Quartiersmanagement als Schlüsselinstrument integrierter Stadtteilpolitik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Sozialräumliche Spaltung: von der Stadt- zur Stadtteilpolitik
2.1 Sozio-ökonomischer Wandel der Gesellschaft
2.2 Sozio-demografischer Wandel in Städten
2.3 Merkmale benachteiligter Stadtteile
2.4 Umdenken in der Politik: Stichwort "Integrative Handlungskonzepte"

3. Instrument der Stadtteilentwicklung: Quartiersmanagement
3.1 Die Anfänge integrierter Stadtteilpolitik
3.2 Ziele des Quartiersmanagements
3.3 Quartiersmanagement in Berlin: ein Überblick

4. Was bringt Quartiersmanagement?
4.1 Evaluation des Berliner Quartiersmanagements
4.2 Reaktion und Handlungsempfehlungen des Berliner Senats
4.3 Kritik

5. Fazit

Literatuhr

1. Einleitung

Schon immer gibt es in kapitalistischen Gesellschaften das Phänomen der sozialräumlichen Spaltung. Der Arbeitsmarkt bringt besser und schlechter Verdienende hervor, die wiederum aufgrund ihres Einkommens in unterschiedlich komfortablen Verhältnissen leben. Außerdem führt die starke Nachfrage nach geeigneten Standorten zum Prosperieren einiger weniger Gegenden, die Absage an ungeeignete Regionen begünstigt andersherum deren Verfall.

Seit Ende der 70er Jahre ist aber dennoch ein neuer, verstärkter Trend zur sozialräumlichen Polarisierung zu beobachten. Der Umbruch der Ökonomie und der Wandel des Arbeitsmarktes weg von einer Industrie- und hin zur Dienstleistungsgesellschaft haben schwer wiegende Umwälzungen der Bevölkerungsstruktur mit sich gezogen. Seit Ende der 90er Jahre ist deutlich zu erkennen, dass sich die sozialen Unterschiede zwischen Ländern und einzelnen Städten in Richtung einer viel kleineren "Konkurrenz" entwickeln. Der Trend geht bis hin zu einer Spaltung innerhalb der Städte. Diese zunehmend kleinräumliche Segregation führt zum Entstehenden der "vielfach geteilten Stadt".[1] In ihr stehenden sich schillernde Boom-Viertel im inneren Stadtkern mit einer internationalen Ausrichtung, guten Arbeitsmöglichkeiten, einer florierenden Wirtschaft und funktionierender technischer und kultureller Infrastruktur sowie einiger "Luxusquartiere" mit Villenvierteln und großzügigen Wohnungen für die besser Verdienenden einerseits und "vergessene" Stadtteile mit Substandardwohnungen, fehlender Infrastruktur und einem hohen Konfliktpotential andererseits gegenüber. Diese niedergehenden Stadtteile sind Lebensraum für den Teil der Bevölkerung, der an der allgemeinen Wohlstandsentwicklung nicht teilnehmen konnte. So sammelt sich in bestimmten Stadtgebieten eine homogene Unterschicht, die isoliert vom Rest der Stadt in Armut lebt.

Dieser Trend hat sich mit der schlechten Arbeitsmarktsituation seit Ende der 90er Jahre zunehmend verschärft, die Masse an unterprivilegierten Bevölkerungsschichten wächst. Um eine solche Entwicklung zu bekämpfen und einen annähernd gleichen Lebensstandard für die Bevölkerung zu schaffen, hat in den letzen Jahren ein Umdenken in der Politik stattgefunden. Es wurde schnell klar, dass mit herkömmlichen kommunalpolitischen Lösungsansätzen, die ganze Regionen unter Armutsaspekten zusammenfassen, nicht mehr weiterzukommen ist. Die Idee einer neuen Politik ist die der Stadtteilpolitik mit integrativem Handlungsansatz. Hierbei sollen Probleme und Chancen einzelner Stadtteile erkannt und individuell vor Ort angepackt werden.

Neu an dieser "herabgezonten"[2] Problembearbeitung ist die möglichst starke Einbeziehung der Bevölkerung, die aktiv an der Umgestaltung ihres Stadtteils mitwirken soll. Das Motto des neuen Ansatzes lautet "Bottom-Up" statt "Top-Down", das heißt, Politik soll unter Mitsprache von unten, aus der Bevölkerung" heraus, geschehen. Als Schlüsselinstrument einer solchen Politik gilt hierbei das sogenannte "Quartiers- oder Stadtteilmanagement", welches eine Vor-Ort-Aktivierung erst möglich machen soll.

Diese Hausarbeit soll klären, in wieweit Quartiersmanagement tatsächlich in der Lage ist, sozialräumliche Segregationen aufzuhalten und den Niedergang benachteiligter Stadtgebiete zu verhindern. Hierzu wird zunächst erläutert, wie es zu sozialräumlicher Segregation kommt und warum diese einen Niedergang von Stadtteilen mit sich ziehen kann. In einem weiteren Schritt werden die Ideen und Konzepte integrativer Politik und insbesondere des vermeintlichen Schlüsselinstruments Quartiersmanagement vorgestellt und mit der tatsächlichen Praxis verglichen. Besonders die Idee der Bürgeraktivierung soll hierbei genauer untersucht werden. Mit den gewonnenen Erkenntnissen möchte ich am Ende der Hausarbeit eine Einschätzung der Wirksamkeit der neuen Stadtteilpolitik versuchen.

Als Leitbild und Beispiel für die neuen Handlungsansätze kommunaler Politik soll dabei immer die Stadt Berlin gelten, da an ihr die Diskrepanz einzelner Stadtteile und selbst einzelner Problembezirke untereinander besonders deutlich wird.

2. Sozialräumliche Spaltung: von der Stadt- zur Stadtteilpolitik

2.1 Sozio-ökonomischer Wandel der Gesellschaft

Die wichtigste Instanz für das Maß der sozialen Integration sowie die Wohlfahrtschancen eines Individuums bildet in Deutschland wohl die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Gerade der hat sich aber seit dem Ende der 70er Jahre stark verändert und einen "Trendbruch"[3] in der Stadtteilentwicklung verursacht.

Mit dem Beginn der Globalisierung und einer verstärkten Europapolitik hat sich der Arbeitsmarkt auch in Deutschland immer mehr von einer Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft gewandelt.[4] Die Folge dieser sogenannten Tertiärisierung war der massive Abbau von Industriearbeitsplätzen und gleichzeitig der selektive Aufbau von Arbeitsplätzen im Bereich der Dienstleistung. Diese beiden Sektoren sind keineswegs gleichwertig. Erstens wurden viel mehr Stellen in der Industrie ab- als gleichzeitig in der Dienstleistung aufgebaut. Außerdem haben die beiden Gebiete eine unterschiedliche Wertigkeit: Während im Industriesektor massenhaft Menschen mit einer niedrigen beruflichen Qualifikation ihren Job verloren, wurden im Dienstleistungssektor nur wenige Personen eingesetzt, die gleichzeitig eine viel höhere Qualifikation vorweisen mussten. Für Arbeiter aus Industriebetrieben war es also nahezu unmöglich, im neu aufgebauten Sektor Dienstleistung unterzukommen. Mit dem Wandel der Wirtschaft vom Industrie- zum Dienstleistungssektor bildete sich also eine neue Dimension des Beschäftigungsproblems: Neben einem ständig wachsenden Sockel an Arbeitslosen, die dem zahlenmäßigen Abbau von Arbeitsplätzen entwuchsen, bildete sich gleichzeitig eine Masse an "überflüssigen" Arbeitskräften, die ohne jede Chance am regulären Arbeitsmarkt in die Langzeitarbeitslosigkeit rutschten. Die Spaltung am Arbeitsmarkt zwischen Hochqualifizierten und "Überflüssigen" machte und macht sich besonders in Städten bemerkbar, wie der erste "Armuts- und Reichtumsbericht" der Rot-Grünen Regierung belegt.[5]

Verschärft wird dieser Trend noch durch die Einsparungen von Bund, Ländern und Kommunen. Weiterbildungsprogramme, Umschulungen oder Lehrgänge, die auch bei den "Überflüssigen" die Chancen auf einen Arbeitsplatz erhöhen sollten, sind um bis zu 75 Prozent gekürzt worden.[6]

Diese sozio-ökonomische Veränderung hat nun auch einen sozio-demografischen Wandel zur Folge, der zu einer immer kleinräumlicheren Segregationen der Städte geführt hat.

2.2 Sozio-demografischer Wandel in den Städten

Die Spaltung der Gesellschaft in hochqualifizierte Beschäftigte einerseits und unterqualifizierte Niedriglohn-Arbeiter oder Arbeitslose andererseits hat auch zur einer Spaltung der Städte geführt. Zum einen ist hier die Standortwahl für Unternehmen wichtig. Selektiv werden bestimmte Stadtgebiete als standortgeeignet angesehen, hier wird investiert, eine Infrastruktur geschaffen und ein Arbeitsmarkt entsteht. Zum anderen und in engem Zusammenhang damit spaltet sich auch der Wohnungsmarkt auf. Es entstehen Wohngebiete mit großzügigen Wohnungen oder Villen für wohlhabende Stadtbewohner; meistens sind diese entweder in den gut entwickelten Inner-City-Lagen zu finden (zum Beispiel Berlin-Mitte) oder sie liegen in den grünen Randbezirken der Städte (Berlin-Dahlem, Neu-Westend, Frohnau). Gleichzeitig bilden sich ganze Wohngegenden mit Substandardwohnungen, die der ärmeren Bevölkerung vorbehalten sind. Diese Wohnungen sind meist in nicht sanierten Altbauten der ehemaligen Arbeiterviertel zu finden (Wedding, Kreuzberg ) oder sie bilden sich innerhalb von "Trabantensiedlungen", also Neubauansammlungen schlechter Substanz. In Berlin trifft das meist auf die im ehemaligen Ostteil der Stadt liegenden Plattenbau-Siedlungen zu.

Michael Krummacher u.a. sprechen in diesem Zusammenhang sogar von einer Vierteilung der Städte.[7] Am besten gestellt ist demnach die "International ausgerichtete, wettbewerbsfähige Stadt mit baulich-räumlichen Highlights". Hier sind in erster Linie hochmoderne Büroflächen und eine funktionierende Infrastruktur zu finden, außerdem gibt es viele Geschäfte und Restaurants, vielfältige kulturelle Angebote und einen Reichtum an hoch bezahlten Arbeitsmöglichkeiten. Als Typ zwei bezeichnet Krummacher die bevorzugten Wohnstandorte der Reichen am Rande der Kernstädte, mit vielen Grünflächen, großen Villen oder Eigentumswohnungen, einer guten Verkehrsanbindung und verschiedensten Freizeitmöglichkeiten. Typ drei ist für ihn die "Normale-Leute-Stadt", eine Bezirk mit vielen (sanierten) Mietwohnungen, Grünflächen, guten Einkaufsmöglichkeiten und einer optimalen Verkehrsanbindung. Ein typisches Gebiet dieser Art könnten in Berlin etwa Schöneberg oder Charlottenburg sein. Typ vier ist dann der Problem-Kiez, oder nach Krummacher die "Arme-Leute-Stadt". Sie ist gekennzeichnet durch Häuser mit schlechter Bausubstanz und Substandardwohnungen, etwa mit Holzkohleheizung, ohne Badezimmer oder mit Gemeinschaftstoiletten fürs ganze Haus. Es mangelt an Einkaufsmöglichkeiten und Grünflächen, die Infrastruktur ist schlecht und Freizeitmöglichkeiten oder ein kulturelles Angebot sind schlichtweg nicht vorhanden. In diesen Gebieten sammeln sich diejenigen Standbewohner, die von der Wohlstandsentwicklung der restlichen Bevölkerung ausgeschlossen sind. Rolf Froessler spricht in diesem Fall von der "Social Exclusion ganzer Stadtgebiete".[8]

2.3 Merkmale benachteiligter Stadtgebiete

Stadtteile des Typs vier sind laut dem Deutschen Institut für Urbanistik (difu) all jene Gebiete, die "... infolge sozialräumlicher Segregation davon bedroht sind, ins soziale Abseits abzurutschen. Meist sind es hochverdichtete, einwohnerstarke Stadtteile in städtischen Räumen, die im Hinblick auf ihre Sozialstruktur, baulichen Bestand, Arbeitsplatzangebot, Ausbildungsniveau, Ausstattung mit sozialer und stadtteilkultureller Infrastruktur und Qualität der Wohnungen, des Wohnumfelds und der Umwelt erhebliche Defizite aufweisen."[9]

[...]


[1] Vgl. Krätke, Stefan: Stadt, Raum, Ökonomie, S. 163

[2] Vgl. Krätke, Stefan: Strukturwandel der Städte, S. 72

[3] Krätke, Stefan: Stadt, Raum, Ökonomie, S. 1

[4] Vgl. zum Folgenden: Krummacher u.a.: Soziale Stadt, Sozialraumentwicklung, Quartiersmanagement, S. 20

[5] Vgl. zum Folgenden: Krummacher u.a.: Soziale Stadt, Sozialraumentwicklung, Quartiersmanagement, S. 22

[6] ebd., S. 24

[7] ebd., S. 36

[8] Vgl: Froessler, Rolf: Stadtviertel in der Krise S. 11

[9] Zwischenbericht zum Projekt Quartiersmanagement, difu 2000, S. 2

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Quartiersmanagement als Schlüsselinstrument integrierter Stadtteilpolitik
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
HS: Die Zukunftsfähigkeit Berlins
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V53773
ISBN (eBook)
9783638491327
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Quartiersmanagement, Schlüsselinstrument, Stadtteilpolitik, Zukunftsfähigkeit, Berlins
Arbeit zitieren
Bettina Böse (Autor), 2004, Quartiersmanagement als Schlüsselinstrument integrierter Stadtteilpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53773

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