Die griechischen Stämme und ihre Besiedelung Kleinasiens von 1200 bis 800 v. Chr.

Versuch einer Rekonstruktion der Entstehung unter Berücksichtigung dialektologischer und archäologischer Aspekte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gegenstandsbestimmung

3. Archäologische Funde dieser Zeit

4. Die Dialekte und ihre Aussagen über die Wanderungen

5. Abgleich mit antiken Autoren

6. Fazit

7. Verzeichnis der verwendeten Quellen und Literatur
7.1. Quellen
7.2. Sekundärliteratur

8. Anhang

1. Einleitung

Migration – eines der vorherrschenden politischen Themen unserer Zeit. Ganze Menschenmassen suchen nach einer neuen Heimat und dies nicht ganz freiwillig. Krieg, Unterdrückung oder andere Notstände treiben diese Menschen häufig dazu, sich auf gefährliche Wanderungen zu begeben und sich in neue Länder und Gebiete zu wagen. So sehr dieses Thema auch die heutige Zeit bewegt und beeinflusst, ein Phänomen der Moderne ist es nicht.

In der Mitte des ersten Jahrtausends entfernten sich viele germanische Stämme aus ihren angestammten Gebieten und siedelten sich woanders an. In diesem Zusammenhang entstand in der späteren Forschung der Begriff „Völkerwanderung“. Diese prägte nicht nur den Übergang von Spätantike zum Mittelalter mit, sondern auch die gesamte Lage der Region, die später einmal Europa werden sollte. An diesem kleinen Beispiel ist zu erkennen, dass die Wanderungen und Besiedelungen neuer Gebiete die Geschichte entscheidend mitbestimmt haben und unsere Welt zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Dies gilt auch für die Wanderung, die dieser Arbeit zugrunde liegt. Dabei soll jedoch nicht nur eine bestimmte Wanderung, ein bestimmtes Volk oder ein Ereignis im Einzelnen betrachtet werden, da dies der Tragweite des Phänomens nicht gerecht werden würde. Stattdessen möchte ich die Wanderungen in Griechenland bis zur Besiedelung der kleinasiatischen Westküste als Gesamtphänomen untersuchen. Ziel ist es Kausalzusammenhänge festzustellen und so den Ausgangspunkt dieser Arbeit, nämlich die Besiedelung Kleinasiens, aus verschiedenen Perspektiven erklären zu können. Dabei wird zu klären sein, ob es einen direkten Auslöser für die Wanderungen gab, wie es heutzutage bei der Migration häufig der Fall ist oder ob sich dieser Prozess ohne Ursache vollzog. Ebenso sollen die Auswirkungen auf die Stämme und das spätere Griechenland in die Ergebnisse einbezogen werden.

Um dies zu erreichen werden die Ausführungen dieser Arbeit in zwei unterschiedliche Blickwinkel eingeteilt. Zunächst wird die Perspektive der Archäologie im Fokus stehen. Im Anschluss werden Thesen der Dialektforschung hinzugezogen, hinterfragt und integriert. Beide Forschungsstränge bieten einen Einblick in die Wanderungen dieser Zeit, wodurch sich eine synthetische Rekonstruktion der griechischen Wanderungen ergeben kann. Im Anschluss wird ein weiterer Aspekt hinzugezogen – die antike Geschichtsschreibung. Hier soll ein Vergleich zwischen der Darstellung dieser Arbeit und den Darstellungen antiker Historiker gezogen werden, um abschließend ein stimmiges Bild zu erreichen oder zu hinterfragen, warum ein stimmiges Bild nicht zu erreichen ist.

Da das Phänomen der griechischen Wanderungen jedoch an sich schon viele Aspekte miteinander vereint, muss zunächst eine genaue Bestimmung der Einzelfaktoren vorgenommen werden. Daher soll es im ersten Kapitel grundlegend um die genaue Klärung des Gegenstandes gehen.

2. Gegenstandsbestimmung

Die griechischen Wanderungen sind ein weites Themenfeld, weshalb es unbedingt notwendig ist einige Abgrenzungen vorzunehmen. So muss zunächst bestimmt sein um welchen Zeitraum es sich handelt, welcher geographische Raum der Arbeit zugrunde liegt, welche Völker oder Stämme involviert sind und wie sich diese voneinander abgrenzen.

Zunächst soll der Begriff „griechische Wanderungen“ genauer definiert werden, da in der Sekundärliteratur verschiedene Begrifflichkeiten benutzt werden, da auch verschiedene Wanderungen Teil des Phänomens sind. So findet man in einführender Literatur zur griechischen Geschichte Begriffe wie „Die Große Wanderung“, „große Ägäische Wanderung“1, „Zeitalter der Wanderungen“2 oder auch Begriffe, die nur auf einen Aspekt der Wanderungen eingehen, wie „Ionische Kolonisation“ oder „Dorische Wanderung“. Mit diesen Wanderungen sind vor allem die Wanderungen drei griechischer Stämme gemeint – der erwähnten Ionier und Doirer und der Aioler. Ihre Besiedelung Kleinasiens ist gut dokumentiert und ein wichtiger Faktor für die Entstehung Griechenlands, so werden die Begriffe „Ionien“ und „Aiolien“ häufig synonym mit den kleinasiatischen Gebieten verwendet, die sie besiedelten. Ihr Weg dorthin soll das Ziel dieser Arbeit sein.

Die Einwanderungen indogermanischer Stämme, die sich um 2000 v. Chr. vollzogen,3 sind zwar für die Entstehung der Stämme wichtig, können jedoch in dieser Arbeit nicht gehaltvoll berücksichtigt werden. Stattdessen befinden wir uns bei den drei angesprochenen Wanderungen zeitlich nach dem Zerfall der mykenischen Kultur. Dies wird auch als die „Dunklen Jahrhunderte“4 bezeichnet, da von dieser Zeit wenig bekannt ist und jenes was bekannt ist, von einem kulturellen Rückgang zeugt.5 Die im Fokus stehenden Wanderungen fanden insbesondere zu Beginn dieser Jahrhunderte statt. Hermann Bengtsson benutzt den Begriff der „Dunklen Jahrhunderte“ nicht, stellt aber nach dem Ende der Wanderungen eine deutliche Verschlechterung der Umstände fest. Diese Verschlechterungen datiert er von 1100 bis 800 v. Chr. und gibt den Wanderungen einen Zeitraum von einem Jahrhundert – von 1200 bis 1100 v. Chr..6 Dieser kurze Zeitraum ist nur dadurch zu erklären, dass Bengtsson nur die Wanderungen auf dem griechischen Festland zu den Wanderungen zählt, nicht aber die Besiedelung Kleinasiens, die sich direkt daran anschließt. Josef Fischer und Wolfgang Schuller merken an, dass sich diese Besiedelung Kleinasiens vom 11. bis in das 9. Jahrhundert vollziehen.7 Schwierig ist die Datierung der Wanderungen also unter anderem deshalb, weil sich die Wanderungen in zwei Episoden einteilen lassen. Zum einen gab es die um 1200 v. Chr. beginnenden Wanderungen auf dem griechischen Festland und daran anschließend begann die Besiedelung Kleinasiens. Ob diese überhaupt voneinander zu trennen sind, wie es bei Bengtsson der Fall ist, und ob Beginn und Ende tatsächlich so feststehen wird in der Folge überprüft werden. Als Zeitraum, den diese Arbeit untersucht, können grob die Jahrhunderte zwischen dem 12. und dem 8. Jahrhundert angegeben werden.

Es findet bei den Wanderungen eine geographische Veränderung im angesprochenen Zeitraum statt. Daher ist es notwendig auch die geographische Ausgangslage zu bestimmen. Dazu dient die Karte M1, welche die Standorte und die Wanderungen der drei angesprochenen Stämme der Aioler, Ionier und Dorier bis zum Jahr 800 v. Chr. darstellt. Neben den drei angesprochenen Stämmen, sind zusätzlich noch die Arkader auf der Peleponnes, die Thraker in einem kleinen Gebiet im Nordosten und der große Anteil der Nordwestgriechen und Makedonier dargestellt. Zu erkennen ist, dass die Dorier einen großen Teil der südlichen Gebiete besetzen, die Ionier vor allem an der Ostküste zu finden sind und die Aioler zwei große Gebiete mit Thessalien und Boiotien besetzen. Auffällig ist jedoch, dass die Stämme zum Teil kein geographisch zusammenhängendes Gebiet markieren.

Damit kommen wir zu der Frage, was einen Stamm nun überhaupt dazu macht, warum also zwischen Aiolern, Doriern, Ioniern, Thrakern und Nordwestgriechen unterschieden wird. Die Antwort liegt in der Sprache. Die Dialekte sind unterschiedlich und trotz geographischer Distanzen zuzuordnen. Mit „Stämmen“ sind also Menschengruppen gemeint, die den gleichen Dialekt sprechen. Durch die Möglichkeit der geographischen Zuordnung der Dialekte, die in Kapitel 4 genauer erklärt wird, ist die Dialektforschung bei der Rekonstruktion der Wanderungen gewinnbringend und wird deshalb in diese Arbeit eingebaut. Dabei werden vor allem die drei Dialekte Ailoisch, Dorisch und Ionisch untersucht, aber auch andere Dialekte werden eine Rolle spielen. Bevor ich jedoch auf die Dialektforschung detaillierter eingehe, werde ich im folgenden Kapitel zunächst über die Archäologie einen Zugang zu den Wanderungen suchen.

3. Archäologische Funde dieser Zeit

In diesem Kapitel wird es nicht um die Methoden der Archäologie gehen, sondern darum, welche Aussagen man aufgrund der Archäologie über die Wanderungen in Griechenland treffen kann. Da die sogenannten „Dark Ages“ oder „Dunklen Jahrhunderte“ sehr arm an zeitgenössischen, schriftlichen Quellen sind, ist die Archäologie für das Verständnis über dieser Zeit ein wichtiger Faktor. So lässt sich durch die Archäologie auch ohne die Texte von antiken Schreibern ein grobes Bild dieser Zeit darstellen.

Eine wichtige archäologische Quelle ist der seltene Fund ganzer Häuser oder sogar Siedlungen. Durch die Entdeckung architektonischer Bauten und keramischer Scherben lässt sich über die Bauweise und den Stil der Keramik eine Datierung vornehmen. Außerdem kann man so verschiedene Ausgrabungsorte in Beziehung setzen. In der Zeit der Wanderungen war der protogeometrische, beziehungsweise der geometrische Stil sowohl in der Architektur, als auch in der Keramik vorherrschend. Dabei waren vor allem Langhäuser und Apsidenhäuser beliebte Bauwerke, welche sich an vielen Ausgrabungsorten finden. Gabriele Weiler listet einige solcher ausgegrabenen Siedlungen im Zuge einer Untersuchung zu Herrschaftsarchitektur auf und bietet dabei Aspekte, die in dieser Arbeit aufgenommen werden sollen. So führt Weiler Ausgrabungsorte mit ähnlichen Baustilen auf, die aufgrund der Keramik im geometrischen Stil alle in die Zeit der „Dark Ages“ fallen. Diese befinden sich jedoch nicht nur auf dem griechischen Festland. Zwar sind mit Messenien an der Westküste, Attika und Euboia an der Ostküste Griechenlands und der Insel Andros unmittelbar vor der Ostküste einige Standorte mit dem griechischen Festland in Verbindung zu bringen, es finden sich jedoch auch Orte, die weit davon entfernt sind. Die Insel Paros beispielsweise befindet sich in den Kykladen und besonders die beiden Inseln Lesbos und Chios, an denen sich Siedlungen des gleichen Baustils wie auf dem Festland befinden, liegen vor der kleinasiatischen Westküste. Lediglich die Siedlung Antissa auf Lesbos hebt sich durch ihre Bauweise von den anderen Siedlungen ab, kann jedoch, auch trotz Unstimmigkeiten bei der genauen Datierung, auf den ungefähr gleichen Zeitraum zurückgeführt werden.8

Diese Beispiele zeigen, dass es eine Verbindung zwischen den Siedlungen auf dem Festland und denen auf den Inseln geben muss. Es liegt daher nicht fern, dass dieser Bau- und Keramikstil von der Bevölkerung des Festlandes herübergetragen wurde. Weiler führt leider keine genauere Klassifizierung der Architektur oder der Keramik an, wodurch eine detailliertere Zuordnung zu einem der Stämme nicht möglich ist. Für eine solche Zuordnung lässt sich beispielsweise ein Beitrag von Fahri Isik zur ionischen Architektur heranziehen. Dieser bezieht sich zwar nur auf ionische Architektur, nennt jedoch ein Unterscheidungsmerkmal zwischen ionischer und dorischer Architektur. Während in der ionischen Architektur das Megaron, ein rechteckiger Raum, Zentrum der Tempelgebäude war, hatte die dorische Architektur eine Apsis, einen halbkreisförmigen Zusatz am Hauptraum.9 Dies zeigt, dass sich die Architektur der Stämme unterscheiden lassen und somit eine geographische Zuordnung der Baustile zulassen. Der Beitrag Isiks bezieht sich auf den ionischen Teil Kleinasiens, also auf die Architektur nach den Wanderungen. Seine Beispiele dafür sind Ephesos, südlich von Kolophon und die Insel Samos. Ein Rückbezug auf die Architektur der (ur-)ionischen Gebiete in Griechenland fehlt jedoch. Dafür erwähnt er Ausgrabungen in Eretria in Euboia und Thermos, die davon zeugen, dass im 7. Jahrhundert v. Chr. ein Umbau vom dorischen in den ionischen Stil stattgefunden haben muss. In diesen Gebieten trafen die Ionier wohl eine bereits vorhandene dorische Kultur.10

Das Aufkommen des protogeometrischen Stils der Keramik im 12. Jahrhundert v. Chr. birgt ebenfalls Rückschlüsse auf eine Zuordnung zu den Stämmen. So hat man in Tyrnis, im Siedlungsgebiet der Dorier Teile von Keramik gefunden, die sich vom in der Zeit aufkommenden protogeometrischen Stil abheben und eher dem Stil der nordwestlichen Griechen ähneln.11 Eine Einwanderung der Dorier aus dem Nordwesten Griechenlands liegt also nahe. Auch für Ionien gibt es Erkenntnisse, die auf die Wanderungen schließen lassen. Michael Kerschner berichtet von einer Ausgrabung in Ephesos, an der kleinasiatischen Westküste, die einen deutlich griechischen Einfluss zeigen. Durch die Menge an Keramik protogeometrischen Stils, schließt Kerschner darauf, dass ab dem 11. Jahrhundert bereits Griechen im Gebiet von Ephesos gelebt haben müssen. Ab diesem Zeitpunkt ist ein Wechsel in der Herstellung der Keramik zu verzeichnen, was Folge eines Wechsels der Bevölkerung und damit des kulturellen Einflusses sein könnte. Dass es sich bei den Griechen um Ionier handelt kann nicht an der Keramik festgemacht werden, jedoch deutet Kerschner zusätzlich darauf hin, dass der Name „Ionier“ etwas irreführend ist, da nicht davon ausgegangen werden kann, dass eine homogene Gruppe aus Ionien diesen Wandel in Ephesos ausgelöst hat.12 Auf diesen Aspekt werde ich im folgenden Kapitel ebenfalls eingehen.

Obwohl aufgrund der archäologischen Funde noch keine detaillierte Rekonstruktion der griechischen Wanderungen vorgenommen werden kann, lassen sich als Ergebnis vier Aspekte festhalten, die im nachfolgenden Kapitel aufgenommen werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Ionier vom griechischen Festland über die Insel Samos an die kleinasiatische Küste gelangten. Dies zeigen die Ausgrabungen, die Fahri Isik anführt. Sie zeigen auch, dass die Ionier das Gebiet um Eretria, sowie Thermos von den Doriern übernahmen. Die Ausgrabung in Tirnys zeigt wiederum, dass die Dorier sich in Argolis, dem Gebiet, in dem sich Tirnys befindet, aus Nordwesten kommend ansiedelten. Bereits im 11. Jahrhundert v. Chr. siedelten sich Griechen im Gebiet um das kleinasiatische Ephesos an, wie Michael Kerschner anhand der dortigen Ausgrabungen belegt.

Obwohl diese Ergebnisse bereits eine gute Grundlage für die weitere Untersuchung der Wanderungen sind, soll kurz angeführt werden, warum keine detaillierte Rekonstruktion der Wanderungen anhand der Archäologie möglich ist. Dies hängt mit der Eigenschaft der Wanderungen selbst zusammen. Der protogeometrische Stil kommt in einer Zeit auf, in der die Wanderungen bereits begonnen haben. Dabei darf man sich die Wanderungen nicht wie ein einmalig startendes Ereignis vorstellen, bei dem homogene Gruppen gemeinsam das Gebiet wechseln. Es ist ein Prozess, der nicht nur mehrere Jahrhunderte überdauert, sondern der stetig stattfindet, indem immer wieder kleine Gruppen umsiedeln.13 In dieser Zeit der kulturellen Begegnung und Vermischung ist es kaum möglich, dass sich ein spezieller Stil in einem bestimmten Gebiet oder in einem bestimmten Stamm durchsetzt und in ein neues Siedlungsgebiet transportiert wird. Zumal die Stämme selbst keine feststehenden Einheiten sind, wie im nächsten Kapitel anhand der Dialekte genauer erläutert wird. Daher bietet die Archäologie zwar einen groben Einblick in die Zeit, sowie die architektonischen und künstlerischen Weiterentwicklungen, jedoch ist eine Zuordnung zu einem bestimmten Stamm, einer Bevölkerungsgruppe nicht möglich. Deshalb wird im folgenden Kapitel eine neue Perspektive eingenommen, die detailliertere Auskünfte über die Stämme und ihr Siedlungsverhalten geben kann – die Perspektive der Dialektforschung.

4. Die Dialekte und ihre Aussagen über die Wanderungen

Um die Wanderungen der Stämme nachvollziehen zu können, muss zunächst ihre Unterscheidung vorgenommen werden. Da dies durch die Archäologie zwar möglich, aber schwierig realisierbar ist, wird die Dialektforschung herangezogen. Der Faktor, durch den sich die Stämme tatsächlich unterscheiden lassen, ist die Sprache. Um Aussagen zu den Wanderungen tätigen zu können müssen die Dialekte im zeitlichen und geographischen Wandel betrachtet werden. Ob dies möglich ist, was sich daraus ziehen lässt und wie aussagekräftig die Ergebnisse sind, soll in diesem Kapitel herausgearbeitet werden. Dazu werden die Dialekte der drei Stämme – das Ionische, das Dorische und das Aiolische – betrachtet. Auch welche Rolle die weiteren Dialekte Griechenlands spielen und wie Dialekte an sich einzuordnen sind, soll in diesem Kapitel betrachtet werden.

Die Dialektforschung zu den griechischen Dialekten stützt sich vor allem auf Inschriften, aber falls vorhanden auch Urkunden und andere Schriften. Dabei untersucht sie regionale Unterschiede, die sich durch die Benutzung unterschiedlicher Buchstaben oder Worte zeigen. Die Feinheiten der sprachlichen Unterschiede werden in dieser Arbeit nicht behandelt, da das Hauptaugenmerk auf den Zusammenhängen und der Entwicklung der Dialekte liegt.

Auffällig ist, dass es sich bei dem Aiolischen, Ionischen und Dorischen offenbar nicht um einzelne Dialekte handelt, sondern um Dialektgruppen. So wird der aiolische Dialekt beispielsweise in den thessalischen und den boiotischen Dialekt unterteilt, was aufgrund der geographischen Lage logisch erscheint. Der Ursprung der geographischen Trennung des aiolischen Dialekts kann von der Sprachforschung nicht aufgedeckt werden. Auf Vermutungen, die aufgrund von Schriften antiker Autoren aufkamen, wird im folgenden Kapitel eingegangen. Es kann aber belegt werden, dass der thessalische und der boiotische Dialekt von einem gemeinsamen aiolischen Dialekt ausgeht, den Wolfgang Blümel „das ‚Proto-Aiolische‘“14 nennt. Aufgrund der räumlichen Trennung haben sich die beiden Dialekte jedoch unterschiedlich entwickelt, was auch mit unterschiedlichen Einflüssen zu tun hat. So ist in beiden Dialekten westgriechischer oder laut Otto Hoffmann „nord-dorischer“15 Einfluss zu finden.16 Es ist also davon auszugehen, dass Westgriechen in das Gebiet der Aioler vorgedrungen sind oder sich zumindest in der Nähe der Aioler aufhielten. Ob dies der Auslöser für die Wanderung der Aioler in Richtung Kleinasien war, kann anhand der Dialekte ebenfalls nicht belegt werden. Was jedoch an den Dialekten zu sehen ist, ist, dass sich der aiolische Dialekt auch auf der Insel Lesbos und an der kleinasiatischen Küste findet. Walter Porzig sieht explizit einen Zusammenhang zwischen dem Aiolisch Kleinasiens und dem thessalischen Dialekt. Er schlussfolgert, dass die kleinasiatischen Aioler aus Thessalien, nicht aus Boiotien stammen müssen. Dies ist jedoch kein Beleg dafür, dass die Thessalier im Umkehrschluss aus Boiotien stammen. Es ist auch denkbar, dass Aioler aus Thessalien ebenso nach Boiotien wanderten, wie später an die kleinasiatische Küste. Weiterhin sieht Porzig den ionischen Einfluss auf das kleinasiatische Aiolisch als Gegenstück des westgriechischen Einflusses aus das griechische Aiolisch, womit er die Ionier als unmittelbare Nachbarn der Aioler in Kleinasien bezeichnet.17

[...]


1 Hermann Bengtson, Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis in die römische Kaiserzeit, München 20029. S. 25 & S. 31.

2 Josef Fischer, Griechische Frühgeschichte bis 500 v. Chr, Darmstadt 2010. S. 45.

3 Bengtson S. 4.; Fischer S. 22.; Wolfgang Schuller, Griechische Geschichte (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, 1A), München 20106 S. 4.

4 Schuller. S.6.

5 Vgl. Schuller. S. 6f.; Fischer. S. 43.

6 Vgl. Bengtson. S. 31f.

7 Vgl. Fischer. S. 45.; Vgl. Schuller. S. 7.

8 Gabriele Weiler, Domos theiou basileos. Herrschaftsformen und Herrschaftsarchitektur in den Siedlungen der Dark Ages (= Beiträge zur Altertumskunde, Bd. 136), München [u.a.] 2001 S. 96-127.

9 Vgl. Fahri Isik u.a. (Hg.), Neue Forschungen zu Ionien. Fahri Isik zum 60. Geburtstag gewidmet (= Asia Minor Studien, Bd. 54), Bonn 2005 S. 24.

10 Vgl. Ebd. S. 24.

11 Vgl. Roland Hampe, Tausend Jahre frühgriechische Kunst, München 1980. S. 153.

12 Michael Kerschner, Die ionische Wanderung im Lichte neuer archäologischer Forschungen in Ephesos, in: Eckart Olshausen u. Holger Sonnabend (Hg.), "Troianer sind wir gewesen"--Migrationen in der antiken Welt. Stuttgarter Kolloquium zur Historischen Geographie des Altertums, 8, 2002 (= Geographica historica, Bd. 21), Stuttgart 2006. S. 370-374.

13 Vgl. Fischer. S. 46.

14 Wolfgang Blümel, Die Aïolischen Dialekte. Phonologie und Morphologie der inschriftlichen Texte aus generativer Sicht (= Ergänzungshefte zur Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung, Bd. 30), Göttingen 1982 S. 27.

15 Otto Hoffmann, Der nord-achäische Dialekt (= Die griechischen Dialekte in ihrem historischen Zusammenhange, Bd. 2), Göttingen 1893. S. 4.

16 Vgl. Rüdiger Schmitt, Einführung in die griechischen Dialekte (= Die Altertumswissenschaft), Darmstadt 19912 S. 68, 74, 120f.

17 Vgl. Walter Porzig, Sprechgeographische Untersuchungen zu den alt-griechischen Dialekten, in: Ferdinand Sommer u.a. (Hg.), Indogermanische Forschungen. Zeitschrift für Indogermanistik und allgemeine Sprachwissenschaft LXI. Band, Bd. 61 (= Indogermanische Forschungen, Bd. 61), Berlin 1954. S. 149f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die griechischen Stämme und ihre Besiedelung Kleinasiens von 1200 bis 800 v. Chr.
Untertitel
Versuch einer Rekonstruktion der Entstehung unter Berücksichtigung dialektologischer und archäologischer Aspekte
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V537109
ISBN (eBook)
9783346131355
ISBN (Buch)
9783346131362
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stämme, besiedelung, kleinasiens, versuch, rekonstruktion, entstehung, berücksichtigung, aspekte
Arbeit zitieren
Onno Suntken (Autor), 2017, Die griechischen Stämme und ihre Besiedelung Kleinasiens von 1200 bis 800 v. Chr., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537109

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