Die Verbindung zwischen phänomenologischer Soziologie und klassischer Musik bei Alfred Schütz


Essay, 2015

9 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundzüge der phänomenologischen Soziologie nach Schütz

3. Der Zusammenhang von Musik und Soziologie

4. Fazit

5. Verzeichnis der verwendeten Quellen und Literatur
5.1. Werke von Alfred Schütz
5.2. Sekundärliteratur
5.3. Internetquellen

1. Einleitung

„Ich möchte mit der einfachen Feststellung beginnen, daß es so etwas wie eine phänomenologische Soziologie nicht gibt. Ich möchte sogar behaupten, daß es so etwas nicht geben kann.“1 Trotz dieser harschen Worte von Thomas Luckmann, der nach dem Tod von Schütz sein unvollendetes Werk „Strukturen der Lebenswelt“ bearbeitete und herausbrachte, ist der phänomenologische Ansatz von Alfred Schütz bis heute geachtet und ein wichtiger Teil in der Entwicklung der modernen Soziologie. Schütz, der sich zunächst nur in seiner Freizeit mit Soziologie beschäftigte und zu seiner Lebzeit weniger bekannt war, entwickelte Theorien von Husserls und Weber weiter, sodass seine Ansätze bis heute ein wichtiger Teil des Fachs sind.

Was man von Alfred Schütz über sein soziologisches Vermächtnis hinaus weiß, ist, dass er einen Hang zur Musik hatte. Nicht zuletzt sein sehr lesenswertes Werk „Mozart und die Philosophen“, in dem er sowohl die Gedanken einiger Philosophen zu Mozarts Opern, als auch die möglichen Verbindungen Mozarts und seiner Musik zur Philosophie diskutiert, zeigen ihn als einen Mann, der sich stark mit Musik und dessen Theorie auseinandersetzte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er auch versuchte Musik mit seinem Fach, der Soziologie, zusammenzubringen. Doch wie sahen diese Ansätze aus? In diesem Essay möchte ich zunächst kurz den phänomenologischen Ansatz in der Soziologie erläutern, um darauf aufbauend zu erklären wie Schütz Musik in der phänomenologischen Soziologie verortet.

Die Grundlage des ersten Kapitels bildet das Werk „Strukturen der Lebenswelt“, welches von Schütz begonnen und von Luckmann vollendet wurde. Da die Ausführungen von Schütz und Luckmann in diesem Werk sehr weit gehen, habe ich mich dazu entschlossen zusätzlich Sekundärliteratur in Form eines Kapitels aus dem Buch „Phänomenologische Soziologie“ von Peter Fischer hinzuzuziehen, um die Beschreibung der phänomenologischen Soziologie kurz fassen zu können. Auch dem zweiten Kapitel liegt sowohl Literatur von Schütz selbst, als auch Sekundärliteratur zugrunde. In diesem Fall habe ich ein Kapitel aus „Milieu und Lebenswelt“ von Richard Grathoff zu Rate gezogen, der sich darin speziell mit der Musiksoziologie von Alfred Schütz auseinandersetzt. Zudem liegen mir die beiden bekanntesten Aufsätze von Schütz zur Musik, „Mozart und die Philosophen“ und „Gemeinsam Musizieren“, vor.

2. Grundzüge der phänomenologischen Soziologie nach Schütz

Da sich selbst für die Grundzüge der phänomenologischen Soziologie noch genug Seiten füllen lassen würden, um eine eigene Hausarbeit darüber zu verfassen, werde ich mich in diesem Teil sehr kurz fassen und nur das detailliert beleuchten, was für das folgende Kapitel von erhöhter Relevanz ist.

Jedoch kann man die Grundzüge der phänomenologischen Soziologie nicht erklären ohne Edmund Husserl zu nennen. Dieser versuchte Täuschungen in der Wahrnehmung der Wirklichkeit dadurch zu verhindern, dass er vom Subjekt ausgehend nur das betrachtet, was das „reine Schauen“ erfasst. Es werden also subjektive Ereignisse ohne Interpretationen betrachtet. Mit dieser Idee begründete Husserl die Phänomenologie.2

Neben Husserls Phänomenologie, spielte für Schütz vor allem die „Verstehende Soziologie“ von Max Weber eine tragende Rolle. Dieser versuchte soziale Handlungen zu verstehen, indem er davon ausging, dass die Handelnden bestimmte Phänomene mit Werten verknüpfen. Diese Verknüpfung bringt die Handlung in einen Sinnzusammenhang, der von außen gedeutet werden kann. So können bestimmte Idealtypen herausgearbeitet werden.

Schütz verknüpfte diese beiden Theorien miteinander, indem er sich fragte, wie sich der subjektive Sinn bei Weber begründet. Webers Analyse richtet sich nur nach dem rationalen Handeln, während sich Schütz sicher war auch in affektiven und irrationalen Handlungen einen Sinn zu sehen. Er ging davon aus, dass es verschiedene Sinnschichten gibt, die mit den Handlungen verknüpft sind. Dieser Zusammenhang zwischen Handlung und Sinn findet sich in Schütz weiterer Arbeit immer wieder.

Um diesen Zusammenhang zu erforschen bediente sich Schütz der Konstitutionsanalyse, die schon für Husserl eine Rolle spielte. Bei Husserl lag jedoch der Schwerpunkt darauf, herauszufinden, wie sich Dinge im Bewusstsein des Subjekts konstituieren. Bei Schütz ging es darum die Konstitution des Sinns im Subjekt zu erfassen. In Verbindung damit machte Schütz zwei wichtige Unterscheidungen. Zum einen unterschied er zwischen dem Erlebten und dem Erleben. Das Erlebte ist bereits reflektiert und enthält neben dem thematischen Kern, dem Ereignis selbst, auch ein thematisches Feld, welches von den Vorerfahrungen des Subjekts abhängig ist. Ähnlich verhält es sich mit der zweiten Unterscheidung zwischen Handeln und Handlung. Während das Handeln nur den eigentlichen Prozess beschreibt, meint Handlung den Entwurf, der hinter dem Handeln steht. In diesem Handlungsentwurf manifestiert sich das Motiv des Tuns. Dieses wiederum muss nicht bewusst vollzogen werden. Somit kann der subjektive Sinn des Handelns ein gänzlich anderer sein, als der in der Reflexion zugesprochene. Mit Hilfe dieser Unterscheidungen versucht die Kontsitutionsanalyse die räumlichen, zeitlichen und sozialen Strukturen von Bewusstseinsprozessen zu durchleuchten.3

Um zu verstehen woher subjektives Verhalten kommt, ging Schütz davon aus, dass sich die Erfahrungen, die in konkreten sozialen Situationen gemacht werden, zu einem subjektiven Wissensvorrat anhäufen. Jeder Mensch ruft also in sozialen Situationen sein subjektives Wissen ab und bringt es in die Situation ein. Dazu muss sie nicht neu ausgelegt werden, sondern durch Routinisierung wird automatisch auf den Wissensvorrat zugegriffen. Dass sich Menschen in einer konkreten kommunikativen Situation trotz der subjektiven Ausgangslagen verständigen können liegt daran, dass, wie von Husserl ebenfalls schon thematisiert, der soziale Mensch immer vom Anderen abhängig ist. Hierfür ist das Fremdverstehen unabdingbar. Jedoch ist uns die subjektive Ausgangslage vom Anderen nur teilweise bekannt, weshalb ein komplettes Fremdverstehen nur schwer möglich ist. Daher wird bei der Interpretation des sozialen Handelns des Anderen der eigene Handlungsentwurf zugrunde gelegt. Man geht davon aus, dass der Gegenüber, ähnliche oder gleiche Erfahrungen gemacht und somit einen ähnlichen subjektiven Wissensvorrat besitzt. Neben dem subjektiven Sinn des Handelnden, spricht Schütz in diesem Zusammenhang auch von einem objektiven Sinn des Deutenden. Die Erlebnisse werden vom Deutenden in den Gesamtkontext seiner eigenen Erfahrungen einsortiert und so auf soziale Weise verarbeitet.4

All diese phänomenlogischen Prinzipien, die Vorgänge sozialer Handlungen und Situationen beleuchten, sind in der Lebenswelt verortet. Wissenschaften, die diese Vorgänge als Kern haben, müssen laut Schütz „mit einer Beschreibung der Grundstrukturen der vorwissenschaftlichen, für den – in der natürlichen Einstellung verharrenden – Menschen selbstverständlichen Wirklichkeit beginnen. Diese Wirklichkeit ist die alltägliche Lebenswelt.“5

Schütz beschäftigte sich daher besonders mit dem Aufbau und der Theorie der Lebenswelt, die zuvor auch schon von Husserl und anderen Soziologen beschrieben wurde. Er versuchte eine Ordnung in das Konstrukt zu bringen, indem er ihr eine räumliche, zeitliche und soziale Begrenzung zuspricht. Die räumliche Gliederung beginnt beim Körper des Menschen und endet dort, wo die Erreichbarkeit des Handelnden endet. Der zeitliche Kontext wird natürlich durch Geburt und Tod begrenzt. Dort spielen beispielsweise Tagesabläufe eine Rolle. Bei der sozialen Schichtung geht es um die Beziehung zwischen dem alter (Ich) und dem ego (Du). Soziale Beziehungen lassen sich nach dem Grad der Unmittelbarkeit einordnen. Von Menschen, die einem unmittelbar Nah sind, wie Lebenspartner oder Familie, bis zu Bekannten, mit denen man schon länger keine sozialen Kontakte geknüpft hat. Diese drei Punkte sind eng miteinander verknüpft. So kann die zeitliche Komponente auch für die räumliche eine Rolle spielen, da man beispielsweise entfernte Orte erst erreichen muss, was Zeit kostet. Auch der soziale Aspekt ist mit dem räumlichen verknüpft, da die Entfernung dafür sorgen kann, dass zwei Menschen wenig sozialen Kontakt pflegen.6

Alfred Schütz versuchte also mit Hilfe des Begriffs der Lebenswelt soziale Handlungen des Alltags zu ordnen und so besser verstehen zu können. Wie dieser theoretische Ansatz in einem konkreteren Beispiel aussehen kann, lässt sich anhand klassischer Musik erklären. Dieses Beispiel von Schütz möchte ich im zweiten Kapitel etwas näher darlegen.

3. Der Zusammenhang von Musik und Soziologie

Alfred Schütz hatte, wie in der Einleitung schon erwähnt, eine Verbindung zur Musik. Dass er auch über profunde Kenntnisse über die Theorie der Musik besaß, bestätigte sein Freund Emanuel Winternitz, der selber Kurator der Abteilung für Instrumente im Metropolitan Museum of Art in New York City war.7 So liegt es nah, dass er in seinen beiden großen Aufsätzen zur Musik, „Mozart und die Philosophen“ und „Gemeinsam Musizieren“, nicht nur seiner Liebe zur Musik Ausdruck verleihen wollte, sondern zudem seinen soziologischen Ansatz mit der Musik zu verbinden versucht.

Für Schütz ist Musizieren eine Form von kommunikativem sozialem Handeln auf verschiedenen Ebenen. Unabhängig von Sprache und Schrift bildet es einen vor-semantischen Bereich in der Lebenswelt. Seien Aufsatz „Gemeinsam Musizieren“ beginnt er mit den beiden Sätzen „Musik ist ein Sinnzusammenhang, der nicht an ein Begriffsschema gebunden ist. Und dennoch kann dieser Sinnzusammenhang ein Gegenstand der Kommunikation sein.“8 Weiterhin beschreibt er in diesem Aufsatz verschiedene soziale Beziehungsmuster beim Musizieren, die auf eine solche nonverbale Kommunikation aufbauen. Zum einen liegt eine unmittelbare Beziehung zwischen den verschiedenen Musikern vor, die zusammen an der Musik arbeiten. Die Beziehung zum Komponisten hingegen bleibt mittelbarer.9 Dennoch ist die Beziehung zum Komponisten sehr interessant, denn obwohl ein Musiker den Komponisten nicht persönlich kennt, möglicherweise noch nicht einmal mit seinen Stücken vertraut ist, wird er die Musik einordnen können. Zu verdanken hat er dies seinem Wissensvorrat. Das von Lehrern oder anderen Personen beigebrachte Wissen über Musik ist sozial abgeleitet, da es zwischenmenschlich vermittelt wurde. Ebenso beleuchtet Schütz die Beziehung zwischen Komponist und Hörer, die ebenfalls erst einmal keine ist, da jedes Werk „als eine sinnvolle Einheit unabhängig vom persönlichen Leben seines Schöpfers“10 existiert. Dennoch weckt ein Werk im Hörer Empfindungen, welche durch die Elemente der Musik hervorgerufen werden, indem sie jederzeit miteinander in Verbindung gebracht werden. Da der Komponist dies antizipierte, als er das Werk schrieb, kann man sagen, dass diese Leistung eine kommunikative Absicht mit sich bringt.11 Die Strukturierung der Intersubjektivität in der Lebenswelt lässt sich also beim Musizieren wiederfinden.

[...]


1 Luckmann, Thomas – Phänomenologie und Soziologie. In: Sprondel, Walter M./ Grathoff, Richard – Alfred Schütz und die Idee des Alltags in den Sozialwissenschaften. Stuttgart 1979. S.196

2 Vgl. Fischer, Peter – Phänomenologische Soziologie. Bielefeld 2012. S.11-16

3 Vgl. Fischer, Peter – Phänomenologische Soziologie. Bielefeld 2012. S. 31-39

4 Vgl. ebd. S.40-49

5 Schütz, Alfred/ Luckmann, Thomas – Strukturen der Lebenswelt (Soziologische Texte Bd. 82). Darmstadt 1975. S. 23

6 Vgl. Fischer, Peter – Phänomenologische Soziologie. Bielefeld 2012. S. 50-59

7 Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Emanuel_Winternitz (aufgrerufen am 07.11.2007; 09:49) & Vgl. Grathoff S. 219

8 Schütz, Alfred – Gemeinsam Musizieren. In: Brodersen, Arvid - Gesammelte Aufsätze II Studien zur soziologischen Theorie. Den Haag 1972. S. 129

9 Vgl. Grathoff, Richard – Milieu und Lebenswelt. Frankfurt am Main 1995. S. 217-224

10 Schütz, Alfred – Gemeinsam Musizieren. In: Brodersen, Arvid - Gesammelte Aufsätze II Studien zur soziologischen Theorie. Den Haag 1972.S. 140

11 Vgl. ebd. S. 140f

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Die Verbindung zwischen phänomenologischer Soziologie und klassischer Musik bei Alfred Schütz
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
9
Katalognummer
V537094
ISBN (eBook)
9783346127433
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verbindung, soziologie, musik, alfred, schütz
Arbeit zitieren
Onno Suntken (Autor), 2015, Die Verbindung zwischen phänomenologischer Soziologie und klassischer Musik bei Alfred Schütz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537094

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