren. Hierzu gehören zum einen theologisch-dogmatische Fragen. Der hieraus entstehende Streit manifestiert sich zum Beispiel in der „ikonoklastischen Krise, die 787 durch das Konzil von Nikäa vorübergehend beigelegt“ werden konnte, aber auch „nur eine erste Variation dieses Potentials darstellt“[8]. Dieser Streit findet seinen Höhepunkt bekanntermaßen im Schisma von 1054. Da diese Auseinandersetzung zwar für das Verhältnis im frühen Mittelalter eine große, zur Zeit Ottos I. aber kaum eine Rolle gespielt hat, soll dieser Aspekt nicht in die Untersuchung mit einfließen. Es reicht an dieser Stelle festzuhalten, daß sich beide Reiche in den fast vierhundert Jahren seit dem Untergang des weströmischen Reiches nicht nur sprachlich und kulturell, sondern auch im kirchlichen Bereich auseinanderdividiert haben.[9] Der dritte und für diese Arbeit weitaus wichtigere Aspekt ist Italien. Denn hier kam es zu starken Überschneidungen der beiden Interessensphären. Hier hatte man eine gemeinsame Grenze, hier wurden die ideologischen Konflikte zu militärischen.[10] Das Vorgehen beider Seiten bezüglich Italien stellt also einen weiteren Analysepunkt dar. Insbesondere soll herausgearbeitet werden, mit welchen Mitteln und zu welchem Zweck Otto I in die süditalienischen Verhältnisse eingriff. Ein letzter Punkt, der in die Untersuchung mit eingehen wird, ist die Frage nach der Entwicklung des Kaisertums. Diese soll mit einer Retrospektive auf Karl den Großen zum einen und dem Ausblick auf die Nachfolger Ottos des Großen – nämlich Otto II. und Otto III. – aufzeigen, inwiefern eine Konstanz in dieser Frage festzustellen ist, oder ob es maßgebliche Veränderungen im Kaiserkonzept dieser Herrscher gegeben hat.

Zu Beginn der Arbeit soll aber zunächst versucht werden die historischen Rahmenbedingungen darzustellen. Hierzu soll die Entwicklung Italiens nach dem Untergang des Weströmischen Reiches dargestellt werden, ebenso die sich daraus entwickelnde byzantinische Auffassung der Weltherrschaft und zuletzt der Aufstieg der Karolinger und die damit verbundene Begründung des „Zweikaiserproblems.“ Innerhalb dieses historischen Kontextes soll dann der eigentliche Kern der Arbeit eingebettet werden, welcher die oben genannten Fragestellungen behandelt.

III. Die Grundlage des ottonischen Kaisertums

III.1 Untergang des Westreiches und die Entwicklung des „Okzidents“ bis zur Kaiserkrönung Karls des Großen

„Die Ereignisse am Weihnachtstag des Jahres 800 sind wie die Kaiserkrönung Ottos des Großen am 2. Februar 962 oft als Akte dargestellt worden, welche die Vorstellungen von Kaiser und Reich in Ost und West folgenreich erschütterten.“[11] Diese Aussage verdeutlicht zum einen die herausragende Bedeutung beider Ereignisse für den Verlauf der Geschichte, sie unterstreicht aber auch einen existenten Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen. Daher ist die erste „Erneuerung“ eines westlichen Kaisertums für das Kaisertum Ottos des Großen von Bedeutung und muß in die Untersuchung mit einfließen. „Für die damalige Welt war es ein Axiom, daß es nur ein einziges Kaiserreich geben könne, ebenso nur eine einzige christliche Kirche.“[12] Diese Vorstellung hatte sich nach dem Untergang des weströmischen Reiches durchgesetzt. Bereits mit der Reichsteilung 395 hatte eine divergierende Entwicklung in den beiden Teilen bezüglich Sprache und Kultur begonnen. Da das Westreich zum einen durch den Rückgang an Boden, Arbeits- und Ertragskraft, zum anderen durch soziale, religiöse und politische Faktoren geschwächt wurde, war es letztendlich den militärischen Angriffen der Germanen hoffnungslos ausgeliefert. So war sein Untergang, der sich in der Absetzung des letzten römischen Kaisers Romulus Augustulus im Jahre 476 manifestiert, eine unabwendbare Konsequenz. Hingegen konnte das Ostreich mit Konstantinopel als dessen Zentrum weiterbestehen, da es mit Kleinasien einerseits über ein Gebiet verfügte, das ihm ein Potential von Land und Menschen bot, welches von der Völkerwanderung unangetastet blieb, und andererseits über eine intakte Verwaltungsstruktur verfügte und somit eine kontinuierliche Entwicklung garantierte. Byzanz verstand sich - modern formuliert - mit seinen autokratisch regierenden Kaisern als Rechtsnachfolger des untergegangenen Imperium Romanum. „Nach antikem Muster war das römische Kaiserreich, in dessen Tradition sich das byzantinische bis zu seinem Untergang selbst sah, ein Universales, Ausschließliches.“[13]

Wie gestalteten sich nun aber die Verhältnisse in Italien? Während sich die Entwicklung in Byzanz durch Konstanz auszeichnete, waren die politischen Verhältnisse in Italien einer fortwährenden Entwicklung unterzogen.

Nach einer kurzen Herrschaft der Ostgoten in Italien (493 – 553) bildet sich das Reich der Langobarden. Diese kamen im Verlauf der Völkerwanderung aus ihrer Uhrheimat Skandinavien zunächst bis nach Mähren, wo sie kurzzeitig ein erstes Reich bilden, sich dann aber im 6. Jahrhundert bis nach Italien ausbreiten. Dieses Langobardische Reich hat sich bis zur Unterwerfung durch Karl den Großen 774 weit bis in den italienischen Süden ausgedehnt und somit auch Byzanz immer weiter in den Süden verdrängt. So existierten bis zur Zeit Karls und auch später wieder unter Otto dem Großen zwei Reichsteile in Italien. Zum einen ein langobardischer später fränkisch-kaiserlicher Teil und zum anderen ein byzantinischer Teil, zu dem bis ins 9. Jahrhundert auch noch Sizilien gehörte, das dann allerdings an die Sarazenen verloren ging. Zwischen den Langobarden, den germanischen Königreichen und Byzanz haben bis 630 noch Kontakte bestanden. Die Gesandtschaft Dagoberts I. an den byzantinischen Basileus Herakleios in diesem Jahr „bedeutete zugleich den letzten quellenmäßig gesicherten Kontakt und Beginn einer über einhundertjährigen Phase des Schweigens“[14] zwischen Ost und West. Dies ist durch den Umbruch im Merowingerreich zu erklären, durch das das „fragile Dreiecksverhältnis zwischen König, Adel und Hausmeier [...] zum Angelpunkt der politischen Auseinandersetzung“[15] wurde. In Folge dieser Auseinandersetzung verfielen „die Merowinger als Schattenkönige zunehmender Ohnmacht und wurden mit der Krönung Pippins zum Alleinherrscher des Frankenreichs endgültig abgesetzt.“[16] Im Osten hatte Byzanz sich zudem äußerer Feinde zu erwehren, die in Gestalt von Slawen und Sassaniden das Reich bedrohten. Mittels weitgreifender Reformen gelang es aber in Byzanz sich dieser Feinde zu erwehren und die eigene Herrschaft zu konsolidieren. Im Westen brachte der Aufstieg der Karolinger eine politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Stärkung, so daß zum Ende des 8. Jahrhunderts sowohl Westen als auch Osten aus den überwundenen Krisen gestärkt hervorgingen. Letztlich hierdurch bedingt sollte es zur Wiederaufnahme der Kontakte zwischen Ost und West kommen.

Direkter Auslöser hierfür „war die Entwicklung in Italien, die fortan bis zum Beginn der normannischen Einwanderung im 11. Jahrhundert eine Konstante der Auseinandersetzungen zwischen Byzanz und dem Franken- bzw. Sachsenreich werden sollte.“[17] Begünstigt durch die vorübergehende Schwäche und die damit verbundenen Handlungsunfähigkeit ihrer Nachbarn, hatten die Langobarden ihre Expansion auf Kosten Byzanz´ weiter voran treiben können. Als Ravenna im Jahre 751 endgültig in langobardische Hände viel und König Aistulf gegen Rom zog, begann ein Prozeß, der in der Begründung des „Zweikaiserproblems“[18] gipfelte. Durch die unmittelbare Bedrohung Roms wandte sich Papst Stephan II. nach vergeblichen Bittegesuchen gegenüber Konstantinopel an den eben zum König erhobenen Pippin, der dem Papst die erbetene Hilfe zu Teil werden ließ. Durch die Abmachungen von Ponthion und Quierzy stellte der Papst Rom unter den Schutz des fränkischen Königs und verlieh diesem und seinen Söhnen den Titel „Patricius Romanorum“. Im Gegenzug zwingt Pippin nach zwei erfolgreichen Feldzügen den Langobardenkönig Aistulf zur Rückgabe der eroberten Gebiete Ravenna und Pentapolis, die er an den Papst mittels einer Schenkung zurückgibt. Indem so das Verhältnis zwischen Frankenreich und Papsttum auf eine neue Stufe gehoben wurde, setzten die beteiligten Parteien eine Wegmarke, die richtungsweisend sein sollte für die Herausbildung der zweiten, ideologischen Konstanten in den Verhandlungen zwischen byzantinischen und westlichen Kaisern bzw. Königen: „Aus der Frage des physischen Schutzes Roms vor den Barbaren erwuchs durch die Katalysatorwirkung der päpstlichen Aktivität und angesichts des Machtzuwachses des Karolingerreiches schließlich jene potentiell konfliktive [...] Konstellation, für die Ohnsorge das Schlagwort des Zweikaiserproblems fand.“[19]

Die neue Entwicklung gipfelte dann mit der Kaiserkrönung Karls durch Papst Leo III. am Weihnachtstag des Jahres 800 in Rom. Durch den Aufstieg der Karolinger, der seinen Höhepunkt mit Karls Kaiserkrönung hat, wurde aber auch die „Phase des Schweigens“ zwischen Ost und West beendet. Denn bereits durch die Italienpolitik Pippins wurde das byzantinische Interesse geweckt. Eine erste Gesandtschaft des Basileus Konstantinos V. an Pippin im Jahre 756 „markiert den Beginn einer ersten kohärenten Phase byzantinisch-karolingischer Beziehungen.“[20] Bei den ersten diplomatischen Kontakten zwischen Pippin und Konstantinos V. ging es hauptsächlich um die folgenden Aspekte. Zum einen versuchte Konstantinos V. seinen Anspruch auf die von Pippin zurückeroberten Gebiete zu untermauern. Diesen Versuch mußte er aber wegen seiner Chancenlosigkeit bald aufgeben. Ein zweiter Aspekt waren religiöse Streitfragen, die sich auch noch zur Zeit Karls des Großen als Konfliktpotential darstellten. Im übrigen schienen aber beide Reiche um gegenseitige Verständigung bemüht zu sein. Denn es wurde auch über „amicitia et fides“ sowie über eine eheliche Verbindungen der beiden Herrscherhäuser, um dieses zu untermauern, verhandelt.[21]

Die Kaiserkrönung Karls des Großen schuf dann aber für das Verhältnis der beiden Reiche völlig neue Voraussetzungen. Denn ein zweites Kaisertum konnte es nach dem byzantinischen Herrschaftsverständnis gar nicht geben. Somit war der Konflikt zwischen den beiden Reichen ausgeweitet worden. Es ging fortan um die bereits oben genannten Hauptaspekte Italien, religöse Streitfragen und vor allem die Anerkennung des westlichen Kaisertitels durch Byzanz.

III.2. Die Entwicklung des Kaiserkonzepts Karl des Großen – Zwischen Konfrontation und Ausgleich mit Byzanz.

Wie verstand nun Karl der Große sein Kaisertum? Es war bei weitem nicht so, daß Karl vom Moment seiner Krönung zum Kaiser an ein festes Konzept hatte. Im Gegenteil, es entwickelte sich viel mehr mit den Jahren. Man kann diese Entwicklung in drei Phasen beschreiben und zwar erstens, als eine Phase der Ablehnung, zweitens als eine Phase der Annahme bzw. eigenen Anerkennung und zuletzt als eine Phase der Anpassung. Es muß festgehalten werden, daß, als er an Weihnachten 800 vom Papst die Kaiserkrone aufgesetzt bekam „zunächst mit diesem Vorgang nicht einverstanden war“[22] Dies läßt sich zunächst durch die von seinem Vater und ihm selbst neu entwickelte Auffassung des Königtums begreifen. Denn „in der Zeit Pippins wurde im Anschluß an das Alte Testament der Brauch der Königssalbung wieder erneuert.“ Auf dieser Bahn des Vaters ging Karl weiter und wurde von „seiner Umgebung als der neue David gefeiert.“[23] Er fügt sogleich nach seinem Regierungsantritt seinem Königstitel die Worte Dei Gratia, „von Gottes Gnaden“ an, und betrachtete sich unter den vielerlei Königen die es neben ihm gab, als das besondere Werkzeug Gottes, bestimmt, den einst von David und Salomo und den Königen des auserwählten Volkes gewordenen Auftrag auszuführen.“ Im Sinne dieses Selbstverständnisses erweiterte und vergrößerte Karl sein Reich und „führte den Kampf gegen die Ungläubigen und sorgte dafür, daß die Kirche in seinem Reich immer fester begründet dastand.“[24] Daraus läßt sich schließen, daß der Kaisertitel ihm gar nicht recht war, da dies die „unmittelbare Beziehung zu den alttestamentlichen Königen, die Karl mit seinen Theologen in den achtziger Jahren herausgearbeitet hatte“[25] gefährdete. Dies bezeugt, daß Karl den Kaisertitel zunächst nicht annahm, „weil er ihn nicht wollte.“[26] Dennoch soll sich Karl in dieser Phase um eine Verbindung beider Reiche bemüht haben. So wird in der Forschung von seinen Hochzeitsplänen mit der Kaiserin Eirene von Byzanz berichtet. Die Wiedervereinigung beider Reiche durch eine Zusammenführung von Ost und West in einem Universalkaisertum lag „für die Zeitgenossen im Bereich des Möglichen.“[27] Letztlich wird aber betont, daß dieses Projekt „zu diesem Zeitpunkt schon aufgrund der ungelösten Bilderfrage nicht ernst gemeint sein konnte.“[28] An anderer Stelle wird die Glaubhaftigkeit dieses Unternehmens noch stärker in Zweifel gezogen: „sollte jemand ein Zeugnis entdecken, man habe Maria Theresia mit dem Negus Negesti von Abessinien verheiraten wollen, um die Einheit ihre beiden christlichen Kaiserreiche herbeizuführen, könnte unser Erstaunen nicht größer sein.“[29] Bekanntlich ist dieses Projekt aber quellenmäßig bei Theophanes belegt. So kann man weniger über die Existenz des Projektes als über die Glaubwürdigkeit spekulieren. Mit der Absetzung Eirenes ändert sich aber auch das Kaiserkonzept Karls. Denn seit der Inthronisierung Nikephoros I. schien eine offene Rivalität zwischen den Herrschern beider Reiche hervorzutreten. Der Hintergrund dieses aufbrechenden Konflikts war, daß Karl den Byzantinern als „einer, der ihnen das Imperium habe entreißen wollen, sehr verdächtig gewesen“[30] sei. Denn Karl nannte sich fortan „Kaiser des Römischen Reiches“[31], ließ seine Münzen nach dem Vorbild Konstantins des Großen[32] prägen und fügte seiner Kaiserbulle die Inschrift „Renovatio Imperii Romani“ hinzu. „Karl der Große nahm also die Erneuerung des Römischen Reiches für sich in Anspruch.“[33] Hierdurch werden zwei Aspekte verdeutlicht. Zum einen war es Karl gelungen durch die Annahme der Tradition Konstantins des Großen, seine eigene Königsidee, die zwar auf alttestamentlicher Basis stand, aber vor allem auch das christliche Element betonte, mit der Kaiseridee zu verbinden. Denn Karl bemühte sich nicht um die Erneuerung des heidnischen Römischen Reiches, sondern um die des „römisch-christlichen [...], dem Konstantin seine Form und Inhalt gegeben hatte.“[34] Das heißt, in dem Augenblick, in dem Karl der Große die Kaiseridee der Spätantike bejahte, wandelte er sie im Sinne seiner eigenen Herrscheridee und der seines Vaters um. Zum anderen stellte die Annahme dieses Kaiserkonzeptes „einen Affront gegen die Byzantiner dar, wie er schwerer kaum zu denken war, weil er die Achse ihres Selbstbewußtseins traf.“[35] Dies führte auch bald zum Abbruch jeglicher Verhandlungen zwischen Ost und West und der gegenwärtige Konflikt in Italien, genauer, der Streit um Venetien löste den Kriegszustand aus. Jedoch mußte Byzanz sich bald aus dieser Auseinandersetzung zurückziehen, da die Bulgaren wieder einmal das byzantinische Reich bedrohten und dieser Konflikt von größerer Tragweite war. Dies zwang Nikephoros I und seinen Nachfolger Michael I. sich „im Westen wieder auf diplomatische Friedensanstrengungen zu verlegen.“[36] Von nun an wurde die dritte Phase eingeleitet und Karl bekundete sein Interesse an einem friedlichen Übereinkommen, denn ihm lag viel an der rechtmäßigen Anerkennung seines Kaisertums durch Byzanz. Mittels mehrerer diplomatischer Gesandtschaften kam dann 812 im Vertrag von Aachen ein Kompromiß zu Stande, mit dem beide Seiten leben konnten. Karl ging es nicht darum, das universal ausgerichtete Kaisertum an sich zu reißen. Er war darauf bedacht, daß sein Kaisertum als ein paritätisches angesehen wurde.[37] Wie wichtig ihm die Anerkennung war, geht aus den weitreichenden Konzessionen hervor, die Karl hierfür Byzanz gegenüber machte. Zum einen trat er die umstrittenen Territorien in Italien wieder an Byzanz ab. Zum anderen änderte er ein letztes Mal sein Kaiserkonzept. So schloß er das römische Element zum Leidwesen des Papstes aus dem Konzept aus und ließ den Titel des „Imperator Romanorum“ bzw. „Romanum gubernans imperium“[38] nicht mehr in seinen Urkunden führen und verzichtete auch auf die Formel der „Renovatio Imperii Romani“ auf seiner Kaiserbulle. Um den Ausschluß des römischen Elements und die Gleichrangigkeit zu betonen ließ Karl seinen Sohn und späteren Nachfolger Ludwig d. Frommen in Aachen und ohne päpstliches Zutun zum Mitkaiser krönen. Zudem war die Erhebung eines Mitkaisers in Konstantinopel üblich, ebenso spielte die Kirche bei der Krönung in Byzanz keine staatsrechtliche Rolle, so daß man hieraus schließen kann, daß sich Karl letztendlich vom konstantinischen Vorbild abwandte und dem byzantinischen zuwandte. Dies brachte ihm die Anerkennung, die sich darin manifestierte, daß er von den Legaten Michaels I. als basileus angesprochen wurde. Das er auf eine „paritätische Beurteilung der Weslherrschaft bedacht war“ wird auch letztlich dadurch deutlich, daß er in seinen letzten Briefen an die Basilei diese als „fraternitas tua“ bzw. „dilectus et honorabilis frater“ tituliert.[39]

[...]


[1] Schramm, Percy Ernst: „Kaiser, Könige und Päpste.“ Band III. Stuttgart 1969, S. 202

[2] Vgl. Ebenda

[3] Ebenda

[4] Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S. 38

[5] Schramm, Percy Ernst: „Kaiser, Könige und Päpste.“ Band III. Stuttgart 1969, S. 202

[6] Ohnsorge, Werner: „Das Zweikaiserproblem im frühen Mittelalter.“ Hildesheim 1947, S. 7 ff

[7] Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S. 19

[8] Ebenda S. 38

[9] Vgl. hierzu Schramm, Percy Ernst: „Kaiser, Könige und Päpste.“ Band III. Stuttgart 1969, S. 202

[10] Apulien, Capua und Benevent als Faustpfand Ottos I – Vgl. hierzu Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S. 59 und Widukind von Corvey: „Res gestae Saxonicae.“ Die Sachsengeschichte. Lib. III. cap. 71-74. Stuttgart 1981

[11] Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S. 9

[12] Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S. 9

[13] Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S. 29

[14] Ebenda S. 30

[15] Ebenda S. 31

[16] Ebenda

[17] Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S. 34

[18] Vgl. hierzu Ohnsorge, Werner: „Das Zweikaiserproblem im frühen Mittelalter.“ Hildesheim 1947

[19] Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S. 35

[20] Ebenda, S. 36

[21] Zu den Gesandtschaften zwischen Ost und West zwischen 756 und 1002 vgl. bezüglich Inhalt / Zweck: Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S.252 ff.

[22] Schramm, Percy Ernst: „Kaiser, Könige und Päpste.“ Band III. Stuttgart 1969, S. 425

[23] Ebenda

[24] Ebenda, S. 426

[25] Ebenda

[26] Ebenda

[27] Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S. 38

[28] Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S. 38

[29] Schramm, Percy Ernst: „Kaiser, Könige und Päpste.“ Band I. Stuttgart 1968, S. 291

[30] Ebenda

[31] Zum Einfluß Papst Leo III auf das Kaiserkonzept Karls d. Großen vgl. Ohnsorge, Werner: „Die Konstantinische Schenkung, Leo III. und die Anfänge der kurialen römischen Kaiseridee.“ In: Ders.: „Abendland und Byzanz. Darmstadt 1958, S. 70 - 110

[32] Vgl. Ebenda S. 372 Abb. 13a und 13 b

[33] Schramm, Percy Ernst: „Kaiser, Könige und Päpste.“ Band III. Stuttgart 1969, S. 426

[34] Ebenda, S. 427

[35] Schramm, Percy Ernst: „Kaiser, Könige und Päpste.“ Band I. Stuttgart 1968, S. 291

[36] Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S. 39

[37] Hierin ist sich die Forschung einig. (Vgl. bei Nehrlich S. 74 ff., Ohnsorge, Schramm Band I S. 294)

[38] Vgl. hierzu ausführlich Nerlich, Daniel: „Diplomatische Gesandtschaften zwischen Ost- und Westkaisern 756 – 1002.“ Bern 1999, S. 74

[39] Ebenda, S. 75

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Otto der Große und Byzanz
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Philosophische Fakultät )
Veranstaltung
Hauptseminar : Otto der Große
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
35
Katalognummer
V53687
ISBN (eBook)
9783638490658
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beleuchtet das Herrschafts- und Kaiserkonzept Ottos I. und seiner Nachfolger. Im Zentrum der Analyse steht der daraus resultierende Konflikt zwischen Orient und Okzident, zwischen Rom und Konstantinopel.
Schlagworte
Otto, Große, Byzanz, Hauptseminar, Otto, Große
Arbeit zitieren
Christian Wunner (Autor), 2002, Otto der Große und Byzanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53687

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