Eine kurze Betrachtung der Unterwelt in den Orpheustexten. Unterschied zwischen griechischer und christlicher Mythologie


Essay, 2011

5 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Seit den ersten Schöpfungsmythen gab es Vorstellungen von Orten, die von Göttern oder auch von Dämonen, bösen Geistern oder dem Teufel bevölkert sind. Hier herrscht oft ein dualistisches System vor, in dem es entweder einen wunderbaren Ort von Einklang, Glück und Fülle gibt oder aber Leid und Bestrafung vorherrschen. Diese Jenseitsvorstellungen sind ein wichtiger Bestandteil der Orpheus Texte. Dabei handelt es sich natürlich um die der griechischen Mythologie zugrunde liegende Darstellung des Hades. Dessen Strafort vermutlich der Tartarus ist, der seine christliche Entsprechung im Ort der Hölle und sein Gegenstück im Elysium, der christlichen Entsprechung des Himmels, hat. Oft wird allerdings der Hades mit dem Tartarus gleichgesetzt. Nun soll zunächst die Frage behandelt werden, welche literarische Funktion das Jenseits in den verschiedenen Texten zum Orpheusmythos hat und inwieweit sich diese evtl. unterscheiden, besonders hinsichtlich der christlichen und griechischen Mythologie. Dazu sollen zunächst der Tartarus und die Hölle, sowie Elysium und Himmel kurz gegenüber gestellt werden und dann die Texte, hier besonders Glucks Orfeo ed Euridice, hinsichtlich dieser Darstellung untersucht werden.

Wie bereits erwähnt, findet in der griechischen Mythologie keine eindeutige Zweiteilung in einen Strafort und ein paradiesähnliches Gefilde statt. Es existiert eine Unterwelt benannt nach dem Gott, der sie beherrscht: Hades. Hier befinden sich die Toten, die als Schatten umherwandeln. Der Hades ist zwar kein positiv besetzter Ort und einige mythologische Figuren, die für ihre Missetaten von den Göttern bestraft werden, befinden sich dort, wie beispielsweise Ixion. Dennoch ist er kein generalisierter Strafort wie die Hölle. Der Tartarus hingegen wird von einigen als eben dieser Strafort angesehen, hier befinden sich die schlimmsten Sünder und auch die Titanen. Allerdings ist es auch wahrscheinlich, dass es sich hier um ein Synonym zum Hades handelt, bzw. der Tartarus ein Teil des Hades ist. Dem gegenüber steht das Elysium, das Paradies der griechischen Mythologie. Zuerst nur die Wohnstadt der größten Helden, wurde sie später auch der Aufenthaltsort der Seligen, die dort in völliger Glückseligkeit leben. Dem gegenüber stehen Himmel und Hölle der christlichen Mythologie. Der Himmel entspricht hier dem Elysium, hier gehen die ein, die ohne Sünde sind, also ein gottesgefälliges Leben geführt haben, und Leben ebenfalls in völliger Glückseligkeit. Dem gegenüber steht die Hölle, die anders als der Hades oben genannter generalisierter Strafort ist. In dem anders als im Hades eine moralische Differenzierung stattfindet und der Verstorbene für seine Verfehlungen bestraft wird und nicht in den Himmel auffährt. Diese Unterteilung erfährt im Christentum eine sehr ausgefeilte Ausarbeitung und es entsteht die Vorstellung von einer Hölle, in der der Sünder in ewiger Qual verweilt, wie wir sie heute kennen. Hier ist es mehr als fragwürdig, ob dies im antiken Griechenland ebenfalls für den Hades stattgefunden hat, da ihm, wie oben aufgeführt, eine andere Funktion zugrunde lag.

Bereits bei Vergil und Ovid wird Eurydike im Tartarus verortet. Vergil nennt ihn und einige der dort befindlichen Figuren, wie die Furien, Kerberos oder Ixion in seiner Gregoria. Ovid lässt Orpheus ebenfalls den Tartarus betreten, um nach Eurydike zu suchen. Wobei es bei Vergil aber nur im metaphorischen Sinne um die Orpheussage geht und bei Ovids Metamorphosen findet keine konkrete Beschreibung des Ortes statt. Boethius, der erste christliche geprägte Gelehrte, spricht in Trost der Philosophie nicht explizit vom Tartarus oder Hades, lässt aber ebenfalls die darin befindlichen Figuren, wie Ixion, auftreten. Giovanni Boccaccio nennt es in Orpheus, der neunte Sohn Apollons zwar nur Totenreich, aber es wird als Ort der Qualen für die darin befindlichen Schatten, sprich für die Verstorbenen, bezeichnet. Hier treten also nicht die mythologischen Figuren des antiken Griechenlands in den Vordergrund, sondern durch die Benennung von Qual, findet eher eine Verortung in der Hölle statt. Zumal der Text ohnehin eine philosophische Ausrichtung hat, als eine mythologische Abhandlung sein zu wollen, was dazu führt, dass die Unterwelt symbolischen Wert hat. In der Oper Die Tragödie des Orpheus von Angelo Poliziano wird dann wieder stärker auf die Mythologie eingegangen. Der Tartarus wird genannt und die bekannten Figuren finden sich dort. Wobei allerdings der Hades mit ihm gleichgesetzt wird. So heißt es erst, Orpheus öffnete die Pforten des Tartarus und später dann wird dies in Verbindung mit dem Hades erneut erwähnt. Zudem finden sich dort die mythologischen Figuren, aber auch die toten Seelen, die durch den Klang von Orpheus Leier nicht mehr klagen würden, werden genannt. Außerdem wird der Sitz der Götter Himmel genannt und somit ist eine klar christliche Konnotierung innerhalb der Terminologie der griechischen Mythologie erkennbar. Bei Praetorius Orpheus oder Die wunderbare Beständigkeit der Liebe wird dann der Ort, an dem sich Eurydike befindet als Hölle bezeichnet und Toten selbst berichten von ihrem Leid, das sie dort erfahren. Bei Glucks Oper dann findet man Eurydike plötzlich nicht mehr in der im Hades oder dem Tartarus sondern im Elysium. Orpheus betritt zwar mit Hilfe des Gottes Amor, der in dieser Bearbeitung das erste Mal auftritt, die Unterwelt und wird von Ungeheuern, Geistern und Furien bedrängt, und auch hier wird von leidenden Schatten gesprochen, aber weder verweilt Orpheus in der Unterwelt noch findet er dort Eurydike. Er betritt das Elysium und findet sie dort. Hier wird dann die Ehe mit dem Elysium gleich gestellt. Eurydike soll nicht klagen über ihr Los, nämlich aus dem Paradies entrissen zu werden, sondern ein so treuer Gatte wäre ein zweites Elysium. Und andern als in den vorhergegangenen Texten ist es nicht Orpheus, der sich aus Unsicherheit nach Eurydike umdreht, sondern sie selbst fordert ihn vehement dazu auf, da sie nicht versteht, warum er sie nicht ansieht. Sie interpretiert dies als Zurückweisung Orpheus und wäre lieber tot als mit ihm zu gehen. Schließlich bedeutet hier der Tod das Elysium und nicht den Tartarus, also Glückseligkeit und nicht Qual. Auch bedeutet das Wiedererstehen von den Toten für sie Schmerz, denn sie befand sich ja an einem Ort der Seligkeit. Sie bittet erneut Orpheus um Beistand, dieser dreht sich daraufhin zu ihr um und sie stirbt. Aber mit der erneuten Hilfe Amors erwacht sie wieder zum Leben und Orpheus und Eurydike sind wieder vereint. Es wird also deutlich, dass die christlich geprägten Texte Zuschreibungen enthalten, die denen der christlichen Hölle entsprechen. Auch wenn es nie eine ausführliche Beschreibung der Unterwelt gibt, finden sich doch Entsprechungen, die einer christlichen Vorstellung entsprechen. Da es nicht genau überliefert ist, wie die Vorstellung der Unterwelt im antiken Griechenland aussah und die meisten Texte von Christen geschrieben wurden, ist dies durchaus nachvollziehbar, da sich der Wissenstand der Autoren hier niederschlägt. Außerdem erfüllten Hölle und Hades verschiedene Funktionen, so ist der Hades ein Ort der Bestrafung nur für eklatante Fehltritte und Frevel an den Göttern und daher nicht das Jenseits, das dem gegenüber den Christen schon bei kleinen Verfehlungen droht. Der Hades und seine Figuren sind so gesehen eher eine Metapher für moralisches bzw. amoralisches Verhalten, während die Vorstellung der Hölle eine Androhung von Bestrafung ist. Allerdings wird die Unterwelt sicherlich auch darum nicht detailliert beschreiben, sondern immer wieder eher auf einer mythologischen Ebene behandelt, zum Beispiel durch das Nennen der mythologischen Figuren, weil es nach dem geltenden Wertvorstellungen nicht plausibel zu erklären ist, warum die Figur der Eurydike an einen Strafort verbracht werden sollte. Schließlich ist sie durchweg positiv besetzt, was einer Verbringung in die Hölle jede Grundlage entzieht. Zudem wäre es nach christlicher Vorstellung sicherlich fragwürdig eine Sünderin so sehr zu lieben, wie es Orpheus tut und sie ihrer gerechten Bestrafung durch den Aufenthalt in der Hölle zu entziehen.

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Eine kurze Betrachtung der Unterwelt in den Orpheustexten. Unterschied zwischen griechischer und christlicher Mythologie
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,7
Jahr
2011
Seiten
5
Katalognummer
V537422
ISBN (eBook)
9783346149497
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, betrachtung, unterwelt, orpheustexten, unterschied, mythologie
Arbeit zitieren
Anonym, 2011, Eine kurze Betrachtung der Unterwelt in den Orpheustexten. Unterschied zwischen griechischer und christlicher Mythologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537422

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