Autonomie statt Macht. Die "l'école moderne" Célestin Freinets und ihre pädagogischen Ansichten


Hausarbeit, 2018

12 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reformpädagogik gegen Kontroll- und Machtverhältnisse in der Schule
2.1 Machtstrukturen in den Regelschulen
2.2 Reformpädagogik – Erziehung und Lernen in Freiheit

3. Autonomie statt Macht: Die "Ècole moderne" Célestine Freinets
3.1 Die Emanzipation des Kindes
3.2 Die laizistische Schule
3.3 Die individuellen Interessen des Kindes und die Bedeutung der Arbeit
3.4 Autoritätsfreie Beziehung zwischen Lehrer und Schüler
3.5 Der „freie Ausdruck“
3.6 Der Klassenrat
3.7 Individuelle Arbeitspläne
3.8 Disziplin und Überwachung
3.9 Leistungsbewertung

4. Schlussfolgerung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gegenstand der bevorstehenden Arbeit sind die abgeschafften Machtstrukturen in der Pädagogik des französischen Reformpädagogen und Begründer der l’Ècole Moderne, Célestin Freinet. Durch seine umfassende Kritik an der vorherrschenden Pädagogik seiner Zeit und durch seine revolutionären Ansätze ist sein Konzept zu einer bedeutsamen Lehre geworden (Skiera 2003: 327). Seine Schule, basierend auf der laizistischen Moral, möchte sich jeden Zwangs enthalten, wobei die Rechte und Bedürfnisse des Kindes höchste Priorität haben. Da für ihn das wichtigste Recht das Recht auf Freiheit ist, soll auf den folgenden Seiten ermittelt werden, wie sein Konzept die Schule zu einer befreienden Institution verwandeln soll.

Um ein umfassendes Bild der Konzeption Freinets zu schaffen, stellt der erste Teil dieser Arbeit konventionelle Schulen zur Zeit Freinets und die herrschenden Machstrukturen vor. Daraufhin soll die Kritik und Sichtweise der Reformpädagogik auf diese Machtprozesse in den Schulen vorgestellt werden. Daran knüpft der zweite Teil an, welcher die konkreten Neuerungen Freinets vorstellen soll. Der Unterricht soll in einer demokratischen und familiären Atmosphäre stattfinden (Kock 1996: 39). Darüber hinaus soll in der Schule keinerlei Moral, sowie politische, soziale oder religiöse Einflussnahme vermittelt werden. Er hat die Unterrichtstechniken und die Arbeitsmittel angepasst und die Schule strukturell umgewandelt. Durch die Bereitstellung entsprechender Arbeitsmaterialien soll es den Schülern ermöglicht werden, selbstständig Maßstäbe und Regeln zu entwickeln. Die Einführung des Klassenrats hat ebenso eine wichtige Rolle bei seiner Mission der „Befreiung der Kinder“. Durch welche Neuerungen Freinet seine Schüler befähigte, in der demokratischen Institution des Klassenrats mitwirken zu können, soll im Folgenden erläutert werden. Ferner soll auf die neue autoritätsfreie Beziehung zwischen dem Lehrer und dem Schüler eingegangen werden. Gewissen, Verantwortung und Eigenständigkeit sollen zu einem Pflichtbewusstem Leben führen. Der letzte Teil widmet sich der Frage, wie eine Schule ohne Disziplin und Überwachung aussehen kann und wie Freinet die Leistungsbewertung zwangsfrei gestaltet hat.

Die Arbeit schließt mit einem Fazit und versucht zu beantworten, welche Rahmenbedingungen Freinets Meinung nach geschaffen werden müssen, um die Schule zu einem Macht- und Zwangsfreiem Ort des Lebens zu verwandeln, in dem der Schüler durch Emanzipation und ohne Fremdbestimmung seine Persönlichkeit voll entfalten kann.

2. Reformpädagogik gegen Kontroll- und Machtverhältnisse in der Schule

2.1 Machtstrukturen in den Regelschulen

Herkömmliche Schulen legten großen Wert auf das vermitteln des Stoffes innerhalb der festgelegten Stoffpläne und waren infolgedessen bestimmten Faktoren unterworfen (Jörg 1979: 15). Die Einteilung des Unterrichts und die Dominanz des Lehrplans blenden aktuelle Interessen der Schüler aus. Ferner sorgt die Selektionsfunktion der Regelschulen für Ungleichheit. In einer „passiven und formellen Pädagogik“ (Jörg 1979: 17) wird Für Ruhe und Autorität gesorgt, indem die Kinder dazu gezwungen werden, deren Bedürfnisse zu unterdrücken. (Kock 1996: 34). Die Kontrolle der Arbeitsergebnisse in den traditionellen Schulen verlief durch das Aufsagen auswendig gelernten Stoffes, gutes Vorlesen und den Hausaufgaben. Solche Kontrolltechniken sind darauf bedacht, Schüler nach Leistungen einzuteilen und wecken in der Klasse Neid und Mistrauen (Jörg 1979: 118). Außerdem verbreitet sich unter solchen Umständen häufig ein Minderwertigkeitsgefühl unter den schwächeren Schülern. In Regelschulen wird die Harmonie des Kindes durch „unnatürlich forcierte schulische Anstrengung“ gestört (Kock 1996: 98). Die Aufgaben sind von dem Wirklichen Leben losgelöst und dadurch sind die Kinder später nicht dafür gewappnet, angemessen auf die Vorfälle der Zeit zu reagieren (Kock 1996: 100).

2.2 Reformpädagogik – Erziehung und Lernen in Freiheit

Reformpädagogik ist eine antiautoritäre und libertäre Pädagogik und eine ihrer Hauptkritikpunkte an der traditionellen Pädagogik ist das Konzept der Disziplin, Unterwürfigkeit und erzieherischen Autorität. Sie lehnt die gängigen Unterdrückungsmechanismen, Leistungszwang, die Machtmechanismen und die Hierarchie in der Klasse ab, wodurch ein „erzieherischer Machtvakuum“ entsteht (Skiera 2003: 335). Diesen gilt es durch Selbstständigkeit, Autonomie und Selbstregulierung zu ersetzen. Das wahre Ziel eine Pädagogik sollte es sein, „dass das Kind in einem gröstmöglichen Maße zur Entfaltung seiner Persönlichkeit in Schoße einer vernünftigen Gemeinschaft gelangen kann, der es dient, und die auch ihm dient.“ (Jörg 1979: 14). Es stellt sich für die Reformpädagogik die zentrale Frage, „wie Unterricht und Schule, Lehren und Lernen zur Freiheit führen und in Freiheit geschehen können…“ (Kock 2015: 111). Es ist die Aufgabe einer neuen Pädagogik, Organisationsformen zu entwerfen, in denen sich die Schüler durch aktive Teilnahme selbst verwirklichen (Jörg 1979: 17). Mitbestimmung und Selbstbestimmung sind ein wesentlicher Bestandteil aller Reformpädagogischen Ansätze. Auf dem Weg zu einer herrschaftsfreien Schule sollen die hierarchischen Strukturen aufgelöst werden. Das Ziel ist ein befreites Kind, der in einer demokratischen Gemeinschaft durch seine Partizipationsmöglichkeiten zum Selbstregulieren befähigt wird (Skiera 2003: 331). Durch die Ablehnung unmenschlicher und entwürdigender Behandlungen wird dem einzelnen die maximale Entfaltung seiner sozialen Kräfte und Menschlichkeit gewährleistet. Reformpädagogische Ansätze suchen durch die Schaffung demokratischer Arbeitsformen das menschliche Gleichgewicht zwischen dem Kind und dem Erwachsenen. Wie genau Freinet diesen Punkt angeht, wird im Folgenden erläutert.

3. Autonomie statt Macht: Die "Ècole moderne" Célestine Freinets

Freinets „Befreiende Volksbildung“ soll die Emanzipation des Kindes hervorbringen. Freiheit, Toleranz und Gleichberechtigung sind für ihn zentrale Begriffe. Dem Begriff der Selbstbestimmung liegt ein weiteres Ideal zugrunde: die Laizität. Die Schule und die Lehrpläne sollen Religionsneutral sein – Kirche hat in der Schule nichts verloren. Dadurch sollen die der freinetschen Pädagogik grundliegenden Werte gewährleistet sein und es soll eine „umfassende Befreiung von allen entfremdenden und unterdrückenden Bedingungen“ stattfinden (Kock 1996: 15). Die freiheitliche Pädagogik Freinets setzt auf selbstständige Arbeit und schafft Raum und Freiheit für die eigene Suche nach dem Wissen. (Skiera 2003: 311). Durch welche innovativen Methoden ihm dies geschieht, soll in diesem Kapitel erläutert werden.

3.1 Die Emanzipation des Kindes

Freinet erkennt gesellschaftliche Umstände, die einem befreienden und eigenverantwortlichen Bildungsprozess im Wege stehen. Darunter zählt er unter anderem Faktoren wie soziale Ausgrenzung, Ideologien, die Person des Führers, entmenschlichende Techniken, unkritisches Glauben und Manipulation (Kock 1996: 16). Die Erziehung nach Freinet ermöglicht es dem Kind, sich durch Lebensnahe Arbeit bestimmte Techniken anzueignen, die ihn für das spätere Leben bewaffnen (Kock 1996: 98). Durch solche Erziehung durch das Leben kann er sich auch später im Leben außerhalb der Schule seine Freiheit sichern.

„Freiheit in der Theorie Freinets…entsteht dort, wo das Individuum den mechanischen Prozess des Stroms, die ihn umgebenden Verhältnisse und die gleichsam natürlich erscheinenden Prozesse des Lebens mit einer höheren dynamischen Kraft überschreitet, dominiert und prägt“ (Kock 2006: 45).

Eine kindgemäße Schule überlässt dem Kind das Gestalten seiner Persönlichkeit und unterstützt es dabei lediglich (Jörg 1979: 15). Ein erster und wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Abschaffung der strikten Zeiteinteilung, welche den Schülern verschiedene Arbeitsrhythmen ermöglicht, was die langsameren Schüler der Versagersituation befreit.

3.2 Die laizistische Schule

Ein wesentlicher Punkt, den Freinet mit seinem Konzept umgehen möchte, ist die religiöse Vereinnahmung, da diese nicht zur Freiheit führt. Der Laizismus sei seiner Meinung nach die Basis für eine neutrale Schule, die ihre Schüler moralisch nicht bestimmt (Kock 1996: 29). Unter diesen Umständen wird es dem Kind ermöglicht, sich vollständig zu entwickeln. Eine der seiner laizistischen Pädagogik zugrundeliegenden Ideale ist Eigenständigkeit, die nur durch die Abschaffung des von außen diktiertem System möglich ist (Kock 1996: 17). Das vorgestellte Konzept der Laizität bedeutet für Freinet die Aversion gegen jede dogmatische Inhalte und Werte, die nicht vom Kind selbst kommen. Ferner fordert Freinet die Schüler als vollständige Individuen anzuerkennen, die dazu in der Lage sind, sich eigenständig „selbst zu erziehen“. (Kock 1995: 69).

3.3 Die individuellen Interessen des Kindes und die Bedeutung der Arbeit

Die Aktivität des Schülers soll die neue Grundlage für den Unterricht werden. Die Klasse soll keine passive Komponente sein (Kock 1996: 48). Das kann für Freinet nur durch selbstständige Arbeit gelingen. Für ihn ist die Wertschätzung der Arbeit deshalb so zentral, weil er sie als Grundstein einer befreienden Volksbildung versteht (Kock 1996: 17). Durch Arbeit entwickelt sich die Persönlichkeit des Kindes und gibt ihm ein Gefühl der Befriedigung (Skiera 2003: 319). Das grundlegende Bedürfnis jedes Kindes nach Aktion und Kreativität wird durch Arbeit erfüllt (Kock 1996: 49). Ausschließlich durch eine gesellschaftlich relevante Arbeit und die Reflexion dieser Arbeit kann sich eine befreiende Bildung entwickeln (Kock 1996: 21).

Eine der Wege zur Förderung der individuellen Interessen des Einzelnen ist die Abschaffung oder zumindest die Reduktion der Schulbücher, denn sie töten den kritischen Gedanken und die Kreativität. „Sie führen zur Unterwerfung des Kindes unter die Erwachsenen – genauer gesagt unter die Klasse der Erwachsenen, die durch die Lehrpläne und aufgrund ihres Kapitals über Unterrichtswesen verfügt“ (Kock 1996: 56). Doch werden nicht nur die Kinder Opfer den Schulbüchern, auch Lehrer werden durch sie gezwungen einen geschlossenen Stoff zu unterrichten. Ohne Schulbücher müssen sie nicht mehr mechanisch unterrichten, sondern werden davon befreit (Kock 1996: 57). Die von Freinet neu eingeführte Druckerei soll die Schulbücher gut ersetzen können. (vgl. Kock 1996: 59). Durch sie wird den Schülern eine freie Wahl des Stoffes ermöglicht, denn nur sie selbst können beurteilen, welche Gebiete sie gerade beschäftigen. Infolgedessen können sie den Stoff auswählen, der zu deren derzeitigen Interessen passen. Nur auf diesem Wege werden die Schüler von der Vereinnahmung durch die Erwachsenen befreit.

3.4 Autoritätsfreie Beziehung zwischen Lehrer und Schüler

Es soll nach Freinet keinen Wesensunterschied zwischen den Schülern und dem Lehrer geben. Der Lehrer soll bei der Selbstverwirklichung des Schülers eine lenkende und helfende Person sein, ein erfahrener Berater und Freund der ihm hilft, seinen Weg zu finden (Jörg 1979: 165). Er ist kein allwissendes Universalgenie, der als ständiger Bezugspunkt die Vorgehensweisen der Arbeit bestimmt. Er bereitet für die Schüler lediglich das Material vor und steht ihnen mit Ratschlägen zu Seite. Das Kind andererseits, nimmt von dem Lehrer in diesem Fall gerne Empfehlungen und Anregungen an (Kock 1996: 99).

Eine der zunächst äußerlichen Zeichen für die Gleichwertigkeit des Lehrers und Schülers ist die Abschaffung des Katheders. Indem der Lehrer an einem gewöhnlichen Tisch und Platz sitzt, wird er anders betrachtet (Jörg 1979: 128). Außerdem sind bei den Mahlzeiten alle vereint, was ebenso auf eine Gleichstellung von Kind und Erwachsenem deuten. (Kock 1996: 92).

Zwänge, die das Kind aus dem Gleichgewicht bringen und die ihn in eine unterlegene und machtlose Position versetzen, werden als ein „gefährlicher Bruch des notwendigen Gleichgewichts empfunden“ (Kock 2006: 42). Ziel ist es, die Fremdbestimmung des Kindes zu vermeiden. Dies geschieht am besten durch die Kinder selbst. Die Aufgabe der Erziehungsanstalten ist es demnach lediglich die Kinder dabei zu unterstützen (Skiera 2003: 311). In der Pädagogik Freinets soll es demnach keinen Zwang, Konformismus und strukturelle Gewalt geben (Jörg 1979: 156).

3.5 Der „freie Ausdruck“

Der freie Ausdruck ist ebenso eine Neuerung in der Pädagogik Freinets und ist für sein Konzept von großer Relevanz, da sie zur Befreiung von Ängsten, Unruhen, Nervosität und Sorgen dient (Kock 1996: 22). Außerdem ermöglicht er einen Einblick in die Interessen des Schülers. In der Schule Freinets werden künstlerische Tätigkeiten aller Art gefördert, da sie die Kreativität hervorbringen. Auch in der Kunst setzen sich Freinet und seine Frau Elise für eine absolute Freiheit ein, denn sobald ein Erwachsener bei dem Prozess einschreitet, ist das Werk nicht mehr authentisch (Kock 1996: 120). Der freie Ausdruck muss zwei Voraussetzungen erfüllen, um wirklich „frei“ zu sein: er „darf weder direkt noch indirekt von außen erzwungen werden und keinerlei Bewertung unterliegen“ (Kock 1995: 215). Einige der Techniken des freien Ausdrucks sind beispielsweise Malen, Fotographie, Musizieren, sowie das Verfassen freier Texte.

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Details

Titel
Autonomie statt Macht. Die "l'école moderne" Célestin Freinets und ihre pädagogischen Ansichten
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V537687
ISBN (eBook)
9783346148575
ISBN (Buch)
9783346148582
Sprache
Deutsch
Schlagworte
autonomie, macht, célestin, freinets, ansichten
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Autonomie statt Macht. Die "l'école moderne" Célestin Freinets und ihre pädagogischen Ansichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537687

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