Yoga in der Schule. Eine Möglichkeit der Harmonisierung und Integration individueller Schulpersönlichkeiten


Examensarbeit, 2005
59 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurze Geschichte des Yoga

3. Gesundheitliche Einschränkungen bei Kindern und Jugendlichen
3.1 Bewegung
3.2 Stress

4. Yoga für Kinder
4.1 Yoga mit Kindern in verschiedenen Altersstufen
4.2 Forschungsergebnisse zu Yoga mit Kindern
4.3 Yoga in der Schule
4.3.1 Forschung zu Yoga in der Schule
4.3.2 Integrationsmöglichkeiten von Yoga in der Schule

5. Asana – Pranayama – Entspannung – Dharana – Dhyana
5.1 Erläuterung von Techniken der Asana und deren Wirkung
5.1.1 Körperhaltungen und Übungen
5.1.2 Spezielle Hinweise für die Durchführung von Asanas
5.1.3 Partner- und Gruppenasanas
5.2 Pranayama - Bedeutung des Atmens
5.2.1 Nasenatmung
5.2.2 Rechts- Linksatmung
5.2.3 Wirkung bewusster Atemführung
5.2.4 Darstellung einiger Atemübungen
5.2.5 Spezielle Hinweise für die Durchführung von Pranayama
5.3 Bedeutung von Entspannung
5.3.1 PMR als Ergänzung in der Entspannungsphase
5.4 Dharana – Konzentration, Dhyana – Meditation

6. Methodische Überlegungen
6.1 Hinweise zum Erlernen und Durchführen eines Yoga Trainingsprogramms
6.1.1 Erläuterung der Hinweise
6.1.2 Formen der Durchführung

7. Exemplarische Darstellung des Yoga-Unterrichtsverlauf

8. Abschließende Gedanken

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Yoga ist eine der ältesten Erfahrungswissenschaften der Menschheit, die gerade in dieser Zeit einen bedeutenden Einfluss in der Gesellschaft hat, die sich darum bemühen muss, anfallenden Stress zu bewältigen.

Yoga ist in seiner Form und Ausführung an keine Religion gebunden. Vielmehr ist Yoga ein Weg der Verbindung und der Zusammenführung verschiedenster Glaubensrichtungen. Die Wirkung einer Übung ist unabhängig von den jeweiligen kulturellen oder religiösen Hintergründen. Sie ist schlicht psychophysischer Natur.

Von daher ist es jedem Menschen möglich, unabhängig seiner kulturellen Tradition, Yoga zu üben.

Ein wesentlicher Anstoß zu dieser Arbeit kam aus meiner eigenen Lehrpraxis als Yogalehrer für Kinder. Seit 3 Jahren Kinder unterrichte ich Kinder Yogakurse in der näheren Umgebung von Bremen. Seit 6 Jahren unterrichte ich Kundalini-Yoga[1] für Erwachsene und seit einem halben Jahr lehre ich Yoga in größeren Unternehmen.

Eine erste Erfahrung mit jugendlichen Schülern und Schülerinnen machte ich im Rahmen einer Projektwoche 2001 an der Waldorfschule in Bremen. Dort habe ich Schülerinnen und Schüler der Oberstufe theoretisch und praktisch eine Woche lang, mit jeweils 4 Zeitstunden täglich, in Yoga unterrichtet. Die Begeisterung und Rückmeldung der Schüler und Schülerinnen machte mir deutlich, wie wesentlich und persönlich bedeutsam solche Unterrichtsinhalte sein können. Sie stützten meine Annahme, dass die Integration von Yoga in der Schule sinnvoll ist.

In einer Lehrtätigkeit als Dozent in einem Institut für lese- und rechtschreibschwache Kinder, bringe ich verschiedene Übungen aus dem Yoga ein und mache immer wieder die Beobachtung, wie interessiert Kinder an diesen Techniken und diesem Wissen sind. Außerdem können verschiedene Übungen des Yoga die Gruppendynamik positiv beeinflussen und die Lernsituation und Lernatmosphäre verbessern.

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit der Frage, in wieweit Yoga, aus wissenschaftlicher Sicht, eine sinnvolle Methode darstellt, den Kindern in der Schule Unterstützung zu geben:

Für den Lernzusammenhang auf der einen und dem alltäglichen Leben auf der anderen Seite.

Nach einem kurzen Überblick über den philosophischen und geschichtlichen Hintergrund des Yoga, erläutere ich in der vorliegenden Arbeit, anhand von Untersuchungen und Zahlen, die gesellschaftlichen und schulischen Bedingungen und Belastungen von Kindern und Jugendlichen.

Am Beispiel des Bewegungsmangels bei Kindern, Haltungsproblemen in der Grundschule sowie der allgemeinen Stressbelastung, führe ich die Methode des Yoga zur Verbesserung dieser und anderer Bereiche ein.

Da der Forschungsstand zum Kinderyoga noch relativ gering ist, stütze ich meine Aus-führungen auf die vorhandene Literatur und Forschung zum Kinder-Yoga, Forschungsergebnisse aus dem Bereich des Erwachsenen-Yoga und meinen eigenen Erfahrungen als Yogalehrer.

Meine Ausführungen werden von folgenden Fragestellungen geleitet:

Welchen Nutzen haben Kinder, wenn sie regelmäßig Yoga üben?

Wie kann die Integration von Yoga in der Schule gelingen?

Wo gibt es bereits eine Integration dieser Methode in den Schulen?

Welche Ergebnisse liegen aus wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Kinder-Yoga vor?

Wie sollten die Übungsinhalte aufgebaut sein und vermittelt werden?

Was ist beim Yoga für Kinder zu berücksichtigen?

Mit der Ausführung dieser Arbeit möchte ich nachweisen, dass die Integration von Yoga in der Schule sinnvoll ist, und eine Harmonisierung individueller Schulpersönlichkeiten hervorbringt. Ich werde Bedingungen für ein Yoga-Trainingsprogramm herausarbeiten und einen praxisorientierten Einblick in ein solches Übungsprogramm geben.

„ Die Erkenntnis der Erkenntnis verpflichtet. Sie verpflichtet uns zu einer Haltung ständiger Wachsamkeit gegenüber der Versuchung der Gewissheit. Sie verpflichtet uns dazu einzusehen, dass unsere Gewissheiten keine Beweise der Wahrheit sind, dass die Welt, die jedermann sieht, nicht die Welt ist, sondern eine Welt, die wir mit anderen hervorbringen. Sie verpflichtet uns dazu zu sehen, dass die Welt sich nur ändern wird, wenn wir anders leben. Sie verpflichtet uns, da wir, wenn wir wissen, dass wir wissen, uns selbst und anderen gegenüber nicht mehr so tun können, als wüssten wir nicht.“[2]

2. Kurze Geschichte des Yoga

Yoga hat seinen Ursprung, und in diesem Punkt stimmen alle Indologen und Religionswissenschaftler überein, in Indien. Das aus dem Sanskrit[3] stammende Wort Yoga bedeutet Yui, verbinden. Es ist mit der etymologischen Wurzel Joch verbunden, was anjochen, anschirren oder verbinden bedeutet. Die ursprünglich philosophische Idee ist, den Ochsen vor den Karren anzuschirren, was soviel, wie, die Seele mit Gott zu verbinden meint oder den Körper, den Geist und die Seele zu verbinden und sie ins Gleichgewicht zu bringen.

Die ersten Hinweise zum Yoga stehen in den Upanischaden[4]. Diese uralten Textsammlungen deuten ca. 800 v. Chr. an verschiedenen Stellen an, Yoga zur Kultivierung des Geistes und Stärkung des Körpers einzusetzen.

Einer der berühmten Texte, der den Weg des Yoga beschreibt, ist die Bhagavad Gita[5] (Der Gesang der Erhabenen). Sie gilt als die Heilige Schrift Indiens und ist das sechste Kapitel eines großen indischen Nationalepos, des Mahabharata[6]. Hier legt der Gott Krishna, dem Kriegshelden Arjuna den Weg des Yoga dar.

Arjuna erfährt den rechten Weg des Handelns, den rechten Weg des Wissens, den rechten Weg der Hingabe und den rechten Weg der Selbstkontrolle. Davon abgeleitet wurde Karma Yoga[7], Jnana Yoga[8], Bhakti Yoga[9] und Raja Yoga[10]. Diese Formen bilden die vier ältesten Wurzeln des Yoga und die Grundstützen der weiteren Entwicklung.

Eine erste systematische Zusammenfassung zum Yoga, wurde durch Patanjali[11] aufgeschrieben. Dieser indische Gelehrte systematisierte, die in den Upanishaden, Veden[12] und der Bhagavad Gita erwähnten Techniken. Patanjali schrieb die Yoga Sutren[13] in der Zeit um 200 v. Chr.. In diesen Sutren stehen eine Vielzahl von Lehrsprüchen für den Yoga-übenden. Wie Perlen, die auf eine Kette aufgezogen werden, hat Patanjali die Lehrsprüche niedergeschrieben.

Er formulierte, unter anderem, den achtgliedrigen Weg, die stufenweise Entwicklung auf dem Weg des Yoga. Sie stellen als solche die Grundlagen, des allgemeinen philosophischen Yoga-systems, dar.

Yama – grundsätzliche Verhaltensempfehlungen

Niyama – Selbstdisziplin; Verhaltenempfehlungen für sich selbst

Asana – Körperhaltungen; körperliche Vorbereitung auf die weiteren Glieder

Pranayama – bewusste Atemführung

Prathyahara – Zurückziehen der Sinne von äußeren Objekten; Beruhigung der Gedanken

Dharana – Konzentration; Fähigkeit der bewussten, willentlichen Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf ein Objekt, wobei das Denken „unbewegt“ bleibt

Dhyana – Meditation; die Aufmerksamkeit fließt ohne aktives Zutun

Samadhi – Verschmelzung des Meditierenden mit dem Objekt

Die Yoga – Sutren enthalten, mit insgesamt 196 Lehrsprüchen, das bedeutendste Wissen über Yoga.[14]

In jener Zeit war es nur wenigen Menschen vorbehalten, sich mit Yoga auseinander zu setzen, es zu studieren. Nur Menschen aus höheren Kasten und jenen die Sanskrit lesen konnten, hatten Einblicke in diese Wissenschaft. Frauen und Menschen niederer Kasten, hatten zu jenen Zeiten, keinen Zugang zu Yoga.

Erst 500 n. Chr., mit dem Einfluss des Tantrismus[15], und damit der Wertschätzung der Frau als „Verkörperin der großen Göttin“, eröffnete sich einer größeren Vielzahl von Menschen der Zugang zu den Texten, die fortan in unzählig viele regionale Sprachen Indiens übersetzt wurden. Um ca. 800 n. Chr. entstand der körperorientierte Übungsweg, des heute bekannten Hatha-Yoga[16].

Dieser Weg und dieses Wissen stehen vermutlich bis zum Mittelalter allen Menschen, unabhängig ihres Geschlechts oder ihrer Kaste, in Indien zur Verfügung.

Um 1500 n. Chr. gewannen die strengeren, alten Religionen[17] wieder an gesellschaftlichen Einfluss und Yoga verschwand in der Versenkung. Es wird angenommen, dass viele Meister des Yoga in das Himalayagebirge gegangen sind und Yoga als Geheimwissenschaft an wenige Schüler und Schülerinnen weiter gaben. Vielleicht ist es diesem Schritt einiger Lehrer zu verdanken, dass wir heute überall auf der Welt Yoga erfahren und lernen können, da es trotz öffentlichen Verschwindens, durch massive Verdrängung, weiter gelehrt wurde.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine Wiederbelebung dieser alten „Wissenschaft“, die vor allem durch das Interesse europäischer Indologen und Religionswissenschaftler voran-getrieben wurde.

Im Jahre 1893 tagte das Weltparlament der Religionen in Chicago. Der Indische Yogi Vivekananda reiste, finanziert durch Spenden seiner Schüler, uneingeladen zu diesem Weltkongress und hielt eine Rede über Yoga.

Durch diese wohl sehr beeindruckende Rede, war das allgemeine Interesse nicht mehr zu übersehen. Yoga wurde ab diesem Moment der westlichen Welt bekannt gemacht und sollte immer bekannter werden.

In Europa waren es vor allem der Exilrusse Boris Sacharow und die in Ungarin geborene Elisabeth Haich, die als Pioniere auf dem Gebiet des Yoga im Westen aktiv waren.

Sacharow gründete in den dreißiger Jahren die erste deutsche Yoga Schule und lehrte den klassischen Patanjali Yoga (AshtangaYoga[18] ) und körperorientierten Hatha Yoga. Der Inder Yesudian wird ebenfalls in verschiedenen Texten erwähnt, der entschieden mitwirkte, den klassischen Yoga im Westen, durch seine Tätigkeit als Lehrer, wie eben auch Elisabeth Haich, bekannt zu machen.

Anfang der 60 Jahre erlebte Yoga eine Popularität, als Weg zu einer besseren Gesundheit und mehr Fitness. Erst in den 90 Jahren tauchte im Westen wieder der ursprüngliche Aspekt der Selbstfindung, Selbstkontrolle und Selbstverwirklichung auf.

Yoga zu praktizieren bedeutete nicht, das Ausführen akrobatischer Verrenkungen, sondern die Fähigkeit sich ausschließlich auf eine Sache, ohne Ablenkung, auszurichten.

„Lasset vom Osten befeuern, was durch den Westen sich formet.“[19]

Die uralte Lebenskunst (ars vivendi) des Yoga, ist heute den allermeisten Menschen in unserem Kulturkreis bekannt und nicht mehr so exotisch, wie es noch vor 20 Jahren der Fall war. Seit Mitte der neunziger Jahre, ist in Deutschland, die Entwicklung und zunehmende Verbreitung eines zielgruppenorientierten Yoga zu beobachten. Da gibt es Yogakurse für Schwangere, Senioren Yoga, Yoga mit geistig behinderten Menschen, Yoga für Kinder und als therapeutisches Begleitprogramm für psychisch labile Personen und für Strafgefangene. Yoga wird ebenfalls erfolgreich in Unternehmen unterrichtet.[20] Auf diesem Gebiet ist vor allem der in Schweden lebende Göran Boll zu nennen, der bereits 1998 erste erfolgreiche Studien über das Managertraining, mit der Methode des Yoga vorstellt.[21]

Es gibt weiterhin Kurse für Lehrer und Fortbildungsangebote für Menschen in sozialen Berufen. Auch Krankenkassen bieten wieder Yogakurse an, bzw. übernehmen die Kosten für einen Kurs für Mitglieder.

Yoga steht auch mit einer gesundheitlich unterstützenden und traditionell verbundenen Lebens- und Ernährungsweise in Beziehung. Der natürliche Heilungsweg des Ayurveda[22], ist eine auf das energetische Gleichgewicht einer Person ausgerichtete, Ernährungs- und Gesundheitswissenschaft, die wie Yoga, eine uralte Tradition hat und den Menschen als eine Einheit von Körper, Geist und Seele betrachtet.

Eine Tradition, die aus Sicht vieler Mediziner eine sehr sinnvolle Ergänzung zum westlichen Medizin- und Gesundheitsapparat darstellt.

1999 hat sich nach einer Schätzung des Berufsverbandes der Yogalehrenden in Deutschland (BDY), als organisierte Interessensvertretung der Yogalehrenden, die Zahl der Yoga-Praktizierenden in Deutschland auf drei Millionen ausgeweitet. 10 Jahre früher wurde diese Zahl noch auf 200000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen geschätzt[23]. Es darf angenommen werden, dass sich diese Zahlen deutlich weiter nach oben verschoben haben.

3. Gesundheitliche Einschränkungen bei Kindern und Jugendlichen

Es gibt sicherlich eine Vielzahl von Möglichkeiten, Lebensbedingungen der heutigen Kindheit zu skizzieren, die einer Hinwendung bedürfen.

Ich möchte mit den folgenden Ausführungen einen kleinen Ausschnitt, durch Zahlen und Untersuchungen gestützt, von dem Herausstellen, was für meine Arbeit von Bedeutung ist und anschließend zwei Bereiche ausführlicher darstellen.

Karl Gebauer schreibt in seinem Aufsatz (2000) „Kinder auf der Suche nach Geborgenheit in einer Welt brüchiger Beziehungen“ zur gegenwärtigen Lebens-Schul-Situation von Kindern und Jugendlichen, mit Verweisen auf Zahlen unterschiedlicher Untersuchungen, folgendes: „40% der 12-jährigen Kinder haben nach einer Untersuchung Kreislaufprobleme, 33% der untersuchten Population haben Haltungsprobleme, bei 50% liegt eine Muskelschwäche vor (FR, 1.2.00). Bis zu 25% der Schüler weisen Probleme beim Lesen und Schreiben auf (FAZ, 31.8.00). Fast jeder fünfte Schüler in Deutschland kann nicht mehr richtig sprechen (FR., 6.10.00). Eine andere Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass 33% der Kinder nachmittags alleine zu Hause sind (FR, 15.12.99). Bis zu 30% der deutschen Schüler leiden an Beschwerden, über die auch Manager klagen könnten: Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche, Kopf- und Magenschmerzen (Die Zeit, 19.4.00). Jedes Jahr unternehmen in Deutschland 30000 Kinder und Jugendliche einen Suizidversuch, davon enden 1000 tödlich (Göttinger Tagesblatt, 7.10.00).“

Alarmierende Zahlen, die erkennen lassen, dass Kinder und Jugendliche in einem hohen Maße betroffen sind, ihre Gesundheit schon sehr früh einzubüßen. Die Gründe, die hinter den Zahlen stecken, sind vielfältiger Natur und nicht Gegenstand dieser Arbeit.

Aspekte der Haltung, der Bewegung sowie der Stressbelastung stehen jedoch in einem engen Zusammenhang mit dieser Arbeit und werden ausführlicher dargestellt.

Wer Yoga übt, arbeitet an seiner Haltung. Wer Yoga übt, bewegt sich und bewegt auch die Muskeln und Gelenke, die sonst nur wenig beansprucht werden. Und Yoga stellt eine hervorragende Methode zur Stressbewältigung, nicht nur für Manager und Lehrer, dar.[24]

3.1 Bewegung

Heute ist längst wissenschaftlich belegt: Durch Bewegung sind Kinder konzentrierter und

entspannter und nehmen damit interessierter am Unterricht teil. Bewegungsmangel dagegen

beeinträchtigt ihren Gesundheitszustand und ihre Lernfähigkeit.“[25]

Immer mehr Kinder leiden unter Bewegungsmangel. Dieser Mangel wirkt sich nicht nur negativ auf ihren aktuellen Gesundheitszustand aus, sondern beeinflusst auch die gesund-heitliche Verfassung im Erwachsenenalter. Der Bewegungsmangel beginnt heute schon bei jungen Kindern.[26]

Sportmediziner verweisen auf die Folgen eines Bewegungsmangels, als Folge von „... Verhäußlichung, entfallenden Fußwegen durch Transportabhängigkeit, Einbindung in feste Zeitstrukturen, reduzierte Spielmöglichkeiten im Freien, weniger Spielkameraden und einer Zunahme sitzender Tätigkeiten.“[27]

Aufgrund häufigen Bewegungsmangel, gerade in Großstädten[28], ist es sehr wichtig frühzeitig etwas für die Haltung zu tun. Aber auch für Kinder, die in gesunder Umgebung[29] und in einem harmonischen Umfeld aufwachsen, beginnt mit der Einschulung eine körperliche und geistige Überbelastung, die sich, wenn man ihr nicht bewusst entgegentritt, ein Leben lang verfestigen kann. Häufig sitzen die Kinder in der Schule stundenlang in schlechter Haltung und verbrauchter Luft über den Schulbüchern und müssen sich konzentrieren, um den schulischen Anforderungen gerecht zu werden. Und für nicht wenige Kinder geht der Freizeitstress nach dem Mittagessen und den Hausaufgaben weiter – und das meistens nicht nur zum Spaß, sondern auch unter einem gewissen Leistungsdruck.[30]

Nach einer Statistik der Bundesarbeitsgemeinschaft zur Förderung haltungs- und bewegungsauffälliger Kinder (1992), weisen „35-60% der Kinder Haltungsschwächen auf, 30-40% Koordinationsschwächen, 25-30% Übergewicht und 20-30% Herz-Kreislauf-schwäche.“[31]

Viele Kinder sind schon in Schuleingangsuntersuchungen, hinsichtlich eines oder mehrerer Faktoren, medizinisch auffällig. Manifeste Wirbelsäulendeformation, funktions-einschränkende Fußfehlstellungen, motorische Bewegungsauffälligkeiten und Koordi-nationsstörungen werden in Untersuchungen genannt.[32]

Ebenfalls klagen bereits 12-jährige Schülerinnen und Schüler einer 6.Jahrgangsstufe, über Schmerzen des Bewegungsapparates. In dieser Untersuchung, zu Beginn eines Rückenschul-Pilotprojektes in Nordrhein-Westfalen, lag bei mehr als der Hälfte der Teilnehmer und Teilnehmerinnen eine Haltungsschwäche ersten Grades vor. Bei einigen, vor allem der Jungen, eine zweiten Grades, welche schon sehr schwer zu kompensieren ist.

Bei vielen Kindern zeigten sich „... Muskelverkürzungen im Bereich der Becken-, Bein- und Nackenmuskulatur, ebenso wie Muskelschwächen (bei 85%) der Bauch- und Gesäß-muskulatur, der Schulterblattfixatoren und der Rückenstrecker im Brustwirbelbereich“.[33]

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind zwei Drittel aller Kinder körperlich zu wenig aktiv. Dieses ist zum einen auf die veränderten Lebensbedingungen zurück zu führen. Die Bewegungsräume, in denen sich die Kinder aufhalten, sind zum Teil enger und gefährlicher geworden. Ursache hierfür ist vor allem der vermehrte Verkehr und eine wachsende Verstädterung.

Zum anderen ist ein verändertes Freizeitverhalten der Kinder festzustellen – Medienkonsum (Fernsehen, Computer) ersetzt zunehmend die spontanen Spielaktivitäten im Freien.

Aus einer Langzeitstudie des Dortmunder Instituts für Kinderernährung geht hervor, dass ein Großteil der Kinder, ihre Freizeit vor dem Fernseher verbringen[34].

Weiterhin kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass Kinder sich heute bis zu 50% weniger bewegen, als noch vor einigen Jahren.[35]

Bewegungsmangel geht oft mit Übergewicht einher. Die Anzahl fettleibiger Kinder hat sich in den letzten 20 Jahren verdreifacht. Die Zeitschrift Stern schreibt am 27.05.2004, dass jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche in Deutschland übergewichtig sei. Jedes 13. Kind ist sogar stark übergewichtig.

Übergewicht kann im Kindesalter zu Blutdruck- und Stoffwechselstörungen führen. Haltungsschwächen, Verletzungen durch zu wenig trainierte Muskulatur sowie motorische Unsicherheiten, sind weitere Folgen des Bewegungsmangels. Viele Kinder klagen bereits, in den noch jungen Jahren, über chronische Rückenschmerzen. Das ISSW ruft in einer Kampagne („Aktive Kindheit – gesund durchs Leben“[36] ) dazu auf, Bewegung wieder vermehrt in den Alltag der Kinder – zu Hause und in der Schule – zu integrieren.

„Die körperliche Leistungsfähigkeit von Kindern ist in den letzten 25 Jahren um etwa zehn Prozent gesunken. Gleichzeitig stieg das Risiko für körperliche Erkrankungen. Zudem leiden Vor- und Grundschulkinder zunehmend beispielsweise an Haltungsschäden, Herz-Kreislauf-Schwäche, koordinativen Störungen und Übergewicht...unsere Kinder brauchen deshalb dringend mehr Bewegung.“[37]

Diese Aussage stützt sich auf deutschlandweite wissenschaftliche Untersuchungen der letzten 25 Jahre auf dem Gebiet der Sportmedizin.

„Die Befunde verdeutlichen die Dringlichkeit einer körperlichen Förderung von Kindern und Jugendlichen. Da es sich offensichtlich nicht bewährt hat, diese Aufgabe privater Institute zu überlassen, muss sie von der Schule übernommen werden.“[38]

3.2 Stress

Stress stellt eine notwendige psychologische und physiologische Zusatzleistung des Menschen dar, um unvorhergesehene, bedrohliche Problemlagen zu bewältigen. Es ist also ein Reaktionsmuster auf eine erhöhte Beanspruchung. Werden die Belastungen zu groß, können sie nicht mehr bewältigt werden und es kommt zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Kopfschmerzen und Migräne, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf Probleme – einige bekannte „Managerkrankheiten“ – beklagen in den letzten Jahren vermehrt Schulkinder, sogar aus der Grundschule. Sowohl bei Managern, als auch bei den Kindern, kann die gleiche Ursache für die Probleme verantwortlich gemacht werden – Stress bzw. krankmachender, nicht be-wältigter Stress.

Es ist bekannt, dass betroffene Eltern und besorgte Lehrer feststellen, dass die Zahl von Kindern mit körperlichen Beschwerden, wie Bauch- und Kopfschmerzen, Konzen-trationsstörungen und Einschlafstörungen, stetig zunimmt. Durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, wie z.B. erhöhter Medienkonsum, „fremd“ verplante Freizeit und Leistungsdruck durch die Gesellschaft (Eltern, Schule, soziales Umfeld), kommt es sehr häufig zu gesundheitlich negativen physischen und psychischen Folgen.[39]

Auch das lange Sitzen im Unterricht, ohne ausreichende Bewegungsmöglichkeiten, stellt eine enorme Anstrengung für die jungen Schüler und Schülerinnen dar. Diese Anstrengung steht wiederum einem aufmerksamen Zuhören oder konzentrierten Arbeiten im Wege.

„Kinder sind in den Bereichen Leistung, Schule, persönliche Entwicklung und Elternhaus mit ständig steigenden Anforderungen konfrontiert. Bei Nichtbewältigung kann es unter Um-ständen zu erheblichen Problemen und Konsequenzen kommen.“[40]

Belastungen, die durch die Schule verursacht werden, sind dabei offensichtlich. In einer Rangfolge, ermittelt von Reißig/Petermann (1996), liegt der Schulstress mit 62,7% als psychosoziale Belastung klar an erster Stelle. Untersuchungsgruppen waren die sechsten Klassen in Leipziger Mittelschulen. Weitere Belastungen waren schlechte Zensuren (35,2%), Streit im Elternhaus (28%), seelische Belastungen (27,1%), Geldsorgen (25,3%), Ärger mit Lehrern (14,1%) und Suizidabsichten (3,4%). Eine andere Studie von Roßbach (1995) kommt durch eine Untersuchung mit den 6-9 Klassen einer Mittelschule in Chemnitz zu ähnlichen Ergebnissen. Hier liegt auch der Schulstress (57,6%), und Probleme mit Zensuren (45,8%) ganz vorne.

Neben den psychosomatischen Symptomen, gibt es noch emotionale Störungen, wie z.B. Angst, depressive Verstimmungen, Aggressivität; motivationale Störungen, wie Schulunlust und Verweigerung; Verhaltensstörungen, wie z.B. Gewaltverhalten oder soziale Kontakt-störungen und Lernstörungen, also Aufmerksamkeitsprobleme bzw. Konzentrations-schwächen[41], die bei unbewältigter Belastung vermehrt auftreten.[42]

Diese nicht gelingende Stressbewältigung kann als Hauptursache, für die oben genannten auftretenden Symptome, verstanden werden. Und „dieser Befund verdeutlicht, wie wichtig es ist, Kindern bei der Bewältigung von Stressbelastungen und deren Folgen gezielt Hilfen anzubieten und als Helfer über die Grundlagen des Stress-Phänomens Bescheid zu wissen.“[43]

Die Psychologen Carsten Unger und Katrin Hofmann-Unger verweisen in ihrem Buch „Yoga und Psychologie“ auf eine Studie von Bley (1997; 1998), in der von beeindruckenden Ergebnissen, zur Wirksamkeit des Yoga bei psychosomatischen Symptomen, berichtet wird.

Des weiteren verweisen sie auf eine Studie, durchgeführt von Krankenkassen und der Berliner Humboldt-Universität (1993-1995).

In dieser Studie „...wurden bei Kopfschmerzen 60%, bei Schlafstörungen 71%, bei Hypertonie 68% sowie bei chronischen Rückenschmerzen 85% spürbare Verbesserungen der Beschwerden nach einer Projektdauer von sechs Monaten gefunden. Darüber hinaus traten signifikant positive Veränderungen im Bereich `Lebenszufriedenheit`, `emotionale Gehemmtheit`, `Erregbarkeit` sowie `emotionale Labilität` bei denjenigen Teilnehmern auf, die sich zuvor diesbezüglich als deutlich beeinträchtigt beschrieben hatten.“[44]

[...]


[1] Auch „Yoga des Bewusstseins“; Meister des Kundalini-Yoga ist Yogi Bhajan

[2] Zit. Maturana/Varela, aus Unger/Hofmann-Unger 1999, S.204

[3] Heilige Sprache des Hinduismus; wörtl. „vollkommen, vollendet und endgültig gemacht“ (vgl.Lexikon der östlichen Weisheitslehren S.324)

[4] Hauptsächliche Basis der indischen Philosophie (vgl. Lexikon der östlichen Weisheitslehren S. 417); aus dem Sanskrit, wörtl. Upa: nahe bei; ni: nieder; sad: sitzen; „sich nahe zu jemanden setzen“

[5] philosophisches Lehrgedicht des Hinduismus (vgl. Lexikon der östlichen Weisheitslehren S.35)

[6] monumentales Heldenepos der Hindus; 106000 Verse in 18 Büchern; wörtl. „Das große Epos (vom Kampf) der Nachkommen des Bharata“ (vgl. Lexikon der östlichen Weisheitslehren S.226)

[7] Weg des rechten Handelns

[8] Weg des rechten Wissens

[9] Weg der rechten Hingabe

[10] Weg der Selbstkontrolle

[11] indischer Gelehrter ca. 200 v. Chr.; P. hat alte Praktiken und Meditationstechniken des Yoga, die über Jahrhunderte mündlich überliefert worden waren, schriftlich zusammen gestellt (vgl. Mircea Eliade (1999): Der Yoga des Patanjali)

[12] aus Sanskrit wörtl.: Wissen, heilige Lehre; Gesamtheit der ältesten Texte der ind. Literatur (vgl. Lexikon der östlichen Weisheitslehren S.428)

[13] ältestes Textbuch des Yoga-Systems, verfasst von Patanjali (vgl. Lexikon der östlichen Weisheitslehren S.459)

[14] vgl. „Der Yoga des Patanjali“ von Mircea Eliade 1999

[15] eine der drei großen Richtungen der Gottesverehrung im modernen Hinduismus; auch Shaktismus (vgl. Lexikon der östlichen Weisheitslehren S.333; Mircea Eliade (1985): Yoga S.208ff

[16] aus Sanskrit wörtl. HA – Sonnen-Atem(Prana), THA – Mond-Atem(Apana); im Hatha Yoga sollen diese beide Formen, durch entsprechende Techniken verbunden werden. Sein Hauptziel ist körperliche Gesundheit. (vgl. Lexikon der östlichen Weisheitslehren S.132)

[17] siehe Mircea Eliade (1985): Yoga S.350ff

[18] Achtgliedriger Weg des Yoga nach Patanjali; vgl. Mircea Eliade (1999): Yoga des Patanjali S. 63ff

[19] Zit. Rudolf Steiner, aus Unger/Hofmann-Unger (1999) „Yoga und Psychologie“ S. 237

[20] vgl. „Yoga in Unternehmen“ von Reiche/Völpel, 2005

[21] Internetquelle: www.lifeforce-imy.de/Lifeforce-Text.html

[22] wörtl. Übersetzt: Die Lehre vom Leben.

[23] vgl. Suzanne Augenstein (2003): „Yoga und Konzentration“ S. 26/27

[24] vgl. „Yoga in Unternehmen“ von Reichel/Völpel, 2005

[25] Bundesministerin für Bildung und Forschung , Edelgard Bulmahn , anlässlich der nationalen Auftaktveranstaltung des „Europäischen Jahres der Erziehung durch Sport“ am 19. Januar 2004 in Leipzig

[26] vgl. Augenstein 2003

[27] vgl. Gaschler 1999, in Augenstein 2003, S.16

[28] vgl. Augenstein 2003, S.17: „kommt Gaschler (2000) zu dem Ergebnis, dass in den letzten 20 Jahren etwa ¼ -1/3 der Grundschulkinder aus städtischen Einzugsgebiet motorische Defizite aufwiesen,...

[29] ebd. : ...im ländlichen Einzugsgebiet zeigt etwa jedes zehnte Kind im Kindergarten und Grundschulalter motorische Auffälligkeiten.“

[30] Siehe auch Susanna Conrad in „Kindergartenpädagogik-Online-Handbuch“ (Hrsg. Martin Textor) Internetquelle: www.kindergartenpädagogik.de/940.html

[31] vgl. Krüger 1999, ebd.

[32] ebd.

[33] ebd.

[34] 83% der 6-13 Jährigen gaben in der Untersuchung tägliches Fernsehgucken als Freizeitbeschäftigung an; im Vergleich nur 46% draußen zu spielen oder 15% Bücher zu lesen oder anzuschauen. Internetquelle: www.fke-do.de

[35] s. Stern 4/2004

[36] Kampagne gegen Bewegungsmangel, Fettleibigkeit, Haltungsschwäche und motorisches Ungeschick bei Kindern. Der Projektleiter Lukas Zahner spricht in erster Linie die Eltern und Lehrkräfte an. Sie sollten sich überlegen, wo und auf welche Weise sie ohne viel Aufwand mehr Bewegung in den Kinderalltag integrieren können.

[37] Prof.Thomas Milani, Direktor des Institutes für Sportwissenschaft an der TU Chemnitz

[38] Augenstein 2003, S.17

[39] Die Auseinandersetzung beispielsweise mit neuen Technologien ist sicherlich wichtig, doch viele Kinder können sich der daraus folgenden Informationsflut, der Hektik und Schnelllebigkeit kaum entziehen

[40] vgl. Stück (2000): „Handbuch zum Entspannungstraining mit Yogaelementen in der Schule“ S.7

[41] ebd.

[42] ebd.

[43] ebd.

[44] Unger/Hofmann-Unger 1999, S.176

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Details

Titel
Yoga in der Schule. Eine Möglichkeit der Harmonisierung und Integration individueller Schulpersönlichkeiten
Hochschule
Universität Bremen
Note
gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
59
Katalognummer
V53749
ISBN (eBook)
9783638491136
ISBN (Buch)
9783656531456
Dateigröße
1744 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Yoga, Schule, Möglichkeit, Harmonisierung, Integration, Schulpersönlichkeiten
Arbeit zitieren
Niclas Kühn (Autor), 2005, Yoga in der Schule. Eine Möglichkeit der Harmonisierung und Integration individueller Schulpersönlichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53749

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