Die Erzähltechnik und literarische Montage in Alfred Dublins "Berlin Alexanderplatz - Die Geschichte von Franz Biberkopf"


Hausarbeit, 2017

14 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erzählsituationen
2.1 Erzählperspektiven
2.2 Bezug zum Romanprolog
2.3 Auktoriale Erzählsituation bezogen auf die Kapitelüberschriften
2.4 Der Tod als Erzähler und Darsteller

3. Der Montagebegriff
3.1 Der Montagebegriff nach Döblin
3.2 Montage im „Berlin Alexanerplatz“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“ schuf Alfred Döblin im Jahre 1930 ein Kunstwerk, das durch seine komplexe Struktur und Erzählweise den Begriff des epischen Erzählens prägen und verändern sollte. Mithilfe von Erzählungen, Berichten, DokumentaNonen und Zitaten baut Döblin seine eigene Stadt auf, indem sich nicht nur der Protagonist der Geschichte zurecht finden muss, sondern auch der Leser. Das dynamische Werk zwingt den Leser, sich eigens OrienNerungspunkte zu setzen, um zu einer eigenen Ansicht der Stadt zu gelangen.

In dem Klassiker der Literatur des 20. Jahrhunderts geht es um den Protagonisten Franz Biberkopf, der frisch aus dem Gefängnis entlassen wird und versucht in Berlin ein anständiges Leben zu führen. Er versagt sowohl aus eigner KraZ, wie auch aus Fremdeinflüssen, die sich im weiteren Verlauf als Schicksalsschläge erweisen. Die Stadt ist mit seinen akusNschen und bildlichen Überreizungen ein starker Gegner, die ihn zu verschlingen droht.

In dieser Arbeit gehe ich auf das kunstvolle Erzählgewebe von Döblin ein und stelle die verschiedenen ErzählsituaNonen in Theorie und Praxis dar. Dazu beziehe ich mich auf den Romanprolog und erleuchte die darin enthaltenen ErzählsituaNonen. Um die auktoriale Allwissenheit des Erzählers genauer zu betrachten, knüpfe ich ebenso an die KapitelüberschriZen an. Anschließend gehe ich auf einen „übernatürlichen" Erzähler -den Tod- ein, der plötzlich im Roman auZaucht und als weitere erzählende Instanz eine Rolle zugewiesen bekommt.

Weiterhin setze ich mich mit dem Begriff der Montage und dessen literarische Bedeutung für Döblin auseinander. Die Relevanz der Montagearbeit für den Autoren untermauere ich, indem ich seine Montagetechnik näher beschreibe und runde die Hausarbeit schließlich mit einem Fazit ab.

2. Erzählsituation

Ein typologisches Modell sämtlicher denkbaren ErzählsituaNonen wurde in den 1950er Jahren von Franz Karl Stanzel entworfen.1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das oben dargestellte Diagramm stellt die Idealtypen der drei verschiedenen ErzählsituaNonen dar und die Abhängigkeit der je nebenliegenden KonsNtuenten. Sprich, bei der auktorialen ErzählsituaNon dominiert die AußenperspekNve und ist zweitrangig an die Erzählerfigur und Nicht-IdenNtät der Seinsbereiche gekoppelt.

2.1. Erzählperspektiven

Bei der auktorialen ErzählsituaNon betrachtet der Erzähler die Handlung von Außen und befindet sich jenseits der erzählten Realität. Sie hat daher eine berichtende FunkNon und äußert sich somit zum Verhalten der Protagonisten. Der auktoriale Erzähler wird auch als „Mifelsmann“ beschrieben, der „an der Schwelle zwischen der fikNven Welt des Romans und der Wirklichkeit des Autors und des Lesers“ ist.2 Er ist sowohl in der Lage zurück- wie auch vorauszuschauen. Wegen seiner Besonderheiten findet eine sehr starke Beeinflussung staf, sodass es zur falschen Annahme führt, der Erzähler sei der Auto und somit keine fikNve Figur des Autors.

Eine weitere typische ErzählperspekNve ist die der personalen ErzählsituaNon, die man unteranderem als Er/Sie-Erzähler kennt. Dieser berichtet dem Leser, was die verschiedenen Figuren der Geschichte fühlen und erleben, ohne dabei in sie hineinzuschlüpfen. Welche Ereignisse vor und nach einer besNmmten Handlung lagen, weiß er erst, wenn sie ihm verraten werden. Er kennt die Gefühle anderer auch nur, wenn sie ihm diese mifeilen. Daher ist die gesamte Geschichte auf dem Wissensstand einer einzelnen Person beschränkt und wird folglich weder kommenNert noch gewertet.3 Die Ich-ErzählsituaNon schildert, wie der Name schon sagt, die Geschichte aus der Sicht einer einzigen Person, die „eindeuNg zur Welt der Figuren“4 gehört. Sie benutzt ausschließlich die Ich-Form. Nur diese Figur kann dem Leser mifeilen, was in seinem Kopf vorgeht, die Gedanken und HintergrundinformaNonen zu anderen Personen bleiben uns daher verschlossen. Man befindet sich auf dem Kenntnisstand des Ich-Erzählers und lässt sich von seinen Kommentaren durch die Geschichte leiten.

2.2 Bezug, zum, Romanprolog

Döblins „Berlin Alexanderplatz“ ist ein typisches Modell für konNnuierlich wechselnde ErzählsituaNonen. So schreibt Jähner: „Kaum einer der großen Romane der Moderne besitzt ein derart einprägsames und bündiges Erzählgerüst wie der Berlin' Alexanderplatz.5

Schauen wir uns zunächst den Romanprolog etwas genauer an, stellen wir fest, dass sich ein Ich-Erzähler zu Wort meldet und Kontakt zum Leser aufnimmt: „Dies Buch berichtet von einem ehemaligen Zement- und Transportarbeiter Franz Biberkopf in Berlin."6 Die Erzählerfigur ist weder genauer dargestellt, noch wird sie deutlich benannt. Sie gibt im Prolog den Inhalt des Buches sachlich wieder.

Im weiteren Verlauf führt er den Leser zum Ort der Handlung und zur Haupiigur. Der abrupte Wechsel vom Ich-Erzähler zur auktoriale ErzählsituaNon findet schon zu Beginn staf, denn der Erzähler kommenNert, beurteilt und weist auf zukünZige Vorfälle hin. Mit einer spannenden und klaren Sprache führt er den Leser zum Ort der Handlung und zur Haupiigur.

„Eine Erzählerfigur erzählt, berichtet, zeichnet auf, teilt mit, übermifelt, korrespondiert, referiert aus Akten, ziNert Gewährsmänner, bezieht sich auf ihr eigenes Erzählen, redet den Leser an, kommenNert das Erzählte usw."7 Im Prolog scheint der Erzähler bloß an der Geschichte des Biberkopfs interessiert zu sein und nennt daher die GrundinformaNonen zu seiner derzeiNgen SituaNon und seinem Streben: Er wird aus dem Gefängnis entlassen und will anständig sein.8

Da der Erzähler scheinbar über mehr Fakten verfügt, ist er gelegentlich nicht nur dem Leser, sondern auch dem Protagonisten überlegen und wirkt wie ein allwissender und organisierender Regisseur. Stanzels Typologie definiert die auktoriale ErzählsituaNon vorrangig durch die Übermacht einer Allwissenheit suggerierenden AußenperspekNve.9 Nicht nur die KapitelüberschriZen, auch die vorab kurzen Inhaltsangaben des ersten bis neunten Buches verdeutlichen seine überragende Rolle des Allwissenden. Auch Jähner bestäNgt diese These: "Gofähnlich und allwissend, wenig verschämt und rüde oZ thront er über der von ihm geschaffenen Welt."10

Unverständlich ist die Rede von einem „Kampf", der im Einzelnen nicht weiter erläutert wird, aber vorweg das Ergebnis der Niederlage offenlegt. „Er gibt die ParNe verloren, er weiß nicht weiter und scheint erledigt."11 Die Menge der InformaNonen, die der Erzähler am Anfang des Prologs wiedergibt, wird im weiteren Verlauf unterbrochen. Der Prolog stellt nicht nur eine Inhaltsangabe dar. Die Angaben des Erzählers werden zunehmend unklarer. Durch diese beabsichNgt nachlässige Erzählweise macht es den Eindruck, als distanziere sich der Erzähler von seinem Helden. Allerdings nähert er sich im gleichen Augenblick durch den gezielten Einsatz der Pronomen „unser“ und „wir“ dem Leser und ermöglicht ihm vermeintlich den selben Blick.12

Durch die Präsenserszählung und der Vorwörter entsteht, wie Dunz sagt, eine „DramaNsierung und Wirklichkeitsnähe.13 Der belehrende Charakter im letzten Absatz der Einleitung gleicht dem eines Bänkelsängers oder auch eher an eine Moritat. Mit ihrer einfachen Melodie, die durch den Ton und Rhythmus der Vorrede erkennbar ist, weist sie auf eine Verbrechergeschichte hin.14 Der Erzähler deutet erneut kommendes voraus und sagt dem Leser, dass es sich auszahlen wird, das Buch zu lesen. Der Leser bekommt zugleich die FunkNon des Zuschauers und Zuhörers: „Dies zu betrachten und zu hören wird sich für viele lohnen, die wie Franz Biberkopf in einer Menschenhaut wohnen und denen es passiert wie diesem Franz Biberkopf, nämlich mehr zu verlangen als das Buferbrot.“15

2.3. Auktoriale Erzählsituation bezogen auf die KapitelüberschriCen

Die auktoriale ErzählsituaNon ist im Berlin'Alexanderplatz sehr oZ vertreten. Der Erzähler, der zugleich kommenNert und auch den Protagonisten vor anstehenden Gefahren warnt, befindet sich unmifelbar bei ihm und betrachtet das Geschehen genau. Sobald er die Möglichkeit hat, sich mit dem Leser zu verständigen, tut er dies auch. In der Vorrede des zweiten Buches fasst er das Ereignis scherzhaZ zusammen, lässt den Leser als auktorialen Erzähler wissen, dass er den Verlauf der Geschichte schon kennt und trif erneut direkt mit dem Leser in Kontakt, indem er die Personal- und Possessivpronomen wir und unseren, wie er es auch im Prolog machte, benutzt.16

[...]


1 MaEas MarEnez, Michael Scheffel 2009: Einführung in die Erzähltheorie. 8.Auflage. München: Verlag C.H.Beck oHG. S.89

2 Stanzel, Franz K. 1993: Typische Formen des Romans. Die Deutsche Bibliothek-CIP Einheitsaufnahme. 12. Auflage. Gö'ngen: Vandenhoeck und Ruprecht. S.16.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Jähner, Harald 1984: Erzählter, monEerter, soufflierter Text: zur KonstrukEon es Romans „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin. Europäische Hochschulschrifen: Reihe 1, Dt. Sprache und Literatur; Bd. 757. Frankfurt am Main; Bern; New York; Nancy: Verlag Peter Lang GmbH. S.33.

6 Döblin, Alfred 2014: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Frankfurt am Main: S.Fischer Verlag GmbH. S.9.

7 Stanzel, Franz K. 1991: Theorie des Erzählens. 4. Auflage. Gö'ngen: Vandenhoeck und Ruprecht. S.194.

8 Vgl. Döblin, 2014, S.9.

9 MarEnez, Scheffel, 2009, S. 92.

10 Vgl. Jähner, 1984, S 34.

11 Vgl. Döblin, 2014, S.9.

12 Dunz, Christoph, 1995. S.17

13 Ebd., S 101.

14 Leidinger, Armin 2010: Hure Babylon: Großstadtsymphonie oder Angriff auf die Landschaf? Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz und die Großstadt Berlin: eine Annäherung aus kulturgeschichtlicher PerspekEve. Würzburg: Königshausen & Neumann. S.19.

15 Vgl. Döblin, 2014, S.9.

16 Vgl. Dunz, 1995, S.19.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Erzähltechnik und literarische Montage in Alfred Dublins "Berlin Alexanderplatz - Die Geschichte von Franz Biberkopf"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V537102
ISBN (eBook)
9783346141217
ISBN (Buch)
9783346141224
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erzähltechnik, montage, alfred, dublins, berlin, alexanderplatz, geschichte, franz, biberkopf, erzähltheorie, neuere deutsche Literatur, ndl
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Die Erzähltechnik und literarische Montage in Alfred Dublins "Berlin Alexanderplatz - Die Geschichte von Franz Biberkopf", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537102

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