Ursachen des Machtstrebens und Formen der Machtdemonstration. Hermann Ungars Erzählung "Ein Mann und eine Magd"


Hausarbeit, 2020

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Macht und Machtstreben nach Adler
2.1. Das Minderwertigkeitsgefühl und Streben nach Überlegenheit
2.2. Gemeinschaftsgefühl

3. Gründe des Machtstrebens
3.1. Isolation und Selbsthass
3.2. Hierarchiedenken
3.3. (Sexuelle) Zurückweisung

4. Formen der Macht und Äußerungen des Machtgefühls
4.1. Macht durch Geld
4.2. Macht durch Überlegenheit
4.3. Macht durch Bestimmung

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Hermann Ungar, als Teil des Prager Kreises, trug einen beachtlichen, wenn auch heutzutage eher in Vergessenheit geratenen Teil zur jüdisch-mährischen und expressionistischen Literatur, sowie jener der Neuen Sachlichkeit bei. Schon Thomas Mann erkennt Ungars Talent und äußert sich positiv zu dem Band Knaben und Mörder. Seine Erzählungen und dramatischen Texte zeichnen sich durch die Behandlung problematischer Themen und Motive wie Sexualität, Gewalt und Macht aus. Nicht zuletzt der 1920 erschiene Band „Knaben und Mörder“, der die zwei Erzählungen „Ein Mann und eine Magd“ und „Geschichte eines Mordes“ beinhaltet, beschäftigt sich mit den Ereignissen, die den Ich-Erzähler seit früher Kindheit seelisch beeinflussen und eine Abwendung des kausal-folgenden Schicksals unmöglich machen. Ungar geht in beiden Erzählungen besonders auf das Zusammenleben der Menschen und die dabei aufkommenden Schattenseiten ein. Unter die Schattenseiten fallen unter anderem die Machtäußerungen und -strukturen, die verstärkt in beiden Erzählungen Eingang finden.

Eine der einflussreichsten und wirkungsmächtigsten Definitionen und Erläuterungen zum Thema Macht und Machtstreben liefert der österreichische Psychotherapeut Alfred Adler. Nach dem von ihm geprägten Teilgebiet der Psychologie – der Individualpsychologie –, ist menschliches Verhalten ganz stark von der Umwelt geprägt. Der Mensch ist nicht als isoliertes Wesen anzusehen, sondern im Kontext der Gemeinschaft zu betrachten. Das Gemeinschaftsgefühl, dessen Grundstein in der Beziehung zwischen Mutter und Kind gelegt wird, betrachtet Adler als wichtigste Grundlage zur Förderung des Gemeinwesens. Demnach sieht er Machtstreben als eine Art Auswirkung von Minderwertigkeitsgefühlen, welche als Folge missglückter Integration in die Gemeinschaft auftaucht. Durch die Abwertung anderer, entsteht ein aufstrebendes Machtgefühl und daher eine Aufwertung der eigenen Person.

Auch die Erzählung Ein Mann und eine Magd, die ich in dieser Arbeit analysiere, weist immer wieder das Machtmotiv infolge von Abwertung anderer auf. Die eigenen Fehler und Schwächen werden an Schwächeren gehasst und durch Herrschaft über diese ausgeglichen. Stärken und Schwächen werden also immer wieder zugunsten der Machtdemonstration in Relation zueinander gesetzt.

In der vorliegenden Arbeit werde ich mich nun mit den in der Erzählung vorkommenden Machtstrukturen befassen. Dabei sind folgende Fragen von Relevanz: Welche Aspekte im Leben des Protagonisten begünstigen das Ausprägen eines Machtstrebens? Gibt es Gründe weshalb er nach Macht und Herrschaft strebt? Wie äußert der Ich-Erzähler seine Überlegenheit gegenüber anderen? Welche Formen der Machtdemonstration kommen vor? Zu diesem Zweck werden im Nächsten wichtige Ansätze Adler erläutert. Im Folgenden analysiere ich ausgewählte thematische Motive anhand von Textstellen im Hinblick auf die vorkommenden Machtmotive. Wie auch die Erzählung Ein Mann und eine Magd in zwei Abschnitte gegliedert ist, werden in einem ersten Teil Gründe dargestellt, die das Streben des Protagonisten nach Macht begünstigen. Im Anschluss werden Formen und Äußerungen der Macht, die in die Erzählung Eingang finden, erläutert.

2. Macht und Machtstreben nach Adler

In diesem Kapitel wird zuerst der Begriff des Minderwertigkeitsgefühls nach Alfred Adler behandelt, um im Folgenden auf Ursachen für das Machtstreben eingehen zu können. Außerdem wird der von Adler geprägte Begriff des Gemeinschaftsgefühls dargestellt, um die Beziehung zwischen Gemeinschaftsgefühl, Minderwertigkeitsgefühl und Machtstreben zeigen zu können. Anhand dessen werden die Auswirkungen auf den Einzelnen, die durch das Fehlen dieses Gefühls aufgerufen werden, illustriert.

2.1. Das Minderwertigkeitsgefühl und Streben nach Überlegenheit

Das Streben nach Überlegenheit gründet nach Adler auf dem Minderwertigkeitsgefühl, das jedem Menschen angeboren ist. Dieses wiederum hat seine Ursache im Streben nach Vollkommenheit. Zur Beurteilung des Minderwertigkeitsgefühls wird in erster Linie die Auffassung der Person herangezogen, danach die äußeren Gegebenheiten. Nach Adler bedeutet menschliches Dasein also „ein Minderwertigkeitsgefühl zu besitzen, das ständig nach seiner Überwindung drängt.“[1] Je stärker die Intensität und Wahrnehmung des Minderwertigkeitsgefühls, desto größer ist der Drang dieses zu Überwinden. Jedoch sind diese Minderwertigkeitsgefühle nicht als schlecht anzusehen. Sie sind auch als Antrieb der Menschen zu sehen, ihre Lage zu verbessern. Das Individuum ist dauerhaft von dem Gefühl besetzt und wird von ebendiesem zu Handlungen motiviert.[2] Adler spricht außerdem von einem abnormalen Minderwertigkeitsgefühl, welches einerseits bei Kindern, die mit minderwertigen Organen geboren werden, „verzärtelten“ Kindern und „gehaßten“ Kindern auftritt. Im Weiteren werde ich mich mit Bezug auf den Text „Ein Mann und eine Magd“ auf die dritte angeführte Variante beschränken. Diesen „gehaßten Kindern“, bei denen es sich meist um uneheliche oder unerwünschte Kinder handelt, mangelt es an einer gesunden Mutter-Kind-Beziehung und daher im Späteren am Gemeinschaftsgefühl. Sie bilden darum ein verstärktes Minderwertigkeitsgefühl aus und infolgedessen ein stärkeres Machtstreben. Des Weiteren äußern sich diese Kinder öfters durch Grausamkeiten gegenüber Schwächeren und Tieren, da ihr einziges Überlegenheitsziel die Unterdrückung anderer umfasst.[3]

2.2. Gemeinschaftsgefühl

Alfred Adler formulierte Anfang des 20. Jahrhunderts im Zuge seiner Arbeiten wichtige Thesen zur Individualpsychologie. Dabei kommt erstmal der Begriff des Gemeinschaftsgefühls auf. Nach Adler ist es besonders wichtig, den Menschen in seiner sozialen Situation, mit seinen sozialen Beziehungen zu betrachten. Die soziale Einbettung und das daraus entstehende Gemeinschaftsgefühl sind für Alfred Adler elementare Bestandteile des Lebens, weil der Mensch nur in menschlicher Zusammenkunft leben kann. In einer weiten Auslegung ist das Gemeinschaftsgefühl die Fürsorge für die Gemeinschaft, die Gesamtheit der Menschen und somit elementarer Bestandteil für jedes Zusammenleben in der Gesellschaft.[4] Das Gemeinschaftsgefühl ist ein wichtiger Faktor, um das Machtstreben zum Streben nach Vollkommenheit zu entwickeln. Ist zu wenig an Gemeinschaftsgefühl vorhanden, entfaltet sich das Machtstreben oft in eine für das Zusammenleben unnützliche Art, mit der vor allem persönliche Interessen angestrebt werden.[5]

Zusammenfassend ist also zu sagen, dass Kinder, denen es in ihrer Kindheit an einer gesunden Mutter-Kind-Beziehung und infolge dessen an dem vermittelten Gemeinschaftsgefühl mangelt, ein forciertes Streben nach Überlegenheit/Macht erzeugen. Im Weiteren möchte ich anhand des aufgebauten Theoriegerüsts nach Adler nun gezielt Textstellen und Motive erläutern, die im Hinblick auf das Ausbauen des Machtstrebens in der Erzählung eine wichtige Rolle übernehmen.

3. Gründe des Machtstrebens

Im folgenden Kapitel soll systematisch auf drei thematische Motive, welche in der Erzählung vorkommen, und im Verlauf des Textes für die Entwicklung des Machtstrebens von wesentlicher Rolle sind, eingegangen werden.

3.1. Isolation und Selbsthass

Den Anfang der Erzählung bildet eine kurze Einführung in das frühe Leben des Protagonisten. Kurz nach seiner Geburt starb der Vater, die Mutter verließ ihn wenig später für ein abenteuerreicheres Leben. Es fehlt also seit jeher an Liebe und Zuneigung seitens der Eltern. Dass der namenlose Ich-Erzähler in einem Siechenhaus aufwächst, in dem er als „billige Arbeitskraft“ benutzt wird, und in der Schule von Seiten der Mitschüler, wie auch der Lehrer „gescholten“ wird, trägt seinen Beitrag zur seelischen Isolation bei. Diese äußeren Umstände wirken auf den Protagonisten ein und bewirken einen aufsteigenden Selbsthass und eine negative verinnerlichte Bewertung der eigenen Person.[6] Diese Isolation und die nicht vorhandene Mutter-Kind-Beziehung verhindert einerseits nach Adler das Entstehen eines Gemeinschaftsgefühl. Andererseits wird das Entwickeln einer reifen Sexualität in der Pubertät gestört, da keine „positiv beantwortete Objektbesetzung“[7] stattfinden konnte. Auch Lehnen gibt als Grund für die Entwicklung einer „neurotischen Beziehung zur Sexualität“[8] des Protagonisten „die fehlende Menschlichkeit ihrer Umgebung“[9] an.

Die Schwächen der eigenen Person werden daher in der Erzählung auf andere Menschen projiziert und an diesen genauso gehasst wie an sich selbst. Durch Herrschaft über Schwächere wird das dabei aufkommende Gefühl kompensiert. Dieser Problemgehalt findet sich erstmals beim alten Rebinger, den er zutiefst hasst, weil er sich unbewusst mit ihm identifiziert. Diese Identifikation gründet nicht nur auf deren beider Hingezogenheit zu Stasinka und der übernommenen Rede der „dicken Kalle“. Der Erzähler entwickelt seinen Hass gegenüber den Menschen, „die ihm in ihrer Hilflosigkeit ähnlich sind“.[10] Dieses Verhaltensmuster findet auch in späteren Situationen Eingang: während der ersten Atlantiküberquerung gegenüber den „elenden Zwischendeckpassagieren“ (Ungar 1989, S. 58) sowie gegenüber seinen Arbeitern in der Fabrik. Dieser Hass gegenüber Gleichoder Niedrigergestellten zeugt von einem ausgeprägten Hierarchiedenken, welches ich im Folgenden anhand des Textes näher erläutern möchte.

[...]


[1] Heinz Ansbacher: Alfred Adlers Individualpsychologie: Eine systematische Darstellung seiner Lehre in Auszügen aus seinen Schriften. München: Ernst Reinhardt Verlag 1982, S. 126.

[2] Vgl. Ansbacher 1982, S. 124ff.

[3] Vgl. Ansbacher 1982, S. 127f.

[4] Vgl. Alfred Adler: Menschenkenntnis. Leipzig: Hirzel 1927, S.23.

[5] Vgl. Ansbacher 1982, S. 137

[6] Vgl. Dieter Sudhoff: Hermann Ungar: Leben Werk Wirkung. Würzburg: Königshausen u. Naumann 1990, S.477.

[7] Ebd.

[8] Carina Lehnen: Krüppel, Mörder und Psychopathen: zu Hermann Ungars "Die Verstümmelten". Paderborn: Igel-Verlag 1990, S.31.

[9] Ebd.

[10] Sudhoff 1990, S. 474

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Ursachen des Machtstrebens und Formen der Machtdemonstration. Hermann Ungars Erzählung "Ein Mann und eine Magd"
Hochschule
Universität Salzburg
Autor
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V537217
ISBN (eBook)
9783346147196
ISBN (Buch)
9783346147202
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ursachen, machtstrebens, formen, machtdemonstration, hermann, ungars, erzählung, mann, magd
Arbeit zitieren
Stephanie Strauß (Autor), 2020, Ursachen des Machtstrebens und Formen der Machtdemonstration. Hermann Ungars Erzählung "Ein Mann und eine Magd", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537217

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