Methodik, Beispiele und Grenzen der Biographiearbeit


Hausarbeit, 2017

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition

3. Ziele

4. Methodik
4.1 Gesprächstechniken
4.2 Genogrammarbeit

5. Praxisbeispiele
5.1 Fotographieprojekt in einer Mutter-Kind-Einrichtung
5.2 Kunstprojekt in einer Mutter-Kind-Einrichtung

6. Grenzen

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meiner Arbeit lerne ich Menschen in schwierigen und belasteten Lebenslagen und -situationen kennen. Unweigerlich erfahre ich von ihrer Biographie. Dies oft schon, bevor ich überhaupt den Menschen an sich kennenlerne. Meine Aufgabe ist es, die mir anvertrauten Menschen in ihrer individuellen Situation und in einem bestimmten biographischen Abschnitt zu unterstützen und zu begleiten. Mit dem Ziel der Bewältigung dieser herausfordernden Lebenssituation.

In meiner vorliegenden Ausarbeitung möchte ich die Biographiearbeit als Arbeitsmethode vorstellen und definieren, auf die Ziele biographischen Arbeitens eingehen, verschiedene Methodiken innerhalb der Biographiearbeit vorstellen und einen Praxisabgleich herstellen. Abschließend folgt ein Ausblick.

2. Definition

Biographie kann mit Lebensbeschreibung („bios“ = leben, „gráphein“ = schreiben) übersetzt werden. Biographiearbeit beinhaltet zudem das Wort „Arbeit“. Damit umfasst Biographiearbeit die zielgerichtete, reflexive und aktive Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben oder einer Fremdbiographie bzw. die Unterstützung und Anleitung einer Person bei ihrer biographischen Auseinandersetzung. (vgl. Hölzle/Jansen 2011, S. 31)

Die Biographiearbeit stellt ein sehr weites Feld dar, welches in den verschiedensten Professionen zum Einsatz kommt. So wird Biographiearbeit u.a. in pflegerischen, erzieherischen, therapeutischen und sozialpädagogischen Arbeitsfeldern als Methode genutzt, um Menschen bei ihrer Erinnerungsarbeit zu unterstützen. Sei es um eine Zukunftsperspektive zu entwickeln und/oder Vergangenes zu bewältigen. Dabei blickt die Biographiearbeit auf die individuellen Erfahrungen und Sichtweisen einer Person. (vgl. Specht-Tomann 2012, S. 7) Man unterscheidet dabei strukturierte und unstrukturierte Biographiearbeit. Strukturierte Biographiearbeit meint die geplante, methodische biographische Auseinandersetzung in Form von bspw. gestalterischen Angeboten. Unstrukturierte Biographiearbeit findet dagegen spontan bspw. in Alltagsgesprächen statt. (vgl. Reich 2008, S. 21) In der Biographiearbeit sind dabei drei Zeitabschnitte von besonderer Bedeutung. So kann sich die Bearbeitung auf die Vergangenheit, die Gegenwart und/oder die Zukunft beziehen und so eine Perspektive erarbeitet werden. Erinnerungsarbeit, also die Bearbeitung der Vergangenheit, spielt dabei in der Biographiearbeit die größte Rolle, auch wenn die erworbenen Erkenntnisse gleichwohl Auswirkungen auf die Zukunft haben. (vgl. Hölzle/Jansen 2011, S. 33)

3. Ziele

Die Ziele der Biographiearbeit müssen immer auf den Hilfekontext, die jeweilige Lebenssituation und die Adressat*innen zugeschnitten sein. Es gibt jedoch wiederkehrende Ziele, welche durch Biographiearbeit hauptsächlich verfolgt werden. (vgl. Hölzle/Jansen 2011, S. 34f.) Ein übergeordnetes Ziel stellt dabei die Entwicklung der Persönlichkeit und die Identitätsbildung dar. Ebenso dient die Biographiearbeit der Neuorientierung und Motivation der Adressat*innen. (vgl. Reich 2008, S. 59f.) Ein weiteres wichtiges Ziel stellen Selbstwirksamkeitserfahrungen dar. Durch Biographiearbeit sollen die Adressat*innen erfahren, Einfluss auf ihre Biographie nehmen zu können. Durch ressourcenorientierte Biographiearbeit wird das Selbstwertgefühl der Adressat*innen gesteigert und wirkt wertschätzend und anerkennd. Dies setzt jedoch eine emphatische und respektvolle Beziehung zu den Adressat*innen und deren Lebenswegen jenseits der Normalbiographie voraus. (vgl. Hölzle/Jansen 2011, S. 19ff.) Weitere Ziele sind die Verarbeitung kritischer Lebensereignisse in der Vergangenheit, wie bspw. Trennung, Tod, Abhängigkeit und Krankheit (vgl. Filipp 2007, S. 338 zit. n. Hölzle/Jansen 2011, S. 35). Ebenso gehört Stabilisation in Zeiten schwieriger und belastender Lebenssituationen hinzu (vgl. Hölzle/Jansen 2011, S. 39).

Zusammenfassend kann man sagen, dass Biographiearbeit der Selbstreflexion und Selbststeuerung dient (vgl. Reich 2008, S. 8f.).

4. Methodik

Im Rahmen der Biographiearbeit gibt es zahlreiche Methoden. Dies hängt sowohl mit den verschiedenen Fachrichtungen zusammen, die biographisch arbeiten, als auch mit den unterschiedlichen Adressat*innen. Dabei ist nicht jede Methode für jeden Adressat*innenkreis bzw. nicht für Jede*n geeignet. Die Methoden müssen daher immer individuell ausgewählt werden. Biographiearbeit ist sowohl mit einzelnen Personen, als auch mit Gruppen möglich. Mit welchen Methoden man arbeitet hängt nicht nur von den Adressat*innen an sich ab, sondern auch von den Rahmenbedingungen (bspw. wie räumliche Gegebenheiten, Zeitbudget, materielle Ausstattung). (vgl. Specht-Tomann 2012, S. 100)

Gelingende Biographiearbeit setzt zudem gewisse Haltungen und Rahmenbedingungen voraus. Diese sollten sich an den ethischen Mindeststandards orientieren, wie Zuverlässigkeit (u.a. ausreichendes Zeitbudget, Regelmäßigkeit), Vertraulichkeit (u.a. tragfähige Beziehung zwischen Adressat*in und Helfer*in, Datenschutz), Sensitivität (u.a. Freiwilligkeit, Geduld, Einhalten professioneller Nähe, Ressourcenorientierung, Wertschätzung) sowie Reflexivität (u.a. Grenze zur Therapie kennen und wahren, professionelle Reflexion im Team / Supervision). (vgl. Lattschar/Wiemann 2004 zit. n. Hölzle/Jansen 2011, S. 28f.)

Insbesondere die genannte Vertraulichkeit und tragfähige Beziehung zwischen Helfer*in und Klient*in ist ausschlaggebend für die gesamte Arbeit, speziell für die Biographiearbeit. Hinzu kommt die unbedingt notwendige professionelle Nähe, die gelebt werden muss. Ein ausgewogenes Nähe-Distanz-Verhältnis ist unabdingbar. Dies wird nochmals in der Biographiearbeit deutlich. Teilweise können beim biographischen Arbeiten traumatische Erlebnisse an die Oberfläche kommen, Scham kann eine Rolle spielen, Verletzungen werden sichtbar. Dies erfordert von Seiten der Adressat*innen viel Vertrauen und von den Helfer*innen Respekt und Wertschätzung der teils sehr belasteten Lebensverläufe. Dabei ist eine professionelle Nähe nötig und hilfreich – für beide Seiten. (vgl. Hölzle/Jansen 2011, S. 55)

Neben den genannten Rahmenbedingungen und alltäglichen, unstrukturierten Einsatzmöglichkeiten von Biographiearbeit, sollen an dieser Stelle auch zwei strukturierte Methoden vorgestellt werden. Neben diesen gibt es zahlreiche weitere Methoden, insbesondere im gestalterisch-kreativen Bereich. Zum einen die Techniken der Gesprächsführung, zum anderen die Genogrammarbeit. Beide Werkzeuge stellen für sich jeweils eigenständige Methoden dar und können daher nur beispielhaft angerissen werden.

4.1 Gesprächstechniken

Beispielhaft sollen an dieser Stelle nur einige bedeutende Gesprächs- und Fragetechniken für die Biographiearbeit aufgezeigt werden, da die Gesprächsführung eine sehr umfangreiche Methode für sich darstellt. Unerlässlich für die Biographiearbeit ist es aber, die Grundlagen der Kommunikationstheorie zu kennen. In diesem Zuge spielt auch die bereits aufgezeigte persönliche Haltung wie Empathie, Kongruenz, Wertschätzung und positive Neugierde eine zentrale Rolle für das Gelingen biographischer Arbeit. Dabei sollten zudem grundsätzlich die Grenzen des Gegenübers gewahrt werden. (vgl. Specht-Tomann 2012, S. 20f.) Die Regeln der Gesprächsführung beziehen sich dabei jedoch nicht nur auf das geplante biographische Arbeiten, sondern auch auf Alltagsgespräche. Denn oftmals erfährt man „nebenbei“ biographische Segmente, da man mit den Müttern in deren Zuhause arbeitet und sie unmittelbar im Alltag begleitet. Daher stellen die Gesprächstechniken sowohl eine strukturierte als auch eine unstrukturierte Methode biographischen Arbeitens dar.

Eine Grundlage für die Beratung bildet die Gesprächstechnik des Aktiven Zuhörens mit all den dazugehörigen Techniken wie bspw. dem Spiegeln, dem Verbalisieren von Gefühlen oder Nachfragetechniken (vgl. Pantucek 1998, S. 7ff.). So ist es insbesondere sinnvoll das Gesagte der/des Adressat*innen zu paraphrasieren, um diese*n zur Reflektion anzuregen. Eine hilfreiche Frage könnte bspw. sein: „Habe ich richtig verstanden, dass…?“. Aber auch nachfragende und öffnende Fragen bilden die Grundausrüstung öffnender Gespräche. Aber auch das Verbalisieren der wahrgenommenen Gefühle des/der Adressat*innen kann hilfreich sein, um bspw. Erschöpfungszustände, Trauer oder Scham festzustellen und aufzugreifen. Insbesondere zirkuläre Fragetechniken eignen sich für die Bearbeitung von Lebensverläufen. So könnte man fragen: „Was würde deine dazu Tochter sagen?“. (vgl. Kleve 2005, S. 21ff.) Bei all diesen Fragen ist es notwendig Raum für Lösungen zu lassen. Beispielsweise in dem absolute Begriffe („immer“) vermieden werden oder öffnende Sätze formuliert werden („Wie können Sie dieses Ziel erreichen?“).

Im Rahmen des Lebensrückblicks sollte bei der ressourcenorientierten Biographiearbeit insbesondere der Blick auf gemeisterte Herausforderungen gelegt werden. Hier ließe sich bspw. fragen: „Was hat Ihnen dabei geholfen, diese schwierige Situation zu überwinden?“ oder „Wie haben Sie es geschafft, dass ….“. (vgl. Hölzle/Jansen 2011, S. 45) Aber auch ein Blick in die Zukunft kann hilfreich sein. So kann der Blick auf die Lebensziele ebenso ressourcenaktivierend wirken. Dafür eigenen sich Perspektivgespräche aber auch bspw. die gemeinsame Vorbereitung von Hilfeplangesprächen mit den Müttern. Hierbei werden gemeinsam mit der Mutter Ziele festgelegt, die erreicht werden müssen, um das übergeordnete Ziel der Mutter und letztlich auch des Jugendamtes sowie der Einrichtung zu erreichen. Das übergeordnete Ziel sollte dabei positiv formuliert sein und eine möglichst genaue Vorstellung davon vermitteln, was im besten Falle bevorsteht. Dieses Ziel fungiert dann selbst als Motivation und Ressource. Um dieses selbstgewählte und herbeigesehnte Ziel zu erreichen, müssen die Klientinnen ihre weitere Biographie entsprechend gestalten. Welche Grob- und Feinziele dafür jeweils erreicht werden müssen, ist dann individuell sehr unterschiedlich und auf die jeweiligen Kompetenzen und Schwierigkeiten bezogen. Dabei ist zu sagen, dass die (Hilfeplan-)ziele S.M.A.R.T. formuliert werden sollten. Das heißt, dass diese spezifisch (d.h. konkret und präzise), messbar (d.h. der Stand muss beurteilbar sein), anspruchsvoll (d.h. herausfordernd, aber nicht überfordernd), realisierbar (d.h. die Umsetzung muss im vorgesehenen Zeitraum möglich sein) und terminiert (d.h. es muss ein überschaubarer Zeitraum festgelegt werden) sein müssen. (vgl. Hölzle/Jansen 2011, S. 45f.) Die Adressat*innen können sich dann an diesen Zielen orientieren und wissen, wie sie (mit Unterstützung) ihr Leben gestalten sollten, um ihr Ziel zu erreichen.

4.2 Genogrammarbeit

Genogramme dienen der graphischen Veranschaulichung und Reduktion von komplexen Familiensystemen. Um diese darzustellen bedient man sich festgelegter einheitlicher Symbole. Neben der Darstellung des Familiensystems lassen sich auch die Beziehungen untereinander graphisch verzeichnen. (vgl. Schwing / Fryszer 2015, S. 60ff.)

Zu jeder Hilfe sollte ein Genogramm durch die Bezugsbetreuerin gemeinsam mit der Adressat*in erstellt werden. Dabei sollte das Genogramm mindestens die für die aktuelle Hilfe wichtigen Informationen enthalten, wie die die aktuelle familiäre Situation, die Herkunftsfamilie sowie Beziehungsebenen. In Aufnahmegesprächen werden zunächst die „harten“ biographischen Fakten gesammelt. Diese sind u.a. Name und Alter der Mutter und ggf. des Vaters, Name und Alter des Kindes bzw. der Kinder, bisherige Wohnsituation, vorausgegangene Hilfen sowie vorhandene Epikrisen. In der ersten Zeit der Unterbringung werden diese harten Fakten um weitere Angaben vervollständigt. Hierzu gibt es Biographiegespräche zwischen der/dem Adressat*in und der Bezugsbetreuerin. Daraus ergeben sich die „weichen Daten“, das sind die biographischen Daten, die von der/dem Adressat*in subjektiv berichtet werden und für sie erwähnenswert sind. Öffnende Gesprächstechniken seitens der Bezugsbetreuerin können weitere Informationen ergeben. Um die Genogrammarbeit mit den Adressat*innen für diese zu vereinfachen empfiehlt es sich die Erzählungen und Daten graphisch darzustellen. Dafür bietet sich bspw. einen Zeitstrahl bzw. Zeitleisten an. Markante Ereignisse können dann mit einer Jahreszahl versehen eingetragen werden (bspw. Geburten, Schwangerschaftsabbrüche, Trennungen). Dabei stellt sich auch die Frage nach der Familie und bedeutenden Personen. Ziel ist es zumindest die Elterngeneration sowie die Kinder und Partner zu erfassen.

Ein Ausbau des Genogramms hinsichlich weiterer Bezugspersonen ist wünschenswert, um ähnlich einer Netzwerkkarte (weitere) Ressourcen wie Freundesbeziehungen oder Helfersysteme aufzudecken (hierzu könnte bspw. gefragt werden: „Wer könnte Sie in der aktuellen Situation unterstützen?“ oder „Was denken Sie, welche Vorteile hat es, in Ihrer Familie aufzuwachsen?“). Hierfür können auch verschiedene Linienarten oder Farben verwendet werden, welche die Mütter selbst bestimmen. Dies gibt weitere Auskunft über die Lebensumstände. (vgl. Specht-Tomann 2012, S. 102ff.)

Der Genogrammarbeit kommt dabei eine fast diagnostische Bedeutung zu. So sind die erworbenen Kenntnisse für die Hilfe und den weiteren Hilfeverlauf nützlich, da diese eine professionelle Arbeit unterstützen. So können bspw. Genogramme multiperspektivische Fallberatungen unterstützen. (vgl. Hölzle/Jansen 2011, S. 60) So bilden die erarbeiteten Genogramme in meiner Arbeit die Grundlage für jede Kollegiale Beratung. Dies ist insbesondere dann notwendig, wenn Fälle in gemischten Teams beraten werden. Dies ist erforderlich, wenn das Team einen Blick von außen auf den Fall braucht bzw. Standards wie bei Kollegialen Beratungen bei einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung dies erfordern. Durch die schematische und übersichtliche Darstellung der Situation in der Hilfe, lassen sich im Team kreative Beratunsgmethoden anwenden wie bspw. Perspektivwechsel (bspw. könnte ein*e Berater*in das Team fragen: „Was würden Sie sich wünschen, wenn Sie Kind 1 und Kind 2 währen?“ oder die/der Falleinbringer*in könnte durch die/den Berater*in aufgefordert werden sich auf einen anderen Stuhl zu setzen und die Perspektive der Mutter einzunehmen). Ebenso bilden Genogramme eine gute Grundlage für Aufstellungen in Teams zur Fallberatung oder Supervision.

5. Praxisbeispiele

Im Folgenden möchte ich drei Beispiele biographischen Arbeitens vorstellen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Methodik, Beispiele und Grenzen der Biographiearbeit
Hochschule
Fachhochschule Potsdam
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V537696
ISBN (eBook)
9783346141637
ISBN (Buch)
9783346141644
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biographiearbeit, Mutter-Kind, Mutter-Kind-Einrichtung, MuKi, Mutter, Kind, Gesprächstechnik, Kommunikation, Genogramm, Genogrammarbeit, Kunst, Fotografie
Arbeit zitieren
Maria Liebing (Autor), 2017, Methodik, Beispiele und Grenzen der Biographiearbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537696

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