Das Frauenbild in "Dantons Tod" von Georg Büchner

Charakterisierung der Figuren Julie, Lucile und Camile


Hausarbeit

19 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zum Frauenbild Ende des 18. Jahrhunderts

2. Julie Danton
2.1. Julie als Ruhepol für Danton und rationale Komponente der Beziehung

3. Lucile Desmoulins
3.1. Lucile als naive und anbetende Ehefrau?
3.2. Luciles indirekter Selbstmord als reiner Liebestod
3.3. Vergleich der Beziehungen Julie/Danton und Lucile/Camille

4. Marion als Kontrapunkt zu Julie und Lucile

Einleitung

Büchners Drama Dantons Tod, das 1835 in der Literaturzeitschrift Phönix erschienen ist, vermag es auch heute noch, die Forschung zu fesseln. Nicht umsonst wird Dantons Tod zum wiederholten Male in Baden-Württemberg als eines von drei Werken in der Deutsch-Abiturprüfung abgefragt und gilt als ein gern aufgeführtes Bühnenwerk. Während dem Revolutionsstoff und den männlichen Protagonisten in der Forschungsliteratur jedoch viel Raum eingeräumt wird, scheinen die Frauenfiguren bislang eher vernachlässigt worden zu se.1 Das mag daran liegen, dass Büchner Luciles Charakter beispielsweise nur vier Szenen im gesamten Drama widmet und auch sonst die Frauen eher eine untergeordnete Rolle zu spielen scheinen.2 Dennoch lässt sich nicht abstreiten, dass das Drama durch die Frauenfiguren eingerahmt wird und sich sogar eine „Domanzverschiebung der Geschlechter ausmachen lässt: so begnt es mit einer Unterhaltung über „cœur“ und „carreau“, welche in einer Liebeserklärung von Danton an Julie mündet und endet mit Luciles politischer Parole, die ihr schließlich den Tod bringen wird.3 Sogar die Metaphorik von Danton nerhalb der ersten Szene, nach der Julies Lippen „Totenglocken“ gleichen und ihre Stimme „Grabgeläute“ (I, 1) für ihn seien, überschneidet sich mit den Worten, die Lucile kurz vor ihrem Tode wählt, um die Guillotine zu beschreiben. Wenn man zusätzlich berücksichtigt, dass Büchner bei der Gestaltung seiner Frauenfiguren erheblich von den historischen Quellen abgewichen ist, verstärkt sich die These, dass man den weiblichen Hauptfiguren in Dantons Tod mehr Beachtung schenken und ihren Einfluss auf die Atmosphäre des Dramas nicht unterschätzen sollte.

Bereits das Personenverzeichnis erweist sich bezüglich der Frauenfiguren und ihrer Bedeutung in Dantons Tod als aussagekräftig. An oberster Stelle listet Georg Büchner Danton und seine Anhänger auf. Hiernach scheinen die restlichen Figuren der Priorität nach angeordnet zu sein. Es verwundert daher nicht, dass sich an unterster Stelle die „Männer und Weiber aus dem Volk, Grisetten, Deputierte, Henker etc. wiederfmden, die auch in der historischen Gesellschaft vermutlich an unterster Stelle verortet waren.4

Weiter fällt auf, dass Julie und Lucile zwar als eigenständige Figuren aufgeführt werden, sie allerdings jeweils die Bezeichnung „Dantons Gattin“ beziehungsweise „Gattin des Camille Desmoulins“ (I, 1) zugewiesen bekommen. Dies könnte von Büchner bereits der erste Fingerzeig dahingehend sein, dass Julie und Lucile keine andere Rolle zukommen kann, als die der Ehefrau.5 In der Forschungsliteratur wurde des Öfteren darauf hingewiesen, dass sich in Dantons Tod keinerlei Zwischenstufen finden lassen. So schreibt Bille Haag beispielsweise: „Ist die Frau nicht die [...] in Liebe treue Ehefrau, dann ist sie die Hure, die öffentliche, die verfügbare Frau“6. Bei den Frauen in Dantons Tod handelt es sich demnach entweder um Ehefrauen oder aber um Prostituierte beziehungsweise Charaktere die so unwichtig sind, dass sie nicht einmal einen Namen verdienen. Hier könnte man besonders auf Simon und sein „Weib“ aufmerksam machen.

In der vorliegenden Arbeit sollen drei Frauenfiguren näher betrachtet werden: Julie Danton, Lucile Desmoulins und Marion. Julie und Lucile stehen im Fokus, da sie mit zwei der Protagonisten verheiratet sind und sich sogar dafür entscheiden, mit ihnen in den Tod gehen. Auch der Prosituierten Marion soll ein eigener Abschnitt zukommen. Denn, obwohl sie nur eine Nebenfigur ist und auf die Haupthandlung keinen Einfluss nimmt, darf sie sich und ihre Lebensgeschichte als einzige weibliche Figur in einem langen Monolog erklären.

Die Arbeit hat zum Ziel, zu zeigen, wie Büchner die drei erwähnten Frauenfiguren in Dantons Tod charakterisiert. Julie soll hierfür als Erste der drei Frauen behandelt werden. Eine Analyse der Eröffnungsszene des Dramas sowie der fünften Szene des zweiten Aktes sollen Aufschluss über die Beziehung zwischen ihr und Danton geben. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf die Rolle der Ehefrau gelegt. Lucile Desmoulin stellt den zweiten Teil der Arbeit dar. Parallel zum ersten Teil wird zunächst die Beziehung zwischen ihr und Camille untersucht, sowie die Rolle der Ehefrau herausgearbeitet. Luciles indirekter Selbstmord und ein Vergleich der beiden Ehefrauen hinsichtlich ihrer Rollen bilden den Abschluss des zweiten Teils. Der dritte Teil der Arbeit setzt sich mit der Prostituierten Marion und ihrem Lebensbericht auseinander.

Es wird sich zeigen, dass Julie in der Beziehung zu Danton die rationale Komponente verkörpert, während Danton vergleichsweise emotional dargestellt wird. Trotzdem scheinen sich die beiden Ehepartner auf einer Ebene zu befinden – so erweist sich Julie auch in politischen Angelegenheiten für Danton als eine wertvolle Gesprächspartnerin, wie sich anhand der Szene um die Septembermorde zeigt. Julies ästhetischer Selbstmord geschieht freiwillig und kann als ein Akt der Solidarität zu Danton gedeutet werden. Lucile und Camille stellen dagegen das emotionale Gegensatzpaar zu Julie und Danton dar. Passend hierzu scheint der indirekte Selbstmord von Lucile im Vergleich zu Julies Gifttod aus dem Affekt heraus zu entstehen, während Julie den ihren plant.

Weiter tritt Lucile als „naive“ Ehefrau auf, die ihren Ehemann anbetet und von seinen politischen Umständen, in denen er sich befindet, nichts zu verstehen vorgibt . Die Marion-Episode zeigt dem Leser einerseits den Werdegang der Prostituierten Marion und gibt weiter Aufschluss über Dantons Charakter. Obwohl sie als emanzipierte Frau beschrieben werden kann, gelingt es Danton nicht, sie außerhalb ihrer Rolle als Freudenmädchen zu betrachten und er reduziert sie fortwährend auf ihre sexuellen Merkmale. Marions Charakter steht damit in starkem Kontrast den Ehefrauen gegenüber, da sie in den „größeren sexuellen Diskurs des Dramas“7 eingebunden wird und mit ihrer Charakterdarstellung ein anderes Ziel verfolgt wird, als bei der von Julie und Lucile.

1. Zum Frauenbild Ende des 18. Jahrhunderts

Um Büchners Gestaltung der Frauenfiguren in Dantons Tod besser verstehen zu können, sollte zunächst eine Betrachtung zur gesellschaftlichen Stellung der Frau Ende des 18. Jahrhunderts erfolgen. Bille Haag zeigt in ihrem Aufsatz „Die Frauen in Georg Büchner: Dantons Tod “ auf, dass die Frau Ende des 18. Jahrhunderts in den meisten „Intellektuellenkreisen [...] als ungeeignet für das Öffentliche“8 galt. Frauen seien unberechenbar, müssten gezügelt werden und man dürfe ihnen kein öffentliches Handeln zugestehen.9 Während Männer „mit ihrem Geist und ihrer Leistungskraft“10 identifiziert wurden, reduzierte man Frauen fortwährend auf ihre Sexualität oder ihren Körper. Wie bereits erwähnt, findet sich auch bei Büchner eine Form der Zweiteilung: Wenn den Frauen nicht die Rolle der Ehefrau zukommt, dann die der Prostituierten. Büchner selbst muss sich dieser Problematik bewusst gewesen sein – nicht umsonst lässt er in höchstem Maße emanzipatorisches Gedankengut die Prostituierte Marion formulieren, statt Julie oder Lucile. Frauen können zu diesem Zeitpunkt zwar selbständig oder selbstbewusst sein und eigene Entscheidungen treffen, allerdings immer „unterhalb der Höhe des Mannes“11. Eben diesen Fall scheint der Leser in Dantons Tod vorzufinden: drei Frauen – jede auf ihre Weise selbstständig. Da wäre Julie Danton: politisch bewandert, mit Danton auf einer Augenhöhe sowie liebevoll und besorgt. Sie bringt sich schließlich aus freien Stücken in einem Akt der Solidarität für ihren Ehemann um. Lucile Desmoulins repräsentiert ebenfalls eine Ehefrau: Sie wird als hingebungsvoll, gefühlvoll und als ganz ihrem Camille ergeben dargestellt. Am Ende des Dramas bringt auch sie sich für ihren Ehemann um, da ihr das Leben ohne ihn nicht mehr lebenswert erscheint. Und schließlich Marion – die ursprünglich aus einem bürgerlichen Elternhaus stammende Prostituierte, die sich ihren Lebensweg selbst erwählt hat und bei der die Männer nicht in der Lage zu sein scheinen, sie unabhängig von ihrer Sexualität zu betrachten. Auf Grund ihres Berufes bleibt sie das ständige „Sexualobjekt des männlichen Partners: ihre Identität ist nicht autonom, sondern von außen her“12

2. Julie Danton

Henry Schmidt bemerkt, dass Büchner bei seinen Charakteren in Dantons Tod streng nach den historischen Vorlagen arbeitet, hinsichtlich der Charakterdarstellung von Julie Danton und Lucile Desmoulins jedoch deutlich von ebendiesen abweicht und historische Figuren durch literarische ablöst.13 So hieß die historische Ehefrau von Danton keineswegs Julie, sondern Sebastienne-Louise Gély. Sie beging zudem für ihren Ehemann keinen Selbstmord, sondern überlebte diesen und heiratete 1797 sogar erneut.14 Wie Büchner seinen literarischen Charakter in Dantons Tod zeichnet, soll im Folgenden gezeigt werden. Dass Julie als Erste der drei Frauen beleuchtet wird, hat mehrere Gründe: So ist sie nicht nur die Ehefrau der titelgebenden Figur, sondern zudem in der Eröffnungsszene des Dramas anwesend. Im Folgenden soll ebendiese Szene analysiert und die Beziehung zwischen Danton und Julie herausgearbeitet werden.

2.1. Julie als Ruhepol für Danton und rationale Komponente der Beziehung

Bereits die räumliche Anordnung des Ehepaares während der ersten Szene lässt erste Rückschlüsse auf die Beziehung zwischen ihnen zu. Danton liegt wortwörtlich „zu den Füßen liegt“ (I, 1) von Julie tritt im Gegensatz zu ihr sehr emotional auf. Obwohl ihre Frage, ob Danton an sie glaube, als Zeichen der Unsicherheit gesehen werden könnte, ist er derjenige, der mit starken Zweifeln zu kämpfen hat. Er fühlt sich „sehr einsam“ und würde am liebsten die „Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren“ (I, 1). Julie scheint die Zweifel ihres Ehemannes nicht zu teilen. Sie wirkt vor allem im direkten Gegensatz zu Danton sehr nüchtern und rational. Dies spiegelt sich auch sprachlich durch kurze analytische Sätzen wieder. So geht sie auf seine skeptischen Äußerungen nicht weiter ein, sondern entgegnet ihm ruhig: „Du kennst mich“ (I, 1).

Neben seinen Zweifeln an zwischenmenschlicher Kommunikation offenbart Danton dem Leser zudem eine latente Todessehnsucht, als er Julie erklärt, er liebe sie „wie das Grab“ (I, 1). Dadurch wird bereits in der ersten Szene das Konzept der Liebe mit dem Tod in Verbindung gebracht. Eine Verknüpfung, die neben dem Revolutionsgeschehen im gesamten Drama das zweite große Leitthema darstellen wird. An dieser Stelle sollte auf das kommunikative Missverständnis zwischen den beiden Liebenden hingewiesen werden: Während für Danton der Vergleich Julies mit einem Grab offensichtlich etwas positives ausdrücken soll – so scheint er bei ihr eine Ruhe und Geborgenheit zu empfinden, die man auch im Tode finden kann – empfindet sie seine Äußerung sichtlich als negativ. Nach seiner Äußerung wendet sie sich mit einem überraschten „Oh!“ (I, 1) ab und spricht nicht mehr mit ihm, bis er die Szene verlässt. Es bleibt daher unklar, ob sie seine Ausführungen zu dem Kompliment noch mitverfolgt oder nicht.15 Obwohl Julies Redeanteil in der Szene sehr gering ausfällt, zeigen sich bereits hier einige für sie charakteristische Eigenschaften: Ihre ruhige und Art, sowie ein tiefes Vertrauen in Danton wie auch in die Beziehung scheint in jeder Szene, in der sie auftritt, durch. Gerhard Knapp spricht Julie bezüglich sogar von einem idealistischen Weltbild, „das in ihrer Liebe zu Danton ruht“16.

Die beruhigende Wirkung Julies auf Danton wird in der Eingangsszene bereits von Danton selbst artikuliert, zeigt sich aber in voller Deutlichkeit in der fünften Szene des zweiten Aktes. Hier steht Danton nachts am Fenster und wird von Albträumen gequält. Ausgelöst werden diese offensichtlich durch die zurückliegenden Septembermorde, für die Danton sich verantwortlich zu fühlen scheint. Dantons Vision nach sei er zunächst auf der Erdkugel geritten und später von ihr abwärts geschleift worden: „ich hatte sie wie ein wildes Ross gepackt, mit riesigen Gliedern wühlt ich in ihrer Mähne und presst ich ihre Rippen, das Haupt abwärts gebückt, die Haare flatternd über dem Abgrund. So ward ich geschleift“ (II, 5). Das Bild Dantons, der von etwas, das er selbst in Bewegung gesetzt hat, über den Boden geschleift wird, lässt sich ohne Weiteres auf die Revolution selbst beziehen. Danton scheint sich von den Ereignissen und dem Verlauf der Revolution überrollt zu fühlen und die Kontrolle über die Revolution verloren zu haben.17

[...]


1 vgl. Reinhold Grimm: Cœur und Carreau. Über die Liebe bei Georg Büchner. In:Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Georg Büchner I/II. Sonderband Text + Kritik. München 1982, S. 299.

2 Henry J. Schmidt: Frauen, Tod und Revolution in den Schlußszenen von Büchners Dantons Tod. In: Zweites Internationales Georg Büchner Symposium 1987. Frankfurt am Main 1990, S. 287.

3 vgl. ebd., S. 304.

4 vgl. Schmidt 1990, S. 288.

5 Georg Büchner: Dantons Tod. In: Ders.: Historisch-Kritische Ausgabe mit Kommentar, hg. von Werner A. Lehmann. Hier: Band 1: Dichtungen und Übersetzungen mit Dokumentationen zur Stoffgeschichte.

6 Bille Haag: Die Frauen in Georg Büchner: Dantons Tod. In: Denkbilder. Festschrift für Eoin Bourke. Hg. von Herrmann Rasche und Christiane Schönfeld. Würzburg 2004, S. 377.

7 Gerhard P. Knapp: Georg Büchner. Stuttgart 2000, S. 121.

8 Haag 2004, S. 375.

9 vgl. ebd.

10 ebd.

11 ebd., S. 379.

12 Knapp 2000, S. 122.

13 vgl. Henry J. Schmidt: Frauen, Tod und Revolution in den Schlußszenen von Büchners Dantons Tod. In: Zweites Internationales Georg Büchner Symposium 1987. Frankfurt am Main 1990, S. 288.

14 vgl. Theo Buck: Liebe, Revolution, Tod. Zur Lucile-Figur in Büchners Drama ¨Dantons Tod¨. In: Eros - Liebe - Leidenschaft. Meisterwerke der Weltliteratur Bd. II. Ringvorlesung der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen im SS 1987. Hg. von H. Kaspar Spinner und Frank-Rutger Hausmann. Bonn 1988, S. 133.

15 An dieser Stelle könnte man sich fragen, ob Danton absichtlich ein Kompliment gewählt hat, von dem er wusste, dass es zu einem Missverständnis führen könnte, um seine Überzeugung bezüglich der Unmöglichkeit zwischenmenschlicher Kommunikation zu festigen? vgl. Knapp 2000, S. 118 f.

16 Hamburg 1971. (Zitate aus diesem Werk werden im folgenden Text mit der entsprechenden Akt-, und Szenenangabe im Fließtext vermerkt.)

17 Hansjürgen Popp: Dantons Tod. Stuttgart 2007, S. 26.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Frauenbild in "Dantons Tod" von Georg Büchner
Untertitel
Charakterisierung der Figuren Julie, Lucile und Camile
Autor
Seiten
19
Katalognummer
V537076
ISBN (eBook)
9783346199607
Sprache
Deutsch
Schlagworte
büchner, camile, charakterisierung, dantons, figuren, frauenbild, georg, julie, lucile
Arbeit zitieren
Dilara Erginos (Autor:in), Das Frauenbild in "Dantons Tod" von Georg Büchner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537076

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