Seit wann die Zeit fließt - Wie die mechanische Uhr das Zeitempfinden veränderte


Seminararbeit, 2004

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Am Anfang war die Sonne – Eine kleine Geschichte der Zeit

III. Die mechanische Uhr – Eine Erfindung verändert die Welt
1. Die Funktionsweise der ersten mechanischen Uhren
2. Das Aufkommen der mechanischen Uhr in Europa

IV. Loslösung von der Natur – Der Wandel des mittelalterlichen Zeitbewusstseins

V. Die Entwicklung der Uhr zum Präzisionsinstrument – Ein Ausblick

VI. Fazit

Literatur

I. Einleitung

Im Morgengrauen lässt der Hohepriester Ptahotep seinen Blick über den Flusslauf des Nil wandern. Anhand der Sterne hat er erkannt, dass der Strom bald wieder absinken und schlammgedüngte Felder hinterlassen wird. Ein günstiger Zeitpunkt für die Krönungszeremonie des neuen Pharao. Noch einmal blickt er zur aufgehenden Sonne, dann dreht er sich langsam um und bedeutet seinen Dienern: „Es ist Zeit!“

Martin Weber hat sich verspätet. Seinen Funkwecker hat er heute morgen überhört. Kein Wunder, der gestrige Tag war lang und die Nacht dementsprechend kurz. Er hat es zwar gerade noch so hingekriegt, aber auf der Uhr, die im Eingangsbereich neben der Stechuhr hängt, konnte er erkennen, dass er heute 32 Minuten zu spät ist. Die verlorene Zeit muss aufgeholt werden. „Auf, auf“, meint er im Vorbeigehen zu seiner Sekretärin, „es ist Zeit!“

Tausende von Jahren liegen zwischen diesen beiden Männern – und eine völlig verschiedene Auffassung von Zeit. Die Vorstellung von einer ablaufenden Zeit, die man verschenkt, wenn man sie nicht nutzt war den Menschen in der Frühzeit völlig fremd.

Wie aber kam es, dass sich das Zeitbewusstsein des Menschen so grundlegend wandelte? Obwohl schon die antiken Hochkulturen sich daran machten, die Zeit zu messen, befinden sich die Wurzeln unseres modernen Zeitbegriffs erst in den Städten des europäischen Mittelalters. Und zwar genauer zu Beginn des 14. Jahrhunderts, dem Jahrhundert, das den Europäern die mechanische Uhr brachte.

Ziel dieser Arbeit ist es sich zu diesen Wurzeln zu begeben, den Anfängen jener Erfindung auf den Grund zu gehen, die Lewis Mumford als „the key-machine of the modern industrial age“ beschrieb.[1]

Dazu möchte ich zunächst einen kleinen Überblick über die Geschichte der Zeitmessung von den Anfängen an geben (II.). Im Spätmittelalter angekommen, soll zunächst aufgedeckt werden, worin die einzigartige Neuerung, die uns erwartet besteht. Es wird dies durch eine schematische Funktionsbeschreibung des ersten in Europa verbreiteten mechanischen Uhrentyps geschehen (III.1.).

Anschließend soll der geschichtliche Kontext beschrieben werden, in dem sie entstand. Doch keine große Erfindung ohne großes Publikum. Und deswegen muss natürlich auch ausgeführt werden, wie und warum sie sich verbreitete (III.2).

Daran anschließend sollen die Veränderungen beleuchtet werden, die die mechanische Uhr der mittelalterlichen Stadt brachte und wie sich diese auf das Zeitempfinden des mittelalterlichen Stadtbewohners auswirkten (IV.).

Da aber auch die weitere Entwicklung dieses Instruments das Zeitbewusstsein bis in die heutige Zeit weiterverändert hat, darf natürlich eine kurze Beschreibung derselben nicht fehlen (V.).

Abschließend werde ich den Versuch unternehmen, noch einmal zu verdeutlichen, welche ungeheuere Entwicklung dieses kleine Instrument ausgelöst hat, wie es uns bis heute verändert (VI.)

Noch eine kleine Anmerkung: Untersucht werden sollen hier die Auswirkungen der mechanischen Uhr auf das alltägliche Zeiterleben. Deswegen wird die Entwicklung der Zeit in der Wissenschaft – ebenfalls ein sehr interessanter Prozess – in dieser Arbeit ausgeklammert. Ein Umstand, der sich leider aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Hausarbeit und aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht vermeiden ließ.

II. Am Anfang war die Sonne – Eine kleine Geschichte der Zeit

Will man die Anfänge der Zeitmessung beleuchten, so muss man den Blick weit in die Vergangenheit werfen. Unsere heutige Tagesaufteilung in 24 Stunden verdanken wir den Ägyptern, die bereits Tag und Nacht in jeweils 12 Stunden unterteilten. Allerdings waren dadurch die Stunden im Laufe eines Jahres unterschiedlich lang.[2] Man spricht von ungleichen oder Temporalstunden im Gegensatz zu gleichen bzw. Äquinoktialstunden.

In einem sonnenreichen Land wie Ägypten war die Sonne ein nützliches Mittel zur Bestimmung der Zeit. Die älteste uns bekannte ägyptische Sonnenuhr stammt aus der Zeit um 1500 v. Chr. Es handelte sich bei ihr allerdings noch um ein sehr primitives Instrument, das nur zu den Tag- und Nachtgleichen (den sog. Äquinoktien) die richtige Zeit anzeigte. Ebenfalls aus dieser Zeit stammen Kriegsberichte Thutmosis des III., in denen er sich auf die durch den Schatten der Sonne angezeigte Stunde beruft. Daraus lässt sich schließen, dass er eine tragbare Sonnenuhr mit sich führte. Eine andere Form der ägyptischen Sonnenuhr benutzte nicht die Länge sondern die Richtung des Schattens zur Zeitindikation, die Ägypter waren allerdings weit davon entfernt zu verstehen, dass dieses Instrument auf die geographische Länge des Aufstellungsortes geeicht werden musste, sollte es die richtige Zeit anzeigen.

Nachts maßen die Ägypter die Zeit mittels einer Wasseruhr. Dabei handelte es sich um skalierte Gefäße, in die entweder Wasser hineinfloss (Einlaufuhren) oder aus denen es herausfloss (Auslaufuhren). Um die je nach Jahreszeit unterschiedlich langen Stunden anzeigen zu können, wurde entweder die Fließgeschwindigkeit des Wassers oder die Stundenskala angepasst.[3] Auch für die Wasseruhr lassen sich Belege finden, die bis um das Jahr 1400 v. Chr. zurückreichen.[4]

Die Zeit war im alten Ägypten allerdings noch Sache der Priester. Die Zeitmessung hing von den Sternen ab und wer deren Zeichen zu deuten vermag ist mächtig.

Auch bei den Griechen findet man die Sonnenuhr (Gnomon) und Wasseruhr (Klepsydra). Letztere trifft man allerdings erst seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. an und anfangs auch nur zur Messung kurzer Zeiträume, wie etwa der Befristung der Redezeit in öffentlichen Gremien.[5]

Die griechischen Philosophen beschäftigten sich jedoch sehr intensiv mit dem Thema Zeit und so begann man auch damit immer kompliziertere Sonnen- und Wasseruhren zu entwerfen, die sogar schon Zahnräder enthielten. Um 270 v. Chr. wurde die Klepsydra durch eine Erfindung des Ktesibios von Alexandria wesentlich verbessert. Hierbei handelte es sich – grob gesagt – um eine Einlauf-Wasseruhr, bei der in einem Vorratstank mit Überlaufrinne der Wasserdruck konstant gehalten wurde, während das steigende Wasser im Einlauftank über einen Schwimmer eine Anzeigemechanik gleichmäßig bewegte.[6] Dieses Instrument war der mechanischen Uhr schon sehr nahe gekommen: es benutzte bereits Räder- und Zeigerwerke. Auch tausend Jahre später wurde es noch im Orient und in Europa kopiert.[7]

Und noch eine weitere Erfindung aus der Zeit des Hellenismus, das Astrolabium, ein Gerät zur Zeitbestimmung mittels stereographischer Projektion, wurde später von den arabischen Wissenschaftlern weiterentwickelt und im Orient noch bis ins 20. Jahrhundert verwendet! Es konnte zwar die Tages- und Nachtzeit (für eine bestimmte geographische Breite) bestimmen – in ungleichen und gleichen Stunden. Allerdings war die Bedienung des Astrolab auch recht umständlich und daher diente es vor allem zu astronomischen Berechnungen.[8]

Die Römer schließlich machten keine Bestrebungen die Genauigkeit der Zeitmessung zu verbessern.[9] Neue oder verbesserte Uhren fand man bei den sich weniger den Naturwissenschaften zuneigenden Römern keine. Und bezeichnend ist auch, dass erst im Jahre 263 v. Chr. eine Sonnenuhr in Rom installiert wurde (mitgebracht von einer Eroberung), von der man erst fast hundert Jahre später bemerkte, dass aufgrund des geographischen Breitenunterschiedes ihre Linien nicht mit den Tagesstunden in Rom übereinstimmten. 164 v. Chr. bekam Rom seine erste richtig konstruierte Sonnenuhr. Wenig später, 159 v. Chr., folgte die erste öffentliche Wasseruhr. Vor dieser Zeit war für das römische Volk der Lichttag ungeteilt gewesen. Neben der neuen 12 Stunden-Teilung gab es in Rom noch eine Vierteilung des Tages sowie beim Militär eine Einteilung der Nacht in vier Wachen. Die Tagesviertel wurden nach ihrer letzten Stunde bezeichnet (hora sexta, hora nona usw., eine Ausnahme bildete das erste Tagesviertel, benannt nach der ersten Stunde[10]: hora prima) und wurden von den Behörden öffentlich signalisiert.[11]

[...]


[1] Mumford 1934, S. 14

[2] vgl. Whitrow 1991, S. 38 sowie Stern 2001, S. 13; Dohrn-van Rossum (1995, S. 25f) sieht die Anfänge dieser Konvention allerdings bei den Babyloniern, Baillod (1979, S. 22) gar schon bei den Sumerern.

[3] vgl. Whitrow 1991, S. 52f

[4] vgl. Baillod 1979, S. 24 u. S. 85 sowie Dohrn-van Rossum 1995, S. 28

[5] vgl. Dohrn-van Rossum 1995, S. 29

[6] für eine Skizze und eine genauere Beschreibung siehe Gaitzsch et al. 1982, S. 21f

[7] vgl. Baillod 1979, S. 25

[8] vgl. Dohrn-van Rossum 1995, S. 77ff und Whitrow 1991, S. 127f

[9] vgl. Whitrow 1991, S. 98 sowie Baillod 1979, S. 28

[10] die Stundenzählung begann damals bei Sonnenaufgang und nicht wie bei uns um Mitternacht.

[11] vgl. Dohrn-van Rossum 1995, S. 25f

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Seit wann die Zeit fließt - Wie die mechanische Uhr das Zeitempfinden veränderte
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Einführung in die sozial- und kulturwissenschaftlich orientierte Technikgeschichte'
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V53733
ISBN (eBook)
9783638491020
Dateigröße
783 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Geschichte des Zeitempfindens
Schlagworte
Seit, Zeit, Zeitempfinden, Technikgeschichte“
Arbeit zitieren
Vincent Steinfeld (Autor), 2004, Seit wann die Zeit fließt - Wie die mechanische Uhr das Zeitempfinden veränderte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53733

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