Intertextualität und das Motiv der gelebten Literatur in Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W."


Hausarbeit, 2006
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.Einleitung

2. Das Motiv der Gelebten Literatur in der Literatur

3. Intertextualität

4. Zum Aufbau der Romane
4.1. Goethes Briefroman
4.2. Plenzdorfs Mischung aus den vier Ebenen der Dokumentation, des Dialogs, des Kommentars und des Zitats

5. Unterschiede und Gemeinsamkeiten
5.1. Charaktere
5.2.Handlung
5.3. Leiden
5.3.1.Gesellschaft
5.3.1.1. Die neuen Leiden des jungen W.
5.3.1.2. Die Leiden des jungen Werther
5.3.2. Liebe

6. Gelebte Literatur bei Plenzdorf
6.1. Wolpers Fünf-Phasen-Modell der Gelebten Literatur
6.2. Funktion der Zitate
6.3. Der Fänger im Roggen

7. Die unterschiedlichen Fassungen der neuen Leiden des jungen W.

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine der wohl bekanntesten und aufsehenserregendsten der zahlreichen Wertheriaden[1] sind bis heute Ulrich Plenzdorfs 1972 erstmals erschienende Die neuen Leiden des jungen W. Nicht nur, dass Goethes Die Leiden des jungen Werther hier vom Autor sehr intensiv verarbeitet und parodiert werden, auch der Hauptcharakter, Edgar Wibeau, lebt den Werther nach.

Zunächst wird ein kurzer Überblick über den Begriff der „Gelebten Literatur in der Literatur“ gegeben, ein Motiv, das den roten Faden dieser Hausarbeit bildet. Ergänzend hierzu wird in Kapitel 6 das Fünf-Phasen-Modell der Gelebten Literatur von Wolpers auf Plenzdorfs Roman angewendet. Des weiteren wird auf die von Plenzdorf angewandte Intertextualität eingegangen, hauptsächlich in Form von Vergleichen der Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Romane Goethes und Plenzdorfs, den Schwerpunkt auf Letzterem liegend. Dabei werden sowohl inhaltliche als auch formale Aspekte Beachtung finden, womit verdeutlicht werden soll, wie vielschichtig das Motiv der „Gelebten Literatur in der Literatur“ sein kann. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei den Werther-Zitaten zuteil. Auch die Funktion von Salingers Fänger im Roggen, auf das der Hauptcharakter gelegentlich hinweist, wird kurz besprochen.

Die dieser Hausarbeit zugrunde liegende Romanausgabe wird die 1981 im Suhrkamp Taschenbuch Verlag erschienene 17. Auflage sein, die sich sowohl in Handlung als auch im Aufbau sehr stark von der 1972 veröffentlichten Urfassung unterscheidet. Auf diese Unterschiede und ihre Ursachen wird im letzten Kapitel noch kurz eingegangen.

Da die oben erwähnten Werke als bekannt vorausgesetzt werden, wird hier auf eine Zusammenfassung dieser verzichtet, um den ohnehin schon sehr kurz gehaltenen Interpretationen mehr Raum zu bieten.

2. Das Motiv der Gelebten Literatur in der Literatur

In diesem Kapitel soll nur eine kurze Erläuterung zum Begriff des Motivs der „Gelebten Literatur in der Literatur“ gegeben werden, da in späteren Kapiteln ergänzende Erklärungen folgen werden. Dieses Motiv, auch als das Motiv des „literaturnachlebenden Helden“ bekannt, ist zwar weit verbreitet, jedoch bis heute noch nicht in einschlägigen Lexika oder in Bibliographien auffindbar.[2] Dies bedeutet dennoch nicht, dass es sich hierbei um ein neues Motiv in der Literatur handelt, sondern nur, dass die Bezeichnung hierfür neu ist.2 Denn das Motiv selbst findet sich schon in der gesamten Literatur der Neuzeit und ist hauptsächlich auf den im 15. Jahrhundert von Cervantes zum Leben erweckten Don Quijote zurück zu führen.2

Wolpers beschreibt das Motiv als „Sonderfall einer in Charakterkonzeption und Handlung aktualisierten Intertextualität“,2 weshalb im folgenden Kapitel die Intertextualität auch noch einmal gesondert Beachtung finden wird. Als mögliche Klassifikation der Texte, die sich mit dieser Thematik befassen, gibt er u.a. das Zitat an, dem dank seiner permanenten Verwendung in Plenzdorfs Roman ebenfalls ein eigener Abschnitt gewidmet ist. Somit setzt das Motiv der Gelebten Literatur eine vorhandene Intertextualität voraus. Jedoch heißt dies nicht, dass umgekehrt die Intertextualität auch zwangsläufig das Motiv der Gelebten Literatur beinhalten muss!

Da das Motiv, um es erkennen und verstehen zu können, zudem ein bestimmtes Kulturwissen voraussetzt (das sowohl der Leser als auch der literaturnachlebende Held zumindest teilweise gemeinsam haben – die Kenntnis der nachgelebten Literatur) handelt es sich hierbei um ein sekundäres Motiv.[3]

3. Intertextualität

„In jedem Buch [sind] fast alle Bücher“ enthalten.[4] Wie schon Edgar mit dieser Aussage feststellt, ist Intertextualität[5] weit verbreitet. Laut Edgar muss man um ein Buch zu schreiben „ein paar tausend Stück andere gelesen haben. [...] Sagen wir: dreitausend. Und jedes davon hat einer verfasst, der selber dreitausend gelesen hat.“ (Plenzdorf, S. 32f.). So ergibt sich nach seiner Rechnung eine Anzahl von „zig Milliarden und das mal zwei“ Büchern (Plenzdorf, S. 33), die in jedem Buch vorhanden sind.

Mit Werther und dem Fänger im Roggen[6] hat Plenzdorf zumindest fast ein tausendstel der von Edgar mit dreitausend als vorgegebene Anzahl an Büchern gelesen - diese sogar so intensiv, dass er sie als Vorlagen für seinen Roman verwenden konnte. Wie viele Bücher der Autor darüber hinaus gelesen hat, geht aus diesem Roman nicht deutlich hervor. Offensichtlich ist aber, dass er beim Schreiben beabsichtigt auf Goethes (und teilweise auch auf Salingers) Werk zurück gegriffen hat, allein schon was die Zitate betrifft, auch wenn diese nicht immer wortgetreu übernommen wurden. Dies ist aber eher darauf zurück zu führen, dass Edgar nicht das ganze Werk im originalen Wortlaut auswendig gelernt hat[7], sondern sich nur „sinngemäß“ an markante Stellen erinnert. Von Edgar selbst erfahren wir nicht, ob er mehr als drei Bücher gelesen hat. Dreitausend werden es wohl nicht sein, da er „jedes empfohlene Buch blöd fand“ (Plenzdorf, S. 33) und die Tatsache, dass er in seinem Alter noch Robinson Crusoe zu seinen Lieblingsbüchern zählt, ist nicht unbedingt ein Hinweis darauf, dass er sehr belesen ist. Er zählt allerdings auch nicht im eigentlichen Sinne als Autor, da er seine Geschichte ja nur erzählt und nicht niederschreibt um sie zu veröffentlichen. Somit gilt auch seine „dreitausend-Bücher-Regel“ nicht für ihn.

4. Zum Aufbau der Romane

Auch wenn beide Romane unterschiedliche Erzählformen verwenden, sind auch hierbei Parallelen zu finden, u.a. die Anrede an ein Publikum, die „Freunde“ (Goethe, S. 16) bei Goethe und an die „Damen und Herren! Kumpels und Kumpelinen! Gerechte und Ungerechte!“ (Plenzdorf, S. 29), sowie an die „Leute“ (Plenzdorf, u.a. S. 37, 41, 50). Die Anrede der Personen setzt auch eine erwartete Antwort voraus, so erkundigt sich Werther beispielsweise in seinem Brief an Lotte nach Alberts Anwesenheit (Goethe, S. 68), während Edgar immer wieder versucht, sich zu vergewissern, dass er verstanden wird: „ich weiß nicht, ob mich einer versteht“ (Plenzdorf, u.a. S. 32, 49) oder „ich weiß nicht, ob das einer kennt“ (Plenzdorf, S. 133, 134). Weitere Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede im Aufbau werden im Folgenden herausgearbeitet.

4.1. Goethes Briefroman

Goethe selbst beschreibt 1774 in einem Brief an Gottlieb Friedrich Ernst Schönborn Die Leiden des jungen Werthers als eine Geschichte[8] und auch der fiktive Herausgeber der Briefe nennt seine zusammengetragene Sammlung so (Goethe, S. 7). In der heutigen Literaturwissenschaft wird dem ungeachtet die Geschichte des Werther der Gattung des Briefromans[9] zugeordnet. Dieser wird, wie auch Plenzdorfs Roman zum größten Teil, aus der Perspektive des Hauptcharakters erzählt.

Werther schreibt Briefe an seinen Freund Wilhelm, welchem er seine Gedanken und Gefühle offen darlegt, sowie später auch an Lotte (Goethe, S. 67) und Albert (Goethe, S. 69). Diese Briefe werden allerdings nicht von ihm selbst, sondern von einem fiktiven Herausgeber veröffentlicht, der seine Rührung über das Schicksal des Schreibers mit einer größeren Leserschaft teilen möchte. Seine eingeschobenen Kommentare verdeutlichen, dass die Briefe Werthers nicht zur Veröffentlichung gedacht waren, sondern rein privatem Zwecke dienten.

Durch die Form des Briefromans hat der Autor die Möglichkeit, „die subjektiven Reaktionen der Romangestaltung unmittelbar darzustellen“.[10] Der kurze Abstand zwischen Erleben und Aufzeichnen des Geschehenen seitens des Romanhelden verursacht die Fiktion, dass dieser seine Empfindungen und Gefühle unmittelbar wiedergibt.10 Zudem hat der Autor den Vorteil, dass er keinen fortlaufenden Bericht schreiben muss, sondern den Helden von einem Höhepunkt zum nächsten springen lassen kann.10 So können irrelevant erscheinende Begebenheiten übersprungen und somit die Spannung aufrechterhalten werden.

Goethes Roman ist, abgesehen von den Kommentaren, die zeitlich nach den Briefen eingefügt wurden (Goethe, S. 7, 93ff.), weitestgehend chronologisch aufgebaut, beginnend mit Werthers erstem Brief vom vierten Mai 1771, endend mit seinem Tod am 24. Dezember des folgenden Jahres. Kurze Einschübe, wie die Herausgeberkommentare oder das Zettelchen, das ohne Datumsangabe bei Werthers Papieren gefunden wurde (Goethe, S. 94), stellen somit auch keine wirkliche Störung der Chronologie dar, da sie als solche gekennzeichnet werden.

4.2. Plenzdorfs Mischung aus den vier Ebenen der Dokumentation, des Dialogs, des Kommentars und des Zitats

Im Gegensatz zum Werther wird Plenzdorfs Roman rückblickend erzählt, beginnend mit den Todesanzeigen Edgars im Dezember, dann seine Zeit in Berlin seit Ende September rekonstruierend. Mit Einschüben aus Edgars Vergangenheit ergänzend oder die Situation durch sein erst nach dem Tod erworbenes Wissen bewertend, ist der Leser permanenten Zeitsprüngen ausgesetzt, die ihm das Gefühl geben, einen Kriminalfall vor sich zu haben, der erst Stück für Stück aufgeklärt wird. Ein sehr gravierender Unterschied zwischen „Original“ und „Kopie“ ist die Erzählweise. Während Werther schlicht als Briefroman aufgebaut ist, sind die neuen Leiden wesentlich komplexer strukturiert. Hier wird der Leser zunächst mit einer Zeitungsnotiz vom 26. Dezember über den Tod von Edgar W. am 24. Dezember 1972 - genau 200 Jahre nach Werthers Tod - informiert, welcher drei weitere Todesanzeigen seiner Kollegen, Berufschule und Mutter folgen, womit die Tatsache des Todes durch die Objektivität der Zeitung auf einer Dokumentarebene als gegeben und der Wahrheit entsprechend dargestellt wird. Nachdem der Leser also bei Plenzdorf schon weiß, dass die Geschichte mit dem Tod des Protagonisten enden wird, fragt er sich nun, wie es dazu kommen konnte.

[...]


[1] Werke, die den Stoff von Johann Wolfgang Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers verarbeiten, verheutigen oder parodieren. Aus: Wikipedia: Wertheriaden. http://de.wikipedia.org/wiki/Wertheriaden (24.11.2005).

[2] Wolpers, Theodor: Zu Begriff und Geschichte des Motivs „Gelebte Literatur in der Literatur“. Gemeinsames Vorwort der Beiträger. In: Theodor Wolpers (Hrsg.): Gelebte Literatur in der Literatur. Studien zu Erscheinungsformen und Geschichte eines literarischen Motivs. Göttingen 1986. S. 8. 3 Ebd., S. 11. 4 Die Beziehung von Texten untereinander, beispielsweise durch Zitieren eines Werkes innerhalb eines anderen.

[4] Plenzdorf, Ulrich: Die neuen Leiden des jungen W. 1982. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag. S. 32.

[5] Die Beziehung von Texten untereinander, beispielsweise durch zitieren eines Werkes innerhalb eines anderen.

[6] Salinger, J.D.: The Catcher in the Rye. London: Hamish Hamilton 1951.

Zum besseren und direkten Vergleich in Kapitel 6 wurde für diese Hausarbeit die englische Originalausgabe von 1951 verwendet, da die unterschiedlichen deutschen Übersetzungen z.T. sprachlich sehr voneinander abweichen. Da aber davon auszugehen ist, dass Edgar die deutsche Ausgabe gelesen hat, wird im Verlauf der Arbeit der in „Die neuen Leiden des jungen W.“ genannte deutsche Titel „Der Fänger im Roggen“ verwendet.

[7] Hier wäre beispielsweise das Zitat von S. 101 zu nennen, das von Edgar aus zwei unterschiedlichen Briefen Werthers zusammengesetzt wurde (Goethe, S. 64, 73), von ihm aber für eine zusammenhängende Aussage gehalten wird, die er jetzt für „großartig passend“ hält.

[8] Goethe, Johann Wolfgang: Brief an G. F. E. Schönborn, Anfang Juni 1774. In: Goethes Werke. Hg. im Auftr. d. Großherzogin Sophie von Sachsen. Weimar: Böhlau 1887. 2. Bd.. S. 171.

[9] Definition: „Eine Sammlung fingierter Briefe, die in ihrer Präsentation - unter Umständen zusammengehalten von einer Herausgeberstimme - sich zur Romanhandlung verdichten. Möglich sind Briefwechsel zwischen verschiedenen Personen wie die briefliche Hinterlassenschaft eines einzelnen Helden.“ Aus: Wikipedia: Briefroman. http://de.wikipedia.org/wiki/Briefroman (11.01.1006).

[10] Engel, Ingrid: Werther und die Wertheriaden. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte. Sankt Ingbert: Röhrig, 1986. S. 41.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Intertextualität und das Motiv der gelebten Literatur in Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W."
Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V53727
ISBN (eBook)
9783638490962
ISBN (Buch)
9783638662864
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intertextualität, Motiv, Literatur, Ulrich, Plenzdorfs, Leiden, Werther, Goethe, Wertheriade, Wolpers, Gelebte Literatur
Arbeit zitieren
Stefanie Krause (Autor), 2006, Intertextualität und das Motiv der gelebten Literatur in Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W.", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53727

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